Omer ist ein biblisches Hohlmass, das zwischen zwei bis vier Liter umfasst. Im Frühling, am Ausgang des ersten Pessachtages, zogen Gesandte des jüdischen Volkes hinaus in die Felder um Jerusalem und schnitten eine dem Omer-Mass äquivalente Menge der neuen Gerstenernte ab. Der Grund, dass ausgerechnet Gerstenfelder bestimmt wurden, liegt in der vorzeitigen Reife der Gerste im Vergleich zu anderen Getreidearten. Dann wurde diese Erstlingsernte gemahlen und am 16. Nissan als Omer-Gabe im Tempel in Jerusalem Gott geweiht, wie es in der Thora formuliert ist (3. B. M. 23:9–14). Von dieser Quelle wird auch gelernt, dass bis zum symbolischen Akt des Omer-Schwingens im heiligen Tempel nicht von der neuen Ernte gegessen werden durfte. Erst dies erlaubte dem Volk den Genuss des neuen Getreides. Was hat diese seltsame Prozedur für eine Bedeutung?
Die Erklärung liegt auf der Hand: Der Mensch bearbeitet sein Feld das ganze Jahr über, er pflügt, sät, wässert es. Wenn nun schliesslich die Ernte reif ist und der Mensch seine Sichel bereitstellt, um seine Ernte heimzubringen, so besteht die reelle Möglichkeit, dass sich der Mensch in seinem Herzen denkt: «Meine Kraft und die Stärke meiner Hand hat mir all dies Vermögen geschafft.» (5. B. M. 8:17). Um dem entgegenzuwirken, hat er zuallererst die Verpflichtung, den ersten Schnitt des neuen Getreides dem wahren Eigentümer des Feldes, dem Schöpfer der Welt, zu weihen. Die symbolische Zeremonie des Schneidens des Omer und der Schwingung kann nach der Zerstörung des Tempels nicht mehr ausgeführt werden, wohl aber erhielt sich das Datum des 16. Nissan bis in die jetzige Zeit in seiner massgebenden Bedeutung. Noch heute essen praktizierende Juden kein frisches Getreide – in der rabbinischen Sprache wird es das «chadasch»-Verbot genannt – vor dem 16. Nissan des neuen Jahres.
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Mit dem 16. Nissan beginnt auch die siebenwöchige Periode des Omer-Zählens, wie es heisst: «Und ihr sollt zählen vom Tage nach der (Pessach-)Feier an, von dem Tage, da ihr gebracht habt das Omer der Schwingung, dass es sieben volle Wochen seien. Bis zum Tag nach der siebten Woche sollt ihr 50 Tage zählen …» (3. B. M. 23:15–16). Der 50. Tag ist das Schawuotfest, sodass die Omer-Zählung eine Brücke zwischen Pessach und Schawuot darstellt.
Das Zählen der Omer-Tage ist nicht an die Existenz des jüdischen Tempels gebunden, womit es auch heute verpflichtende Wirkung hat. Man zählt jede Nacht nach dem Sichtbarwerden der Sterne mit einem Segensspruch den spezifischen Omer-Tag, bis man beim 50. Tag, dem Schawuotfest, angelangt ist. Was steckt hinter dem Brauch des Omer-Zählens?
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Rabbi David Abudraham, einer der grossen Gebetskommentatoren der im 14. Jahrhundert in Sevilla lebte, sah das Motiv für das Zählen des Omer eher auf landwirtschaftlich-sozialem Niveau: Die Tage zwischen Pessach und Schawuot fallen in die Hochsaison der Landwirtschaft, in die Erntezeit. Durch die andauernde Beschäftigung auf und mit dem Felde könnte aber das Datum des bevorstehenden Schawuotfestes vergessen gehen. Deshalb wurde der Brauch eingeführt, jeden Tag von Pessach bis Schawuot das Omer zu «zählen», damit alle das genaue Datum des Wochenfestes kennen und somit auch die Wallfahrt zum Tempel mit den Erstlingsfrüchten zum richtigen Zeitpunkt angehen können. Der anonyme Verfasser des Sefer Hachinuch (einige Historiker meinen es sei Rabbi Aharon Halevi, der Ende des 13. Jahrhunderts in Barcelona lebte) begründete das Gebot der Omer-Zählung weniger aus praktischer, agrikultureller, sondern vielmehr aus symbolischer Sicht: Pessach versinnbildliche die physische Freiheit des jüdischen Volkes. Doch allein mit der Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens sei es nicht getan, habe die physische Selbstbestimmung doch nur einen Sinn, wenn sie auch zur geistigen Freiheit führe.
