Das Geheimnis des Baumes
Das Geheimnis des Baumes
Wir haben schon festgestellt, daß die Menora in ihrer äußeren Form einem Baum gleicht. Der Sockel entspricht dabei dem Wurzelstock, der Mittelschaft dem Stamm und die seitlichen Arme den Ästen. Der ganze Leuchter ist mit zahlreichen Ornamenten geschmückt, die den Charakter der Menora als Symbol eines blühenden Baumes unterstreichen. Wir finden an jedem Arm mandelförmige Kelche, Blumen und Knäufe, die an Fruchtknoten erinnern.
Das auffälligste Merkmal eines Baumes ist seine stetige Veränderung. Der Baum wächst gleichzeitig in die Tiefe und in die Höhe und fügt seinem Stamm jährlich einen neuen Ring hinzu. Er entwickelt sich, kommt zur Blüte und schafft Früchte und farbige Blätter. Später verliert er sein Laub, erscheint unvermittelt vertrocknet und leblos, bevor er schließlich wieder zu Kräften kommt und sich erneuert. Mit anderen Worten: Die Menora repräsentiert ihrer Form nach Entfaltung, Entwicklung und Wachstum.
Bedenken wir andererseits, daß die Menora das einzige Gerät im Stiftszelt war, welches ganz aus Metall, und zwar aus Gold bestand, so erkennen wir etwas Eigentümliches: ihrem Material nach steht die Menora scheinbar für etwas Entgegengesetztes zu dem, was sie ihrer Form nach ausdrückt, nämlich für das Feste, Beharrliche und Unveränderliche. Zwar gehören Metalle zu den Stoffen, die sich durchaus formen und bilden lassen, wenn man sie mit Feuer und Hammer zu bearbeiten versteht. Später jedoch verfügen sie über eine außergewöhnliche, fast unnachgiebige Härte.
Die Menora vereinigt in sich also zwei Eigenschaften, die sich auf den ersten Blick widersprechen, auf den zweiten aber ergänzen: das sich ewig Gleichbleibende und das sich unablässig Verändernde. Nun wissen wir, daß die Menora im Tempel als Träger des Ewigen Lichtes diente. Bis zum heutigen Tag finden wir in Erinnerung daran in jeder Synagoge ein Ewiges Licht - in dieser Zeit meistens ein elektrisches -, welches tatsächlich immer brennt. Die Menora verbildlicht somit eine großartige Weisheit. Wenn das Licht ewig brennen soll, wenn es uns für alle Zeiten Erkenntnis und Erleuchtung spenden soll, dann brauchen wir zugleich Beständiges und Veränderliches, Altes und Neues.
Seit Tausenden von Jahren trotzt das Judentum allen feindlichen Versuchen, Religion oder Volk zu vernichten. Daß wir trotzdem überlebt haben, liegt weder ausschließlich daran, daß es immer traditionsbewußte Juden gab, die streng am Althergebrachten festgehalten haben, noch daran, daß es stets Juden gab, die den Mut zur Erneuerung besaßen. Wir sind vielmehr im Spannungsfeld zwischen Alt und Neu, zwischen Bewahren und Verändern gewachsen. Als Jeremia die Zerstörung des Tempels und damit auch den Verlust der Menora beweinte, wuchs aus seiner Verzweiflung ein inbrünstiges Gebet, welches bis heute in der synagogalen Liturgie oft gesprochen wird: "Führe uns zu Dir zurück, GOtt, und wir werden umkehren. Erneuere unsere Tage wie einst" (Klgl 5,21). Der Prophet erkannte, was nach der Vernichtung des geistigen Zentrums des jüdischen Volkes und der damit einhergehenden Beraubung des damals alltäglichen direkten Kontaktes mit G"tt mittels Opferdienst erforderlich war: Erneuerung im Hinblick auf die so schwere Herausforderung.
In einem gewissen Sinne läutete bereits Melchizedek, Priesterkönig von Salem, diese Epoche ein, die sowohl Erhaltung als auch Reform benötigt. Er überbrachte Abraham als Gastgeschenk Brot und Wein (vgl. Gen 14,18). Vom Wein wissen wir, daß er wertvoller und besser wird, je älter er ist. Brot aber schmeckt nur dann gut, wenn es frisch ist. Wir brauchen also Altes und Junges gleichzeitig, in der Tora ausgedrückt durch Wein und Brot. Nicht umsonst spielen diese Elemente sowohl im Judentum am Schabbat, dem Tag, welcher der Ewigkeit gewidmet ist, wie auch in der Kirche eine entscheidende Rolle. Die Menora drückt dieses Wissen aus, indem es beide Kräfte - Beständigkeit und Erneuerung - in sich vereint.
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