Eine TV-Dokumentation über die Industriellenfamilie Quandt im «Dritten Reich» sorgt in Deutschland für heftige Debatten.
Von Harald Neuber
Eine solche Geheimaktion hatte es in der deutschen Medienbranche lange nicht mehr gegeben. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hatte das Erste Deutsche Fernsehen (ARD) Ende September eine 60-minütige Dokumentation über die Rolle der Industriellenfamilie Quandt während der Zeit des deutschen Faschismus ins Programm gehievt. Kurzfristig und ohne vorherige Ankündigung war eine Sendung über die Schauspielerin Inge Meysel durch den Sachfilm ersetzt worden. Die «geradezu konspirativen Umstände», von denen die «Süddeutsche Zeitung» später schrieb, hatten einen Sinn: Die öffentlich-rechtliche Sendeleitung befürchtete offenbar, dass der bis heute mächtige Unternehmerclan die Ausstrahlung durch eine einstweilige Verfügung verhindern könnte. Grund dazu hätten die Quandts gehabt. Der Film von Barbara Seifert und Eric Friedler weist en detail nach, wie die Familie von 1933 bis 1945 von den Verbrechen des Hitlerregimes profitierte. Erst mit der «geheimen» Ausstrahlung des Films wurde eine Debatte ins Rollen gebracht, die weit über die Verantwortung einer einzelnen Familie hinausgeht. Im Kern geht es dabei um die Frage, welche Bedeutung die Zusammenarbeit zwischen der Industrie und der Nazispitze hatte.
Im Fall der Quandts lässt sich diese Frage recht einfach beantworten. Schon in der 2002 erschienenen Familienbiografie hatte der Wirtschaftsjournalist Rüdiger Jungbluth nachgewiesen, wie die Quandts in den zwanziger Jahren zunächst im Rüstungsgeschäft begannen, um zwei Jahrzehnte später eine aktive Rolle in der faschistischen Wirtschaftselite einzunehmen.
Der damalige Firmenchef Günther Quandt (1881–1954) war schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges vom Tuchfabrikanten zum Zulieferer der deutschen Armee avanciert, er liess Uniformen für die kaiserliche Kriegsmarine schneidern. Obwohl Deutschland den Krieg verlor, gehörten die Quandts zu den Gewinnern. Die Unternehmerfamilie zählte schon bald neben dem Stinnes- und dem Flick-Clan zu der Elite des deutschen Grossbürgertums. Und sie weitete ihre wirtschaftlichen Unternehmungen aus: Neben der Übernahme der Accumulatoren-Fabrik AG (heute Varta) stieg der Familienkonzern in die Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken und damit ins Rüstungsgeschäft ein. Der Trend blieb nicht ohne politische Konsequenzen: Familienbiograf Jungbluth zählt Günther Quandt zu jenen führenden Industriellen, die schon früh die Weimarer Republik ablehnten. 1931 gehörte er zu den politischen Ratgebern Adolf Hitlers – ohne jedoch die unternehmerische Vorsicht zu verlieren: Erst wenige Wochen vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler schloss er sich offen der NSDAP an.
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In der Familie war das lange ein Tabu. Dass Seifert und Friedler ihrer erschütternden Dokumentation den Titel «Das Schweigen der Quandts» gaben, ist nicht weit hergeholt. Für die Dreharbeiten standen die heutigen Vertreter der Familiendynastie für Interviews kaum zur Verfügung. Einzig der Nachkomme Sven Quandt sprach mit den Filmemachern. Allerdings auch nur, um zu fordern, die Geschichte doch nun endlich ruhen zu lassen.
Dabei ist das genaue Gegenteil geschehen. Mit der Ausstrahlung des Films in der ARD brach eine Debatte los, der sich die Familie nicht mehr entziehen konnte. Zu gross war der Druck, zur eigenen Geschichte Stellung nehmen zu müssen. Immerhin gehört die Industriellendynastie auch heute zur Elite der deutschen Wirtschaft. Das Familienvermögen wird auf 20 Milliarden Euro (knapp 33 Milliarden Franken) geschätzt, genaue Daten hat niemand. Unklar ist auch – und das ist die Gretchenfrage –, wie viel von dem Vermögen auf die Geschäfte während des Krieges und der Diktatur zurückzuführen ist. Bekannt ist, dass Günther Quandt ein firmeneigenes Konzentrationslager in der Nähe von Hannover einrichten lies. Dorthin wurden Insassen des KZ Neuengamme deportiert, um unter härtesten Bedingungen für den Familienkonzern und die nazistische Kriegsindustrie zu schuften. Das brutale Kalkül: Pro Monat wurden 80 Tote einkalkuliert. Erst als die Alliierten im April 1945 in die Region vordrangen, sorgte man sich um die Konsequenzen. Die überlebenden Zwangsarbeiter wurden in eine Scheune bei Gardelegen gesperrt und bei lebendigem Leibe verbrannt.
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Zu den wenigen Überlebenden gehört Carl-Adolf Sörensen. Es ist eine der ergreifendsten Szenen des Films, als der heute alte Mann an den damaligen Ort des Leidens zurückkehrt. Das bisherige Verhalten der Familie Quandt lässt vermuten, dass sie weniger die Tränen dieses Opfers als der öffentliche Druck durch die Berichterstattung zum Einlenken bewegt hat. Unmittelbar nachdem der Film ausgestrahlt wurde, veröffentlichten die heutigen Familienmitglieder zwei Erklärungen, in denen sie sich von den Vorwürfen «bewegt» zeigten. «Wir werden an der Aufbereitung (der Vergangenheit, Anm. d. Red.) mitwirken, indem wir die Akten und Dokumente, die sich in unseren Archiven befinden, (…) zur Verfügung stellen», heisst es in einer der Stellungnahmen. Dem Autor Jungbluth war eben das noch vor wenigen Jahren verwehrt worden. Nun soll der 49-jährige Bonner Historiker Joachim Scholtyseck auf Kosten der Familie über drei Jahre hinweg die Familiengeschichte aufbereiten – vom 19. Jahrhundert bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts.
Während der Norddeutsche Rundfunk Ende November eine um 30 Minuten verlängerte zweite Fassung des Filmes ausstrahlte, in dem die Familienmitglieder endlich Stellung nahmen, beschäftigt die deutschen Feuilletons eine Debatte, die ebenso überfällig ist wie die Konfrontation der Quandts mit der eigenen Geschichte: Wurden die Verbrechen der Nazis durch eine nebulöse «Machtergreifung» 1933 möglich? Oder war es das deutsche Grossbürgertum, das sie systematisch aufbaute, um ein Erstarken der kommunistischen Linken zu verhindern?
Das Schweigen der Quandts ist gebrochen. Das Schweigen der anderen über ihre Rolle 1933 bis 1945 aber dauert an. Was nicht nur an den Interessen heutiger Konzerne liegt, sondern auch an dem der Siegermächte. Nach Mai 1945 war es schliesslich die britische Militärverwaltung, die Günther Quandt davor verschonte, vor das Nürnberger Kriegsverbrechertribunal gestellt zu werden. Der ehemalige Wehrwirtschaftsführer wurde wieder gebraucht – als Rüstungsfabrikant im aufkommenden Kalten Krieg. Quelle: tachles 12/2007
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