Über ein Jahr nach den antisemitischen Ausschreitungen bei einem Spiel in der Berliner Kreisliga in Altglienicke konstatiert der Verein TuS Makkabi, dass die Judenfeindschaft auf Berliner Fussballplätzen gewachsen ist.
"Derzeit herrscht eine Stimmung gegen uns, die ist unterträglich", sagt Tuvia Schlesinger, Vorsitzender des jüdischen Sportvereins Makkabi in Berlin. In einem Interview mit der "Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung" spricht Schlesinger darüber, was sich nach den schweren judenfeindlichen Ausschreitungen bei einem Kreisligaspiel im September 2006 in Altglienicke geändert hat. Damals hatte die zweite Mannschaft des TuS Makkabi aus Protest den Platz verlassen, ein Sportgerichtsverfahren war die Folge. "Die Situation hat sich für unsere Fussballmannschaften verschlechtert", sagt Schlesinger. "Mittlerweile scheint es gesellschaftsfähig zu sein, uns zu beleidigen."
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Das Kreisligaspiel in Berlin sorgt bundesweit für Aufsehen. Spieler eines jüdischen Vereins hatten das Feld verlassen, weil sie sich von Zuschauern bedroht fühlten.
Am Kreisligaspiel zwischen der Fussballmannschaft TuS Makkabi Berlin und der VSG Altglienicke hätte kaum jemanden in Deutschland interessiert, wäre das Spiel normal verlaufen. Die Partie am 26. September 2006 im Ost-Berliner-Stadion war jedoch für die jüdischen Spieler alles andere als sportlich.
Makkabi-Spielmacher Vernen Liebermann hat bereits beim Aufwärmen vereinzelt Sprüche wie "Deutschland ist keine Judenrepublik" oder "Deutschland ist kein Judenstaat" gehört. "Ich bin daraufhin zum Schiedsrichter gegangen und habe ihn auf die antisemitischen Sprüche aufmerksam gemacht", erzählt der 24-jährige Student. "Dieser erwiderte, dass er, wenn er etwas hört, sofort das Spiel abbrechen würde. Dafür ist er da."
Aber Schiedsrichter Klaus Brüning hatte angeblich nichts gehört und daher auch nichts unternommen. Sichtlich nervös sagte er auch vor dem Sportgericht aus. Seine banale Begründung war, er habe sich auf das Spiel konzentrieren müssen.
Das Verhalten des Schiedsrichters trug Eskalation der Lage bei. Für Vernen Liebermann, dessen Grosseltern die Nazi-Zeit im Ghetto überlebt hatten, entwickelte sich jener Abend zu einem Albtraum. "Alle zehn Minuten kam dann irgendein Schrei, irgendein Ruf gegen Juden, zum Beispiel 'Hier regiert nicht der DFB, hier regiert die NPD', 'Judensau' oder 'Synagogen brennen'."
Die jüdischen Spieler wurden immer nervöser und konnten sich auf die Partie nicht mehr konzentrieren. Während des Spile wurde zudem der Makkabi-Trainer von der Seitenlinie weggeschickt. Zur Halbzeit führte in deren Folg Altglienicke mit 3:0. Die Stimmung auf der Aportanlage wurde immer aggressiver. Die rechtsradikalen Störer standen neben der Auswechselbank von Altglienicke mit Bierflaschen in der Hand und grölten immer lauter, ihre Freundinnen sassen sogar in der Box. Die Makkabi-Fussballer hielten daher die Hooligans für Freunde der gegnerischen Mannschaft.
Dann kam die 78. Minute. Der jüdische Abwehrspieler Raffael Tepmann reagierte auf das Geschrei, indem er den Störern laut zurief: "Haltet die Fresse, Jungs!" Daraufhin erhielt er vom Schiedsrichter die gelbe Karte. Vernen Liebermann ging zum Schiedsrichter und sagte ihm: "Wenn er einen Funken Anstand hat für die Geschichte in diesem Land, dann müssen Sie etwas unternehmen und uns helfen." Daraufhin erhielt Liebermann die Gelb-Rote-Karte.
Liebermann weigerte sich zuerst den Platz zu verlassen. Gleichzeitig bestätigte die Trainerin des VSG Altglienicke, Kerstin Forchert, den NPD-Ruf, drängte die Störer hinaus und bat die Makkabi-Spieler, weiter zu machen. Diese hatten aber Angst. Daher ging die ganze Makkabi-Mannschaft vom Platz, um eine Eskalation zu verhindern. Nach dem Spiel wurden sie sogar bedroht, so dass sie ungeduscht so rasch wie möglich wegfuhren. Die Polizei kam erst eine Stunde später.
