Schweiz fördert Koexistenz

Schlüssel zum friedlichen Zusammenleben

Am Sonntag, 20. Oktober 2007, hatte die Jerusalem Foundation ihren grossen Tag, konnte sie doch nach mehrjähriger Planung, Bauarbeit und Mittelmobilisierung in aller Welt das Gebäude der Max-Rayne-Hand-in-Hand-Schule für zweisprachige Erziehung einweihen.

Von Jacques Ungar

In der Max-Rayne-Hand-in-Hand-Schule für zweisprachige Erziehung lernen heute bereits über 400 jüdische und arabische Kinder, wobei im Zentrum der von zwei Rektoren – einem jüdischen und einem arabischen – geleiteten Institution der Grundsatz der kulturellen und erzieherischen Gleichberechtigung steht. Hebräisch und Arabisch werden parallel unterrichtet, die Schülerinnen und Schüler erhalten paritätisch Wissen über Kultur der «anderen» vermittelt, und die jüdischen, muslimischen und christlichen Feiertage werden gemeinsam begangen. Je die Hälfte der Kinder haben Hebräisch beziehungsweise Arabisch zur Muttersprache; von den arabischen Kinder sind zwei Drittel Muslime, ein Drittel Christen.


Dialog und Koexistenz

Die 1966 von Teddy Kollek gegründete Jerusalem Foundation (JF), unter deren Ägide das Schulhaus errichtet worden ist, sieht die Förderung von Dialog und Koexistenz in Jerusalem, wo bekannterweise nicht alle Einwohnerschichten für die anderen a priori freundliche Gefühle hegen, als das Zentrum ihrer Aufgabe und Tätigkeit. Dan Meridor, der internationale Präsident der Foundation, formulierte es wie folgt: «Toleranz und gegenseitiges Verständnis sind der Schlüssel zum friedlichen Zusammenleben in Jerusalem. Nur wenn wir uns gegenseitig respektieren, werden wir in dieser Stadt, die wir alle so sehr lieben, die Lebensqualität bedeutend verbessern.»

Hochkarätige Delegationen aus der Schweiz, Deutschland, Grossbritannien, Liechtenstein und Österreich hatten sich am letzten Sonntag auf dem Gelände zwischen dem Westjerusalemer Viertel Pat und dem Palästinenserdorf Bet Safafa gelegenen Schulareal eingefunden, um das neue, sich über 5000 Quadratmeter erstreckende Gebäude der Max-Rayne-Hand-in-Hand-Schule für jüdisch-arabische Erziehung mit ihren Gartenflächen von 5500 Quadratmetern einzuweihen. Das Projekt ist für Israels Hauptstadt ebenso einzigartig wie bedauerlicherweise immer noch ungewöhnlich und pionierhaft. Das hat vor allem damit zu tun, dass eine Schule, an der jüdische, christliche und moslemische Kultur parallel unterrichtet wird, vor allem in Kreisen rechts von der politisch-ideologischen Mitte immer noch Nasenrümpfen, wenn nicht gar Panik und Feindseligkeit verursacht.


Schweizer Engagement

Die Delegation aus der Schweiz wurde angeführt von Walter Fust, dem Direktor der zum Eidgenössischen Departement für Auswärtige Angelegenheiten gehörenden Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA). Das überrascht nicht, gehört die DEZA mit ihrem Beitrag von drei Millionen Franken für das Klassenzimmerhaus doch zu den wichtigsten Spendern für das Bauprojekt. Hinzu kommen über 230000 Franken von acht Kantonen. Als Dank ist jeder Kanton in «seinem» Zimmer mit seinem Kantonswappen vertreten. Das Schweizer Hauptgebäude beherbergt auf rund 1600 Quadratmetern die Zimmer für die zweiten bis achten Klassen. Zusammen mit privaten Spenden beläuft sich der Anteil der Schweiz auf rund vier Millionen Franken, nach Angaben der Jerusalem Foundation (JF) gut ein Drittel der gesamten Baukosten. Vom laufenden Betriebsbudget übernimmt die Stadt 60 Prozent. Die restlichen 40 Prozent, rund vier Millionen Shekel (knapp 1,2 Millionen. Franken), tragen die Eltern der Schüler, oder sie werden durch Spenden aus dem Ausland gedeckt. Erwähnenswert ist auch die Liechtenstein-Bibliothek mit einem Resourcenzentrum und einem Fassungsvermögen von 5000 Buchbänden. Die Bibliothek soll der Weiterentwicklung der Schulprogramme dienen.


Die Zahlen sprechen für sich

Mehr als viele Worte beweist die Statistik, wie sehr die Hand-in-Hand-Schule trotz anfänglicher Opposition konservativer und ultrareligiöser Kreise eine echte Notwendigkeit ist. Angefangen hatte alles 1998 in einem einzigen Klassenzimmer in einer anderen Schule, welche die komischen Käuze nachsichtig lächelnd tolerierte, da man sicher war, dass der Traum von einer solchen Schule über kurz oder lang am rauen Alltag der Stadt zerbrechen würde. Im Schuljahr 2006/07 aber zählte man bereits 370 Kinder, 64 mehr als im Vorjahr, und im laufenden Schuljahr wird die Schule bereits von 410 Kindern besucht. Das jährliche Wachstum fiel nie unter 20 Prozent. Dieses Jahr konnte zudem erstmals eine achte Klasse eröffnet werden, was die Hand-in-Hand-Schule zur effektiven Volksschule gemacht hat. Die Max-Rayne-Schule will laut JF helfen, Frieden und Koexistenz zu Realitäten werden zu lassen. «Jerusalem gehört nicht nur seinen Bürgerinnen und Bürgern, sondern der ganzen Welt», meinte Zeev Druckman, der Architekt des Projektes, bei der Einweihungsfeier. Vor dem Hintergrund dieser Äusserungen konnte und wollte die DEZA das Projekt mit unterstützen. Die Eidgenossenschaft will sich offenbar auch weiter bei ähnlich gelagerten Projekte in Israel engagieren. Walter Fust bestätigte gegenüber tachles, dass man derzeit Projekte im interkulturellen Bereich prüfe. Wer den Frieden in der Region stärken wolle, müsse vor allem die Erziehung der Kinder auf beiden Seiten fördern, meinte er und zitierte bei dieser Gelegenheit Rolf Walter Corti, den Gründer der Pestalozzidörfer: «Wenn Menschen Kriege gegeneinander führen können, dann können sie auch lernen, Frieden zu machen. Das beginnt bei der Erziehung der Kinder.»
Quelle: tachles
25. Oktober 2007


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