Die Menora in der jüdischen Tradition
Die Menora in der jüdischen Tradition
"Schafft Mir nur eine Öffnung so klein wie ein Nadelöhr! Ich werde es aufstoßen und daraus einen Einlaß schaffen, so groß wie das Portal eines Palastes" (Midrasch Hoheslied Rabba 5,2). Mit diesen wunderbaren Worten verdeutlicht GOtt dem Menschen, wonach Er sich sehnt und was Er von uns erwartet: daß wir eine Beziehung mit Ihm eingehen und uns mit Ihm verbinden. Um das zu erreichen, müssen wir in unserem Leben allerdings erst Platz schaffen für GOtt. Es bedarf heiliger Zeiten und heiliger Orte, um aus Alltag und Gewohnheit auszubrechen und GOtt zu erleben.
Sieben Wochen nach dem Auszug aus Ägypten erhielt das versammelte jüdische Volk die Zehn Gebote. Nach der Offenbarung am Berge Sinai forderte GOtt: "Macht mir ein Heiligtum, damit ich unter Euch verweilen kann" (Ex 25,8). Dieses Heiligtum ist das Symbol für den Raum, den jeder Mensch schaffen muß, um GOtt herein zu lassen. Tun wir dies, lebt GOtt in und mit uns. GOtt sagt ja nicht: "Macht mir ein Heiligtum, damit ich dort drin verweilen kann", sondern "damit ich unter Euch verweilen kann".
Die Tora beschreibt den Bau dieses Heiligtums in allen Einzelheiten. Es wird Stiftszelt genannt, weil alle Materialien vom Volk gestiftet wurden. Die eigentliche Arbeit unter der Anleitung eines Wunderkindes mit Namen Bezalel - er konnte als einziger GOttes Beschreibungen des Tempels und seiner Geräte verstehen - dauerte ungefähr vier Monate. Es entstand ein eingezäunter Hof mit dem eigentlichen Tempel als Mittelpunkt. Dieser bestand aus 48 Säulen von 6 Metern Höhe, die derart zusammengefügt wurden, daß sie ein Haus von 18 Metern Länge und 6 Metern Breite ergaben. Als Dach dienten Teppiche und Felle, was dem Heiligtum den Charakter eines Zeltes verlieh. Statt einer festen Tür gab es einen kunstvoll verzierten Vorhang, in den auf der einen Seite Löwen und auf der anderen Seite Adler eingewoben waren. Ging man durch diese Öffnung, befand man sich im Heiligsten, welches noch einmal durch einen ähnlichen Vorhang im Verhältnis 2:1 unterteilt war. Der so abgetrennte hintere Teil hieß "Allerheiligstes". Dort wurden in einer vergoldeten Truhe die zwei Tafeln, auf denen GOtt die Zehn Gebote eingraviert hatte, aufbewahrt. Die Bundeslade blieb allerdings dem Volk verborgen. Niemand durfte nämlich das Allerheiligste betreten, mit Ausnahme des Hohenpriesters. Selbst dieser tat dies bloß einmal im Jahr, nämlich an Jom Kippur, dem Versöhnungstag.
Im vorderen, größeren Teil des Stiftszeltes befanden sich einige andere heilige Geräte, die von allen bewundert werden konnten. In der Mitte stand ein Räucheraltar und weiter rechts ein Tisch mit zwölf Brotlaiben. Ihm gegenüber schließlich, an der südlichen Wand, überragte ein prachtvoller Leuchter aus reinem Gold alle anderen Kultgegenstände - die Menora.
Während der vierzigjährigen Wüstenwanderung trugen die Israeliten das Stiftszelt stets mit sich. Zu diesem Zweck ließ es sich auseinander- und wieder zusammenbauen. Auch alle Geräte - mit Ausnahme der Menora - besaßen Tragestangen. Nach der Eroberung des Gelobten Landes kam das Heiligtum nach Schilo, Nob und Gibeon, bevor es schließlich im 1. Tempel in Jerusalem integriert wurde. König Salomo ließ nicht nur eine Menora, sondern zehn goldene Menorot aufstellen, die später zerstört wurden. Im 2. Tempel soll dann wieder bloß eine Menora gestanden haben, die dann vor fast 2000 Jahren geraubt wurde. Die ursprüngliche Menora aus den Zeiten Moses ist allerdings schon viel länger verschollen.
Ihre einzigartige Schönheit und die ihr innewohnende Symbolik machten die Menora zu einem der edelsten Wahrzeichen des jüdischen Volkes. Tausende von Synagogen und jüdischen Schulen sind mit einer Menora gekrönt. Der siebenarmige Leuchter ziert das Staatswappen Israels, und auch in den Gerichtsräumen des jüdischen Staates hängt jeweils die Abbildung einer Menora. Unzählige Juden tragen eine kleine Menora als Halskettchen oder Ohrring. Die Menora ist das jüdische Kultzeichen par excellence. Wir sind in der Tat nicht nur das Volk des Buches, sondern auch das Volk der Menora.
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