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Wie Israel von den Vereinten Nationen diskriminiert und dämonisiert
wird
Wenn die UNO mit dem Kampf gegen den Antisemitismus Ernst machen
will, muss sie bei sich anfangen
von Anne Bayefsky
Die Wurzeln der Vereinten Nationen liegen in der Asche des jüdischen
Volkes. Ihre Blüte sollte in der Förderung der Toleranz gegenüber allen
Menschen und der Gleichheit aller Nationen bestehen. Doch heute bieten
sie jenen eine Plattform, die den Opfern der Nazis unterstellen, die
Nazis des 21. Jahrhundert zu sein. Die UN sind zum globalen Vertreiber
des Antisemitismus geworden - der Intoleranz gegenüber Juden und der
Ungleichbehandlung ihres Staates. Den dafür verantwortlichen
Mitgliedstaaten ist es nicht nur in vielen Fällen gelungen, ihre eigenen
Länder "judenrein" zu machen; sie haben auch die Auseinandersetzung mit
dem Judenhass fast vollständig von der Tagesordnung der UN verbannt -
von 1965, als der Antisemitismus ausdrücklich von einem Vertrag gegen
Rassendiskriminierung ausgenommen wurde, bis hin zum letzten Herbst, als
der Versuch scheiterte, der Generalversammlung eine Resolution gegen den
Antisemitismus vorzulegen.
Während jährlich Resolutionen verabschiedet und Berichte verfasst
werden, die die Diffamierung des Islam und Diskriminierung von Moslems
und Arabern zum Thema haben, ist bis heute keine einzige Resolution
ausschließlich gegen den Antisemitismus verabschiedet und kein einziger
Bericht von einer UN-Behörde verfasst worden, der sich mit der
Diskriminierung von Juden befasst. Im Gegenteil: Die UN-Weltkonferenz
"Gegen Rassismus" in Durban 2001 wurde zum Tummelplatz, Nährboden und
Forum für Antisemiten.
Der Antisemitismus bedeutet Intoleranz und Diskriminierung gegen
Juden. Es geht sowohl um individuelle Menschenrechte als auch um das
Recht der Gemeinschaft auf Selbstbestimmung, das sich im Staat Israel
realisiert. Worin äußert sich die Diskriminierung des jüdischen Staates?
Einzig Israel bleibt von den täglichen Verhandlungsrunden der regionalen
Interessengruppen während der Sitzungen der UN-Kommission für
Menschenrechte ausgeschlossen. Von den zehn Dringlichkeitssitzungen, die
die UN-Generalversammlung je abgehalten hat, waren allein sechs Israel
gewidmet, wobei die zehnte und letzte zu einem permanenten Tribunal
geworden ist, das seit 1997 bereits zwölfmal zusammengetreten ist. Im
Unterschied dazu gab es niemals eine Dringlichkeitssitzung zum
Völkermord in Ruanda, dem schätzungsweise eine Million Menschen zum
Opfer gefallen sind, zu den ethnischen Säuberungen im früheren
Jugoslawien oder zu den Millionen Opfern politischer Grausamkeiten im
Sudan. Das ist Diskriminierung.
In der UNO werden die Menschenrechte nicht nur zur Diskriminierung,
sondern auch zur Verteufelung Israels missbraucht. Mehr als ein Viertel
aller Resolutionen der Menschenrechtskommission in den vergangenen 40
Jahren richteten sich gegen Israel. Keine einzige Resolution kritisierte
die jahrzehntelange Repression und Entrechtung der 1,3 Milliarden
Chinesen, die faktische Sklaverei für Millionen von Wanderarbeiterinnen
in Saudi-Arabien oder den virulenten Rassismus in Zimbabwe, der 600 000
Menschen an den Rand des Hungertods gebracht hat. Die verschiedenen
UN-Organe sind gehalten, jährlich mindestens 25 Berichte über angebliche
Menschenrechtsverletzungen in Israel vorzulegen. Aber es gibt keinen
einzigen Bericht, der etwa das iranische Strafrecht verurteilt, das
Kreuzigung, Steinigung und Amputationen von Gliedmaßen erlaubt. Das ist
Dämonisierung.
