Vereinigung für religiös-liberales Judentum

Das religiös-liberale Judentum nahm seinen Anfang im neunzehnten Jahrhundert, als sich die Naturwissenschaften und die Technik rasant entwickelten. Der 1. und vor allem der 2. Weltkriege mit seinen Folgen bremste die Entfaltung des liberalen Judentums, doch unter dem Einfluss von Persönlichkeiten wie Leo Baeck wurde im Jahre 1953 die World Union of Progressive Judaism (WUPJ) mit Gemeinden in England, in den Niederlanden und in den Vereinigten Staaten gegründet.

Am 27. Januar 1957 gründeten in Bern Victor Loeb als Vorsitzender, Hermann Levin Goldschmidt als Aktuar, sowie der St. Galler Rabbiner Lothar Rothschild und Berner Rabbiner Eugen Messinger die Vereinigung für religiös-liberales Judentum als Sektion Schweiz der WUPJ. An diesen Sitzungen nahmen Delegierte aus der ganzen Schweiz teil, die allgemeine und religiöse Themen und Probleme der verschiedenen Gemeinden besprachen. Die Schweizer Sektion pflegte auch Kontakte mit Gemeinden und Rabbinern im Ausland. Von Zeit zu Zeit reiste ein Mitglied der Vereinigung zu einem Kongress der World Union ins Ausland. Im Gegenzug lud die Vereinigung liberale Rabbiner aus dem Ausland zu Vorträgen in die Schweiz ein.

1967 konstituierte sich eine „Gruppe Bern“, die aus Studienabenden unter der Leitung des damals neuen Rabbiners Roland Gradwohl entstand. Diese Abende waren Themen gewidmet wie „Die Willensfreiheit im Anschluss an Maimonides“ oder „Die drei Grundwahrheiten der jüdischen Religion nach Joseph Albo“ (14. Jh.) oder „Das Buch Hiob“. Ich machte mir damals Notizen, verfasste eine Zusammenfassung der Diskussion und verteilte diese am nächsten Studienabend.

1968 wurde die Zürcher Sektion gegründet. Am erster Familien-Gottesdienst 1969 im Grossen Saal des Gemeindehauses der ICZ nahmen über 200 Personen teil. Die Beziehungen zum Vorstand der ICZ waren zufriedenstellend.

Seit 1957 war Rabbiner Lothar Rothschild der Gründer und Redaktor der Zeitschrift „Tradition und Erneuerung“, in der viele Autoren interessante Artikel, teilweise auf französisch, publizierten. Nach seinem Ableben übernahm ich 1974 die Redaktion dieser Zeitschrift.

Die Berner Gemeinde war und ist zu klein, so dass sie nicht in einen orthodoxen und einen progressiven Flügel oder gar separate Gemeinden gespalten wurde. Aber schon unter Rabbiner Gradwohl und erst recht später, als sich die Israelitische Gemeinde von Bern „Jüdische Gemeinde Bern“ nannte, konnten einige liberale Wünsche teilweise befriedigt werden, so die so genannten Familien-Gottesdienste, in denen die Frauen nicht mehr auf der abgetrennten Frauen-Empore sitzen, sondern unten zusammen mit den Männern. Allmählich verlor die liberale „Gruppe Bern“ ihre Funktion.

Dagegen leben in und um Zürich und Genf genug Juden, um separate liberale Gemeinden zu zulassen, und so kam es dort zur Gründung der Zürcher Gemeinde Or Chadasch, der ich beiwohnte, und zur Gründung der Communauté Israélite Libérale „GIL“ in Genf. Beide Gemeinden haben ihre eigene Zeitschrift.

Der Sitz der Vereinigung für religiös-liberales Judentum verlagerte sich demzufolge nach Zürich und ihre Rolle wurde von Or Chadasch übernommen. Die JLG gab bald einmal das moderne Gebetbuch „Awoda Schebalew“ (Gottesdienst im Herzen) heraus, an dessen deutscher Übersetzung ich mitwirkte.

Nun wünsche ich den Fortsetzern eines zeitgemässen Judentums in der Schweiz Mut und Kraft bei ihrem zukünftigen Dienst, ihrer Awoda Schebalew.

Lutz Zwillenberg

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