Die Schwachheit der Starken

Glaubensgewaltig läßt der Prophet Elia auf dem Karmel Feuer vom Himmel fallen. Das Volk jubelt: „Der HErr ist Gott; der HErr ist Gott!“ Das entfacht in ihm den Eifer, 450 Baalspriester umzubringen. Und über das in Dürre erstarrte Land gebietet er den Regen; sofort darauf öffnen sich die Schleusen des Himmels. Elia, der feurige Gottesbote, wird vom ganzen Volk gefürchtet, denn niemand kann solche Taten tun wie er. Für Elia, den Eiferer, der keine feste Bleibe hatte, sondern immer und überall im Auftrag Gottes unterwegs war, gab es keine Kompromisse, keine Abkommen mit den Scheingöttern der Königin Isebel. Die Konfrontation zwischen Isebel und Elia war eine Kampf zwischen Isebels heidnischen Götzen und Israels Gott (1.Könige 17 bis 19).

Elia, der keine Angst vor 450 Baalspriestern hatte, schreckt zusammen, als er erfährt, daß Isebel ihm nach dem Leben trachtet. Elia flieht in die Wüste und verkriecht sich unter einen Ginsterstrauch und spricht: „Genug! HErr, nimm meine Seele, denn ich bin nicht besser als meine Väter auch!“ Eine tiefe Depression überkam ihn. Er legt sich schlafen und wünscht, daß dieser Schlaf für ihn zum Todesschlaf wird. Er bittet Gott, ihn durch Seine Hand sterben zu lassen, damit er nicht durch Isebels Hand sterbe. Der gewaltige Gottesmann erkennt, daß er nicht besser ist als seine Väter. Das löst in ihm die eigentliche Krise aus, das war für ihn das Entwürdigende, das er nicht verkraften konnte.

Betrachten wir doch einmal Gottesmänner, die gestern noch gewaltige Auftritte hatten, und mit einemmal wie vom Erdboden verschwunden sind; in deren Massenversammlungen Zeichen und Wunder geschahen. Im Rausch ihrer gewaltigen Siege meinten sie besser als ihre Väter zu sein. Dann kam irgendetwas in ihr Leben, ein familiäres oder finanzielles Problem - oft nur eine kleine Sache -, und schon waren sie von der Bildfläche verschwunden, saßen irgendwo und klagten: „Ich bin nicht besser als meine Väter!“ Erst wenn man zu dieser Selbsterkenntnis gelangt, kann Gott mit uns neu anfangen. Leider kommen viele nicht zu dieser Einkehr, sondern geben anderen die Schuld an ihmem Elend.

Erst nachdem Elia sich zu seiner Schwachheit bekannt hatte, konnte Gott in ihm erneut mächtig werden. Gott stärkte ihn und rief: „Auf, iß, denn groß ist für dich der Weg!“ Elia aß und trank, legte sich aber wieder schlafen und genoß ein passives Gerettetsein. Erst als Gott ihn zum zweiten Mal rief - vielleich das letzte Mal - zog er in der Kraft dieser Speise zum Berg Gottes. Auf dem Horeb angekommen, verkroch er sich in eine Höhle. Das hier verwandte hebräische Wort für Höhle ist ham`ará, der Artikel davor zeigt, daß es sich um eine bekannte Höhle gehandelt haben muß. Vielleicht war es der Felsspalt, in dem sich Mose vor Gottes Gegenwart verborgen hatte (2.Mose 33,22). Gott ruft Elia aus dem Versteck heraus und fragt ihn: „Was machst du hier?“ Damit eröffnete Gott das Gespräch, um den seit seiner Depression stummen Elia zum Reden zu bringen. Gott geht auf den innerlich Verletzten zu. Wir dagegen erwarten immer, daß der Lebensmüde von sich aus zu uns kommt. Elia beschuldigt nicht Isebel und die Baalspriester, sondern gibt zu, selbst versagt zu haben, weil er nicht das erreicht hat, was er erreichen wollte, nämlich die bleibende Umkehr der Israeliten zu Gott. Elia, der feurige Gottesbote, erwartet nun Gott in den Elementen, die seiner Mentalität entsprechen: in Sturm, Beben und Feuer. Vergeblich! Erst in der sanften Stille erfährt er Gottes Gegenwart und erschauert. Hier erkennt Elia, daß Gott ein sanftmütiger und barmherziger Gott ist, der nicht den Tod des Sünders will, sondern, daß er lebe. Hier erlebt der Gottesmann Elia seine Bekehrung für seine spätere Himmelfahrt.

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