SIDUR

Fenster zur jüdischen Theologie

Was ist Gebet? - Die Herausforderung des Gebetes

"Wir leben in einer Zeit, in der es unmodern geworden, ist zu beten", bemerkt Rabbiner Chaim Halevi Donin in seinem Buch "Jüdisches Gebet heute". Vielleicht sind wir spirituell zu "arrogant", um zu beten, denn Gebet erfordert ein gewisses Maß an Ehrfurcht und Bescheidenheit und einen dankbaren Sinn für das, was wir im Leben haben. War der moderne Mensch so erfolgreich, rund um sich selbst eine Mauer ausgeklügelter Zivilisation aufzubauen, dass er alles, was er sieht, seinen eigenen Fähigkeiten und seiner eigenen Macht zuschreibt? Vielleicht gibt es jene, die die Macht der natürlichen Welt schätzen und sich entschieden haben, nicht zu beten, weil sie Schwierigkeiten haben, zu glauben, dass ein Gott, der den Gebeten zuhört, existiert?

Für andere steht Gebet außerhalb ihrer Überlegungen, da sie nicht wissen, wie sie beten sollen. Sie sind nicht sicher, was Gebet eigentlich ist und wissen nicht, wie sie anfangen sollen.

Um zu verstehen, warum Gebet heute so "unmodern" geworden ist, müssen wir zuerst untersuchen, was Gebet ist, was der Akt des Betens beinhaltet, bis zu welchem Grad wir es als "effizient" betrachten können und an wen es gerichtet sein könnte.

Das ist im Wesentlichen das Ziel dieses Kurses.

Es wird auch hilfreich sein, zu sehen, wie Judentum und andere Religionen in verschiedenen Entwicklungsstadien der Zivilisationen beteten. Zusätzlich werden wir Beispiele verschiedener Gebete studieren, sowie verschiedene geistige, körperliche und emotionale Zustände, die ein Betender annehmen kann. Daher werden wir uns dem spontanen Gebet ebenso widmen wie den Gottesdiensten, wie sie vom Siddur festgelegt werden. Schließlich werden wir mit Hilfe des Gebetbuches die Tiefen der theologischen Vorstellungen und Sehnsüchte des jüdischen Volkes ausloten. Wir werden auch erkennen, welche eingebauten Hilfen das jüdische Gebet hat, um die Herausforderung des Gebetes leichter, effektiver und zufrieden stellender zu gestalten.
Und vielleicht werden einige auf diesem Weg ihren eigenen Ausdruck finden.

Welche Schwierigkeiten hat man beim Beten? Bevor wir uns den Schriften und Gedanken von "Experten" zuwenden, sollten wir uns mit dieser Frage beschäftigen, und zwar am besten auf einer persönlichen Ebene. Obwohl wir "Gebet" noch nicht definiert haben (was wir im Laufe des Kurses versuchen werden), hat doch jeder eine Vorstellung, was Gebet ist. Und jeder hat Schwierigkeiten mit dem Beten. Sogar ausgesprochen enthusiastische Beter - Menschen, die täglich beten, die wissen, was das Wort bedeutet und die tief an die Botschaft des Betens glauben - haben manchmal (vielleicht oft) Schwierigkeiten, zu beten.

Warum?

Bevor wir die dem Gebet innewohnenden Herausforderungen untersuchen, ist es wichtig, ein bisschen persönlich zu werden:
Vervollständigen Sie bitte die folgenden Sätze für sich selbst. Wir freuen uns auch über E-Mails mit Ihren Betrachtungen. Interessante Antworten möchten wir gerne mit der Gruppe teilen. Ihre Antworten werden nicht nur zum Kurs beitragen, sondern auch eine gute private Einstiegsübung sein:

"Ich finde das Konzept des Betens ist schwer verständlich weil ..."
"Manchmal ist es für mich schwierig zu beten, weil ..."
Erfahrungen, die ich mit Gebet machte, waren ..."
"... ließ mich fühlen, als ob ich betete."

Einer Definition von Gebet entgegen

Das Konzept des deutschen Verbums "beten" beinhaltet: eine Person, Gott oder ein Objekt der Verehrung fragen, preisen, ihm danken oder zu ihm sprechen. Ausgehend von hier, charakterisieren wir Gebet vor allem als Kommunikation, normalerweise mit einem göttlichen Wesen, aber nicht immer. Die Kommunikation bezieht sich grundsätzlich auf Dinge, die dieses göttliche Wesen für das Gebet gibt oder tut oder auf preiswürdige Qualitäten der Gottheit.

