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Willkommen im zweiten Leben
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Letzten Freitag organisierte Beth Odets in ihrer Synagoge den allerersten globalen Kabbalat-Schabbat-Marathon, der über 12 Stunden dauerte. Um 7 Uhr Ortszeit wurde mit Israeli gefeiert, um 10 Uhr folgten die Europäer, um 15 Uhr die amerikanische Ostküste, um 19 Uhr die Westküste, und für alle mittendrin wurden die Kerzen um 17 Uhr Ortszeit angezündet. Viele Gäste, die noch lange im Innern der Synagoge blieben, um mit den anderen Gästen aus Tel Aviv, Köln, Amsterdam oder San Francisco zu diskutieren, waren sich einig: «Das war ein historischer Moment. Beth hat hier etwas einfach Wunderbares geschaffen.»
Von Julian Voloj
Dieser Schabbat-Marathon soll nun jede Woche stattfinden, und jeder Mensch ist willkommen, ob jüdisch oder nicht. Man braucht nur einen Computer mit Internetanschluss. Der Grund? Beths Synagoge befindet sich im sogenannten «Second Life». Alle Ortszeiten sind daher nach Second-Life-Time (SLT) neun Stunden vor der mitteleuropäischen Zeit eingestellt. «Second Life» ist eine dreidimensionale Websimulation, eine Art virtuelle Gemeinschaft, in der Personen durch ihre virtuellen Stellvertreter, sogenannte Avatars, miteinander in Kontakt treten. Die 3-D-Animationen geben «Second Life» ein faszinierendes, reales Raumgefühl, und auf der Internet-Site von Wikipedia wird das Phänomen «Second Life» mit den Anfangszeiten des Internets verglichen. Das in San Francisco ansässige Linden Lab kreierte «Second Life» 2003 und entwickelt es seitdem permanent weiter. Die Benutzersoftware erlaubt es den «Bewohnern» von «Second Life» ihre Welt selbständig zu verändern, und im Prinzip funktioniert «Second Life» wie das richtige Leben. Man kann Gegenstände (Kleider, Accessoires, Wohnungen oder Land) kaufen, auf Reisen gehen, Leute kennen lernen (kommuniziert wird über einen Instant Messanger), und jeder Einwohner ist gleichzeitig Mitentwickler dieser Welt. Am 18. Oktober 2006 erreichte die Bevölkerungszahl von «Second Life» eine Million, nur acht Wochen später hatte sich diese Zahl bereits verdoppelt. Heute sind mehr als 2,5 Millionen Einwohner registriert.
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Einen Schritt voraus
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«‹Second Life› ist dem traditionellen Chat einen Schritt voraus», erklärt Mischa Kobrin, ein 32-jähriger Informatiker aus Russland, der 1997 nach Deutschland auswanderte und heute in Köln als Programmierer arbeitet. «Durch die Anonymität des Chats traut man sich mehr, doch im ‹Second Life› hat man gleich eine ganz andere Identität. Es spielt keine Rolle, wie du aussiehst oder woher du kommst. Du kannst dich neu erfinden. Es ist eine Art Rollenspiel für Erwachsene.» Mischa heisst im «Second Life» Mumu Speedwell und wie andere Avatars auch hat er seinen Weg in die Synagoge durch Zufall gefunden. Als er vor zwei Wochen mit «Second Life» anfing, gab er als Suchbegriff «Israel» ein und fand den Link zu Second Life Synagogue – Temple Beth Israel. Die Synagoge ist Teil des Kunstprojekts Tragically Misunderstood Artists (TMA) – auf tragische Weise missverstandene Künstler – der Texanerin Beth Brown, die in «Second Life» Beth Odets heisst und als eine der talentiertesten «Second Life»-Bewohnerin gilt. «Eigentlich hatte ich nicht vor, TMA eine jüdische Ausrichtung zu