Die kritisierte Fürbitte bleibt

Angeschlagener Dialog, Papst Benedikt XVI. und Oberrabbiner Yona Metzger

Der Zeitpunkt für eine Intervention ist verpasst worden. Am Karfreitag werden die katholischen Priester, die eine lateinische Messe im ausserordentlichen Ritus feiern wollen, eine Fürbitte für die Juden lesen, die in der jüdischen Gemeinschaft auf grosse Kritik trifft. Auch christliche Kreise protestieren.

In der umstrittenen lateinischen Fürbitte wird für die Juden gebetet, dass auch sie Christus als Messias erkennen und in der Endzeit wie alle anderen Völker in die katholische Kirche eintreten. Warum Papst Benedikt XVI. Mitte 2007 den Priestern erlaubt hat, ab 2008 ohne – wie bisher nötig – eine spezielle Erlaubnis ihres Bischofs, eine lateinische Messe im tridentinischen Ritus zu lesen, ist klar: Er machte damit den konservativsten Kreisen der katholischen Kirche ein Geschenk. Der Papst ging sogar noch weiter: Er grub zu diesem Zweck das vorkonziliäre Messbuch von 1962 aus und machte es für den ausserordentlichen Ritus verbindlich. Darin waren zwar die Giftzähne der alten Karfreitagsfürbitte bereits ausgerissen, doch nach wie vor sollte das «verblendete Volk» seiner «Finsternis entrissen» werden.

Gespräche auf Eis gelegt

Nach jüdischen und christlichen Protesten «glättete» der Papst die Formulierungen sechs Wochen vor Karfreitag 2008. Aber sie sind in den Augen vieler Juden noch immer so eindeutig judenmissionarisch, dass die italienischen Rabbiner die Gespräche mit dem Vatikan auf Eis gelegt haben. Der römische Oberrabbiner Riccardo di Segni konterte zudem die jüngsten Behauptungen von Kardinal-Staatssekretär Tarcisio Bertone, auch die Juden hätten angeblich Gebete, die man möglicherweise ändern müsse. Oberabbiner di Segni antwortete, Juden hätten niemals von anderen einen Glaubensübertritt verlangt. Texte in der jüdischen Liturgie, die auf Christen Bezug nahmen, habe man schon vor Jahrhunderten geändert. Auch in der Schweiz teilen manche die Meinung von Kardinal Bertone. Bei tachles gingen Leserbriefe ein, in denen behauptet wird, auch die Juden würden in ähnlicher Weise für Andersgläubige beten.

In Deutschland unterzeichneten zwei jüdische Persönlichkeiten eine Erklärung, in welcher der Gesprächskreis Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken Papst Benedikt XVI. nach der Veröffentlichung des neuen Textes Ende Februar aufgefordert hatte, die umstrittene Karfreitagsfürbitte für Juden wieder zurückzuziehen: Rabbiner Walter Homolka, Rektor der einzigen Hochschule für die Ausbildung von Rabbinern in Deutschland, des – progressiven – Abraham-Geiger-Kollegs in Berlin-Potsdam, und der Sozialwissenschaftler Micha Brumlik in Frankfurt. Beide sagten ihre Teilnahme am 97. deutschen Katholikentag im Mai in Osnabrück ab, zu dem sie eingeladen waren.

Homolka kritisierte gegenüber der Katholischen Nachrichtenagentur die Ankündigung der Deutschen Bischofskonferenz, multireligiöse Feiern weiter einzuschränken. Es sei bedenklich, wenn die katholische Kirche nicht mehr davon ausgehe, dass Juden und Christen dasselbe Gottesbild hätten. Damit schneide sie ihre Wurzeln ab. Er frage sich, was eigentlich beim christlich-jüdischen Dialog in den vergangenen Jahrzehnten gemacht worden sei. Auch Nathan Kalmanowicz, Kulturdezernent im Präsidium des Zentralrats der Juden in Deutschland, kam im Fernsehen zu Wort: «Jedem, der lesen und schreiben kann, ist klar, dass gemeint ist, das Judentum solle missioniert werden», sagte er über die alt-neue Karfreitagsfürbitte. Er verlangte die Unterlassung solcher Missionierungsversuche.

Theologisch vollkommen in Ordnung

Die Hoffnungen auf eine Textänderung analog zur Liturgie von 1970 gebe es im alten lateinischen Ritus nicht, sagte Kardinal Walter Kasper im deutschen Fernsehen; Kasper ist im Vatikan als Präsident des päpstlichen Einheitsrats unter anderem für die Beziehungen mit den Juden zuständig: «Der Papst lässt das Gebet so. Es ist ja auch aus unserer Sicht theologisch vollkommen in Ordnung. Es ist nur schwierig für die Juden, das zu akzeptieren.» Die Bitte um die Bekehrung der Juden sei eine «endzeitliche Hoffnung» und keine Judenmission. Der Papst und der Heilige Stuhl seien sich bewusst, dass die Geschichte zwischen Juden und Christen kompliziert sei.

In der Schweiz protestierte der Schweizerische Israelitische Gemeindebund heftig. Die Christlich-jüdische Arbeitsgemeinschaft (CJA) im Kanton Zürich forderte am 27. Februar in einem Brief an Weihbischof Paul Vollmar, dass sich die Schweizerische Bischofskonferenz (SBK) klar gegen die Judenmission aussprechen solle. Das Konzil habe betont, dass «Gottes Bund mit den Juden nicht gekündigt ist und sie ihren eigenen Weg zum Heil haben», schrieb Hanspeter Ernst, Präsident der CJA im Kanton Zürich. Im Messbuch von 1970, das im ordentliche Ritus in der Landessprache verwendet wird, heisse es dagegen: «Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.»

