Spiegel jüdischer Identitäten |
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Ein historischer Blick auf die Chanukkageschichte und ihre verschiedenen Auslegungen. |
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Der geschichtliche Hintergrund
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Um Chanukka als sinnvolles Ereignis mit spirituellen, weltanschaulichen und politischen Dimensionen zu erfassen, halten wir uns als erstes den geschichtlichen Hintergrund vor Augen. Dazu dienen verschiedene historische Quellen, wie die apokryphen Makkabäerbücher, das geschichtliche Werk des Flavius Josephus und die modernen Forschungsarbeiten von Elias Bickerman und Victor Tcherikover. Die Begebenheiten von Chanukka geschahen auf dem Hintergrund der so genannten hellenistischen Periode, die mit der Eroberung des Orients durch Alexander den Grossen um ca. 330 v. d. Z. begann und nach rund 300 Jahren mit der römischen Eroberung des Ptolemäischen Reiches endete. Der vom Philosophen Aristoteles erzogene Alexander war von den orientalischen Völkern, die er erobert hatte, fasziniert und begann mit der Schaffung einer universalen Kultur, die griechische Elemente mit östlichen Traditionen verschmolz. Diese Synthese wird in der modernen Geschichtsforschung als «Hellenismus» bezeichnet. Nach Alexanders Tod kämpften seine führenden Generäle um die Vorherrschaft, was zur Bildung dreier hellenistischer Grossreiche führte, die den östlichen Mittelmeerraum für die nächsten 200 Jahre beherrschen sollten. Um das Land Israel rangen das syrische Seleukidenreich – genannt nach seinem Gründer Seleukos, Vater von Antiochus I. – und das von Ptolemäus gegründete Reich Ägypten. Die Ptolemäer regierten ca. 100 Jahre lang das Land Israel, bis es um 218 v. d. Z. von Antiochus III. erobert wurde. Dieser war den Juden freundlich gesinnt, neigten die hellenistischen Herrscher doch generell dazu, die althergebrachten Traditionen des Ostens zu respektieren. Doch Antiochus III. erlitt von den aufstrebenden Römern empfindliche militärische Niederlagen, was seinen Sohn und Nachfolger, Antiochus IV. Epiphanes – den Böewicht der Chanukkageschichte – in eine Situation chronischer Geldnot brachte. Dies schwächte ihn und machte ihn für Bestechungen zugänglich. |
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Der Aufstand der Makkabäer
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Im Jahr 166 v. d. Z. stellten die Griechen in der Stadt Modiin einen Altar auf. Als sich ein Jude zur Opferung eines Schweins anschickte, stürzte der Priester Mattitiahu mit dem Ruf «mi lhaschem, elai!» («Wer mit Gott ist, geselle sich zu mir!») hervor und tötete ihn und die griechischen Beamten. Zusammen mit seinen fünf Söhnen und weiteren Anhängern zog sich Mattitiahu in die judäischen Berge zurück und führte von dort aus einen erfolgreichen Guerillakrieg gegen die jüdischen Hellenisten und gegen die griechischen Truppen, die diesen zur Hilfe kamen. Nach Mattitiahus Tod fügte Jehuda Hamakkabi den Griechen weitere Niederlagen zu, was zu einem Waffenstillstand führte, in dessen Rahmen Antiochus den Juden die Ausübung der Mizwot wieder gestattete und der Tempel in Jerusalem neu eingeweiht wurde. In Erinnerung daran feiern wir bis zum heutigen Tag das Chanukkafest (Chanukka = Einweihung). |
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Die Bedeutung von Chanukka
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Angesichts der hier kurz und schematisch dargestellten geschichtlichen Fakten stellt sich nun die Frage nach der historiosophischen Bedeutung von Chanukka. Was feiern wir eigentlich? Den militärischen Sieg Judäas über den griechischen Feind? Den Sieg der orthodoxen Eiferer über die hellenistischen Juden? Das Ölwunder im Tempel? Oder die Erlangung der nationalen Unabhängigkeit Judäas? – Nun, das hängt davon ab, wen wir fragen! Ultraorthodoxe Eltern erzählen ihren Kindern von der Bosheit von Antiochus, der den Juden nicht nur die Ausübung der Thora verbot, sondern das Judentum durch fremdes Gedankengut zu verunreinigen trachtete. Die Griechen machten doch Jerusalem zu einer Polis, einer freien, demokratischen Stadt, wo jüdische Jugendliche in Gymnasien Sport trieben und Homer lernten – Werte, die der Thora ursprünglich fremd waren. Wenig oder gar nichts erzählen charedische Eltern ihren Kindern von den militärischen Errungenschaften des Jehuda Hamakkabi. Dafür betonen sie die Errettung der Juden durch die Hand Gottes und das Ölwunder, welches übrigens auch im kurzen Talmudabsatz, der von Chanukka spricht, im Mittelpunkt steht. Über die Dynastie der hellenisierten Haschmonäer – Nachkommen des frommen Priesters Mattitiahu! – wird geschwiegen, nichts von den jüdischen Königen Aristobelus, Alexander Janai oder der Königin Schlomzion erzählt. |
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Pluralistisches Judentum
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Für mich bedeutet der Sieg der Makkabäer letztlich die Durchsetzung des Rechts, anders zu sein. Die Makkabäer kämpften für das Überleben des Judentums in einer kosmopolitischen Welt. Doch brachen sie nicht mit der hellenistischen Umwelt, denn das wäre kultureller und politischer Selbstmord gewesen. Vielmehr schlossen sie militärische Bündnisse mit hellenistischen Staaten und waren auch für kulturelle und geistige Impulse des Hellenismus offen. Zum Beispiel übernahmen die Rabbiner – so der Historiker Bickerman – das griechische Ideal des intellektuellen Studiums von kanonischen Texten, ein Schritt, der wesentlich zum Überleben des Judentums nach der Katastrophe der Zerstörung des Tempels beigetragen hat. Die Integration hellenistischen Gedankenguts in das Judentum war allerdings kein harmonischer, linearer Prozess, sondern von innerjüdischen Spannungen, vor allem zwischen den Pharisäern und Sadduzäern, begleitet. Heute wie damals nimmt das Judentum in einem dialektischen Prozess kulturelle und geistige Elemente der Umwelt auf, besteht aber auch auf Erhaltung jüdischer Grundwerte. Es ist wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, in welchen Punkten Judentum und Hellenismus voneinander abweichen. Zum Beispiel war die Demokratie in einer hellenistischen Polis nur einer kleinen Minderheit zugänglich, Frauen und «Barbaren» waren die demokratischen Rechte verwehrt. Die Griechen versklavten Hunderttausende von Frauen und Männern und beuteten sie schamlos aus. Dieser Unbarmherzigkeit tritt die Thora entgegen, welche die Gottesebenbildlichkeit aller Menschen lehrt, was in zahlreichen sozialen Geboten und dem jüdischen Ideal der «zedaka» (Wohltätigkeit) zum Ausdruck kommt. Juden leben seit jeher im Bewusstsein von der Vergänglichkeit politischer Machtverhältnisse, was den gerade in Mode stehenden Konsens in ihren Augen relativiert. Die allmächtig scheinenden Griechen wurden von den Römern vernichtet, das Römische Reich von germanischen Stämmen zerstört. Das jüdische Volk aber hat überlebt. Warum? Genau wissen wir es nicht, daher spricht man ja auch von einem Wunder. Dies ist das Ölwunder von Chanukka: Die Flamme des Judentums brennt weiter. |
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Weitere Berichte:
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