Ein Deutscher rettet Filmklassiker aus Israel
Im Zeughauskino startet heute eine Retrospektive über die Aufbaujahre des jüdischen Staates
Ralf Dittrich springt in die Luft, paddelt mit den Armen und strahlt. "Ich will da rein", ruft er vor dem Kino, in dem gleich seine Lieblingsszene aus dem israelischen Film "Chor ba Levana" zu sehen ist. Doch er verzichtet - zugunsten eines Interviews. Seine Freude ist berechtigt: Der deutsche Kurator der "Retrospektive israelisches Kino - Im Aufbau" hat nicht nur klassische Streifen zum ersten Mal nach Deutschland gebracht. Er hat massgeblich zur Herstellung von elf neuen Kopien beigetragen, die die Aufführungen überhaupt erst ermöglichen.
1965, als der israelische Regisseur Uri Zohar seine provokative Parodie auf den zionistischen Realismus, wurde sein Fan Dittrich in Potsdam geboren. Schon als Teenager entdeckte der seine Leidenschaft für Israel, das er damals noch nicht bereisen durfte. Bis zum Fall der Mauer studierte er Schauspiel und arbeitete in DDR-Provinztheatern als Regieassistent. Kurz nach der Wiedervereinigung landete er in Jerusalem und fand nach einem Studium an der Universität Tel Aviv ein zweites Zuhause bei seiner "israelischen Wahlfamilie". In Deutschland organisierte Dittrich Reihen mit neuen israelischen Filmen, "als diese das noch nötig hatten. Inzwischen machen das Verleiher". Dann wechselte er zu israelischen Studentenfilmen, nun auch ein Selbstläufer: "Jetzt ist die Zeit für die Retrospektive gekommen".
2006 suchte Dittrich eine Woche lang im Archiv der Jerusalemer Cinematheque nach Filmen, dann gab er "frustriert und niedergeschmettert" auf. Aufgrund der mangelhaften Lagerung waren die meisten Kopien chemisch instabil, beschädigt, zerfallen oder zerkratzt. Dittrich beschloss, seine Retrospektive zu begraben, "aber die Idee liess mich nicht los". Auch Archivleiter Meir Russo war sehr pessimistisch. Aber die Idee ergriff auch ihn und so schafften beide "ein kleines Wunder". Das israelische Auswärtige Amt, die Bundeszentrale für politische Bildung und der Hauptstadtkulturfonds übernahmen den Löwenanteil der Gesamtkosten. Fonds und Privatsponsoren in Deutschland und Israel schlossen sich ebenso an wie Inhaber der Filmrechte. Weil in Israel keine Kopierwerke mehr existieren, wurden neue Kopien in Wiesbaden erstellt.
Die acht Spiel- und vier Dokumentarfilme entstanden in der formativen Phase des israelischen Kinos, zwischen den fünfziger und siebziger Jahren. Ergänzt werden die Vorstellungen durch Vorträge, Gespräche und ein Symposium. Gezeigt werden Meisterwerke des zionistischen Realismus voller Pathos wie "Hill 24 Doesn't Answer", alte Kinowochenschauen wie "Etz O Palestine", die die Stimmung naiver Unschuld vor dem Sechs-Tage-Krieg widerspiegeln. Unterhaltungsfilme wie "Eldorado" - eine Romanze zwischen einem Orientalen und einer Ashkenasi - gehören ebenso dazu wie Ephraim Kishons "Blaumilchkanal".
Man kann das Roadmovie "Lean Neelam Daniel Wax" sehen, eine Metapher auf die Sinnkrise der israelischen Gesellschaft und mit Regisseur Avraham Heffner diskutieren. David Perlov zeigt mit "Bi Yerushalaim" (1963) ein Tagebuch der damals noch geteilten Hauptstadt. Und Filmmeister Zohar, der in dem Jahr ultraorthodoxer Rabbiner wurde, in dem Dittrich Israel entdeckte, ist mit gleich drei Titeln vertreten. In Dittrichs Lieblingsszene kommt Zohar, der auch die Hauptrolle spielt, im Heiligen Land auf einem Floss an.
Die Retrospektive, die auch in anderen deutschen Städten gezeigt wird, ist für Dittrich schon ein Erfolg, weil die Filme wieder verfügbar sind und von jedem eine Kopie im Jerusalemer Archiv aufbewahrt wird. Dessen Leiter Meir Russo ist optimistisch, dass die Rettungsinitiative fortgesetzt wird. Auch Avinoam Harpak, Programmdirektor der Jerusalemer Cinematheque, ist glücklich über die deutsche Initiative, bleibt aber nüchtern. Ob die israelischen Behörden die Bedeutung der Restaurierung alter Klassiker einsehen? "Ich würde so gern bejahen, muss aber leider mit "Nein' antworten".
Von Igal Avidan, Berliner Morgenpost
Zeughauskino
Unter den Linden 2, Mitte. Tel.: +49 30 20 30 40. 29. April -16. Mai.
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