Das kurze Gebet

Das Wort des Rabbi

Was Gebete und Gottesdienste anbelangt, habe ich ein unangenehmes Gefühl. Viele deuten es an, wer Mut dazu hat, spricht es aus: „Herr Rabbiner, wir hoffen, es wird nur ein kurzes Gebet.“ Da wird eine Zeremonie vorbereitet, an der der Rabbiner teilnehmen soll, und mit einem verschmitzten kumpelhaften Lächeln spricht man die Bitte aus, es möge ein „kurzer Gottesdienst“ werden. Ich weiss nicht, welches dieser beiden Worte dabei mehr betont wird.

Die Organisatoren sehen eine bestimmte Zeit für Ansprachen vor. Dem Rabbiner gegenüber heisst es: „Bitte ein kurzes Gebet“. Aus Weitherzigkeit und Höflichkeit sagt man nicht genau, wie viel Zeit zur Verfügung stehen soll. Nur kurz soll es sein. Da haben es die christlichen Kirchen besser. Die Glocken läuten vor und nach dem Gottesdienst, so dass alle wissen, wie es um die budgetierte Zeit bestellt ist. Aber bei uns Juden ist die Sache komplizierter.

Wie liebe ich diese Gespräche! „Wie lange dauert der Gottesdienst in eurer Synagoge?“ – „Oh, wir sind in eineinhalb Stunden fertig, einschliesslich der Tora-Lesung, weil wir keinen Rabbiner haben.“ – „Wir haben Glück“, antwortet der andere. „Wir haben einen Rabbiner, der bei allen gut ankommt. Das Problem bei ihm ist nur, dass der Gottesdienst so lange dauert.“ – „Was meinst du damit?“ – „Also, er predigt, er macht eine Einführung in den Wochenabschnitt, er betet für die Kranken. Er gibt eine Einleitung für das Kaddisch.“ – „Wollt ihr das so?“ – „Eigentlich ja; das gibt ein bisschen Abwechslung, aber es dauert dann alles so lange.“ Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich der Uhrzeiger in Bewegung setzt, sobald der Rabbiner (oder vielleicht auch der Vorbeter) auftaucht, und alle sehen, wie viel Zeit vergangen ist.

„ Kurze Gebete“ sind im Judentum bekannt – in der Vergangenheit waren sie immer mit Situationen der Bedrängnis verbunden. Wir wollen uns mit zwei klassischen Beispielen aus dem Tanach begnügen.

Als die Israeliten aus Ägypten auszogen und am Schilfmeer standen, wurden sie alle von Angst und Furcht ergriffen. Sie sahen den Pharao mit seinem Heer, wie sie hinter ihnen herjagten und immer näher kamen. Es blieb ihnen kein Ausweg, als ins Meer zu springen und unterzugehen. Die Alternative wäre gewesen, sich von den Ägyptern einholen und fangen zu lassen. Ein Teil des Volkes wäre ermordet worden, die anderen wären zurück nach Ägypten in die Sklaverei gebracht und noch härterer Zwangsarbeit ausgesetzt worden. In dieser Situation versuchte Mose, dem Volk Mut zuzusprechen. Anscheinend wendet er sich im Gebet an den Ewigen.

„Und der Ewige sprach zu Mose: Was schreist du zu mir? Sage den Israeliten, dass sie weiterziehen. Du aber hebe deinen Stab auf und reckte deine Hand über das Meer und teile es mitten durch, so dass die Israeliten auf dem Trockenen mitten durch das Meer gehen“ (Ex. 14, 15 – 16). Es ist richtig, dass man nicht in jeder Situation lange beten muss. Dies lehrt uns auch Rabbi Elieser ( 2. Jh. u.Z.): „Er sprach: Es sagte der Heilige, gesegnet sei Er, zu Mose: Mose! Meine Kinder sind in Not. Das Meer schließt sie ein und der Hasser verfolgt sie, und du machst viele Worte im Gebet. Was schreist du zu mir? Denn er hatte gesagt: Es gibt eine Zeit, (das Gebet) kurz und eine Zeit, (das Gebet) lang zu machen. `Ach, Gott, ach heile sie!`(Num. 12, 13). Das heisst, das Gebet kurz zu machen. ´Und (Mose) fiel nieder vor dem Ewigen wie das erste Mal vierzig Tage und vierzig Nächte und ass kein Brot und trank kein Wasser um all eurer Sünde willen, die ihr getan hattet, als ihr solches Unrecht tatet vor dem Ewigen, um ihn zu erzürnen. Denn ich fürchtete mich vor dem Zorn und Grimm, mit dem der Ewige über euch erzürnt war, so dass er euch vertilgen wollte. Aber der Ewige erhörte mich auch diesmal´ (Deut. 9, 18 – 19) – das heisst, das Gebet lang zu machen“ (Mekhilta, Beshalach, 4. Kap.).