geben, aber mittlerweile ist die Synagoge ein Mittelpunkt von TMA geworden», erklärt Beth. Die Synagoge entstand Ende August 2006 in nur drei Stunden und wird seitdem weiterentwickelt. Die 33-jährige Mutter von zwei Kindern sieht sich in erster Linie als Künstlerin, und alle Kunstwerke an den Wänden der Synagoge basieren auf Beths Bildern. «Ich bin eine ganz normale Person, spiele Geige, male Bilder und will einfach etwas Kreatives schaffen.» Wenn ihre Kinder in der Schule oder im Bett sind, entflieht sie dem Alltag ins «Second Life» und arbeitet dort an ihrer Kunst. «Ich bin nicht streng gläubig, aber spirituell jüdisch. Die Synagoge ist das Resultat des Wunsches, etwas Sinnvolles im «Second Life» und mit meiner Liebe zum Judentum zu erschaffen. Ich hätte mir niemals erträumt, dass es mehr als ein Ort werden könnte, aber es hat sich zu einer Verantwortung entwickelt, die ich gerne übernehme.» Schon bald nach der Erschaffung kamen die ersten Besucher, die wie Mumu Speedwell eher zufällig ihren Weg in die Synagoge fanden. «Ich entschloss mich, eine kostenlose Mitgliedschaft einzurichten, um die Möglichkeit zu haben, mit den Leuten, die hierhin kommen, zu kommunizieren. Viele wollten wissen, ob wir hier Veranstaltungen haben und wie sie sich engagieren können.» Nach nur zwei Monaten hatte die Synagoge schon mehr als 100 Mitglieder, die aus aller Welt kommen: Trebor Anaconda ist im richtigen Leben ein 23-jähriger Amsterdamer Jude, Shirley Levitt eine 21-jährige Israeli und Paloma Polanski kommt im richtigen Leben aus Brasilien.
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Eine friedvolle Atmosphäre
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Den Grund für den Erfolg sieht Beths «Second Life»-Freundin Nicolette Leandros, die im richtigen Leben nicht jüdisch ist, in der Atmosphäre des TMA-Projekts. «Als wir vor zwei Jahren im ‹Second Life› anfingen, war alles viel kleiner und übersichtlicher. Auf jeden Neuling kamen fünf Veteranen und man half sich gegenseitig. Heute ist das kaum noch möglich. Als Neuling kann man sich im ‹Second Life› sehr schnell verloren und eingeschüchtert fühlen, und da ist TMA eine Oase des Friedens, in der man Leute trifft und einfach abhängen kann.» Diese relaxte Atmosphäre wird schon am Eingang der Synagoge klar. In der Lounge treffen sich regelmässig Freunde und heissen Neulinge willkommen, aus den Lautsprecherboxen kommt israelische und jüdische Musik aus dem B'nai-B'rith-Radio, und in der «Welcome Box» findet man zahlreiche Geschenke wie etwa T-Shirts mit dem Synagogenlogo, Kippot oder Sidurim für seinen Avatar. «Ich habe es zur Regel gemacht, dass nichts in der Synagoge verkauft werden darf. Alles steht den Besuchern zur freien Verfügung. Hier findet man auch keine Zedaka-Box.» Während «Second Life» mehr und mehr kommerzialisiert wird und mittlerweile Firmen wie Toyota und Reebok hier ihre Produkte testen, repräsentiert Beth Odets die Grundidee dieser virtuellen Welt. Sie will eine friedvolle Gemeinschaft bilden, in der jeder willkommen ist. «Es hat sich so einiges verändert, aber das ist nichts Schlechtes. Man muss nur wissen, wie man das Beste daraus macht», ergänzt Nicolette. «Für mich ist ‹Second Life› ein Ort, an dem man Leute kennenlernt, Gespräche führt, Freundschaften schliesst.» Und genau das ist es, was Temple Beth Israel für viele repräsentiert. «Die Atmosphäre ist sehr entspannt, man lernt hier immer nette und