Guten Abend, Zürich!
Interview: Yves Kugelmann
Wortgefecht Radioduell zwischen Schächter und Karasek
Mit dem Start von Roger Schawinskis «Radio 1» konkurrieren David Karasek und Jonathan Schächter auf «Energy Zürich» zur gleichen Sendezeit ums Radiopublikum. Über ihre Ziele und ihre Arbeit sprach tachles mit den beiden Radiomoderatoren.
tachles: Ab Montag sind Sie direkte Konkurrenten. Dann beginnt «Radio 1» zu senden, und Sie sind beide gleichzeitig von 18 bis 22 Uhr auf Sendung. Was ist das Ziel eurer jeweiligen Abendshows, welches Segment wird angesprochen?
David Karasek: Unser Radio ist aus einem Guss, ein Breaking-News-Sender, auf dem über Geschehnisse umgehend berichtet wird. Ziel ist, dass die Hörer automatisch bei uns reinhören, wenn etwas passiert ist. Abends von 18 bis 19 Uhr bieten wir eine Vertiefungssendung mit Experten zum «grossen Thema des Tages», zu der sich die Hörer einschalten können. Wir sehen uns als – weniger «ländliche» und verstaubte – urbane Konkurrenz zu Sendungen wie etwa «Echo der Zeit» von DRS1.
Jonathan Schächter: Das Konzept von «Energy Downtown» entspricht dem Namen unseres Senders: «Energy». Deshalb glaube ich, dass sich Davids und meine Sendungen mehr ergänzen als konkurrenzieren. «Energy» spricht ein junges Zielpublikum an und ist viel weniger auf News und Information fokussiert als «Radio 1». News gibt es bei uns bis sieben, danach ist Unterhaltung angesagt, ausser wenn etwas wirklich sehr Wichtiges passiert.
David Karasek, Sie sind 30 Jahre alt und altersmässig im unteren Segment Ihres Zielpublikums. Ein Problem für Sie?
David Karasek: Nein. Denn wir sind für alle da, die sich erwachsen fühlen – das Alter ist bei diesem Anspruch sekundär. Ein 21-Jähriger kann sich genauso erwachsen fühlen, wie sich ein 85-Jähriger nicht scheintot fühlen muss.
Ursprünglich war von einem Sender für 30- bis 60-Jährige die Rede.
David Karasek: Das gibt es konzeptionell so nicht mehr. Es kamen nämlich sehr viele Anfragen von unter 30-Jährigen: Dürfen wir auch zuhören?
Aber das angesprochene Publikum ist doch älter als bei «Energy Zürich»?
David Karasek: Ganz sicher. Wir wenden uns an erwachsene, urbane Leute. Das hat Einfluss – auch bei der Wortwahl. Das Wort «Hammer» etwa ist gestrichen.
Das ist bei Energy Downtown wohl anders?
Jonathan Schächter: Ich darf schwatzen, wie mir der Schnabel gewachsen ist, und heftige Ausdrücke verwenden.
Radiomachen ist ein Stressjob: Moderieren, viel Technik, fröhliche Stimmung verbreiten. Welchen Reiz macht der Job für Sie aus?
Jonathan Schächter: Wenn man vier Stunden Musik laufen lassen kann, die einem gefällt und die man mit Informationen und Rubriken untermalen kann, wenn man – wie ich – das Konzept der Sendung zu 90 Prozent selbst gestaltet hat, dann verkörpert man eins zu eins das, was man kreativ umsetzt und woran man glaubt. Das geht bei anderen Medien kaum, und Radio ist dynamisch, schnell, aktiv und interaktiv. Es gibt so viele Gründe, weshalb dieser Job einfach unendlich Spass macht!
David Karasek: Ja, dazu kommt: Man ist allein, das heisst, man kann einfach alleine eine Sendung machen, man braucht nicht noch Techniker, Kameramann, Beleuchter.
David Karasek, Sie übernehmen nun nach einer Morgenshow eine Abendsendung. Weshalb dieser einschneidende Wechsel?
David Karasek: Ich habe Lust auf ein Leben ohne Show, ich wollte das irgendwann nicht mehr. Dies war eigentlich eine sehr persönliche Entscheidung, abgesehen von der Freude, mit Roger Schawinski arbeiten zu können. Und man kann ja auch stehen bleiben, wenn man jahrelang das Gleiche macht. Ich denke, dass dieser Wechsel bei mir etwas auslösen wird.
Sie beide arbeiten bei lokalen Sendern. Wünschen Sie sich insgeheim eine Anfrage von den grossen Schweizer Sendern?
