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Die Identifikation mit einer Partei ist unmöglich
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Von Alison Weill
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Die eidgenössischen Wahlen vom 21. Oktober rücken näher. Wie jüdische Jungwähler den Wahlherbst erleben, wird in Gesprächen, die tachles führte, deutlich.
In der zu Ende gehenden Legislaturperiode beträgt das Durchschnittsalter der 246 Parlamentarierinnen und Parlamentarier im Bundeshaus rund 50 Jahre, und kein einziger Sitz ist von einer Politikerin oder einem Politiker unter 25 Jahren belegt. Nur drei Parlamentarier sind jünger als 30 Jahre. Da stellt sich die Frage, wie die Schweizer Jugend und speziell die jüdische Jugend die Politik und die Parteien beurteilen. Sind die Jugendlichen in der Schweiz wirklich uninteressiert am politischen Geschehen, oder bekommt die Öffentlichkeit einfach nicht mit, was vor sich geht, da die politische Teilnahme eher unauffällig geschieht? Was denken die jüdischen Teenager über die bevorstehenden Parlamentswahlen, und welche Parteien sind für sie attraktiv? Spielt der Nahostkonflikt eine Rolle für die jungen jüdischen Menschen in Bezug auf den Wahlkampf?
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Schweiz oder Israel?
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Grundsätzlich stellt sich für die jüdische Jugend in der Schweiz die Frage, ob die Politik in der Schweiz oder in Israel von grösserer Bedeutung ist. Die 21-jährige Aline Masé, Studentin aus Basel, meint: «Die Politik in der Schweiz interessiert mich natürlich, weil ich hier lebe und von den Entscheidungen direkt betroffen bin. Was politisch in Israel läuft, betrifft mich auch, da ich dort Verwandte und eine emotionale Bindung zum Land habe. Ich weiss, wie viel Arbeit die Pioniere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in dieses Land gesteckt haben, wie positiv ihr Traum war, und es macht mich traurig, wenn das alles kaputt gemacht wird.» Dave Chamo, Maturand aus Basel, interessiert sich eher für die Politik in Israel, da er sich zu Israel emotional stärker hingezogen fühlt. Doch finden zahlreiche junge jüdische Leute die Schweizer Politik anregend, weil ihrer Meinung nach das Geschehen in Israel sie nicht direkt betrifft oder sie zu wenig von der Politik Israels verstehen. Ist die junge Generation aber aktiv in der Schweizer Politik? Judith Kakon, 19 Jahre alt, sagt: «Ich nehme nicht aktiv an der Politik teil, ich bin also nicht Parteimitglied. Aber ich beteilige mich an jeder relevanten Abstimmung. Keine Partei in der Schweiz setzt ihre Schwerpunkte so fest oder ist so differenziert, dass ich es verantworten könnte, Teil davon zu sein.»
Viele stimmen der Studentin aus Basel zu und sind der Ansicht, dass sie sich nicht für eine bestimmte Partei entscheiden könnten. Aline glaubt, dass ihre Ansichten nicht in ein Parteiprogramm passen, und dass sie sich wahrscheinlich innerhalb einer Partei zu eingeschränkt fühlen würde: «Zudem bin ich der Meinung, dass man auch in Nichtregierungsorganisationen aktiv sein und politische Ziele erreichen kann, zum Teil sogar ‹sauberer›.» Anderen Jugendlichen hingegen sind politische Massen grundsätzlich suspekt.
Zu den Themen der Parlamentswahlen gibt es unterschiedliche Reaktionen. Gewisse junge jüdische Schweizer wissen nicht, wann die Wahlen überhaupt stattfinden. Andere wissen das zwar, haben aber trotzdem keine Ahnung, was die Inhalte des Wahlkampfes sind. Ihnen ist es egal, was diskutiert wird, und sie haben sich auch nicht informiert. Wiederum andere wissen ganz genau Bescheid und haben auch eine starke Meinung zu den politisch aktuellen Themen. Der 22-jährige Basler Student Joël Hoffmann sagt: «Wichtig sind alle Themen, speziell für direkt Betroffene. Die Themen, welche im Wahlkampf eine Rolle spielen, sind einerseits parteispezifische Themen wie die Ausländerkriminalität der SVP oder die FDP und die Swiss Tax. Andererseits sind sogenannte ‹In-Themen› wie die Jugend bedeutend.»
