Als die DDR ihre Juden entdeckte
Insider erkannten das im Halteverbot parkende Fahrzeug als Dienstwagen von Heinz Galinski: Vor 20 Jahren empfing SED-Chef Honecker den damaligen Zentralratspräsidenten der Juden. Nicht ganz uneigennützig.
Das Auto, das am 6. Juni 1988 vor dem Staatsrat in Ost-Berlin im absoluten Halteverbot parkte, war eine kleine Sensation. Insider erkannten das Fahrzeug als Dienstwagen von Heinz Galinski. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in West-Berlin hatte sich auf den Weg zu DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker gemacht. Einen solchen Kontakt zwischen einem hohen jüdischen Repräsentanten aus dem Westen und dem SED-Mann hatte es bis dahin nicht gegeben.
Erich Honecker Foto: dpa
Am Abend verkündete Galinski, der damals auch dem Zentralrat der Juden in Deutschland vorstand, in der Nachrichtensendung «Aktuelle Kamera» im DDR-Fernsehen das Ergebnis des Gesprächs. Dazu zählte das Versprechen Honeckers, rund 100 Millionen Dollar Wiedergutmachung an jüdische Nazi-Opfer zu zahlen. In der Spätausgabe der Sendung war diese Passage aber bereits wieder herausgeschnitten, erinnert sich der damalige Ost-Berliner Gemeindevorsitzende Peter Kirchner.
Kirchner war einer der wenigen, die von dem geplanten Treffen gewusst hatten. Vier Tage vorher wurde er von einer Sitzung des Jüdischen Weltkongresses aus Brüssel überraschend zu einer Audienz bei Honecker zurückbeordert. Dort wurde ihm und zwei weiteren Vertretern der DDR-Gemeinden die Begegnung streng vertraulich angekündigt.
Dennoch überraschte auch ihn Galinskis Wiedergutmachungs-Bemerkung. Denn sie bedeutete einen geradezu sensationellen Wechsel in der DDR-Staatsdoktrin. Fast vier Jahrzehnte verstand sich der sozialistische Arbeiter- und Bauernstaat mit kommunistischer Widerstandsgeschichte seiner Lenker als Land der NS-Opfer. Entschädigungen an andere Opfer - wie verfolgte Juden - wurden darum grundsätzlich zurückgewiesen.
Honecker wollte nach New York
Stattdessen übten sich die gelenkten DDR-Medien in Propaganda gegen den Staat Israel, der als «zionistischen Aggressor» kritisiert wurde. Die Juden in der DDR wurden zwar freundlicher behandelt, aber sie waren keine nennenswerte Größe mehr. Knapp 400 Mitglieder zählten die acht jüdischen Gemeinden damals noch - ein versprengtes Häuflein, das seit 40 Jahren ein Schattendasein führte. Als die SED-Führung ihren vermeintlichen Wert entdeckte, stand die DDR schon vor der Pleite. Um sie abzuwenden, brauchte sie Geld und das verortete sie, ganz antisemitischen Klischees verhaftet, bei den Juden in den USA.
«Der Honecker wollte nach New York, deshalb lud er Galinski zu dem Gespräch ein», erzählt Jerzy Kanal, damals Vorstandsmitglied der West-Berliner Gemeinde. Galinski wiederum wollte Erleichterungen für DDR-Juden und ein Ende «dieser unsäglichen antizionistischen Propaganda». Beide seien überzeugt gewesen, «mit diesem Treffen Weltpolitik zu machen», sagt der Direktor des Berliner Centrums Judaicum, Hermann Simon. Zugang zueinander hätten beide über ihre NS-Verfolgungsgeschichte gefunden: Der jüdische Auschwitz-Häftling Galinski und der kommunistische Brandenburg-Häftling Honecker.
Wut und Häme
Junge DDR-Juden wie Anetta Kahane fanden das Treffen der beiden dagegen «absurd und lächerlich». «Ich schwankte zwischen Wut und Häme, nachdem ich davon erfuhr», erinnert sich die heutige Vorsitzende der Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung. Die DDR habe jahrzehntelang das jüdische Andenken mit Füßen getreten. Dann, als nicht mehr ging, sei sie auf «die rettende Idee» gekommen, sich mit den Juden und Israel gut zu stellen: «Das war einfach widerlich.»
Tatsächlich mäßigten sich nach der Begegnung die DDR-Medien, die Stiftung Centrum Judaicum wurde auf den Weg gebracht und FDJ-Brigaden begannen mit der Pflege jüdischer Friedhöfe. Doch der Höhepunkt der Charmeoffensive waren im gleichen Jahr die Gedenkfeiern zum November-Pogrom von 1938. Mit dem «Stern der Völkerfreundschaft in Gold» erhielt Galinski die höchste Auszeichnung des Landes. Als Ehrengast kam sogar der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Edgar Bronfman. (Markus Geiler, epd)
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