Die Religion – sie vereint oder entzweit
Das Wort des Rabbi
Die Religionen sind nicht nur ein Mittel, den Glauben an eine höhere Gewalt zu vermitteln, nein sie geben den Menschen auch eine Identität. Ein Beispiel für diese Aussage finden wir in den Sprüchen der Väter: „Wisse, woher du kommst, wohin du gehst und vor wem du dereinst Rechenschaft und Rechnung ablegen wirst“ (3,1). Die Religion gibt dem Menschen einen Rahmen für sein Dasein und begleitet ihn auf den Kreuzungspunkten seines Lebens von der Geburt über die Pubertät und Adoleszenz, über Heirat bis zum Tod.
Die Religion gibt dem Einzelnen nicht nur eine Identität, sondern sie verbindet ihn auch mit einer Gemeinde mit der Familie bis zu einem Volk oder einer Gemeinde von Glaubenden, die Grenzen überschreitet. Sie erklärt dem Einzelnen für seinen Lebensweg Begriffe von Gut und Böse, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, positiv und negativ. Sie verleiht den stofflichen und geistigen Elementen im Menschen selbst und ausserhalb seiner einen Sinn. Damit er weiss, wie er sein Leben navigieren soll, gibt die Religion ihm ein ganzes Bündel von Begriffen (Konzeptionen), Normen (Geboten), die sich auf das Verhältnis zwischen Gott und Mensch (Kult, Gottesdienst) oder auf das Verhältnis zwischen den Menschen beziehen (Ethik). Sie fasst alles zu einem gedanklichen Ensemble zusammen.
Wir Juden befinden uns immer noch mitten in einem Veränderungsprozess, der vor zweihundert Jahren mit der Aufklärung und der Emanzipation in Europa begonnen und seine Wirkungen allmählich überall dort gezeigt hat, wo Juden leben. Die Aufklärung, die am Ende des achtzehnten Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte, strebte danach, die Herrschaft der Vernunft in den Bereichen des Staates, der Religion, des Rechts, der Wissenschaft und der Literatur zur Geltung zu bringen. Ihr Ziel war es, sich aus der Versklavung der absolutistischen Herrschaft (der Monarchie) und der Hörigkeit der Kirche zu befreien. Doch gleichzeitig entstanden und entwickelten sich (und entwickeln sich heute weiterhin) säkularistische Systeme, die auf die Befreiung gerichtet waren und zu einem Ersatz für die Religion wurden, etwa die Psychologie mit ihren unterschiedlichen Strömungen und die Kultur, hauptsächlich die Populärkultur, die sich gewissermassen zu einer offiziellen Volkskultur wandelte. Es ist interessant zu sehen, dass das, was einerseits Befreiung war, im zwanzigsten Jahrhundert auf der anderen Seite zu politischen Systemen einer „säkularistischen“ Diktatur führte: dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus.
Wir wollen die Religionen nun in zwei Gruppen unterteilen, die ich „Vertrauensreligion“ und „Identitätsreligion“ nennen möchte.
DIE VERTRAUENSRELIGION
Hier geht es darum, dass die Selbsterkenntnis von etwas abhängt, das ausserhalb des eigenen Ich angesiedelt ist. Wenn ein Kind geboren wird, beginnt zunächst einmal ein Dialog mit seiner Mutter. Das Kind entdeckt, dass das Gefühl des Hungers durch die Muttermilch, die es bekommt, gestillt werden kann. Auf dem Schoss der Mutter zu sein, führt dann zu einer zusätzlichen Gegenseitigkeit und zieht natürlich weitere Wünsche nach sich. Aus dieser fundamentalen Erfahrung ist zu lernen, dass der Einzelne sich selbst erst durch den andern kennen lernt. Der Prozess des Glaubens ist zunächst einmal ein Prozess auf der horizontalen Ebene, der Ebene der Begegnung mit dem „Du“, das im andern ist. Dieser Ansatz will zunächst einmal Vertrauen unter den Menschen herstellen und auf diesem Weg das „Du“ entdecken, den göttlichen Funken, der in jedem Menschen verborgen ist.