Das kürzeste Gebet in der Bibel, das in diesem Midrasch erwähnt wird, ist das Gebet Moses. Mirjam und Aharon, die Geschwister Moses, hatten ihn kritisiert, weil er eine „Kuschitin“ (Afrikanerin) zur Frau genommen hatte. Der Ewige hatte daraufhin Mirjam hart bestraft – sie war mit Aussatz geschlagen worden. Da bat Aharon (der von der Strafe verschont geblieben war!) seinen Bruder Mose, vor Gott für seine Schwester Mirjam einzutreten. „Da schrie Mose zum Ewigen und sagte: „Ach, Gott, ach heile sie.“ Nach einer Woche der Absonderung ausserhalb des Lagers wurde sie wieder gesund und konnte ins Lager der Israeliten zurückkehren (Num. 12). Der Midrasch bezieht sich auf den Ausdruck „da schrie Mose“. Vor dem Durchzug durch das Schilfmeer wird nicht mitgeteilt, was Mose geschrien hatte, aber hier, in diesem Fall, wird der Wortlaut des kurzen Gebets erwähnt. Diese Erklärung Rabbi Eliesers gilt auch uns. Die Länge des Gebets soll sich nach den jeweiligen Umständen richten.

Um die Umstände eines kurzen Gebets geht es auch in einer Diskussion in der Gemara: „Die Rabbanan lehrten: Wer an einem Orte von Tier- und Räuberscharen geht, verrichte ein kurzes Gebet. Welches ist dieses kurze Gebet? Rabbi Elieser sagte: Tue deinen Willen im Himmel droben, und spende hinieden Annehmlichkeit denen, die dich fürchten; und tue, was gefällig ist in deinen Augen. Gepriesen seist du, o Herr, der du das Gebet erhörest. Rabbi Jehoshua sagte: Erhöre den Hilferuf deines Volkes Jisrael und erfülle bald ihr Verlangen. Gepriesen seist du, o Herr, der du das Gebet erhörest. Rabbi Elieser ben Rabbi Zadoq sagte: Erhöre den Schrei deines Volkes Jisrael und erfülle bald ihr Verlangen. Gepriesen seist du, o Herr, der du das Gebet erhörest. Andere sagten: Der Bedürfnisse deines Volkes Jisrael sind viel, ihr Wissen aber gering; möge es doch dein Wille sein, o Herr, unser Gott, dass du jedem einzelnen genügenden Erwerb und jedem Körper Genüge seiner Bedürfnisse gewährst. Gepriesen seist du, o Herr, der du das Gebet erhörest. Rabbi Hona sagte: Die Halacha ist wie diese andern“ (Traktat Berachot 29b).

Rav Hona (ein Amoräer, der von 212 – 297 in Babylonien lebte) fasst diesen Abschnitt so zusammen, dass die letzte Gebetsversion, die mit „andere sagten“ eingeführt wird, angenommen wurde. In der Tat taucht diese Fassung auch in unserem Gebetbuch „Ha-Avoda sche-ba-Lev“ (Gottesdienst des Herzens) auf (S. 42); dazu auch die zwölf kurzen Bitten in der Kurzfassung der Amida S. 41 – 42. Eine verkürzte Fassung der Amida zum Empfang des Sabbats befindet sich in den Siddurim nach dem Achtzehngebet (S. 86). Dieses Gebet wurde für diejenigen verfasst, die auf dem Feld arbeiteten und zu spät zum Gottesdienst in die Synagoge kamen. Weil die Amida das eigentlich Gebet ist, wurde für sie eine Kurzfassung formuliert. Man nahm Rücksicht auf die Feldarbeiter, weil sie sich beeilten, in die Synagoge zu kommen, obwohl sie wussten, dass sie zu spät kommen würden. So entstand ein Gebet für die Zu-Spät-Gekommenen, damit diese sich nicht ausgeschlossen, sondern der Gemeinschaft der Betenden zugehörig fühlen sollten (vgl. Baer Seligmann, Seder Avodat Jisrael, Schocken 1937, S. 190).

