«Zwei Sichtweisen, das ist die Realität»

Von Simon Spiegel

Israel in den Schlagzeilen - Wie objektiv kann die Berichterstattung sein?

Gewissermassen als intellektuelles Gegenstück zu seiner Purimparty lud der Verein Jüdischer StudentInnen Zürich letzte Woche zu einer Podiumsdiskussion zur Darstellung Israels in den Schweizer Medien ein.

Nicht nur der Nahostkonflikt an sich sorgt hierzulande oft für hitzige Diskussionen, auch die Art und Weise, wie über ihn berichtet wird. Von jüdischer Seite ist oft der Vorwurf zu hören, die Medien würden eine einseitige israelkritische Haltung einnehmen und die zugegebenermassen oft harten Aktionen der israelischen Politik zu wenig im Kontext behandeln. Um dieses Thema von professioneller Seite zu beleuchten, lud der Verein Jüdischer StudentInnen letzten Donnerstag zu einem Podiumsgespräch; das Interesse war gross, gut 120 Leute fanden sich im grossen Saal der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich ein. Geladen waren Reinhard G. Meier, Redaktor bei der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ) unter anderem zuständig für den Nahen Osten, Gil Yaron, Nahostkorrespodent für diverse deutschsprachige Zeitungen, sowie Aviva R. Schnur vom Zentrum «David» gegen Antisemitismus und Verleumdung. Barbara Engel, Redaktorin beim «Bund», musste kurzfristig absagen.

Entscheidend ist, was im Rest der Welt passiert

Zu Beginn skizzierte Yaron seinen Arbeitsalltag: Welche Geschichte letztlich in einer Zeitung erscheint, hänge nur sehr begrenzt vom jeweiligen Ereignis ab. Viel wichtiger sei, was im Rest der Welt passiere. Zudem sei es eine journalistische Grundregel, dass immer über das neuste Ereignis zuerst berichtet würde. Für eine genauere Darstellung des Hintergrunds fehle da oft der Platz. Und vor allem: je grösser der Schaden, umso grösser das Leserinteresse. Yaron fasste das mit einer zynischen Journalistenweisheit zusammen: «If it bleeds, it leads.» Der stets drängende Redaktionsschluss tut dann noch sein Übriges. Was nur am Rande erwähnt wurde, aber wohl ebenfalls von grosser Wichtigkeit ist: Nur in Washington und Moskau sind mehr internationale Journalisten vor Ort als in Jerusalem, und dieses Heer von Schreibenden muss natürlich auch etwas liefern.

Bei der Berichterstattung über den Nahen Osten leistet sich die NZZ den Luxus zweier Korrespondenten, die von zwei Standorten aus und aus unterschiedlicher Perspektive über den Konflikt berichten. «Zwei Sichtweisen, das ist die Realität», erklärte Meier; er erwarte von einem intelligenten Leser, dass dieser sich über einen längeren Zeitraum mit einem Thema beschäftige und sich anhand unterschiedlicher Berichte seine Meinung bilde. Meier betonte zudem, dass sich die Berichterstattung in der NZZ keineswegs auf den Auslandteil beschränke. Auch im Wirtschaftsteil und vor allem im Feuilleton sei der Nahe Osten regelmässig ein Thema; all diese Facetten seien Teil einer umfassenden Darstellung.

Schnur, die die etwas undankbare Aufgabe hatte, als einzige die Berichterstattung anzuprangern, hielt sich nicht mit der Frage auf, wie die Zeitungsmeldungen überhaupt zustande kommen; für sie stand fest, dass die Schweizer Medien mit wenigen Ausnahmen dezidiert israelkritisch oder sogar israelfeindlich berichteten, was den Antisemitismus hierzulande schüre. Die Berichterstattung sei einseitig, was sie anhand von Beispielen zu belegen versuchte. Interessant die Reaktion der beiden Zeitungsmacher: Sowohl der Schweizer Meier als auch der Israeli Yaron konnten nicht recht verstehen, was an Schnurs Beispielen denn so problematisch sei. Hier würde zwar eine israelkritische Haltung sichtbar, doch dies sei absolut legitim. Und verglichen mit der israelischen Presse seien die hiesigen Medien ja geradezu zahm. Ob ein Artikel zu kritisch sei, liege ohnehin meist im Auge des Betrachters. «Jeder liest, was er lesen will», meinte Yaron. Und Meier ergänzte, Schnur müsse akzeptieren, dass «eine Meinung veröffentlicht wird, die Ihnen nicht passt. Sonst müssen Sie in ein anderes Land gehen – aber sicher nicht nach Israel.»

Die eigene Position ist entscheidend

Damit waren die Positionen für den Rest des Abends abgesteckt, und die weitere Diskussion bestätigte im Grunde nur, wie treffend Yarons Aussage ist. Denn obwohl Moderator David Vogel darum bemüht war, die Diskussion auf die Frage des Medienhandwerks zu fokussieren, wurde schnell klar, dass die Einschätzung, ob ein Artikel israelfeindlich ist oder nicht, immer auch von der eigenen Position abhängt – und zwangsläufig davon abhängen muss. So war es denn auch nicht erstaunlich, dass man, als auch das Publikum zu Wort kam, immer mehr über den Konflikt als über die Berichterstattung zu diskutieren begann.