Jedes Jahr wird der 29. November - der Tag, an dem die UN das
britische Mandat über Palästina beendeten - von den Vereinten Nationen
als "Internationaler Tag der Solidarität mit dem palästinensischen Volk"
begangen. Von vielen Arabern wird dieser Tag, weil er zur Gründung des
Staates Israel führte, als Beginn von "Al Nakba", der "Katastrophe",
angesehen. Im Jahre 2002 bezeichnete UN-Generalsekretär Kofi Annan
diesen Tag, den Überlebende des Holocaust in der ganzen Welt feiern, als
"Tag der Trauer und des Leids". Ein Jahr später versammelten sich die
Vertreter von mehr als 100 Mitgliedstaaten mit dem Generalsekretär vor
einer Landkarte, die noch aus der Zeit vor der Gründung Israels stammte,
"um all jener zu gedenken, die ihr Leben für Palästina gegeben haben" -
von denen man Selbstmordattentäter wohl nicht ausnehmen kann. Einzige
Aufgabe des vor mehr als einem Jahrzehnt bestellten
UN-Sonderberichterstatters für die "palästinensischen Gebiete" ist es,
"Verletzungen des internationalen Rechts durch Israel" zu untersuchen,
nicht aber Menschenrechtsverletzungen durch Palästinenser in Israel.
Es entspricht dieser UN-Logik, dass Israelis, da sie nicht Opfer
seien, sich nicht wehren dürfen. Jede israelische Antwort auf den Terror
wird von Generalsekretär und UN-Mitgliedstaaten als illegal verurteilt.
Dabei ist die Tötung von Befehlshabern und Mitgliedern der
Kommandostruktur einer terroristischen Vereinigung keineswegs illegal,
wenn die Gewaltanwendung gezielt und eine Verhaftung nicht möglich ist.
Häuser und Wohnungen, die Terroristen während eines Gefechts als
Unterschlupf dienen, sind ein legitimes militärisches Ziel. Auch die
gewaltfreie und vorübergehende Trennung der Konfliktparteien auf
umkämpftem Gebiet durch einen Sicherheitszaun stellt eine legitime
Reaktion des israelischen Staates dar, dessen Pflicht es nach
internationalem Recht ist, seine Bevölkerung vor Verbrechen gegen die
Menschlichkeit zu schützen. Die Maßnahmen der Vereinten Nationen laufen
darauf hinaus, potenziellen jüdischen Opfern in den Arm zu fallen,
während ihr Feind auf sie zielt.
Das Unvermögen der UN, sich dieser Korruption ihrer politischen
Agenda zu stellen, wirft einen Schatten auf die Erfolgsgeschichte der
Organisation als Vermittler von Werten wie Gleichheit, Würde und
Demokratisierung. Diese Konferenz mag als ein Wendepunkt verstanden
werden. Das hängt von künftigen konkreten Schritten ab: Dazu gehören die
Annahme einer Resolution gegen den Antisemitismus durch die
Generalversammlung, ein jährlicher Bericht über Antisemitismus, die
Fokussierung auf antisemitische Diskriminierung und die Ernennung eines
UN-Berichterstatters für Antisemitismus.
Doch ich fordere den Generalsekretär und seine Organisation auf, noch
weiter zu gehen, wenn es ihnen tatsächlich ernst ist mit der Ausrottung
des Antisemitismus. Fangen Sie endlich an, Terroristen, die Juden töten,
weil sie Juden sind, beim Namen zu nennen. Fangen Sie an, Verletzer der
Menschenrechte unterschiedslos zu verurteilen, auch wenn sie in Riad
oder Damaskus wohnen. Hören Sie auf, Juden dafür zu verurteilen, dass
Sie sich gegen den Terrorismus, der ihr Leben bedroht, wehren. Und wenn
Sie oder Ihre Kollegen in Zukunft gebeten werden, sich zu einer
Schweigeminute zu Ehren derjenigen zu erheben, die den Staat Israel
zerstören wollen, sagen Sie einfach Nein.
Erst dann wird die Botschaft, die von diesem Hause ausgeht, in der
Welt verstanden werden: dass die UN nicht bereit sind, den
Antisemitismus und seine Folgen für einzelne jüdische Menschen und das
jüdische Volk hinzunehmen, ganz gleich, ob die Opfer in Teheran, in
Paris oder in Jerusalem leben.
Die Autorin ist Professorin an der Juristischen Fakultät der Columbia
University. Dieser Text ist die gekürzte Fassung einer Rede, die Anne
Bayefsky auf einer von der UNO geförderten Konferenz gegen
Antisemitismus am 22. Juni in New York hielt.
Artikel erschienen am 27. Juni 2004 |