Ein Gebet für die Existenz

Tiefe Auseinandersetzung mit sich und Gott; Das Jiskor entspricht den tiefsten menschlichen Erfahrungen


Rabbiner Arie Folger über die Bedeutung des Jiskor-Gebets, den Unterschied zum Kaddisch und weshalb Jiskor das wichtigste Gebet ist.

Bei einer Umfrage, in welcher nach den zwei wichtigsten Gebeten der jüdischen Liturgie gefragt würde, würden viele das Kaddisch- und das Jiskorgebet nennen. Diese Gebete aber könnten unterschiedlicher nicht sein: das Kaddisch wird mehrmals täglich gesprochen, das Jiskor nur vier Mal im Jahr. Das Kaddisch ist alt, das Jiskor ist mittelalterlich. Das Kaddisch verlangt einen Minjan, das Jiskor nicht. Das Kaddisch zu sprechen oder zu hören ist öfters eine Pflicht, das Jiskor nicht. Und doch haben sie eine Sache gemeinsam: Vom halachischen Standpunkt aus gehört weder das Jiskor noch das Kaddisch zu den wichtigsten Gebeten. Die Pflicht, das Schema Israel am Abend und am Morgen zu beten, ist biblisch. Die Pflicht, die Amida (das «Stehgebet») zu sprechen, ist die Grundlage des Konzepts des Gebets. Das Kaddisch ist zwar sehr bedeutungsvoll, nicht auf derselben Ebene wie das Schema Israel oder die Amida. Und doch seien, wird die Mehrheit der Befragten behaupten, Jiskor und Kaddisch wichtiger.

Die Halacha entspricht unseren Werten und ist deshalb eine Art Leinwand, auf welcher wir die Projektion der Praxis unserer Werte wahrnehmen können. In diesem Sinn gibt es etwas, dass noch tiefer aus dem Herzen des Judentums kommt als die Halacha, nämlich die Kernprinzipien des Erfassens des Judentums und die jüdische Erfassung der Existenz.

Verschiedene Namen

Das Jiskor-Gebet ist relativ neu, und zwar 1000 bis 1500 Jahre jünger als das Kaddisch und 2000 bis 2500 Jahre jünger als das Schema. Es hat auch mehrere Namen: Jiskor, Maskir oder Haskarat Neschamot. All diese Namen haben den Begriff «sikaron» («Gedenken») gemeinsam. Sikaron, sachor, jiskor: Was ist dieses göttliche Gedenken? Ist es nur für die Toten oder auch für die Lebenden? Und wenn wir die Frage stellen, was das göttliche Gedenken ist, mögen wir auch die Frage stellen, was ist Existenz und was Wirklichkeit?

Rabbi Schneur Salman aus Ljadi, der erste Lubavitcher Rebbe und Verfasser des Buches «Tanja», behauptet, die physische Welt sei eine Illusion; Gott sei die einzige Wirklichkeit. Gott nährt die Geschöpfe andauernd, und nur dadurch können sie irgendwie als Wirklichkeit bezeichnet werden. Obwohl die Geschöpfe selbständig scheinen, ist dies nichts anderes als ein Scheinbild, hinter welchem Gott seine ausstrahlende Lebenskraft verbirgt, so Rabbiner Shlomo Salman. Auch der Philosoph René Descartes hat dieses Bild betrachtet, kam allerdings zu einer gänzlich anderen Schlussfolgerung. Die Möglichkeit, dass die Welt eine Illusion sein könnte, erschreckt Descartes: «Vielleicht hat Gott mich nicht so täuschen wollen, den er heisst ja der Allgütige?»

Wo Descartes existentielle Angst hat, findet Rabbi Schneur Salman Inspiration. Wo die Philosophie von Descartes an ihre Grenze stösst, fängt das jüdische Denken an zu blühen. Gemäss Rabbi Schneur Salman leben wir tatsächlich eine Illusion, und das sei kein Grund, enttäuscht zu sein, da es ja unser Ziel ist, von dieser Illusion emporzusteigen und die Wahrheit der Existenz zu erleben.