David Karasek: Für mich ist ein nationaler Sender höchstens insofern ein Fortschritt, als man national senden kann. Auch dort gibt es weniger erfreuliche Dinge. Man kann auch zu gross sein und sich damit selbst behindern, oder sehr langjährige Mitarbeitende können als Bremse wirken.
Wer das Radio einschaltet, hört meist geradezu zwanghaft aufgestellte, lustige Menschen. Ist Radio ein lustigeres Medium als Fernsehen oder Printmedien?
David Karasek: Von der Spontaneität her trifft dies vielleicht zu.
Jonathan Schächter: Man kann einen Breaking-News-Sender aber nicht fragen, ob er lustiger sei als andere.
David Karasek: Doch, kann man. Wir werden eine Presseschau haben, die jeweils mit einem Gag endet. Man kann beim Radio schneller sein, mehr Gags haben und spontaner sein.
Spielt Humor bei Ihren Sendern eine wichtigere Rolle als etwa bei DRS 1?
David Karasek: Comedy ist ein wichtiges Radioformat, das stimmt, und auch ein Erwachsenenradio kann gute Comedy haben. Wir werden jeden Morgen eine Blocher-Comedy haben – bei Blochers am Frühstückstisch.
Jonathan Schächter: Solche Dinge grenzen für mich, um offen zu sein, an Sauglattismus. Ich kann diesen Schweizer Humor nicht nachvollziehen.
David Karasek: Politsatire ist nicht Sauglattismus.
Jonathan Schächter: Es geht aber schnell in diese Richtung, wenn Christoph auf den Tisch klopft und seiner Silvia wieder mal seine Meinung sagt. Ich kenne das doch, «Radio 24» macht das seit Jahren. Ich ziehe es vor, Ecken und Kanten zu haben, frech über Stars zu sprechen, die auf unserem Sender laufen oder Hörer, die mit mir telefonieren, auf die Schippe zu nehmen und von ihnen auf die Schippe genommen zu werden. Wie im richtigen Leben.
David Karasek: Ich finde es trotzdem gut, dass eine zentrale Figur wie Blocher parodistisch gezeigt wird. Bei mir in der Abendsendung bietet sich auch Gelegenheit, die jeweilige Meldung des Tages mit einem spitzen Kommentar zu analysieren.
Roger Schawinski hat die Erwartungen an «Radio 1» sehr hochgeschraubt. Erzeugt dies einen hohen Druck auf Sie?
David Karasek: Natürlich. Er hat offen ausgesprochen, dass er dies weiss, und wir dadurch eigentlich nur abstürzen können.
Jonathan Schächter, Sie sind derjenige, der im Schweizer Radiogeschäft mit Abstand am meisten Stars interviewt. Macht das Spass oder ist es mühsam?
Jonathan Schächter: Es ist extrem witzig und fast der Lieblingsteil meines Jobs. Man lernt dabei so viele facettenreiche Menschen kennen. Man ist als Radiomann ja eben ein Einzelkämpfer, aber diese Leute kommen zu einem ins Studio, man lernt sie kennen, und die Herausforderung ist, so viel wie möglich aus ihnen herauszuholen. Dafür versuche ich immer auch mal eine andere, unbekanntere Facette herauszuarbeiten. Das ist sehr spannend.
David Karasek: Und ich bin froh, dass ich das nicht mehr machen muss. Ich glaube nicht daran, dass man mit Zehn-Minuten-Interviews aus diesen Stars etwas herausholen kann. Ich möchte nicht mehr mit einem Künstler über seine neue CD sprechen. Oder in ein Hotel rennen und, um es etwas anders zu machen, Sarah Connor fragen, wie es ihrem Baby geht, und von ihr schon im zweiten Satz etwas zu ihrer neuen CD zu hören. Man kann in zehn Minuten doch keinen Menschen kennenlernen.
Jonathan Schächter: David musste halt noch in die Hotels rennen, aber die Stars kommen zu mir ins Studio (lacht). Alle Interviews, die am Abend laufen, sind im Studio aufgenommen, und das macht einen Unterschied. Ich sehe das also anders.
Darin kommt auch der unterschiedliche Inhalt Ihrer Sendegefässe zum Ausdruck. Werden Sie am 17. März auch mal bei Karasek reinhören und schauen was die Konkurrenz so fabriziert?