Noch in der Nacht wurde der Altglienicker Jugendkoordinator Sven Klebe, der nicht im Stadion war, telefonisch über den Vorfall informiert. Da die NPD eine Woche zuvor im gleichen Stadtteil 18 Prozent der Stimmen erreicht hatte, befürchtete er, dass die Rechtsradikalen seinen Verein einnehmen könnten. Um einen Tag vor dem Pokalspiel mit Hertha BSC die Lage zu beruhigen, entschuldigte er sich als Einziger seiner Mannschaft beim jüdischen Fussballklub schriftlich. "Wir bedauern die Vorfälle und werden unsererseits Schritte einleiten, um solche Dinge zukünftig auszuschliessen", versprach er im Namen des Vereins. "Die angeblichen Anhänger auf der Tribüne werden, so weit wir sie namentlich identifizieren können, ein Stadionverbot unsererseits erhalten."
Mit einer harten Strafe gegen den Kreisligisten Altglienicke wird indessen nicht gerechnet. Bei der viereinhalbstündigen Gerichtsverhandlung in Berliner Haus des Fussballs wurden Spieler beider Mannschaften zu den antisemitischen Sprechchören gefragt. Es wurde klar, dass Schiedsrichter Brüning diese hätte hören müssen. Die Glienicker wollten nur das NPD-Lied nach dem Spielabbruch gehört haben, nichts weiter. Makkabi-Sportleiter und Trainer Claudio Offenberg erhielt lauten Beifall als die "Wegschauer und Weghörer" kritisierte und vom Berliner Fussball-Verband mehr Solidarität verlangte. "Wir sind hier nicht nur Fussballspieler und Trainer, sondern vor allem Bürger einer Demokratie, in der die Würde des Menschen unantastbar ist." Und BFV-Präsident Bernd Schultz betonte die Notwendigkeit, die Schiedsrichter für rassistische Sprüche zu sensibilisieren.
Der jüdische Fussball-Klub TuS Makkabi hat gegen das Urteil des BFV-Sportgerichtes im Zusammenhang mit dem abgebrochenen Skandalspiel in der Berliner Kreisliga bei der VSG Altglienicke II Berufung eingelegt. "Die vom Sportgericht beschlossenen Sanktionen und Massnahmen erscheinen uns in keiner Weise geeignet, vor dem Hintergrund der Zunahme der Gewalt und rassistischer Schmähungen in den deutschen Stadien und auf den Berliner Fussballplätzen, ein deutliches Signal gegen Intoleranz zu setzen", begründete Makkabi die Berufung.
Der Berliner Fussball-Verband im Laufe der Berufungsfrist hierzu niemals eindeutig Stellung bezogen, dafür sprach er sich mehrheitlich gegen eine Berufung aus. Das abgebrochene Spiel auf neutralem Platz neu angesetzt. Zudem wurde der Spieler Georgi Aidinjan (TuS Makkabi) wegen Schiedsrichter- Beleidigung für zwei Pflichtspiele gesperrt. Mit dem Urteil sei TuS Makkabi zudem in finanzieller Hinsicht benachteiligt worden, weil die Verfahrenskosten geteilt wurden.
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Die antisemitischen Attacken kämen keineswegs nur oder vor allem von Spielern und Vereinen mit muslimischem Hintergrund, berichtet Schlesinger. Wenn TuS Makkabi beispielsweise gegen einen palästinensischen Verein spiele, "dann geht das meistens sehr ruhig ab. Beide Bevölkerungsgruppen sind sich der Brisanz und ihrer Verantwortung bewusst." Auch dass der Antisemitismus ein besonderes Problem im Ostteil Berlins ist, kann Schlesinger nicht bestätigen. "Die letzten Vorfälle hatten wir allesamt in West-Berlin erlebt."
Der Berliner Fussballverband (BFV) trage daran eine Mitschuld. "Der Verband ist im Fall Altglienicke nicht konsequent genug gewesen", sagt Schlesinger. "Er hat die Gelegenheit gehabt, durch massive Sanktionen ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, dass solche Attacken einfach nicht geduldet werden. Das wurde verpasst."
jns und Agenturen 2.3.2008
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