Es kommt also nicht von ungefähr, dass die ersten Worte der Anmerkungen von Rabbi Mosche Isserlis (Ramo) zum «Schulchan Aruch», die folgenden sind :«Schiwiti haschem lenegdi tamid». Was soviel bedeutet wie: Ich bringe mich dazu, immer die göttliche Präsenz vor Augen zu halten. Die Existenz der materiellen Welt sowie aller Geschöpfe existiert nur, weil Gott es will. Im Gebet sagen wir, dass Gott «mechadesch bechol jom maase bereschit» – täglich, also andauernd, die Schöpfung erneut oder wieder gestaltet. Von Gottes Gedanken, Gottes Willen, zu Gottes Gedenken gibt es nur einen kleiner Abstand, so dass wir bestätigen können, im Denken Gottes zu sein bedeutet zu existieren.

Beten für Existenz

Der oben ausgeführte Gedanke wurde ebenfalls 700 Jahre früher von Rabbi Sa'adjah Gaon geäussert: «Die Rettung der Welt von einer Situation, die sie bedroht, wird die Verwirklichung durch das göttliche Gedenken genannt.» Das Jiskor ist also ein Gebet für die Existenz. Sollte es deshalb nicht eher ein Gebet für die Lebenden als für die Toten sein? Rabbi Sa'adjah Gaon verwendet den Begriff «Wille Gottes». Es muss zwischen Gedenken und Wille ein wesentlicher Unterschied bestehen. Gedenken bedeutet sich an Vergangenes erinnern, es ist passiv. Der Wille oder das Wollen hingegen ist ein aktiver Akt.

Der Unterschied zwischen aktiv und passiv gleicht dem Unterschied zwischen Leben und Tod. Während des Lebens versuchen wir durch ein gerechtes und geistiges Leben die Lage, in welcher wir unsere Existenz erleben, zu ändern. Mizwot werden von Lebenden erfüllt. Lebendig hoffen wir, dass Gott uns die Möglichkeit gibt, aktiv unser Schicksal zu beeinflussen. Nach dem Tod können wir unsere Lage nicht mehr beeinflussen. Unsere Existenz ist passiv und wir hoffen während unseres Lebens genügend gerecht gewesen zu seien.

Das Jiskor entspricht den tiefsten menschlichen Erfahrungen. Tief in uns fühlen wir, unsere Seele ist die Wirklichkeit, unsere Seele ist ewig. Sie wird von Gott genährt und deshalb überlebt sie den Tod. Tief in uns selbst fühlen wir, dass unserer Verwandten, die gestorben sind, noch immer existieren. Wer weiss, vielleicht existieren sie erst jetzt richtig.

Das Höhlengleichnis von Plato

Normalerweise fällt es uns schwer, tief in uns selbst zu schauen und die Wirklichkeit wahrzunehmen. Wir sind wie die Höhlenbewohner des Höhlengleichnisses von Plato. Die gefangenen Höhlenbewohner glauben nichts, was sie nicht selber sehen. Einmal freigelassen, fangen sie an zu verstehen, dass sie bisher nur die Projektion der Wirklichkeit auf die Höhlenwände gesehen haben, aber nie vorher die Wirklichkeit selbst.

Das tägliche Leben mit seinem Ultrarationalismus, Skeptizismus und der Verherrlichung des Individualismus und Hedonismus zwingt uns, unseren Hals steif zu halten und nur die Schatten zu sehen. Das Beten des Jiskor-Gebets ist einer der seltenen Momente, in denen wir unser Herz öffnen können, aufdecken, und uns erlauben, das Geistige, die wahre Wirklichkeit wahrzunehmen.
Das Jiskor ist demnach das bedeutungsvollste Gebet der jüdischen Liturgie. Durch dieses Gebet erfahren wir, was wir kaum zu erforschen wagen: die Wirklichkeit. Während dieser seltenen Momente fühlen auch wir, dass es doch Berührungspunkte zwischen der Welt des göttlichen Willens und der Welt des göttlichen Gedenkens gibt. Rabbiner Arie Folger
Dieses Artikel wurde von Rabbiner Arie Folger der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB), anlässlich des Gam-Jachad-Events der IGB am 5. September 2004 geschrieben.

Gam Jachad gestaltet unter dem Motto der Einheit Lerntagungen, welche das Zusammengehörigkeitsgefühl der IGB-Mitglieder fördern sollen.

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Letzte Änderung am Sonntag, 6. Juli 2008 um 13:34:45 Uhr.

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Wenn sie wieder im Lande wohnen werden
Wie sehen Juden, Christen und Moslems die Endzeit?