In der Vertrauensreligion ist das Vertrauen dem Nächsten gegenüber die Grundlage. Auf dem Weg des Vertrauens dem Nächsten gegenüber kann das Vertrauen zum göttlichen Du entstehen. Dieses Du begegnet uns, indem es uns einerseits anzieht, andererseits aber auch abstösst. Die Selbstsicherheit wird durch die Begegnung mit dem Andern stärker. Ein solcher Prozess ist dazu angetan, den Einzelnen aus seiner Egozentrik und seinem Egoismus herauszuholen und ihn in die Situation einer ganzheitlichen Beziehung mit dem Andern zu stellen. So bekommt der Mensch eine Perspektive. Es kann sein, dass einer mehr empfängt und einer mehr gibt. Dementsprechend sind die Rollen dabei einem Wechsel unterworfen, weil die Begegnung, die Begegnung des Vertrauens, im Mittelpunkt steht. In diesem Prozess, in dem Vertrauen entsteht, sucht der Einzelne keine Grenzen – wohl sucht er aber in jedem Menschen „einen Lebensraum“. Dabei hat das Festlegen von politischen, kulturellen usw. Grenzen aber keine besondere Bedeutung. Die Erwartung, die Hoffnung, der Aufbau von Vertrauen, geschieht so, dass jeder seinen Nächsten achtet, so wie es wünschenswert ist, auch wieder selbst vom N ächsten geachtet zu werden.
Den andern zu achten, ihn zu respektieren, schliesst die Verpflichtung ein, ihm und seinen Worten gegenüber offen zu sein. Jawohl, ich kann von ihm lernen. Ich habe keine Angst davor, von ihm beeinflusst zu werden. Die Gegenseitigkeit, der Dialog, helfen mir als einem Individuum, meinen Lebensweg, meinen Glauben, besser zu verstehen. Wenn der Glaube (emuna) vom Vertrauen (emun) kommt, und wenn das Vertrauen von der Verbindung mit dem Nächsten abhängt, die mir ermöglicht, mich selbst besser zu verstehen, und wenn der Andere von der gleichen Grundlage aus die Beziehung zu mir sucht, dann ist am Ende des Weges der Friede (schalom) erreichbar.
Auf diese Art und Weise sucht der Einzelne immer wieder den respektvollen Dialog mit seinen „Bundesgenossen“, den Mitjuden. Und wer kein Bundesgenosse im Sinne des Sinaibundes ist, kann sich auf den für die Nichtjuden geltenden Bund, den Noachbund, beziehen – eine Vorstellung, die sich nach der jüdischen Tradition auf die gesamte Menschheit bezieht. Es liegt in der Natur der Sache, dass jeder immer wieder die Neigung hat, gerade mit denen in einen Dialog zu treten, zu denen er eine besondere Nähe verspürt, also zu den Mitgliedern seiner Gemeinde, seinen Mitbürgern, seinen Mitbewohnern. Die Erfahrung lehrt aber, dass es leichter ist, diesen Prozess gerade mit denjenigen zu beginnen, die am entferntesten sind, und nur allmählich zu denjenigen fortzuschreiten, die einem näher stehen. In persönlicher Hinsicht kann ich sagen, dass es für mich leichter war, in einen respektvollen Dialog mit Christen und nun auch mit Muslimen einzutreten, als mit den Strömungen des orthodoxen Judentums zu sprechen.
Das Ziel ist nicht, den Andern zu einem Juden zu machen, sondern durch den Andern zu einem persönlichen Ausdruck zu gelangen, um so eine zwischenmenschliche Harmonie herzustellen. Die Unterschiede sind nicht zu verwischen. Dies ist vielleicht mit dem Gespräch in einer Familie zu vergleichen, wenn Söhne und Töchter eines Elternpaares gebeten werden, ihre Eltern zu beschreiben. Jedes Kind wird dann ein etwas anderes Bild von seinen Eltern zeichnen. Manchmal wird man sich aufgrund dieser Beschreibungen gar fragen, ob es sich um dieselben Eltern handelt.
Das Gemeinsame in allen Religionen und Glaubensweisen besteht darin, dass die Wirklichkeit, die wir mit unseren fünf Sinnen erfahren, nicht das Ganze, sondern nur ein kleiner Teil des Universums ist. Es gibt etwas Transzendentes und etwas Immanentes, und beides ist Teil der Wirklichkeit. Auf eine solche Existenz ist der Sinn desjenigen gerichtet, der eine Vertrauensreligion hat. Er praktiziert dies in erster Linie mit Hilfe des Mitmenschen und durch seine Beziehung zu ihm. Dadurch entsteht eine Gegenwärtigkeit, in der das Geheimnis des Universums enthalten ist. In der Sprache des Glaubens: eine göttliche Existenz.
