Das Leben als grosses Geschenk |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Rosch Haschana steht für Neuanfang, die Geburt des Lebens, die Erschaffung der Welt. Oberrabbiner Safran über das Neujahrsfest. |
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Der gesunde Menschenverstand
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Der Mensch, der die Gaben der Intelligenz und der Freiheit erhalten hat, ist im Stande, seinem Leben einen Sinn, einen ethischen und historischen Wert zu geben und davon den richtigen Gebrauch zu machen. Sein Leben wird dadurch würdig, gemessen und in den verschiedenen aufeinander folgenden Dimensionen gewertet zu werden. Nur der Mensch kann sich an seiner Vergangenheit orientieren, seine Gegenwart erfassen und seiner Zukunft entgegenblicken. Nur der Mensch verfügt über das Bewusstsein darüber, am Leben zu sein, über das Bewusstsein der Beziehung zwischen seiner Zeit und seinem Wesen. Schon alleine durch seinen gesunden Menschenverstand kann er das Leben als ein Geschenk wahrnehmen, ein geheimnisvolles und mannigfaltiges Geschenk, das ihm von seinem Schöpfer und Herrn zugekommen ist. Gott verleiht ihm das Leben, und er, der Mensch, hat die Aufgabe, es zu gestalten, es mit seinen guten Absichten zu füllen und mit seinen guten Taten auszustatten. Der Mensch kann die Zeit einteilen, die ihm von seinem Schöpfer gewährt wird, um dadurch sein Leben zu formen; er ist in der Lage, diese Zeit, seine eigene Zeit nicht nur zu beherrschen, sondern sie auch einer intellektuellen und moralischen Disziplin zu unterwerfen. |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Der Zeit einen Wert verleihen
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Indem der Mensch also der ihm durch seinen Schöpfer gewährten Zeit zugleich auf moralischer wie materieller Ebene Wert verleiht, macht er auch getreuen Gebrauch dieses göttlichen Geschenkes. Ein solcher Mensch hat das Verdienst, seine Zeit zu «heiligen» und sie somit wieder in die Ewigkeit einfliessen zu lassen, woher sie kommt. Damit hat er das Privileg, sein wohl erfülltes Leben jenem zurückzugeben, bei dem es seinen Ursprung hat, der sein Besitzer, sein Meister und sein Richter ist. Der Mensch kann dieses Verdienst erlangen, dieses Privileg erhalten dank seines Bewusstseins für den Wert der Zeit, und zwar nicht lediglich seiner Zeit in ihrer ganzen Spanne, sondern, und ganz speziell, eines jeden Abschnitts dieser Zeit. Denn wie uns unsere Weisen lehren, kann sich der Mensch «seine ganze Welt im Laufe einer einzigen Stunde erwerben». Tatsächlich kann nicht nur eine einzelne Stunde sondern sehr wohl jeder einzelne Moment für den Menschen die Möglichkeit bieten, sich zu verwirklichen, die Berufung zu erfüllen, die ihm sein Schöpfer auferlegt hat. |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Wesen und Zeit
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Jeder Moment ist also einzigartig, denn er steht virtuell bereit, die gute Tat zu «lokalisieren» und abzugrenzen, die ein menschliches Wesen in ihm entfaltet. Deshalb stellte sich der Weise Hillel die triftige Frage: «Wenn nicht jetzt – wann dann?» Ja, jeder Moment ist einzigartig, unwiderruflich und unwiederbringlich, denn er ist dies alles im Verhältnis zu jedem menschlichen Wesen, das seinerseits einzigartig, unvergleichlich, unerreichbar und unersetzlich ist. Kein menschliches Wesen kann behaupten, dass ein anderes an seiner Stelle die Aufgaben übernehmen könnte, die ihm zugedacht sind, ihm persönlich. «Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich?», lautete vor 2000 Jahren ein anderer Ausspruch von Hillel, der jedoch umgehend beifügte: «Doch wenn ich nur für mich bin, was bin ich?» Er erinnert damit den Menschen an sein grundlegend und zwangsläufig relationales Wesen. Es ist die Wahrheit, dass Wesen und Zeit, menschliches Wesen und menschliche Zeit, Menschsein und Menschenzeit, zwei Begriffe darstellen, deren Verbindung ausserordentlich eng ist; sie identifizieren sich einer durch den anderen. So lautet die Doktrin, die Rabbi Elijahu, der Gaon von Wilna, im 18. Jahrhundert erliess («Likutei hagra al sifra ditseniuta», 39b). Der berühmte Meister des Talmuds und der Kabbala hielt strikte an dieser Doktrin fest. Er machte sie zum Fundament seines Konzepts des menschlichen und jüdischen Lebens, und sie entspringt seinem erleuchteten Glauben an den Schöpfer der, indem er die Welt erschuf, ebenso die Zeit kreierte: «Bereschit bara Elokim», «Gott schuf den Anfang» (denn die Zeit ist ohne Anfang nicht denkbar). Gott gibt dem von ihm erschaffenen Menschen die Spanne Zeit, die nötig ist, um mit ihm eine Einheit zu bilden. Dies bedeutet, dass die dem menschlichen Wesen von seinem Schöpfer gewährte Zeit mit ihm nicht nur insofern verbunden ist, als sie ein von aussen kommendes Element ist, das sich an ihn anbindet, sondern einen Bestandteil seiner selbst bildet: Sie gehört zu seiner Natur. Der Mensch empfängt vom Schöpfer diejenige Menge an Zeit, die seinen Fähigkeiten entspricht. Indem er dieses Quantum göttlichen Ursprungs erhält, «vermenschlicht» es der Mensch, das heisst, er verleiht ihm eine moralische Qualität, er drückt ihm den Stempel seiner Persönlichkeit auf. |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Über sein Wohlbefinden wachen