Diese wiederum wurde an Schawuot gewährleistet, als das jüdische Volk bei der Offenbarung am Berge Sinai mit Gott den Bund durch die Thora schloss. Somit sei Sinn und Zweck der täglichen Omer-Zählung, den Übergang von der physischen Freiheit (Pessach) zur geistigen Freiheit (Schawuot) täglich zu verinnerlichen, hat doch die erste ohne die zweite keine wirkliche Berechtigung (Sefer Hachinuch, Gebot 306).
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Über der Omer-Zeit – oder zumindest über einem Teil von ihr – hängt ein Schatten der Trauer. So werden keine Hochzeiten gefeiert, und als Ausdruck der Trauer schneidet man sich nicht die Haare. Der traditionelle Grund dafür liegt in folgender talmudischer Überlieferung: «Man erzählt, dass Rabbi Akiwa 12000 Schülerpaare hatte, und alle starben sie in derselben Zeitperiode. Es wird gelehrt: Alle starben sie zwischen dem Pessachfest und dem Wochenfest.» (Babylonischer Talmud, Traktat Jebamoth 62b). Was war der Grund für dieses tragische, unfassbare Massensterben? Der Talmud gibt an gleicher Stelle die Antwort: «Weil sie einander keine Ehrung erwiesen.»
Rabbi Menachem Ben Shlomo Hameiri (er lebte von 1249 bis 1306 in der Provençe) fügte in seinem Talmudkommentar Bet Habechira hinzu, dass gemäss einer Überlieferung der Geonim das Sterben der Schüler Rabbi Akiwas am 33. Tag des Omer aufhörte. Dementsprechend endet heute in den meisten jüdischen Gemeinden, speziell in Israel und in den sephardischen Gemeinden, die Trauerperiode am 33. Omer-Tag (18. Ijar, dieses Jahr am 27. Mai). Dieser Tag hat aus verschieden Gründen, die hier jedoch nicht alle aufgeführt werden können, feierlichen Charakter. Danach werden wieder Hochzeiten gefeiert.
Es gibt jedoch auch eine andere Auffassung der Trauertage während der Omer-Zählung, sowohl bezüglich der Trauerzeit als auch bezüglich des Trauermotivs: In vielen aschkenasischen Gemeinden ist es Brauch, die 33 Trauertage nicht von Beginn der Omer-Zeit am 16. Nissan an zu zählen, sondern vom Beginn des Monats Ijar (dieses Jahr am 9./10. Mai) bis zum Wochenfest Schawuot, d. h. rund zwei Wochen später. Obwohl es Erklärungen gibt, die diesen Brauch als «Mutation» des ursprünglichen Trauermotivs, des Sterbens der Schüler Rabbi Akiwas, mit zusätzlicher Verschiebung der 33-tägigen Trauerzeit betrachten (Mischna Brura), scheint dieser Brauch doch eine völlig andere Basis zu haben.
Gemäss Daniel Sperber, Träger des Israel-Preises und profunder Kenner jüdischer Bräuche, betrauert nämlich dieser Brauch nicht das Sterben der 12000 Schülerpaare Rabbi Akiwas zu Beginn des zweiten Jahrhunderts, sondern ein Ereignis, dem rund 1000 Jahre später 12000 jüdische Menschen vor allem in der Rheingegend zum Opfer fielen: den ersten Kreuzzug (1096–1099). «Die unter dem Namen ‹Kreuzzüge› bekannte religiöse und soziale Bewegung am Ausgang des 11. und während des ganzen 12. Jahrhunderts, hervorgerufen durch die Konzilbeschlüsse von Piacenza und Clermont (1095), die die Rückoberung Palästinas aus den Händen der ‹Ungläubigen› seitens der Christenheit zum Hauptziel hatte, erhielt eine traurige Bedeutung für die jüdische Geschichte […] Bald tauchte in den raublustigen Begleitern der eigentlichen Kreuzfahrer der nur allzu willkommene Gedanke auf, dass man mit dem Kampf gegen die ‹Ungläubigen› bereits im eigenen Lande beginnen müsse.» Weiter heisst es: «So wurden die Juden in Frankreich, Lothringen und am mittleren Rhein, bald auch die in Böhmen und später in England, die ersten Opfer der Kreuzzüge. Die Zeit der Kreuzzüge wurde, vom Zusammenströmen der ersten Kreuzfahrer an (1096), für die Juden in Frankreich und Lothringen, ganz besonders aber in West- und Südwestdeutschland, eine Periode furchtbarer Verfolgungen, in deren Verlauf Metzeleien von barbarischer Grausamkeit ein Jahrhundert lang in rascher Folge Gemeinde um Gemeinde vernichteten und Tausende von Juden, die es ablehnten, die von den Kreuzfahrern verlangte Taufe zu nehmen, durch Mord oder Selbstmord ihr Leben liessen. Insgesamt fielen diesem […] Morden damals mehr als 12000 Juden zum Opfer. Die ältesten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden Deutschlands und Böhmens, die Zentren der jüdischen Wissenschaft, waren zerstört» (Zitat aus dem «Jüdischen Lexikon»).