Michel Bollag, Vorstandsmitglied der CJA, sagt gegenüber tachles, der Text der Karfreitagsfürbitte sei «ein negatives Zeichen, das den Dialog erschwert», denn dieser müsse auf Augenhöhe erfolgen. Wenn die Kirchenleitung einen Satz beibehält, der darauf schliessen lässt, dass ihr die Juden als Christen lieber wären, mache dies die Zusammenarbeit schwieriger. Zum Schluss, befürchtet Bollag, könnten jene Juden Recht bekommen, die den Wert eines Dialogs an sich bezweifeln, denn die Kirche ändere sich ja ohnehin nicht. «Glücklicherweise stehen wir immer noch im Dialog mit engagierten Christen, die anderer Meinung sind, aber ihre Auffassungen sollten über unseren Kreis hinausgehen.»

Kein Verbot in der Schweiz

Bischof Paul Vollmar ist der Vorsitzende der liturgischen Kommission der SBK. Hier tut man sich offenbar schwer mit den neuen Verfügungen. Es ist jedenfalls keine rechtzeitige Weisung an die Minderheit der katholischen Priester in der Schweiz ergangen, die den ausserordentlichen Ritus pflegen, in der Karwoche die tridentinische Liturgie mit der kritisierten Karfreitagsfürbitte nicht zu feiern, sondern sich an den bisher auch auf Lateinisch gültigen Ritus von 1970 zu halten. Schweizer Katholiken sind der Auffassung, dass in der Karwoche jene Priester sicher nicht das Triduum, also die Liturgien und Messen am Gründonnerstagabend, Karfreitag und Ostersonntag, im ausserordentlichen Ritus samt Karfreitagsfürbitte für die Juden lesen würden. Aber es ist kein ausdrückliches Verbot der SBK ergangen.

Diakon Franz-Xaver Herger, der persönliche Mitarbeiter von Weihbischof Paul Vollmar in Zürich, sagte gegenüber tachles, er bitte die jüdische Gemeinschaft am kommenden Karfreitag um «Grosszügigkeit gegenüber der katholischen Kirche», denn im Rahmen des ganzen katholischen Glaubens werde die tridentinische Messe nur von einem kleinen Teil gefordert. «Von der Karfreitagsfürbitte im ausserordentlichen Ritus darf nicht auf die ganze katholische Welt geschlossen werden», sagt der Diakon. «Ich möchte mich gerne an die Ausführungen von Kardinal Walter Kasper halten, der die Fürbitte so auslegt, dass es um eine endzeitliche Hoffnung geht, wo alle das Heil erwarten und erhoffen, denn das haben Juden und Christen gemeinsam.» Die aktive Judenmission des Christentums habe sich gewandelt: «Wir wollen nur gleichsam die Liebenswürdigkeit des christlichen Glaubens aufzeigen und dazu einladen, damit alle selber entscheiden können, ob er für sie geeignet ist.»

Ganz besonders betont Diakon Herger, dass die offizielle Liturgie in den schweizerischen Landessprachen jene von 1970 ist, wo die Karfreitagsfübitte in die schöne Formulierung gehüllt ist, wonach für die Juden gebetet werde, da Gott zu ihnen als erste gesprochen habe; sie sollen ihren eigenen Heilsweg gehen. «Diese Liturgie wird in unseren Kirchen zu 99 Prozent gefeiert.» Die gegenwärtigen Differenzen zeigen, sagt Diakon Herger, «dass wir unbedingt miteinander im Dialog bleiben müssen – so, wie es auch Kardinal Kasper sagte: Schulter an Schulter und uns bei aller Unterschiedlichkeit gegenseitig anerkennen.»

Von Gisela Blau, tachles

Ein Theologe der Öffnung

Monsignore Pierre Mamie, von 1970 bis 1995 Bischof der Diözese von Lausanne, Genf und Fribourg, ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Die Beisetzungsfeierlichkeiten fanden am Dienstagnachmittag in der Kathedrale St-Nicolas in Fribourg statt. Auch die jüdische Gemeinschaft der Schweiz bedauert den Tod des hohen Geistlichen, der die christlich-jüdische Zusammenarbeit in der Schweiz mitbegründet hat. Er war ein Theologe der Öffnung und widmete seine letzten Jahre der Herausgabe des Werks von Kardinal Journet. Mamie war Testamentsvollstrecker des Theologen, der die katholische Kirche in den Jahren vor dem zweiten Vatikanischen Konzil und während dessen Dauer stark und positiv beeinflusst hatte. Während der letzten Konzilssession wirkte der junge Theologieprofessor der Universität Fribourg als Journets Assistent in Rom. Monsignore Mamie stammte aus einer bescheidenen Familie und wuchs in La Chaux-de-Fonds auf, in der katholischen Diaspora mitten in protestantischem Gebiet. 1946 wurde er zum Priester geweiht, 1968 wurde er Weihbischof seiner späteren Diözese. Die Armut machte ihn sensibel für die Arbeit in Afrika und Brasilen. Studiert hat er in Rom und Jerusalem. Zweimal amtierte er als Präsident der Bischofskonferenz, und er war Mitglied der vatikanischen Kommission für die Einheit der Christen. Dennoch musste er Monsignore Lefèvre exkommunizieren, der ein Schisma herbeigeführt hatte. Immer wieder setzte sich Mamie für Ausländer, die Dritte Welt und gegen den Waffenhandel ein. Zudem kämpfte er für eine Aufteilung der grossen Diözesen. Bischof Mamie pflegte zudem zeitlebens Freundschaften mit Künstlern, vor allem mit dem Bildhauer Jean Tinguely und dem Schriftsteller Frédéric Dard. Die Gespräche mit Dard über die Existenz Gottes erschienen 1984 als Buch.

22.03.2008

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