Das hebräische Wort für "beten" enthält einige Konzepte, die sich von der deutschen Erklärung unterscheiden oder sie ergänzen. Das hebräische Zeitwort für "beten" ist "lehitPaLeL" (siehe den Anhang: "Transliteration" am Ende dieser Lektion). Obwohl nicht Grammatik unterrichtet werden soll, ist es angebracht, dieses Wort sorgfältig zu analysieren. Die Silbe "le" bedeutet "zu" und markiert den Infinitiv. "Hit" ist ziemlich wichtig, da diese Silbe im Hebräischen die Rückbezüglichkeit ausdrückt. In einigen hebräischen Zeitwörtern erkennen wir durch das "hit", dass eine Handlung zwischen oder unter Individuen stattfindet: zum Beispiel "lehitRAot" - "einander wieder sehen". So beinhaltet das hebräische Wort für beten Gemeinschaft. In einigen Fällen wird ein Wort durch die Silbe "hit" intensiver - und Intensivität ist sicherlich ein Wesensmerkmal des Gebetes. Aber "hit" hat eine zusätzliche Bedeutung: wir erfahren, dass sich eine Handlung auf die Person zurück bezieht, die sie ursprünglich ausführte. Zwei Beispiele für die Verwendung des "hit" im Hebräischen seien hier angeführt: "lehitLaBeSCH" - "sich anziehen"; "lehitAmeTZ" - "sich bemühen". In beiden Fällen wird die Handlung von der Person an ihr selbst ausgeführt. Dies ist ein wichtiger Anhaltspunkt für das jüdische Gebet, das eine sehr persönliche Übung sein kann, die manchmal so weit geht, dass jemand tief und reflektierend zu sich selbst spricht. (Vielleicht stellt er sich dabei vor, dass Gott zuhört, vielleicht auch nicht.) Und so müssen wir unserer Definition von "beten" das konzeptuelle Element der inneren Kommunikation und Reflexion hinzufügen.

Die Wurzel P-L-L enthält die Grundbedeutung des Verbums "LithitPaLeL". Ein Blick in jedes gute Hebräisch-Deutsch - Wörterbuch wird zeigen, dass die Bedeutungen dieser Wurzel über die deutsche Wort "beten" hinausgehen: sie inkludieren denken, entscheiden, richten, beschuldigen und sogar bestrafen. Daher sind die Bedeutungen des hebräischen Wortes für "beten" und des jüdischen Konzeptes für "beten" breiter. LehitPaLeL heißt nicht nur, nach oben oder nach draußen zu blicken, um ein göttliches Wesen zu erreichen, sondern auch nach innen, auf sich selbst. Nicht nur auf die eigenen Träume, Bestrebungen und Wünsche, sondern auch mit Selbstkritik, mit der Herausforderung, ein besserer Mensch zu werden und Gott einzuladen, an diesem Prozess teilzunehmen.

Einige spontane persönliche Gebete könnten gut in diese Kategorie der Innensicht passen: "Gib mit Stärke, damit ich mit diesen Kindern geduldiger bin!" oder sogar "hilf mir, zu lernen, damit ich bei dieser Prüfung durchkomme."

Bis jetzt haben wir uns vor allem auf die ziemlich amorphe Tätigkeit des persönlichen Gebetes bezogen. Das jüdische Gebet ist jedoch mehr. Jeder, der einmal in einer Synagoge war, weiß, dass die jüdischen Gottesdienste strukturiert, detailliert und lang sind. Einige kurze Blicke in das Siddur zeigen, dass es nur wenig Raum für spontane Ausbrüche gibt, alles ist wohl geordnet und vorgeschrieben. Es gibt einen Vorbeter, dem man folgt und eine Zeile nach der anderen wird gelesen. Dieser Text wurde offensichtlich von jemand anderem geschrieben als dem Betenden.

Wie verbinden wir die Tatsache der vorgeschriebenen und fixierten Gebete der jüdischen Tradition mit den oben diskutierten Werten?

SIDDUR-SUCHE

Das Kaddisch findet sich am Ende der meisten Gottesdienste.
EUREKA!

Wenn wir uns den Text ansehen, der von einem Trauernden gesagt wird, verstehen wir, dass er die rituelle, psychologische und theologische Erinnerung an die Trauererfahrung ist. Dies ist die Wahrheit, obwohl sich das Kaddischgebet weder auf den Tod noch auf Tote bezieht. Die Worte anerkennen Gottes Verantwortung für ALLES (Jesaja 45,7!), gemäß seinem Willen, und dies ist ein Grund, Gottes Namen zu heiligen. Es ist eine Anerkennung der Göttlichen Gerechtigkeit, das wichtigste Element beim Wiedereintritt des Trauernden in die rituelle Gemeinschaft. Auch hier antwortet die Gemeinde. Lesen Sie bitte das folgende Statement über die Antwort der Gemeinde. Vielleicht können Sie erklären, warum der Talmud dies so signifikant findet:

Rabbi Jehoschua ben Levi sagt: Wer mit "Amen" antwortet, "Sein großer Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten", mit ganzer Kraft, wendet das strenge Urteil ab. (D. H. seine Sünden werden ihm vergeben.)
(Schabbat 119b)

Die Antwort lautet: Tzidduk HaDin und die damit verbundene "Heiligung des Namens" sind ein Ausdruck des Glaubens und des Vertrauens in Gottes Gerechtigkeit. Da sie öffentlich und im Dialog mit der Gemeinde gesagt werden, bekommen sie zusätzliches Gewicht. Die Antwort der Gemeinde aktiviert den Prozess der öffentlichen Heiligung des Namens Gottes. Wie heißt es in Lev. 22,32: "... auf dass ich geheiligt werde unter den Kindern Israel."

