Auf der Suche nach ihren Wurzeln

Tu Bischwat, das Neuvon Bathsheva Pomerantz



Dass an Tu Bischwat Bäume gepflanzt werden, weiss jedes Kind. Zum ersten Mal wird dieses Jahr aber eine Verbindung zwischen den Bäumen im Wald und den Stammbäumen von Familien hergestellt.



Jahrsfest der Bäume, das dieses Jahr auf den 25. Januar fällt, wird laut jüdischem Kalender am 15. Schwat begangen. Es markiert das Ende des Winters im Lande Israel. Der Grossteil des Regens ist niedergegangen, die Erde beginnt zu erwachen, und die Bäume, allen voran der Mandelbaum, tragen die ersten Blüten. Im modernen Israel ist Tu Bischwat ein willkommener nationaler Feiertag. Schulkinder, Jugendliche und Erwachsene pflanzen Setzlinge im ganzen Lande, hauptsächlich mit Hilfe des Jüdischen Nationalfonds (Keren Kayemeth Leisrael). In jüngster Zeit erhielt das Bäumepflanzen eine ganz neue Dimension, beginnen doch mehr und mehr Israeli aller Altersstufen, ihre Familienwurzeln zu erforschen. Nach Aussage von Chana Furman, Präsidentin der Israelischen Genealogischen Gesellschaft (IGS) konzentrierten sich in den ersten zehn Jahren nach dem Holocaust Überlebende in Israel auf den Wiederaufbau ihres Lebens, und es gab keine gezielten Bemühungen, Familiengeschichten zusammenzustellen. Die Suche setzte erst dann ein, als das Ausmass des Verlustes an Menschenleben sich abzuzeichnen begann. IGS, die der Internationalen Vereinigung jüdisch-genealogischer Gesellschaften angehört, ist 1983 von der Jerusalemer Geschichtslehrerin Esther Ramon gegründet worden. Heute sind IGS rund zweihundert Mitglieder angeschlossen, die sich auf sechs Filialstellen im ganzen Land verteilen. Die «Special Interest Groups» der Gesellschaft befassen sich mit spezifischen geografischen Regionen, wie Erez Israel, Spanien, Deutschland und Österreich. Die IGS veranstaltet Vorträge von historischem Interesse auf Hebräisch und Englisch zu Themen wie «Ketubot» (Eheverträge, Dokumente, die oft Informationen über Familien enthalten) aus dem 13. Jahrhundert aus Nordafrika, weist auf verwandte Anlässe und Studientage hin und publiziert die Quartalsschrift «Sharsheret Hadorot» (Kette der Generationen). Obwohl Mitglieder in der Regel an der Erforschung der eigenen Wurzeln interessiert sind, nehmen sie an den allgemeinen Veranstaltungen und den Aktivitäten der «Special Interest Groups» teil, weil sie hoffen, auf diese Weise an Informationen zu gelangen, die ihnen bei ihren persönlichen Nachforschungen helfen. «Wir lernen von jedem», sagt Chana Furman. «Wenn ein Mitglied etwas entdeckt, kann das manchmal anderen bei ihren Forschungen helfen.»


Familiensuche im Internet

Die wichtigste Internet-Quelle ist JewishGen, welche jüdische Genealogieforscher weltweit mit Diskussionsgruppen, Links und Datenbasen in Verbindung bringt. Chana Furman empfiehlt allerdings, vor dem Surfen auf dem Netz alles niederzuschreiben, was einem über die eigene Familiengeschichte bekannt ist. «Sprich mit deinen Cousins. Jeder erzählt eine andere Geschichte. Diese lassen sich zusammensetzen, bis die ganze Geschichte aufgedeckt wird.» Sie empfiehlt ferner die Errichtung eines Stammbaumes mit Fotografien und die Anfertigung eines Diagramms mit Bleistift, damit sich Korrekturen und Aktualisierungen leicht anbringen lassen. Ein solches Diagramm enthält Geburtsdaten und -orte, die Mädchennamen von Frauen und die Namen nach der Heirat, Daten der Auswanderung, Kinder und Berufe. Man kann sich auch mit der Jewish Agency, dem Joint Distribution Committee, dem Zionistischen Archiv und den Kibbuz-Archiven in Verbindung setzen. Letztere verfügen über Informationen hinsichtlich der Bevölkerung in Israel vor dem Holocaust. Eine weitere gute Informationsquelle sind die «Chevrot Kadisha» (Beerdigungsgesellschaften). Grabsteine vermitteln oft zusätzliche Details. Im Bestreben, die Namen und Lebensgeschichten aller im Holocaust ermordeten Juden zu rekonstruieren, hat Yad Vashem kürzlich eine Datenbasis mit drei Millionen Namen von Holocaust-Opfern und relevanten Hintergrundinformationen online geschaltet. Das offeriert massenweise genealogische Informationen. Über drei Millionen Besucher aus 163 Ländern haben die Site bis jetzt konsultiert. 39 Prozent der Besucher stammen aus Israel, 33 Prozent aus Nordamerika, 24 Prozent aus Europa und vier Prozent aus anderen Teilen der Welt.


Festhalten an der Vergangenheit

Zur Chen, ein Experte für die Entwicklung von Software und Fachmann für Absicherung des Inhalts, ist der Gründer der Site «Mishpuhe» (jiddisch für «Familie»), die ihren Betrieb vor fast drei Jahren aufgenommen hat, als Chen eine Website konstruiert hatte, um die digitalen Fotografien seiner eigenen Familie zu verbreiten. Als seine Grossmutter starb, gründete Chen ein Forum zu ihrem Andenken. Auf diese Weise fanden Erinnerungen, Fotos und sogar Rezepte ihren Weg in das Forum. Der Erfolg war so durchschlagend, dass Chen anfangs 2003 eine Applikation einführte, die anderen Familien den Gebrauch von «Mishpuhe» ermöglichte. Heute handelt es sich um ein Portal mit Texten, Fotografien und Familienereignissen. Eine beliebte Form der Dokumentierung und des Festhaltens der Vergangenheit, bei gleichzeitiger Aufführung des Wachstums und der Veränderungen in der Familie. Chen schuf auch «Digital Roots», ein Instrument, das Genealogen, Lehrern und Studenten hilft, die sich mit Familienforschung befassen. «Digital roots ist benutzerfreundlich und hat zahlreiche Links zu Quellen und Artikeln über Genealogie. Die Site gestattet Studenten auch, Videos und Präsentationen aufzuladen.» Chen arbeitet mit grafischen Fachleuten von Shorashim Family Mementos, die authentische, auf jede Familie zugeschnittene Stammbäume mit Fotos anfertigen. Für die Website werden die Stammbäume digitalisiert. Tu Bischwat ist ein besonderer Festtag, der die Juden der Diaspora an ihre starken Verbindungen zum Lande Israel erinnert. Entsprechend sei, wie Chen bemerkt, die Erforschung der Wurzeln ein wichtiges Instrument zur Stärkung der jüdischen Identität. Zu Ehren von Tu Bischwat hat Chen einen Wald geschaffen, der Familien, Einzelpersonen und Soldaten das Pflanzen virtueller Bäume mit Grussbotschaften erlaubt. So können Interessierte einen virtuellen Wald an einem Standort nach ihrem Wunsch in Israel errichten. Genau so, wie individuelle Bäume zu einem Wald werden, halten Stammbäume das Leben von Einzelpersonen fest, die zusammen die Nation Israel ausmachen.
www.isragen.org.il
www.jewishgen.org
www.yadvashem.org
www.mishpuhe.co.il
www.myshorashim.com
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