Am 16.Januar 2004 waren Israels Oberrabbiner Jona Metzger (50)
und Schlomo Amar (55) zu Gast bei Papst Johannes Paul II. in Rom.
In den israelischen Medien wurde das Gipfeltreffen zwischen den
geistlichen Führern des Judentums und dem katholischen Oberhaupt als ein
historisches Familientreffen bezeichnet. Der im April 2003 gewählte
Oberrabbiner Metzger wurde in Haifa geboren und diente als junger Mann
wie jeder Israeli in der israelischen Armee. Er ist verheiratet, hat
sechs Kinder und wohnt in Tel Aviv, wo er in den letzten 23 Jahren der
Rabbiner für den Nordbezirk dieser Stadt gewesen ist. Im Gespräch mit
israel-heute-Redakteur Aviel
Schneider berichtet der aschkenasische Oberrabbiner Jona Metzger über
sein Treffen mit dem Papst, das vor allem die Beziehung zwischen dem
Juden- und dem Christentum sowie die aktuelle Politik zum Inhalt hatte.
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Aviel Schneider: Herr Oberrabbiner
Metzger, wie würden Sie Ihr jüngstes Treffen mit dem Papst im Vatikan
zusammenfassen?
Rabbi Metzger: Es war ein
historisches Treffen für uns, aber ich denke auch für den Papst. Wir
baten Papst Johannes Paul II., alle Priester weltweit aufzurufen, die
Menschen in ihren Kirchen einmal im Jahr über den Antisemitismus
aufzuklären. Heute gibt es einen anderen Grund für den Antisemitismus:
Während man uns damals hasste, da wir keinen Staat hatten, hasst man uns
heute, weil wir einen Staat haben.
Aviel Schneider: Und wie hat der Papst
darauf reagiert?
Rabbi Metzger: Er hörte uns an und
gab uns zu verstehen, dass er sich darum bemühen werde. Anschließend
kamen wir auf den Gefangenenaustausch zu sprechen, da er zuvor gesagt
hatte, dass der Friede imNahen Osten ebenfalls ein Gefangener des
Terrors sei. Ich bat den Papst um gemeinsame Anstrengungen, unsere
Gefangenen zu befreien. Interessanterweise wurde uns eine Woche nach
demT reffen mit ihm mitgeteilt, dass er sich persönlich für die
Freilassung der israelischen Gefangenen und der Leichname eingesetzt
haben soll. Sollte dies wirklich stimmen, so bedanke ich mich im Namen
des israelischen Volkes für seine Bemühungen. Überhaupt möchte ich
betonen, dass Papst Johannes Paul II. im Vergleich zu seinen Vorgängern
der umgänglichste Papst ist.
Aviel Schneider: Wie war Ihr Besuch in
der riesigen Bibliothek des Vatikans?
Rabbi Metzger: Außergewöhnlich! Es
wurden uns Bücher und Schriftrollen gezeigt, die bis zu 800 Jahre alt
waren. Sogar einen Kommentar des jüdischen Gelehrten Rambam sowie die
erste, über 600 Jahre alte Druckausgabe (Gutenberg) der Heiligen Tora
(Fünf Bücher Mose) konnten wir bestaunen. Die Priester waren erfreut, zu
sehen, wie sehr uns die alten hebräischen Texte der Vatikanbibliothek,
in denen wir lesen konnten, emotional bewegten.
Aviel Schneider: Der Papst nannte Sie
und das jüdische Volk die „Erstgeborenen“. Was haben Sie dabei
empfunden?
Rabbi Metzger: Es war ein
Ehrentitel, den wir gerne als ein Kompliment des Papstes annahmen. Ich
möchte Ihnen eine kurze Geschichte erzählen, die zeigt, welche Wirkung
diese Äußerung des Papstes auf seine Gläubigen hatte. Der Rabbiner von
Warschau erzählte mir, wie er eines Tages von einem Polen, der unter den
Nazis als Soldat gedient und dabei auch Juden erschossen hatte, einen
Anruf bekam. Dieser bat den Rabbiner nach 60 Jahren, ihmdie Beichte
abzunehmen. Der Rabbiner stellte klar, dass er kein Priester sei. Der
Mann entgegnete ihm jedoch, dass er während der Nacht aufgrund seiner
Missetaten an den Juden keinen Schlaf finden könne. Der alte Pole flehte
um Vergebung, da er erkannt hatte, wie sehr der Papst das jüdische Volk
ehrte und es als die Erstgeborenen bezeichnet hatte. Der ehemalige
Soldat wurde von solch einer Angst vor Gott erfasst, dass er so lange
auf den Rabbiner einredete, bis dieser ihm schließlich vergab.
