Von Adam Le Bor
Der Antisemitismus in Ungarn nimmt beängstigende Ausmaße an. Zu diesem Ergebnis kam eine kürzlich veröffentlichte Studie der Anti-Defamation League (ADL). Die US-amerikanische jüdische Organisation hatte für ihre Erhebung 500 Personen aus sechs Ländern befragt: Ungarn, Österreich, Schweiz, Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien. Bei drei von vier Fragen zeigten die Ungarn die höchste Neigung zu antisemitischen Attitüden.
Beispielsweise denken 60% der Befragten, dass es ,,wahrscheinlich wahr“ ist, dass Juden ,,zu viel Macht auf der Welt haben“. 61% sagten, dass ,,Juden zu viel Macht auf dem internationalen Finanzmarkt haben“. Und 85% denken, dass ,,Juden zu viel darüber sprechen, was ihnen im Holocaust widerfahren ist“. Außerdem zeigte die Studie, dass 50% der Ungarn mindestens drei von vier Stereotypen über Juden glauben. In den anderen fünf untersuchten Ländern waren es durchschnittlich 28%.
Antisemitismus ist ein sehr empfindliches Thema in Ungarn. Das liegt hauptsächlich daran, dass nach der Besetzung Ungarns durch die Nazis im Sommer 1944 unter dem Regime von Miklós Horthy rund 450.000 ungarische Juden nach Auschwitz deportiert wurden. Die Deportation wurde sogar fortgesetzt, als man wusste, dass Nazi-Deutschland den Krieg verloren hatte.
Anfang des Jahres führte ich ein Interview mit Premierminister Ferenc Gyurcsány. Er behauptete, in Ungarn sei eine noch nie da gewesene Antisemitismuswelle zu beobachten – und zwar vor allem in den konservativen bis rechtsextremen Medien. Ich stimme mit Gyurcsány nicht überein. Die zweitgrößte jüdische Gemeinschaft auf dem Kontinent ist in Ungarn. Etwa 80.000 bis 100.000 Juden leben hier und das jüdische Leben gedeiht. Es gibt jüdische Schulen, etwa ein Dutzend funktionierende Synagogen allein in Budapest, und die Zahl der Gemeinschaftszentren nimmt kontinuierlich zu.
Die rechtsextremen Parteien haben keinen Sitz im Parlament und offen ausgelebter Antisemitismus ist in Ungarn – im Gegensatz zu Polen beispielsweise – in politischen Diskussionen nicht zu entdecken. Die Synagogen brennen nicht. Die jüdischen Friedhöfe werden nicht geschändet. In Manchester brauchen orthodoxe Rabbiner eine polizeiliche Begleitung zu ihrer Synagoge, um vor Übergriffen beschützt zu werden. In Budapest ist das nicht notwendig. Der Antisemitismus besteht in Ungarn eher aus verbalen Übergriffen, die in erster Linie auf Vorurteilen aus dem 19. Jahrhundert basieren. Nur vereinzelt kommt es zu aggressiven Handlungen wie vor einigen Wochen in Debrecen (Nordostungarn), wo ein jüdischer Reporter von Klub Rádió angegriffen und ,,nach Israel zurückgeschickt“ wurde.
Interessant war aber zu lesen, dass die Ungarn es satt haben, vom Holocaust zu hören. Ein Psychologe könnte sicherlich beleuchten, wie Schuld und Leugung sich gegenseitig bedingen. Trotz der tragischen Geschichte des Landes haben sowohl rechte als auch linke Regierungen feierlich den Opfern des Holocaust gedacht. Das Holocaust-Museum in der Páva utca ist beispiellos in Osteuropa. 2001 führte die rechtskonservative Fidesz-Regierung den Holocaut-Gedenktag ein, an dem alle parlamentarischen Parteien den 6 Mio. Opfern des Holocaust gedenken.
Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány leitete dieses Jahr die Gedenkfeierlichkeiten im Museum in der Páva utca. Alle parlamentarischen Parteien unterzeichneten eine Erklärung gegen Intoleranz und Antisemitismus. Ungarische Politiker haben den richtigen Weg eingeschlagen – und zwar nicht nur in Budapest. In Győr (Nordwestungarn) wurden die Namen von 385 deportierten jüdischen Kindern in eine Tafel an deren Schule eingraviert. Im Rahmen des internationalen Projekts ,,Stolpersteine“ sind in mehreren Städten Ungarns kleine Metallplatten im Asphalt vor den Häusern zu finden, wo verschleppte Juden gelebt haben.
Das alles wird die Toten natürlich nicht zurückbringen. Aber eines ist klar: Ungarns Einstellung zu Juden ist wesentlich vielschichtiger, als die ADL-Studie andeutet. Wahrscheinlich hat der Großteil der Befragten noch nie einen Juden getroffen. Wenn sie einen träfen, würden sich die Einstellungen wahrscheinlich schlagartig ändern. Ich sprach mit einer jüdischen Bekannten über die Erhebung. Sie lächelte zynisch und zuckte mit den Schultern. Das sei nichts Neues, sagte sie. Auf die Frage, ob sie jemals daran gedacht hätte, das Land zu verlassen, antwortete sie entrüstet: ,,Natürlich nicht. Ich bin Ungarin.“
Adam LeBor schreibt für die Zeitungen The Times und Economist und ist Autor von zahlreichen Büchern. Wer mehr über ihn erfahren möchte, sollte die Website www.adamlebor.com besichtigen. 30. Juli 2007
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