DIE IDENTITÄTSRELIGION
In diesem Ansatz geht es darum, dem Einzelnen vom Beginn seines Glaubensweges an deutlich zu machen, zu welcher Gruppe von Menschen er gehört und von welcher anderen Gruppe er sich fernhalten soll. Diese Trennung ist wichtig, weil sie die Einzigartigkeit der Beziehung zu Gott bewahrt. Diese Trennung – als eine Trennung von unterschiedlichen Völkern auf der Erde – kommt bereits im Lied des Mosche im Buch Deuterononium zum Ausdruck: „Als der Höchste den Völkern Land zuteilte und der Menschen Kinder voneinander schied, da setzte er die Grenzen der Völker nach der Zahl der Söhne Israels“ (Deuteronomium 32,8). Die Völker wurden getrennt, und ihre Grenzen wurden festgelegt. Dieser historische Prozess hat seinen Ursprung in Gott, oder mit anderen Worten: die Geschichte ist zu verstehen als Abfolge der Trennungen und Grenzsetzungen zwischen den Völkern, und dies ist ein Ausdruck des göttlichen Eingreifens in die menschliche Geschichte. Aus jüdischer Sicht beruht diese Trennung auf der besonderen Beziehung zwischen der Gottheit und dem Volk Israel, wie sie sich im Sinaibund äussert. Diese Beziehung beruht auf Gegenseitigkeit. So ist das Volk Israel dasjenige Volk auf dieser Erde, das zu Gott gehört, und Jakob, damit ist das jüdische Volk gemeint, ist dort, wo er wohnt, Erbteil, Erbbesitz Gottes. So heisst es im folgenden Vers: „Denn des Ewigen Teil ist sein Volk, Jakob ist sein Erbe“ (Deuteronomium 32,9).
Die Identitätsreligion ist mit einem Ort und mit Institutionen verbunden (Begegnungszelt, Tempel, Synagoge) – und mit einem Glauben, der die Unterschiede betont, in unserm Fall die Unterschiede zwischen dem jüdischen Volk und allen anderen Menschen. Die Identitätsreligion möchte die Trennungswand, die unterscheidende Grenze bewahren.
Die Identitätsreligion rühmt sich ihrer selbst und weist den anderen Glauben zurück. Der Kampf des jüdischen Glaubens gegen die Götzen findet im übrigen seine Fortsetzung bis auf den heutigen Tag. Interessanterweise ist der Beziehung zu den Anderen in religiöser Hinsicht sowohl im babylonischen als auch im palästinensischen Talmud jeweils ein ganzer Traktat gewidmet. Die Bibel ist in dieser Hinsicht überaus scharf und spricht abfällig von den Götzen wie Ba´al, Astarte und Kemosch. Der erwähnte Talmudtraktat hingegen trägt den Namen „Avoda Sara“ („fremder Dienst“), wobei hinzugefügt werden muss, dass auch der Gottesdienst im Jerusalemer Tempel als „Avoda“ („Dienst“) bezeichnet wurde. Diesem Dienst im Jerusalemer Heiligtum gegenüber wurden andere Kulte „Avoda Sara“, „fremder Dienst“ genannt. Dadurch kommt ein gewisser Respekt vor diesen Kulten zum Ausdruck, auch wenn es sich um fremde Religionen handelte. Diese gottesdienstlichen Praktiken gehörten nicht zu den kultischen Ausdrucksformen des jüdischen Volkes und waren ihm verboten, und dennoch wird zu ihrer Bezeichnung eben dieser Ausdruck gebraucht, der auch im Hinblick auf den Jerusalemer Tempeldienst Verwendung findet.
Zugleich ist hier ein Gefühl der Überlegenheit vorhanden, und für diejenigen, die sich in allen Einzelheiten an den Lebensweg der eigenen Identitätsreligion halten, nicht nur die Verheissung von Glück in dieser, sondern auch das Versprechen eines Anteils an der kommenden Welt. Dieser religiöse Ansatz legt naturgemäss keinen grossen Wert auf Gespräche mit Angehörigen einer anderen Identitätskonzeption. Dieser Ansatz gibt sich gegebenenfalls damit zufrieden, Informationen über sich selbst weiterzugeben. Auch denen gegenüber, die prinzipiell der gleichen Glaubensgemeinschaft zugerechnet werden, sich aber in ihrem Lebensstil und ihrem Denken unterscheiden, ist man im gesellschaftlichen Umgang sehr zurückhaltend.