vor allem interessante Leute kennen und hat faszinierende Gespräche,» erzählt Geezer Yap, der im wirklichen Leben ein Mormone aus Arizona ist. Dov Kittinger, im echten Leben Religionslehrerin aus Kalifornien, plant, ihren Schülern im nächsten Semester Religionen durch «Second Life» nahezubringen. «Das ist mal was ganz anderes, und ich bin sicher, die Schüler werden total begeistert sein.» Sie kam das erste Mal in die virtuelle Synagoge, da sie jüdisch ist und sehen wollte, wer sonst noch hierhin kommt. «Es ist fantastisch, was Beth geschaffen hat. Ich mag besonders die Dazugehörigkeit. Jeder ist willkommen.» – «Der Erfolg von Beths Synagoge hängt eventuell auch mit dem zunehmenden Selbstbewusstsein von ‹Second Life›-Avatars zusammen. Wenn eine Person sich länger im ‹Second Life› aufhält, wird sein Avatar immer mehr zu ihm selbst und man fängt an, nach einem Ort zu suchen, der einem wirklich etwas bedeutet», erklärt Drown Pharaoh, im richtigen Leben ein 43-jähriger Moslem aus West Yorkshire namens Yunus Yakoub Islam, der «The Fountain: SL's multifaith news blog» betreibt und regelmässig zu Beths Veranstaltungen kommt.
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Eine Kopie der Klagemauer
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Der Gründer der multireligiösen Gruppe der «Avatarians», die unter anderem buddhistische Tempel in «Second Life» betreiben, war so begeistert von Beths Synagoge, dass er sie einlud, Teil der Gruppe zu werden. Beth kreierte für die Gruppe Anfang Oktober 2006 eine Jeschiwa (Thora Talmud School) – «An Avatar Jewish Sacred Space» genannt. Gruven Reuven Greenberg, im «real life» Reuven Fischer, ein 44-jähriger Chassid aus der Nähe von Philadelphia, las im «Time Magazine» über «Second Life» und entschied sich, es selbst zu erkunden. Auf der Suche nach etwas Jüdischem fand er die Synagoge. «Beth ist eine beeindruckende Künstlerin. Ihre Arbeit ist fantastisch. All die Details, von den Siddurim zur Bima. Aber am beeindruckendsten ist, dass sie so viele Leute zusammenbekommt. Sie hat eine richtige jüdische Gemeinschaft erschaffen. Ich habe ihr schon gesagt, dass sie tief in ihrem Herzen ein richtiger Chabadnik sein muss.» Inspiriert von Beths Erfolg hat Reuven nun in «Second Life» eine Kopie der Klagemauer errichtet. «Das war nicht allzu schwer zu bauen, und ich dachte mir, dass das ein guter Ort ist, um Informationen zur wöchentlichen Parascha zu haben.» Das Ganze ist jedoch lediglich eine Eigeninitiative und nicht etwa ein Chabad-Haus. «Ich bin nicht der Chabad-Schaliach in Second Life», betont er, fügt dann aber hinzu: «Aber sind wir nicht alle irgendwie ein Schaliach?» Neben der Synagoge soll die Klagemauer nun der zweite jüdische Anziehungspunkt in «Second Life» werden. Stefan Metty, ein Neuling im «Second Life», der im wirklichen Leben in Paris lebt, war von der Idee einer Klagemauer begeistert. «Ich bin neu hier und weiss nur sehr wenig. Aber eines steht fest: Wenn ich auf Reisen bin, gehe ich immer zu Chabad. Und nun ist das im ‹Second Life› auch so.» Mit ihren Kreationen ist Beth Odets alias Beth Brown zur Wegbereiterin von Judentum in «Second Life» geworden. Man kann gespannt auf die nächsten Entwicklungen warten. Der Schabbat-Marathon am letzten Wochenende war für sie auf jeden Fall «ein sehr spiritueller Moment» und soll nun regelmässig stattfinden. Quelle: tachles
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