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Umweltthemen im Blick
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Für Rotem Siani, Maturand aus Bern, ist der Klimawandel bei den Wahlen die bedeutendste Angelegenheit: «Das ist ein Thema, das alle anderen übertrifft. Dieses Thema muss man anschneiden, bevor es zu spät ist.» Für ihn sind deshalb die JungsozialistInnen Schweiz (JUSO) wählbar, da seiner Meinung nach die JUSO-Mitglieder den Klimawandel nicht auf die leichte Schulter nehmen. Er findet zwar, dass das Lebensniveau in der Schweiz so hoch ist, dass kleine politische Änderungen kaum von Bedeutung sind. «Das Leben wird sich nicht drastisch ändern. Wenn es aber um die Umwelt geht, bin ich schon mehr betroffen», sagt Rotem. Der 20-jährige Zürcher Tilon Holtz, der als Auszubildender bei der Zürich Versicherung arbeitet, macht sich auch Gedanken zur Umwelt, und darüber, wie die Parteien sich für diese einsetzen. Beachtlich ist für ihn bei diesem Wahlkampf aber auch der Umgang mit den Ausländern. «Ein solches Plakat wie das aktuelle von der SVP muss mit verfassungstechnischen Mitteln verboten werden!», meint Tilon.
Als seine persönliche Meinung äussert der 25 Jahre alte Vize-Präsident der Swiss Union of Jewish Students (SUJS) Olivier Josefowitz: «Meistens werden im Wahlkampf publikumswirksame Themen diskutiert wie Ausländer, Steuern oder Wirtschaftspolitik, welche die Wähler dazu bringen, eine gewisse Partei zu wählen. Den politischen Alltag prägen aber völlig andere Themen. Die Schweiz muss in den kommenden Jahren sicherlich einiges neu definieren, sowohl die Neutralität und damit die Aussenpolitik als auch die Ausländerpolitik. Im Zusammenhang mit den aktuellen globalen Tendenzen gibt es jedoch noch eine ganze Reihe anderer Themen, welche eine immer höhere Dringlichkeit erhalten. Ich spreche insbesondere von der Wirtschaftspolitik, Umweltpolitik, Bildungspolitik, Gesundheits- und Altersvorsorge, welche der globalen Mobilität und den demografischen Tendenzen angepasst werden müssen.» Olivier, der in Genf studiert und bei IBM arbeitet, findet, dass die Schweiz eine starke Polarisierung erlebt. Deshalb bleibt ihm nur die politische Mitte. Von den linken oder rechten Parteien hält er sich fern.
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Für eine ausgewogene Politik
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Bei der Bildung ist Aline ganz klar der Meinung, dass man dort nicht sparen darf. «Allen Kindern und Jugendlichen sollte man eine Schule ermöglichen, die ihren Fähigkeiten entspricht. Und Disziplin muss man verlangen, vor allem während der obligatorischen Schulzeit.» Sie ist der Ansicht, dass die Schweiz Ganztagesschulen mit Blockzeiten ab der Primarschule braucht. «Die Familienstruktur hat sich verändert, und es kann nicht sein, dass Kinder jeden Tag andere Unterrichtszeiten haben und so mindestens ein Elternteil den ganzen Tag zu Hause sein muss. Sowieso sind Blockzeiten gerade für Kinder mit Migrationshintergrund besser; sie machen in der Schule Hausaufgaben und können Hilfe beanspruchen. Auch beim Mittagessen lernen sie die Sprache und kulturelle Eigenheiten des Landes besser kennen.» Die Politik der SP passt der Studentin in vielen Punkten, jedoch eher innen- als aussenpolitisch. Ihrer Meinung nach ist diese Partei aber manchmal leider ein bisschen zu gutgläubig. Die CVP, FDP und die Grünen kann sie in gewissen Bereichen auch unterstützen. Die SVP ist für Aline gar nicht wählbar, da diese Partei für sie keine Inhalte hat, sondern nur polemisiert.