Im Schulchan Aruch (16. Jh,) im Buch „Orach Chajim“ (§ 110) ist dem „kurzen Gebet“ ein eigener Abschnitt gewidmet. Kurze Gebete sind für Situationen der Bedrängnis bestimmt, etwa „wenn man auf Reisen ist oder sich an einem Ort befindet, an dem man in Sorge sein muss, unterbrochen zu werden oder sich nicht auf ein längeres Gebet konzentrieren zu können“ (ebd.). Es scheint mir, dass diese Umstände unserer Situation heute sehr ähnlich sind. Ich könnte mich noch kürzer fassen und sagten, dass viele unter uns heute in einer Lage sind, „sich nicht auf das Gebet konzentrieren zu können“. Wir haben die gefühlsmässige, die lyrische, die seelische Verbindung zum Gebet verloren. Das Gebot ist in der Hauptsache nur noch ein Kultus – so wie sich im neunzehnten Jahrhundert die Gemeinden im deutschsprachigen Bereich „Kultusgemeinden“ nannten. Interessanterweise wird im Schulchan Aruch einige Kapitel zuvor (§ 101) erörtert, dass man sich bei allen Segenssprüchen konzentrieren soll und in jeder Sprache beten darf. Im ersten Abschnitt heisst es einleitend: „Der Beter soll sich auf alle Segenssprüche konzentrieren, und wenn er dies nicht bei allen kann, so zumindest bei denjenigen Segenssprüchen, die den Erzvätern gewidmet sind.“ (Der erste Segensspruch ist bei uns nach den Erzvätern und Erzmüttern benannt.) Doch nicht nur das. Sogar an diejenigen wird gedacht, die das in hebräischer Sprache niedergeschriebene Gebet nicht verstehen, und im vierten Abschnitt heisst es ausdrücklich: „Man kann in jeder Sprache beten.“ Verständlicherweise hat ein so bedeutungsschwerer Abschnitt viele Erklärungen nach sich gezogen, die diese Vorschrift entweder bejahen oder ablehnen. Zu erwähnen ist in besonderer Weise der „Chafez Chajim“, Rabbi Jisrael Meir Ha-Cohen (1838 – 1933), der diese Erlaubnis in seinem Kommentar (der „Mischna Berura“) zum Buch „Orach Chajim“ zurücknimmt. Er erinnerte an eine Protestschrift von Rabbinern aus dem 19.Jh. gegen die Reform in Deutschland unter dem Titel „Dies sind die Worte des Bundes“ und schrieb folgendermassen: „Sie stimmen darin überein, dass dies (das Gebet in einer beliebigen dem Beter bekannten Sprache) vollständig verboten ist, weil man sich von den neuen Sekten, die von ausserhalb unseres Landes aufgebrochen sind, fernhalten muss, die den Wortlaut unseres Gebetes in die Sprache der Völker übertragen haben. Aber eine Übertretung zieht die andere nach sich…“ Danach erwähnt er einige Gebete, die in ihrem Wortlaut verändert worden waren, ohne diese Änderung aber im übrigen konkret anzugeben. Er beendet seine Abhandlung mit den Worten: „Mögen wir von diesen Ketzereien bewahrt bleiben!“ Es ist, als seien diesen Worte heute geschrieben worden, bei uns in Zürich, ohne dass man sich die Mühe gemacht hätte, die Dinge in unserem Gebetbuch nachzuprüfen.

Eines der ganz kurzen Gebete aus der neueren Zeit, das mir besonders lieb ist, ist das Gebet unter dem Titel „Mein Gott, mein Gott“ von Hanna Szenesh (1921 – 1944), jener Dichterin und mutigen Fallschirmspringerin, die in der Kibbutzbewegung „Ha-Shomer ha-Za´ir“ stand- In unserem Siddur steht es auf S. 218: „Mein Gott, mein Gott! Dass niemals ende – der Sand und das Meer, das Rauschen des Wasser, der Glanz des Himmels, das Gebet des Menschen.“ Wir finden hier die Merkmale eines Gebets: Die Anrede Gottes und eine Bitte. Wie der Zyklus des Kosmos ewig ist, so soll auch das menschliche Gebet sein: mit wenigen Worten umfängt es doch viel. Möge das doch auch die Absicht derjenigen sein, die diesen Wunsch haben: „Bitte ein kurzes Gebet!“ Damit es nicht zu einem Kurzschluss kommt zwischen demjenigen, der sein Gebet flüstert, und demjenigen, an den es gerichtet ist, zwischen demjenigen, der dankt, und der Quelle des Danks, zwischen demjenigen, der mit seinem Lied, Instrumenten, Tanz und Orgel sein Lob zum Ausdruck bringt und demjenigen, der im Gebet gelobt werden soll.

Rabbiner Tovia Ben-Chorin



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