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Indem der Mensch, der die perfekte Einheit erreicht hat, das göttliche Geschenk der Zeit erhält und sich darüber bewusst wird, wie viel Kraft diese wertvolle Gabe seinem Wesen verleiht, nimmt er mit Ernsthaftigkeit die konkrete Aufgabe wahr, die ihm zukommt, die ihm zur Stärkung seines Wesens gestellt wird: Er beginnt seine menschliche Bestimmung zu verwirklichen, welche der Schöpfer für ihn vorsah, als er «den Menschen erschuf». Denn das menschliche Wesen ist nach dem göttlichen Plan zum «Dienst» an Gott bestimmt, das heisst, es soll in Gedanken und Anwendung die göttlichen Satzungen respektieren, deren Finalität eine moralische ist: Der Mensch muss über sein eigenes Wohlbefinden sowohl spiritueller wie materieller Natur wachen, aber auch über dasjenige seines Nächsten und von seinesgleichen. Diese Doktrin zum Wesen und zur Zeit, zum Leben des Menschen und insbesondere des jüdischen Menschen – festgehalten im «Beit Hamidrasch» des Gaon von Wilna im 18. Jahrhundert in seinem bescheidenen «Studienhaus» im Herzen des jüdischen Armenquartiers in der litauischen Hauptstadt, diese Doktrin, ist rein ethisch-monotheistischer Natur. Sie steht für ein humanitär-religiöses Ideal biblischer Inspiration. Dieses Ideal zeugt vom Verhältnis, das sich zwischen der göttlichen Ewigkeit und der menschlichen Endlichkeit abzeichnet, von der Verbindung zwischen den beiden, und sogar von ihrem Zusammenspiel. Die Verwirklichung dieses Ideals lässt uns an einer schöpferischen Verständigung teilhaben, lebendig und belebend, an einer Zwiesprache für das Leben zwischen zwei Teilnehmern völlig unterschiedlicher Natur und absolut ungleicher Dimension. Und trotzdem bleiben der eine wie der andere, Gott und der Mensch, undefinierbar, unerforschlich in ihrer Essenz. Indessen öffnen sich der eine wie der andere, der allmächtige Gott und seine zerbrechliche Kreatur, für einander, setzen sich miteinander in Verbindung, stehen in einer Beziehung, unablässig und verschiedenartig. Diese Verbindung, nicht zu verstehen und doch in ihrer gelebten Wirklichkeit greifbar, hat ein Ziel. Dieses Ziel ist vordringlich und ultimativ: Es heisst «das Wohl». |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Das Gute tun
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Ist es nicht genau jenes «Wohl», welches das Ziel der Schöpfung ist? Es ist das Wohl, das wirkliche, das in die Tat umgesetzte und einen moralischen Wert bedeutende Wohl, welches das Buch «Genesis» in seinem ersten Kapitel festschreibt, mit Triftigkeit und Beharrlichkeit darlegt; «tov», das «Gute», ein Wohl, welches vorschreibt, das Gute zu tun, es zu pflegen und durch einen unablässigen schöpferischen Willen zu nähren. In der Tat gehört es zur Essenz des Menschen, wie Henri Bergson so klug bemerkt, materiell und moralisch schöpferisch zu sein. Dies wiederum bedeutet auch aus dem Blickwinkel des Judentums: Den materiellen schöpferischen Akt auf eine spirituelle Ebene zu erheben und gleichzeitig die spirituelle Schaffenskraft zu verdinglichen, indem sie in eine konkrete Handlung umgesetzt wird. Darin also liegt die Lehre, die uns Rosch Haschana verkündet, der «Kopf des Jahres», der jüdische Neujahrstag, welcher, wie es die Tradition will, unabdingbar der Jom Hasikaron, der «Tag der Erinnerung» ist. Der Mensch, der das Gefühl für das Leben hat, muss das Bewusstsein der Zeit haben, er muss sich daran erinnern, dass seine Zeit gezählt ist; er hat die Pflicht, keine Anstrengung zu scheuen, um sie fruchtbar zu machen, und dies speziell auf der ethischen Ebene. Er muss ihr einen Inhalt geben, welcher der göttlichen Mahnung gerecht wird, die uns vom Propheten Micha vermittelt wird: «Er hat dir kundgetan, o Mensch, was gut ist; und was fordert der Ewige von dir, als: auf Recht halten, Liebe üben, und demütig wandeln vor deinem Gotte.» |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Weitere Berichte:
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
ISSN 1662-2626 - (C) 2008 - ISRASWISS [com/net/ch] - Alle Rechte vorbehalten |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||