Die Thora des Lebens
Das Geschenk Thora - In ihrer Essenz sieht die Thora das Leben einheitlich
Von Rabbi Adin Steinsaltz
Die besondere Bedeutung der Thora wird oft durch falsche Analogien verwischt. Wer in der Thora das Gesetzbuch eines fixen Religionssystems sieht, verzerrt die jüdische Weltanschauung und das Verständnis für das Wesen der Thora. Wer die Thora «Gesetz» nennt, reiht sie in die gleiche Kategorie wie das Gravitationsgesetz und dergleichen ein. Damit wird aber ein höchst grundsätzlicher Punkt vergessen: Die Thora ist einzigartig und definiert sich durch sich selber. Deshalb darf der Begriff «Thora» auch nur für eine einzige Sache benutzt werden, eben für die Thora. Die Religion ist ein ideologisch-praktischer Rahmen, der dazu dienen soll, den Teil des Lebens zu regulieren, der die Verehrung Gottes betrifft. Judentum aber, wie es in der Thora zum Ausdruck gelangt, kann und darf sich nicht auf einen solchen Teilbereich beschränken. In ihrer Essenz sieht die Thora das Leben als ein einheitliches «System». Die Thora erfasst zudem die ganze Art und Weise des Lebens des jüdischen Volkes und zwar bis ins kleinste Detail. Sie enthält demzufolge nicht nur Gesetze zur Regelung des religiösen Rituals («bein adam lamakom» – «zwischen Mensch und Gott») und des gesellschaftlichen Lebens («bein adam lachawero» – «zwischen einem Menschen und dem anderen»), sondern auch Geschichte und Poesie, moralische Richtlinien, Prophezeiungen, klare Feststellungen und Wunder.
In diesem Sinne besteht die Thora, wie das Leben selber auch, nicht aus einzelnen, voneinander getrennten Teilen. Mensch und menschliches Leben sind immer eine Mischung von allem, der ganzen Welt und all ihrer Teile. Natürlich schafft der Mensch durch seine eigentliche Existenz künstliche Teilungen, definiert Beschränkungen und zieht Grenzen. In Wirklichkeit aber wird jeder einzelne Mensch mehr oder weniger von allen anderen Teilen der ganzen Menschheit genährt.
Die Zehn Gebote
All diese Komponenten sind nicht einzelne, irgendwie zusammengefügte Teile, sondern sie bilden eine unteilbare Einheit. Dazu findet sich ein Beispiel in den Zehn Geboten. Der Wochenabschnitt «Kedoschim» (Leviticus, 19–20), in dem sich nach Ansicht vieler Kommentatoren die Zehn Gebote «reflektieren», geht nahtlos über vom Gebot der Elternehrung zum Gebot der Opfer, von den Geboten der Geschenke an die Armen zum Gebot, den Nachbarn wie sich selbst zu lieben, vom Verbot der Rache und des Hegens von Groll zum Verbot des Tragens von «schaatnes» (eine Mischung aus Wolle und Flachs). Und das zeigt genau das wirkliche Wesen der Thora auf: Sie weist einen Lebensweg für ein Volk auf und ebnet den Pfad zu diesem Leben hin. Die Gesamtheit des Lebens findet sich in der Thora und wird durch sie gelenkt. Das Zusammengehen des jüdischen Volkes und der Thora schafft die Einheit des Judentums.
Wer die Thora in das Korsett der Religion zwängt – egal, ob das durch jene geschieht, die an die Thora glauben, oder durch jene, die sie ablehnen –, der zerstört die Thora. Damit würde man sie nämlich zu etwas ganz anderem transformieren und sie zu etwas machen, das den anderen in der Welt existierenden Religionen oder Glaubenssystemen gleicht. Wer die Thora als Religion sieht, der beschränkt sie auf ein klar definiertes Gebiet. Viel mehr noch: Das würde heissen, die Thora der Gesamtheit des Lebens zu berauben. Die Thora fordert vom Menschen, ein Jude zu sein, die Gesamtheit seines Lebens gemäss einer speziellen Anschauung aufzubauen, wobei die Thora überall präsent ist.
Fest des Empfangens der Thora
Die ganze Bedeutung der Übergabe der Thora an das Volk nach dem Exodus aus Ägypten liegt darin, den Charakter des Volkes bis hinab zum letzten Detail zu perfektionieren, einschliesslich aller Teile seiner Existenz.Das Schawuotfest ist, wie schon der Rebbe von Kotzk sagte, das Fest des Empfangens der Thora. Die andere, nicht weniger wichtige Komponente aber ist der persönliche oder nationale Anlass, der weder einen fixen Zeitpunkt noch einen solchen Ort kennt: Die Thora so zu empfangen, dass sie zu einer echten Thora des Lebens («thorat chaim») wird.
Quelle: tachles
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