Seine Geburt war unordentlich



Rabbi Salomo ben Isaak aus Troyes gibt auch nach 900 Jahren noch Rätsel auf. Mit einer wissenschaftlichen Tagung versuchten die Stadt Worms und die Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg einigen davon auf die Spur zu kommen.


Was Thomas Mann in seiner biblischen Erzählung «Das Gesetz» über Moses' Eintritt ins Leben sagte, hätte er auch über Raschi sagen können, meinte Hanna Liss, Bibelwissenschaftlerin und Prorektorin der vom Zentralrat der Juden in Deutschland getragenen Hochschule in Worms. Tatsache ist, dass es kaum etwas Biografisches zu ordnen gibt, stattdessen kursieren unendlich viele Veröffentlichungen unter seinem Namen. Johannes Heil, Historiker in Heidelberg, meinte: «Der Blick auf die Person des Raschi wird durch die Selbstverständlichkeit verstellt, mit der sein Werk rezipiert und in Anspruch genommen wird.»

Das allgemein akzeptierte Geburtsjahr 4800 nach dem jüdischen Kalender (1039/40 n. d. Z.) fusst auf Spekulationen, und der Ort der Geburt ist nur eine plausible Vermutung: Troyes in der Champagne. Hier hat er gelebt, gelehrt, Pentateuch, Propheten und Schriften erklärt und den Talmud kommentiert. Die rund zehn Studienjahre im Rheinland an den Lehrhäusern von Mainz und Worms (ca. 1060-70 n. d. Z.) waren wichtig. Sie haben Einflüsse hinterlassen, aber offenbar kein eigenes Œuvre. Umso so grösser ist die Zahl der Legenden. Worms profitiert davon und lockt damit Besucher aus aller Welt in sein altes Judenviertel zum Raschi-Haus und zur Raschi-Synagoge. Einen stabilen Konsens unter den Gelehrten gibt es immerhin über das Sterbejahr 4865 (1104/05 n. d. Z.). Dazu findet sich eine Notiz in einem Manuskript aus dem Jahre 1282 im Sidur Raschi.


Vorläufer statt Nachfolger

Doch ob dieser Sidur mit seinen Gebeten, liturgischen Bräuchen und religionsgesetzlichen Lehren wirklich auf den Weisen aus Troyes zurückgeht wird heute bestritten. Noch der Grossvater Martin Bubers, der Privatgelehrte Salomon Buber meinte, es sei ihm gelungen, aus drei spätmittelalterlichen Handschriften Raschis Urtext herauszudestillieren. Ein Trugschluss, wie sich herausstellte. Der Mainzer Lehrstuhlinhaber für Judaistik, Andreas Lehnardt, wies in Worms darauf hin, dass die Forschung heute etwas anderes für wahrscheinlich hält: der Machsor Vitry, eine Sammlung, die einst für ein Nachfolgewerk des Sidur Raschi gehalten worden war, sei tatsächlich sein Vorläufer. Klar scheint, dass dieser Sidur in seinen verschiedenen Varianten ein Produkt von Raschis Anhängern und deren Nachgeborenen ist. Sie schmückten das Buch mit seinem Namen und verhalfen seinem Inhalt so zu grösserer Autorität.


Raschis Existenz

Selbst von Raschis berühmtem Thora-Kommentar gibt es keine verbürgte Urversion. Stattdessen stehen neben zahlreichen Fragmenten mehr als 100 vollständige Manuskripte zur Auswahl. Die wiederum weichen zum Teil so stark voneinander ab, hat Hanna Liss festgestellt, «dass man sich fragt, ob man noch ein und denselben ‹Autor› vor sich hat, wenn man überhaupt noch von einem ‹Autor› sprechen möchte.» Ihre These lautet deshalb, «dass es ‹den› Raschi literarisch nicht nur nicht gibt, sondern auch, dass es ihn nie gab». Vielleicht erklärt das, warum sich mit seinem Namen ein so umfangreiches Werk verbinden konnte.

Heinz-Peter Katlewski
Quelle: tachles


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