Gemeinsam ist die Gotteserfahrung

Zwischen Jom Kippur und Sukkot liegen lediglich vier Tage. Auf den ersten Blick könnten sie nicht unterschiedlicher sein: Fasten und In-sich-Gehen an Jom Kippur gegenüber dem gemeinsamen Feiern an Sukkot. Doch zwischen den beiden Feiertagen herrscht eine tiefe und tiefgründige Verbindung.

Von Rabbiner Marcel Marcus

Die abschliessenden Schofartöne des «Neila»-Gebets sind noch nicht ganz verklungen, und schon beginnen wir, unsere Sukka zu errichten. Denn es ist ein alter Brauch, dass man unmittelbar nach Ende des Versöhnungstages mit dem Bau der Laubhütte beginnt. Nicht nur, dass uns wenig Zeit dafür bleibt, liegen doch nur vier Tage zwischen Jom Kippur und Sukkot, und nicht nur, dass es «lobenswert» ist, von einer Mizwa zur anderen zu schreiten, dieser Brauch, noch vor dem «Anbeissen» zumindest symbolisch mit dem Bau der Sukka zu beginnen (indem man zum Beispiel nur den ersten Pfosten aufstellt), unterstreicht die Verbindung zwischen diesen beiden Feiertagen.

Verbindung? Eigentlich haben wir es doch mit zwei völlig unterschiedlichen Festen zu tun, die nur durch den Kalender einander nahe gebracht werden. Das eine, der Versöhnungstag, gehört zu den «jamim noraim», den «ehrfurchtsvollen Tagen», ist Abschluss und Höhepunkt der «Zehn Tage der Umkehr», die mit Rosch Haschana begannen und in deren Zentrum der Einzelne und seine Beziehung zu seinem Gott steht, das andere Fest, Sukkot, ist gewissermassen Abschluss der drei Wallfahrtsfeste, die ein halbes Jahr früher mit Pessach begannen und in deren Mittelpunkt die Geschichte unseres Volkes steht. Sie gehören also zwei verschiedenen Gruppierungen der Feiertage an. Auch in ihrer Atmosphäre könnten die beiden Feste kaum unterschiedlicher sein. Jom Kippur ist der Fasttag par excellence, der Tag der «Selbst-Kasteiung», Sukkot hingegen ist die «Zeit unserer Freude», da wir uns freuen sollen an unserem Fest. Den Versöhnungstag verbringen wir fast ausschliesslich im Gebet in der Synagoge, inmitten der Gemeinde, das Laubhüttenfest zum grossen Teil eben in der Sukka, in der Laubhütte, inmitten unserer Familie. Wahrlich, einen grösseren Gegensatz kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen.


Enge Beziehung zu Gott

Wie alle Wallfahrtsfeste ist Sukkot sowohl im landwirtschaftlichen Kalender des Staates Israel wie auch im historischen Bewusstsein des Volkes Israel verankert. Zum einen erinnert es uns an Gottes Schutz während unserer 40-jährigen Wanderschaft durch die Wüste nach dem Auszug aus Ägypten, zum anderen ist es das grosse Erntedankfest am Ende des Sommers. Auch hier eigentlich Gegensätze: die Wanderung im Exil, die Sesshaftigkeit im Lande. Zumindest für diejenigen von uns, denen es vergönnt ist, im Lande Israel zu leben, gilt: Am Erntedankfest freuen wir uns nicht nur über den Ertrag des Bodens, sondern feiern auch unsere Verbundenheit mit dem Land – doch tun wir es, indem wir eine Woche lang in der Sukka wohnen und uns so an die Zeit erinnern, da wir noch nicht im Lande waren, sondern uns auf dem Weg in der Wüste befanden. Aber beiden Situationen gemeinsam ist eine enge Beziehung zu Gott, zum einen sein Schutz während der Wanderung, zum anderen sein Segen während der Ernte. Und so freuen wir uns an unserem Laubhüttenfest über die erfahrene Nähe zu Gott.

Der Ausgangspunkt der «Zehn Tage der Umkehr» ist, hingegen, das Wissen, dass wir diese Nähe verloren haben, und daher suchen wir sie erneut und versuchen, die Entfremdung zu überwinden, in die wir uns durch unser Verhalten hineinmanövriert haben. Die Teschuwa, die Umkehr, ist die erstrebte Rückkehr zu Gott, und um sie zu erreichen, verbringen wir den Versöhnungstag fastend im Gebet. Während wir an Sukkot die Nähe zu Gott feiern, sind wir uns an Jom Kippur der Ferne bewusst, des durch unsere Sünden entstandenen Abgrundes, der uns von Gott trennt.

Aber es geht eben am Versöhnungstag darum, diesen Abgrund zu überwinden, zu Gott zurückzufinden, uns seiner Nähe wieder bewusst zu werden, sie wieder zu erfahren. Und deshalb folgt Sukkot auf Jom Kippur. Weil Sukkot gewissermassen der Abschluss aller Feiertage des Jahres ist, nicht nur der Wallfahrtsfeste, sondern auch der «jamim noraim». Denn Sukkot steht am Ende des Versöhnungsprozesses, nach Abschluss der Teschuwa an den hohen Feiertagen, und in der Sukka freuen wir uns nicht nur über die Ernte (im übertragenen Sinn, das heisst über unser materielles Wohlergehen), sondern auch über die erneut erfahrene Nähe zu Gott.


Fortsetzung von Jom Kippur

Die historischen Assoziationen der Wallfahrtsfeste verweisen auf die Gotteserfahrung des Volkes, das Anliegen der «jamim noraim» ist die Gotteserfahrung des Einzelnen, und an Sukkot kommen beide zusammen und werden mit dem Materiellen (der Ernte) vereint. Deshalb ist es die «Zeit unserer Freude», für viele das schönste Fest unseres Kalenders, das wir im Bewusstsein der erfolgreichen Versöhnung und unseres Wohlergehens feiern. Nicht nur wurde dies erst durch unsere Umkehr am Jom Kippur möglich, sondern diese findet erst in dieser Feier ihren Abschluss. So ist das Laubhüttenfest auch eine Fortsetzung des Versöhnungstages, wie wir es durch den Beginn des Sukka-Bauens im Anschluss an die «neila» zum Ausdruck bringen.
© 2001 - 2005 tachles Jüdisches Wochenmagazin


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