Jonathan Schächter: Nein, dazu habe ich keine Zeit, da ich exakt zur selben Zeit auf Sendung bin. Aber jeder seriöse Sender hat mindestens fünf Aufnahmegeräte, mit denen andere Sender aufgenommen werden. Ich weiss ja sowieso, dass David ein gestandener Radiomann und absoluter Profi ist. Er wird diese Sendung zweifellos fantastisch machen.
Was haben Sie bei diesem Profi abgehört?
Jonathan Schächter: Eine gemeine Frage ... Ich muss ehrlich sagen, dass ich David während der Zeit, als ich meine eigene Radio-Persönlichkeit entwickelte, fast ein wenig verpasst habe. Da war ich eher bei Roman Kilchsperger oder früher bei Christian Handelsman. Jedenfalls hat David oft so eine Coolness, eine Ruhe, die ich mir ab und zu in gewissen Situationen wünschen würde. Grundsätzlich bringt es aber nichts, wenn sich Moderatoren unseres Genres gegenseitig etwas abzukupfern versuchen. Jeder muss seine eigene Persönlichkeit entwickeln.
Was könnte denn David Karasek von Jonathan Schächter übernehmen?
David Karasek: Wenn man ihm zuhört, spürt man einfach seine Freude am Radiomachen, und das finde ich schön. Man hört jemandem zu, der gerne arbeitet, und das steckt an.
Roger Schawinski sagte einmal, dass ihn seine Tätigkeit im Jugendbund, wo er jeden Schabbat Oneg gab, stark beeinflusst habe. Trifft das bei Ihnen auch zu?
David Karasek: Da sehe ich keine Verbindung. Mein jüdisches Umfeld ist aber insofern beim Radiomachen wichtig, als ich daraus viele Reaktionen erhalten habe. Man sieht die Leute eben immer wieder.
Jonathan Schächter: Für mich kommt das Sichot-Vorbereiten und -Geben schon ziemlich nahe an das heran, was man im Radio macht. Ich habe als Madrich drei Jahre im Bne Akiwa Woche für Woche versucht, ein gutes Programm zu liefern und sehe diese Verbindung durchaus.
Also, am Montag geht’s los: Freuen Sie sich auf die gegenseitige Konkurrenz?
Jonathan Schächter: Ich bin froh, dass David im Schweizer Abendmarkt auf Sendung geht. Wir haben diesen Markt neu gestartet, und jetzt kommt «Radio 1» dazu – das bestätigt und belebt den Markt und ist eigentlich ein Kompliment an uns. Auch wenn David uns vielleicht den einen oder anderen Hörer abnehmen wird, der nicht zu unserer Zielgruppe gehört.
David Karasek: Eben. Es kann jeder dabei sein, der sich erwachsen fühlt. Aber es ist spannend, denn in den letzten Jahren war der Abend tatsächlich kein Markt, und es ist eines unserer Ziele, ihn wieder dazu zu machen.
Die Radioprofis
David Karasek, am 4. April 1978 geboren, begann seine Karriere bei «Radio Zürisee» und wechselte 2001 zu «Radio 24», wo er zuerst jeweils freitags und bei Abwesenheiten des Hauptmoderators Roman Kilchsperger die Morgenshow präsentierte. Ab 2003 übernahm er die Morgenshow während fünf Jahren vollumfänglich. Ab dem Startschuss für «Radio 1» am 17. März wird er für diesen Sender die tägliche Abendshow präsentieren, die keinen spezifischen Namen hat. David Karasek ist ein passionierter Radiomann und bisher diesem Medium immer treu geblieben. Er ist ab 17. März auf der Frequenz 93,0 zu hören.
Jonathan Schächter, geboren am 1. März 1982, hatte schon mit 13 Jahren beim alternativen Zürcher Lokalradio «Lora» seine erste Sendung, ab 1996 arbeitete er für Radio «UniSpital», auch als Sportreporter. Nach einem Abstecher zum Fernsehen, als er mit 16 Jahren bei «Tele 24/Tele Züri» die Sendung «VideoGang» moderierte sowie die Kultsendung «Trash TV» mitkreierte und ab dem Jahr 2000 als Aussenreporter bei der TV3-Prime-Time-Show «Libero» arbeitete, ging er als Sportreporter zurück zu «Radio Zürisee». Nach drei Studienjahren in Amerika wirkte er während zweier Jahre bei «Radio Energy» und 14 Monate bei «bigFM» in Deutschland. Nun ist er wieder zu «Energy» zurückgekehrt und moderiert seit Oktober 2007 für den Sender die Abendshow «Energy Downtown». Zu hören ist er auf der Frequenz 100,9.
Quelle: tachles
14. März 2008
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