Dave ist allgemein gegen die ausländerfeindlichen Parteien und eher für die Linken: «Für mich haben die Parteien, die gegenüber Israel positiv respektive nicht negativ eingestellt sind, sicher eine höhere Chance, gewählt zu werden, da dies für mich ein wichtiger Aspekt ist», sagt er zu den Wahlen in Bezug auf den Nahostkonflikt. Aline sagt zum Thema: «Für mich persönlich spielt der Nahostkonflikt insofern eine Rolle, als ich keine Leute ins Parlament wähle, die in Bezug auf Israel eine einseitige Mei-nung vertreten.» Olivier meint, dass die Position der Partei im Nahostkonflikt für ihn nachvollziehbar und sinnvoll sein muss. Das muss aber noch nicht heissen, dass er sich vollständig damit identifiziert. Er findet, dass dies heutzutage unmöglich ist.
Quelle: tachles 4. Oktober 2007
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Wahlbarometer-Umfragen
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Das Wahlverhalten der Jungbürger unterscheidet sich von jenem der Gesamtwählerschaft. Die Wahlbeteiligung bei den Jungen ist geringer als bei der Gesamtbevölkerung. Sie wählen eher links und verhalten sich damit anders als die älteren Generationen. Wie Andreas Ladner, Professor für schweizerische Verwaltung und institutionelle Politik am IDHEAP in Lausanne gegenüber tachles erklärt, nahm die Wahlbeteiligung der Jugendlichen im Jahr 2003 gegenüber früher leicht zu. Die damaligen Wahlen waren sehr spannend, da es darum ging, ob die SVP einen zweiten Sitz im Bundesrat erhalten würde. Ladner glaubt, dass die Beteiligung der jungen Leute an Wahlen auch damit zu tun hat, wie wichtig die Wahlen in der Gesellschaft angesehen werden, und damit, ob und wie die Parteien sich um die Jugendlichen bemühen. Das Forschungsinstitut gfs.bern unter der Leitung von Politikwissenschaftler Claude Longchamp zeigt auf, wie sich das Wahlverhalten der Jungbürger von jenem der Gesamtwählerschaft unterscheidet:
Wahlbeteiligung An den Nationalratswahlen 2007 wollten sich – laut einer Befragung im Sommer – annähernd 30 Prozent der 18- bis 29-Jährigen beteiligen. Dies sind signifikant weniger als ältere Wahlberechtigte und auch weniger als der Schweizer Durchschnitt (47 Prozent). Diese Zahlen können sich jedoch je nach Mobilisierung bis Oktober noch ändern. Generell steigt die Wahlbeteiligung in der Schweiz seit einigen Jahren.
Einkommen Die Wahlbeteiligung der 18- bis 29-Jährigen hängt signifikant vom Geschlecht, der Bildung, der Erwerbstätigkeit und dem Einkommen ab. Einen Einfluss hat auch die Konfessionszugehörigkeit.
Mann und Frau Während bei den Wahlberechtigten insgesamt Männer eher teilnehmen als Frauen, ist dies bei den Jüngeren umgekehrt. Hier wollen Frauen signifikant eher partizipieren. Allgemein nehmen Personen mit höherer Bildung häufiger an Wahlen teil. Dies ist auch bei den Jüngeren so. Beim Einkommen gibt es hier wieder Unterschiede: Wollen bei den Wahlberechtigten insgesamt eher Personen mit hohem Einkommen teilnehmen, sind es bei den Jüngeren verstärkt Personen mit sehr tiefen Haushaltseinkommen. Hier spielt die Erwerbstätigkeit eine Rolle: Jüngere, die (noch) nicht erwerbstätig sind, haben eine höhere Teilnahmeabsicht. Dies betrifft also vor allem Personen, die noch im Bildungswesen integriert sind.
Religion Konfessionslose wollen signifikant eher nicht an den Nationalratswahlen teilnehmen als Personen mit einer Konfession.
Wahlthemen Die Hierarchie der dringendsten Probleme unterscheidet sich bei den Jungen nur leicht von der Priorisierung der Wahlberechtigten insgesamt: An erster Stelle stehen Umwelt- und Klimafragen gefolgt von Ausländerintegration, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftsentwicklung und sozialer Sicherheit. Anstelle der Familienpolitik steht bei den Jugendlichen jedoch die Asylpolitik an fünfter Stelle. Auffallend ist, dass zwar die Arbeitslosigkeit für die Jungen dringender ist als für die Wahlberechtigten insgesamt, aber auch für sie nicht mehr das grösste Problem darstellt.