Aviel Schneider: Wenn Sie auf die
letzten 20 Jahre zurückblicken, wie würden Sie die Entwicklung der
Beziehungen zwischen Juden und Christen beschreiben?
Rabbi Metzger: Natürlich haben sich
unsere Beziehungen zu den Christen verbessert. Wir dürfen nicht
vergessen, dass es der Papst war, der vor über 500 Jahren den Ausdruck
„Ghetto“ geprägt hatte, nämlich in Bezug auf das jüdische Ghetto in
Venedig, und nicht die Nazis. Jahrhundertelang hatten wir unter den
Christen gelitten und erst vor zehn Jahren, es war Anfang Januar, hat
der Vatikan den Judenstaat Israel zum ersten Mal anerkannt.
Aviel Schneider: Herr Oberrabbiner
Metzger, was halten Sie von den proisraelischen Evangelikalen?
Betrachten Sie diese Christen als konstruktive Partner oder als
Missionare, die das jüdische Volk zum Christentum bekehren wollen?
Rabbi Metzger: Ich möchte zwischen
politischen und religiösen Beziehungen trennen. Gott möge jeden, der
sich für unsere Seite einsetzt, segnen. Ich bin jedoch gegen diejenigen,
die Juden zu einer anderen Religion bekehren wollen. Jeder soll seinen
Glauben leben, ohne den anderen darin zu stören.
Aviel Schneider: Schalom Ben Chorin
sagte einmal: „Was uns vereint, ist der Glaube Jesu, und was uns trennt,
ist der Glaube an Jesus“. Stimmen Sie diesem Kommentar zu?
Rabbi Metzger: Es ist kein
Geheimnis, dass Jesus ein Jude war, doch wir glauben nicht an seine
Kraft. Gott, der Allerheiligste, ist der alleinige Schöpfer und alle,
denen Gott den Heiligen Geist gab, waren Menschen, von einer Frau
geboren, zuerst Mose, dann die nachfolgenden Propheten und schließlich
wurden auch andere Menschen vom Heiligen Geist erfüllt. Aber sie alle
sind im Fleisch gestorben.
Aviel Schneider: Glauben auch Sie, dass
wir oft selbst unsere größten Feinde sind?
Rabbi Metzger: Ich habe oft diesen
Eindruck, besonders wenn jemand etwas gegen sein eigenes Volk sagt und
unsere Feinde dies gegen uns ausspielen.
Aviel Schneider: Mitte Januar
verursachte der in Schweden lebende israelische Künstler Dror Feiler ein
Spektakel mit seiner antiisraelischen Kunst durch die Darstellung eines
Blutsees und eine Woche später sahen wir in Eilat bei einer Tanzparty
ein Goldenes Kalb. Was ist mit uns los?
Rabbi Metzger: Das Goldene Kalb
erinnert uns an eine sehr dunkle Zeit in unserer Vergangenheit, in der
wir von Gott bestraft wurden. Dass nun auch in unserer Generation Juden
ein Kalb aus Gold machten, tut mir weh, hat mich beleidigt und hart
getroffen. Das Volk Israel hat sich zu sehr von seiner jüdischen
Religion abgewandt, sodass die junge Generation nur noch wenig über das
Judentum weiß.
Aviel Schneider: Sind Sie für einen
territorialen Kompromiss in Eretz Israel?
Rabbi Metzger: Ich bin für einen
Kompromiss, der uns echten Frieden bringt, und genau das ist die
Streitfrage. Denn die Frage ist, ob der Abzug aus den so genannten
besetzten Gebieten uns wirklich Frieden bescheren oder uns in eine noch
größere Gefahr hineinziehen wird.
Aviel Schneider: Glauben Sie, als
Oberrabbiner, dass es eine menschliche Lösung für unseren
Nahost-Konflikt geben wird, oder dass nur eine göttliche Lösung in Frage
kommt?
Rabbi Metzger: Zunächst möchte ich
sagen, dass wir uns um einen Frieden gemeinsam bemühen müssen. Gemäß der
palästinensischen Kindergarten- und Schulerziehung ist momentan keine
Koexistenz mit dem jüdischen Volk möglich. Solange palästinensische
Kinder in dem Bewusstsein erzogen werden, das jüdische Volk zu hassen,
haben wir ein Problem, Frieden in dieser Region zu schaffen.
Aviel Schneider: Das heißt also, dass
das Hauptproblem darin liegt, dass sich auf der arabischen Seite nichts
zu verändern scheint?
Rabbi Metzger: Wir haben zwar ein
Problem, aber für jedes Problem gibt es auch eine Lösung. Ich bin und
bleibe optimistisch!
Aviel Schneider: Herr Oberrabbiner
Metzger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. |