Nicht nur fiel die dunkle Nacht des ersten Kreuzzuges genau in die Omer-Zeit, es existieren sogar genaue Daten der Zerstörung einzelner Gemeinden. So wurde die jüdische Gemeinde von Speyer am 3. Mai 1096 (8. Ijar) von den Scharen der Kreuzfahrer heimgesucht, kurz nachdem die jüdische Gemeinde von Trier gänzlich untergegangen war. Am 18. Mai (23. Ijar) gelangten die Kreuzfahrer nach Worms, wo die Juden den Tod durch eigene Hand der Taufe vorzogen. Am 26. Mai (3. Sivan) setzten die Kreuzfahrer ihren blutigen Zug in Mainz fort. Auch ihr Eindringen in Köln ist datiert, mit dem 30. Mai 1096 (6. Sivan). So lässt sich feststellen, dass sich der Schwerpunkt der Zerstörung der jüdischen Gemeinden in der Rheingegend vom Beginn des Monats Ijar bis hin zum Wochenfest (6. Sivan) erstreckte. Deshalb umfasst in vielen aschkenasischen Gemeinden die Trauerperiode während der Omer-Zeit diese bitteren Tage, und somit wich die Trauer über das Sterben der Schüler Rabbi Akiwas dem Entsetzen über aktuellere Tragödien. Oder in den Worten Sperbers: «Das Blut der Schüler Rabbi Akiwas mischte sich mit dem rund 1000 Jahre später vergossenen Blut der westeuropäischen Juden.»
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In unserer Generation jedoch haben sich gerade in der schattigen Omer-Zeit zwei erfreuliche Ereignisse zugetragen: Einerseits im Jahre 1948 die Proklamation des Staates Israel am 20. Omer-Tag (5. Ijar), und andererseits die Vereinigung Jerusalems rund 20 Jahre später am 43. Omer-Tag (28. Ijar). Diese Kalenderkonstellation wird verständlicherweise in religös-zionistischen Kreisen ungern dem Zufall zugeschrieben. Vielmehr habe die Wiedergeburt der jüdischen Nation, gerade als Lichtpunkt in der finsteren Omer-Periode, Symbolcharakter. Vielleicht lässt sich diese Idee in Anbetracht der beiden oben erwähnten Trauermotive der Omer-Zeit weiter ausführen: Das Massaker in den jüdischen Gemeinden der Rheingegend war allen voran eine «physisch-nationale Tragödie» (obwohl sich dort auch bekannte Thora-Zentren befanden). Diesbezüglich versinnbildlicht die Gründung des unabhängigen Staates Israel eine gewisse Heilung, umso mehr als eine der Grundsäulen des jüdischen Staates der Schutz jedes Juden ist. Auf der anderen Seite bedeutet das Sterben der 12000 Schülerpaare Rabbi Akiwas nebst der menschlichen Tragödie vor allem den Verlust eines riesigen Schatzes von Thorawissen, der so schwerwiegend war, dass die Kette der mündlichen Überlieferung beinahe unterbrochen wurde. Rund 2000 Jahre später ist die Wiedervereinigung Jerusalems in symbolischer Hinsicht Balsam auf diesen Wunden, wurde doch nun das geistige Zentrum des jüdischen Volkes zu neuem Leben erweckt. So sind die Gründung Israels und die Vereinigung Jerusalems nicht nur individuelle Lichtblicke in der dunklen Omer-Periode, sondern versinnbildlichen auch die nationale respektive spirituelle «Antwort» auf die beiden älteren historischen Trauermotive. Endlich hat das Blut der Schüler Rabbi Akiwas und der Opfer der Kreuzfahrer – wenigstens auf symbolischer Ebene – im modernen Staat Israel und in dessen Hauptstadt seine Ruhe gefunden. © 2001 - 2005 tachles Jüdisches Wochenmagazin
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