Einschätzung Die Jungen schätzen sich auf der Links-Rechts-Achse selber stärker links und weniger in der Mitte ein als ältere Wahlberechtigte. Sie bemessen der Dimension jedoch auch weniger eine Bedeutung bei als Ältere. Sie sind bei den politischen Wertedimensionen stärker für eine aussenpolitische Öffnung der Schweiz und postmaterialistisch (Glück und Zufriedenheit ist wichtiger als Geld) und weniger stark für eine Individualverantwortung eingestellt als Ältere. Sie sind jedoch mehrheitlich für die Verantwortung des Einzelnen anstelle einer Verantwortung des Staates.
Parteien Auch bei den Jungen sind SP und SVP die stärksten Parteien, hier liegt jedoch die SP knapp vor der SVP, gefolgt von der FDP, den Grünen, der CVP und der PdA. 18- bis 29-Jährige wollen signifikant stärker die PdA (etwas über zwei Prozent) wählen oder eine leere Liste einreichen. Sie wählen auch stärker die Grünen als Personen höheren Alters. Dagegen wollen sie unterdurchschnittlich die CVP und die SVP wählen.
SVP Für die Wahl der SVP sind bei den Jungen deren Wahlkampf, Themen (Ausländer, Asyl), Personen (Parteipräsident Ueli Maurer) und Werte (verschlossene Schweiz, materialistisch) entscheidend. Aber auch Wähler und Wählerinnen unter 30, die sich einen rein bürgerlichen Bundesrat oder den Status quo bei der Bundesratszusammensetzung wünschen, wollen verstärkt die SVP wählen.
SP Die SP ist für jene Junge attraktiv, die deren Wahlkampf gut finden, die sich selber links einordnen und die klare Position der SP hier gut finden, und welche, die die SP in den Themen soziale Sicherheit, Arbeitslosigkeit und Umwelt für kompetent halten. Auch jene, die gegen einen rein bürgerlichen Bundesrat sind, wählen eher die SP.
FDP Auf die Jungen wirkt bei der FDP deren Wahlkampf, der Wunsch nach der dem Status quo beim Bundesrat sowie ihre Werteposition auf der Achse Materialismus-Postmaterialismus.
CVP Bei den Jungen ist die CVP dagegen nur wegen ihres guten Wahlkampfes noch attraktiv sowie für jene besonders wählbar, die sich einen zweiten Bundesratssitz für die CVP wünschen. Dies tun die Jungen insgesamt aber unterdurchschnittlich.
Die Grünen Die Grünen werden von den Jungen vor allem gewählt, damit die Grünen einen Sitz im Bundesrat erlangen. Dies wollen Junge aber ebenfalls nur unterdurchschnittlich. Auch ihre dezidierte Position für eine offene Schweiz macht die Partei bei Jungen attraktiv. Der Wahlkampf der Grünen wirkt ebenfalls positiv auf die Jungen.
Interesse Seit der Jahrtausendwende ist das Interesse der Schweizer an der Politik im Zeitvergleich hoch: War in den achtziger Jahren nur knapp die Hälfte der Schweizer an Politik interessiert, sind es nun fast zwei Drittel der Stimmberechtigten, die sich zumindest eher für Politik interessieren. Überhaupt nicht an Politik interessiert ist etwa ein Zehntel der Stimmberechtigten, während ein Viertel eher nicht interessiert ist (Quelle: Vox-Analysen). Im Generationenvergleich sind es die Älteren, die sich stärker für Politik interessieren als die Jüngeren. Damit findet sich auch in der Schweiz wie in anderen westlichen Demokratien der allgemeine Trend von steigender Bildung, kognitiven Fähigkeiten und politischem Interesse. Dieser Trend zu gesteigertem Interesse zeigt sich jedoch nicht unbedingt bei der Jugend, sondern bei den älteren Stimmbürgern. Es muss jedoch hinzugefügt werden, dass es in der Schweiz keine Jugendlichen-Vergleichsstudien gibt, daher ist diese Frage konkret nur schwer zu beantworten.
Basis der Antworten von Bianca Rousselot von der gfs.bern. Datenfiles basieren auf den Wahlbarometer-Befragungen 4., 5. und 6. Welle im Auftrag der SRG SSR idée suisse.
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