Die Relevanz einer fortgesetzten öffentlichen Anerkennung der Göttlichen Gerechtigkeit in einer Trauerperiode ist verständlich. Man denke an die übliche Antwort eines Menschen, der mit dem Tod eines nahen Angehörigen konfrontiert ist. Er formuliert seine Erbitterung mit Hilfe von Begriffen, die sich auf Gerechtigkeit beziehen: "Warum ich?", "Warum er/sie"?, "Er/Sie war so gut?", "Warum musste er/sie leiden?", "Warum sterben die Guten jung, während es so viele böse Menschen gibt, die alt werden?", "DAS IST NICHT GERECHT!" In der jüdischen Theologie ist das Ritual des Kaddisch die öffentliche Akzeptanz des Trauernden, dass ES GERECHT IST, auch wenn es schwierig ist. Dazu sagt die Gemeinde "Amen". Ritual und praktische Theologie gehen Hand in Hand.

Es gibt noch ein anderes Gebet für den Tod, das ich kurz besprechen möchte. Beim Begräbnis und auch zur Jahrzeit sprechen wir das Gebet um Gnade, E-l Maleh Rachamim:

Oh Gott, voller Barmherzigkeit, der du im Himmel thronst, gib Frieden auf den Schwingen deiner Göttlichen Gegenwart der Seele (Name) ... Möge er/sie in das Paradies eingehen...
Drei Bestandteile fallen hier auf: Der Verstorbene wird namentlich erwähnt, wir beten für den Toten, für das Eingehen seiner Seele in das Paradies und Gott ist nur mit einem Attribut vertreten: Barmherzigkeit. Das passt besser in das Muster der Bitten als in die Gebete bei Trauerfällen. Die gesamte Erfahrung der Trauer, des Leidens und die rituelle Bejahung der Göttlichen Gerechtigkeit basieren auf der Erkenntnis, dass Gott die Quelle von ALLEM ist. Er ist der gerechte Richter, auch wenn sein Urteil nicht in unser Konzept von Gerechtigkeit passt. Wir sind angeleitet, Gottes Gerechtigkeit öffentlich anzuerkennen, besonders zu Zeiten, wenn wir schreien, dass wir zu Unrecht leiden. Und jetzt wenden wir uns an Gottes Barmherzigkeit! Was passiert hier?

Für mich liegt in Antwort im Kontrast und in der Abfolge. Kurzfristig (Beerdigung) und langfristig (Jahrzeit) folgt das Gebet um Barmherzigkeit dem Tzidduk HaDin. In "Gescher HaChaim", einem wichtigen Werk über jüdisches Trauerritual (R. Tukachinsky) lesen wir, dass es Gemeinden gibt, in denen Trauernde im ersten Jahr kein Jiskor sagen (inklusive E-l Maleh Rachamim). Für den Autor ist dieser Brauch unpassend, aber er anerkennt auch seine traditionellen Quellen. Ich möchte gerne anmerken, dass das Abstandnehmen vom Jiskor/E-l Maleh Rachamim Sagen bis zur Vollendung des Jahres, in dem täglich Kaddisch gebetet wird, drückt eine wichtige religiöse Feinfühligkeit aus. Wir sind nur dann vorbereitet, Gott in seiner Barmherzigkeit zu sehen, wenn der ein Jahr dauernde Prozess des Tzidukk HaDin abgeschlossen wurde. Ähnlich wie beim Begräbnis.

Es war mir ein Vergnügen und eine Lernerfahrung, diesen Kurs zu leiten. Ich hoffe, auch Sie, draußen im Cyberspace haben ihn genossen. Ich danke meinem Mann, Rabbiner Reuven Sutnick für seine Hilfe, eine Ideen, seine Formulierungen und seine endlose Unterstützung mit Witzen, die er in jeder Lektion großzügig beitrug. Wir haben alle davon profitiert!
Ich danke auch allen Studenten, die an unseren "Siddur-Diskussionen" teilnahmen. Ich möchte, dass Sie wissen, die Tore zum Cyberspace wurden nicht mit dem Ende der letzten Lektion geschlossen! Bitte schreiben Sie mir weiter.
Barbara Sutnick

Zum Nachdenken

Warum, glauben Sie, ist ein Minjan erforderlich, wenn Kaddisch gesagt wird?

Der gesamte Kurs zum download

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Das Gebetsbuch [1'083 KB]

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