Terroristen Abu Daud

Vor München hatte keiner eine Ahnung von Palästina

Mohammed Udeh ist noch keine 70, aber ein alter und gebeugter Mann. Es ist schwer, in ihm den Terroristen Abu Daud zu sehen, den mutmaßlichen Drahtzieher des Olympia-Attentates von 1972 in München. Doch der frühere palästinensische Guerillaführer zeigt sich militant wie eh und je. Gewissensbisse scheinen ihn nicht zu plagen.

«Ich kann heute nicht mehr gegen euch kämpfen», sagt der 69-Jährige an die Israelis gewandt in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. «Aber mein Enkel wird es tun und dessen Enkel auch.» Israel müsse Zugeständnisse machen, wenn es je Frieden wolle.

Im Prinzip lehne er Selbstmordanschläge ab, wie sie Anhänger von Hamas und Islamischem Dschihad in Israel verübten, erklärt Udeh in dem Interview in Damaskus. «Aber dann mache ich mir bewusst, dass die Palästinenser nichts anderes haben in ihrem Kampf. Wir haben überhaupt nichts, während unser Feind bis zu den Zähnen bewaffnet ist.»

Das Attentat bei den Olympischen Spielen in München bereut er offenbar nicht. «Vor München waren wir einfach Terroristen», sagt er. «Nach München fingen die Leute wenigstens an zu fragen, wer sind diese Terroristen? Was wollen sie? Vor München hatte keiner eine Ahnung von Palästina.»

Udeh erinnert sich an den Auslöser für den Anschlagsplan: Er habe zusammen mit anderen Untergrundkämpfern in einem römischen Straßencafé gesessen und in einer Zeitung gelesen, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Bitte der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) auf eine Delegation bei den Spielen abgelehnt habe. «Ich erinnere mich daran, dass Abu Ijad mich anschaute und sagte: 'Dann lasst uns auf unsere eigene Weise an den Olympischen Spielen teilnehmen'», berichtet Udeh. Damit sei der Plan geboren worden, israelische Athleten als Geiseln zu nehmen, um palästinensische Gefangene frei zu pressen.

Er sei mit den grundlegenden Vorbereitungen beauftragt worden, sagt Udeh. Die israelischen Sportler - als Reservisten der Streitkräfte - seien für ihn legitime Ziele gewesen. Es habe aber strikte Anweisungen gegeben, keinen der Athleten zu töten, betont Udeh. Als Ausnahme sei Notwehr genannt worden.

Der Anschlag lief aber schon bald nicht mehr nach Plan. Zwar seien die acht palästinensischen Angreifer in einer Gruppe betrunkener amerikanischer Sportler leicht über den Zaun zum Olympischen Dorf gelangt, hätten sich vermummen und israelische Sportler als Geiseln nehmen können, sagt Udeh. Doch zwei der Athleten hätten versucht, die Geiselnehmer anzugreifen - und diese hätten das Feuer eröffnet.

Außerdem habe die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir alle Verhandlungen abgelehnt. Der Geiselnahme am 5. September 1972 und der gescheiterten Befreiungsaktion der deutschen Sicherheitskräfte fielen 17 Menschen zum Opfer, neben den elf Angehörigen des israelischen Olympia-Teams auch ein Polizist sowie fünf Mitglieder des Terrorkommandos «Schwarzer September».

Udeh selbst brachte seinen Angaben zufolge das Terrorkommando bis zum Olympia-Gelände. Als seine Männer, die ihre Gewehre in Sporttaschen verborgen hätten, über den Zaun gestiegen seien, habe er sich entfernt, berichtet er. Zu seiner Rolle in dem Attentat bekannte er sich erstmals in einem 1999 erschienenen Buch.

Nach dem Anschlag lebte Udeh zunächst in Osteuropa, dann im Libanon, in Jordanien und schließlich nach den Oslo-Verträgen mit Israel in Ramallah. Nach Erscheinen seines Buches war er in den palästinensischen Gebieten jedoch unerwünscht und ließ sich in Syrien nieder - dem einzigen Land, das bereit war, ihn aufzunehmen.

1981 sei er beinahe bei einem Anschlag des israelischen Geheimdienstes Mossad getötet worden, ist Udeh überzeugt. Er sei in einem Warschauer Café von mehreren Kugeln getroffen worden. Bei dem Angreifer habe es sich um einen Doppelagenten gehandelt, der zehn Jahre später von der PLO verurteilt und hingerichtet worden sei.

Das Olympia-Attentat sieht Udeh trotz allen Blutvergießens als einen Teilsieg für die palästinensische Sache: «Durch München haben wir es geschafft, unser Anliegen in die Häuser von 500 Millionen Menschen zu zwingen.»


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