SCHLUSSFOLGERUNGEN
Die beiden religiösen Ansätze der Vertrauensreligion und der Identitätsreligion wurden hier schematisch und skizzenhaft vorgestellt, um die religiösen Unterschiede herauszuarbeiten. Der Versuch, diese beiden Ansätze in ein und derselben Religion (im Judentum) darzustellen, ist ein erster Schritt zum Verständnis der unterschiedlichen Strömungen in jeder Religion. Doch darf man dabei nicht stur an dem Schema festhalten. Auch eine Vertrauensreligion braucht natürlich Grenzen. Sie braucht Unterscheidung, wenn auch keine strikte Trennung. Am Ende des Schabbats ist es üblich eine Havdala-Zeremonie zur Unterscheidung zwischen dem Sabbat und den sechs Arbeitstagen durchzuführen, also zwischen den sechs kreativen Tagen und dem siebten Tag, an dem wir versuchen, eine Situation der Harmonie zwischen dem Schöpfer, der Schöpfung und den Menschen herzustellen. Der Schabbat ist ein integraler Teil der jüdischen Woche, wenn er von den sechs Arbeitstagen auch spezifisch unterschieden ist. Ebenso gilt es auch zwischen den unterschiedlichen Glaubensrichtungen zu unterscheiden, um einerseits das Universale und andererseits das jeweils Spezifische in jeder Glaubensrichtung hervorzuheben. Denn nach dem jüdischen Glauben von der Zeit des zweiten Tempels an wurde alles Geschaffene mit einem besonderen Defizit erschaffen, einem Defizit, das durch etwas anderes in der Schöpfung aufgefüllt werden kann und werden soll. So soll die Unterscheidung der Vervollständigung dienen. Freilich gibt es auch denjenigen religiösen Ansatz, der die Unterscheidung zur Selbstisolierung steigert.
Wenn wir in der Tat glauben, dass jeder Mensch, ja alles Geschaffene einen göttlichen Funken in sich trägt, dann liegt doch nichts näher, als dass die Not des Lebens die Menschen hin zu einem Gespräch führt. Wenn einer den andern mit Gewalt unterwerfen will, führt dies zu Zerstörung. Das Gespräch demgegenüber ist ein langsamer Prozess, der aufbaut und eine Fortsetzung hat.
Es gibt keinen Glauben ohne Vertrauen. Auch wenn die Identität in der Vertrauensreligion von der Begegnung mit dem Nächsten abhängt, gilt es, im unmittelbar bestehenden sozialen Rahmen anzufangen: in der Familie, unter Freunden, in der Gesellschaft, um von hier aus weiterzuwirken. Leider sind nicht alle dazu bereit, auf diesem beschwerlichen Weg voranzugehen und sich anzustrengen. Wir wollen nicht vergessen: die freie menschliche Existenz hängt vom gegenseitigen Vertrauen ab. Ohne ein solches Vertrauen kann es keine Menschlichkeit, keinen Humanismus in unserer Welt geben. Wenn wir auf unserer Welt das Menschliche bewahren und entwickeln wollen, dann gilt der Ruf des Propheten Jesaja uns allen: „Habt ihr kein Vertrauen, so bleibt ihr nicht“ (Jesaja 7,9). Wenn wir keine Grundlage für zwischenmenschliches Vertrauen schaffen – und das ist mehr als je zuvor die Aufgabe der Religion in unserer Zeit –, dann wird der freie, authentische Mensch auf unserer Welt keine Existenz haben.
Die Aufgabe Vertrauensreligion besteht darin, die Grundlage für ein solches gegenseitiges Vertrauen zu schaffen. Die Lösung für die unterschiedlichen existentiellen Bedürfnisse des Menschen liegt in den Händen der Politiker und Wirtschaftsleute. Doch ohne ein Gespräch und Vertrauen wird es keinen Frieden unter den Menschen geben. Der Wille, in Frieden zu leben und ihn zu verwirklichen, gehört zu den schöpfungsmässigen Anlagen des Menschen. Ein Dialog in gegenseitigem Respekt schafft die Grundlage dafür.
Rabbiner Tovia Ben-Chorin
JLG - Zürich
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