Meier sah sich dabei zeitweise in eine etwas seltsame Rolle gedrängt; es hatte fast den Anschein, als müsse gerade er, der für einen qualitativ hoch stehenden Journalismus eintrat, für alle Fehler der Schweizer Presse gerade stehen. Wie es komme, dass bewusst gestreute Fehlinformationen und manipulierte Bilder veröffentlicht würden. Meier konnte darauf freilich nur sagen, dass man solche Fehler um jeden Preis zu verhindern suche. Zudem betonte er zwei Dinge: Seines Wissens gebe es keine Schweizer Zeitung, die das Existenzrecht Israels in Frage stelle, und zudem bezweifle er, dass ein israelkritischer Artikel jemanden zum Antisemiten machen könne; wer etwas gegen Juden habe, könne sich dadurch allenfalls bestätigt sehen.

Zum Schluss kam Yaron dann noch auf einen weiteren wichtigen Faktor zu sprechen: Medienschaffende seien heute einer unglaublichen Flut an Information ausgesetzt. Alle Seiten wollen die Journalisten mit den «wahren» Fakten versehen. In diesem Informationskrieg würde die palästinensische Seite oft einfach viel schneller und professioneller agieren. Und auch wenn deren Informationen oft falsch seien, seien es wenigstens gute Lügen. Die israelische Seite dagegen sei mittlerweile zwar oft genau so unzuverlässig, allerdings sei sie mit ihren Fehlinformationen deutlich langsamer.

Konsequent inkonsequent

Wenn über die Darstellung Israels in den Medien diskutiert wird, wie das letzte Woche an einem Podiumsgespräch in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich der Fall war, geht es sehr schnell auch um sprachliche Feinheiten: Muss es Grenzmauer, Grenzzaun oder Absperranlage heissen, und liegt diese Anlage nun teilweise jenseits der Grenze, oder muss man hier korrekterweise von einer Waffenstillstandslinie sprechen? Und immer wieder wird dann auch der Vorwurf laut, es sei irreführend, von «jüdischen Siedlern» zu sprechen, korrekt wäre vielmehr «israelische Siedler».

Der Einwand ist im Grunde absurd, denn die Zahl nichtjüdischer Siedler lässt sich vermutlich an einer Hand abzählen. Aber bei dieser Diskussion geht es ja auch gar nicht um einige verirrte christliche Siedler; vielmehr verwahren sich viele Juden ausserhalb Israels dagegen, mit Israel in einen Topf geworfen zu werden. Was in Israel vor sich geht, ist Sache dieses Landes und hat mit den Juden in der Diaspora – sei es in der Schweiz oder anderswo – nichts zu tun. Die hiesigen Juden wollen nicht für eine Politik geradestehen, die sie nicht zu verantworten haben. Eine nachvollziehbare, im Grunde ganz logische Haltung, nur scheint sie nicht ganz ehrlich.

Es sind ja nicht nur undifferenzierte Journalisten und verbohrte Antisemiten, die nicht sauber zwischen Israeli und Juden unterscheiden, es sind auch die Juden selbst, die solchen Vorschub leisten. Viele Juden in der Schweiz und anderswo in der Diaspora fühlen sich emotional mit dem Land verbunden, engagieren sich oft auch in Organisationen, die Israel in irgendeiner Form unterstützen. In der Synagoge ist in Predigten oft zu hören, dass man ganz besonders an «unsere Verwandten und Freunde» in Israel denken soll.

In der Schweiz ist es nicht ungewöhnlich, dass ein jüdischer Jugendbund, der sich selbst noch nicht einmal als zionistisch versteht, regelmässig die «Hatikwa» singt. In den USA wiederum ist es keine Seltenheit, dass in Synagogen vorne links und rechts zwei Flaggen aufgestellt sind – eine amerikanische und eine israelische. Zwei Beispiele unter vielen, die zeigen, dass sich ganz offensichtlich viele Juden im Ausland ganz selbstverständlich und in hohem Masse mit Israel identifizieren. Kann es da erstaunen, wenn dies auch andere tun?

Israel ist für die Juden in der Diaspora ein wichtiger Teil ihrer Identität. Die Tatsache, dass Juden, die nicht in Israel leben, oft viel empfindlicher auf Kritik am jüdischen Staat reagieren als die Bewohner des Landes, unterstreicht dies nur. Nun ist das ja auch nicht weiter erstaunlich: Viele Juden haben Verwandte und Freunde in Israel, pflegen regelmässigen Kontakt mit dem Land. Sicher kann es nicht darum gehen, ein für alle Mal für oder gegen Israel Stellung zu beziehen. Dass man sich einerseits mit dem Land identifiziert und andererseits nicht mit ihm gleichgesetzt werden will, wenn es um seine negativen Seiten geht, mag inkonsequent sein, ist aber nur allzu menschlich. Nur darf man sich nicht wundern, wenn andere diesbezüglich nicht konsequenter sind.

Quelle: tachles
4. April 2008

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