"Das ist eine vatikanische Respektlosigkeit"

Der Braunschweiger Landesbischof Friedrich Weber ging im Festsaal des Wiesbadener Rathauses mit der katholischen Kirche hart ins Gericht. Foto: RMB/Friedrich Windolf

Der einstige süd-nassauische Propst Friedrich Weber eröffnet Woche der Brüderlichkeit mit Kritik an der Karfreitagsfürbitte
Deutliche Kritik an der Entwicklung der katholischen Kirche war bei der Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit im Festsaal des Rathauses zu vernehmen. Anstoss nahm man am Karfreitagsgebet der Katholiken, das das Tagblatt in der vergangenen Woche thematisiert hatte.

Jakob Gutmark vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde sprach von "vatikanischer Respektlosigkeit und Missachtung gegenüber Juden". Der Festredner Friedrich Weber, früher Propst für Süd-Nassau, heute Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Braunschweig, bezeichnete die jüngste Zulassung einer mittelalterlichen Form des Karfreitagsgebets als "Rückschritt".

Weber zitierte den Gesprächskreis Juden und Christen beim Zentralkomitee der Katholiken, die die Fürbitte Benedikts XVI. "hinter die wegweisenden Worte und Gesten" von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1970 zurückgehen sieht. Zwar gilt die mittelalterliche Fassung als "ausserordentliche Form", sie rühre aber an ein historisches Trauma der Juden, die zum Glauben an Jesus Christus bekehrt werden sollten. Oft war das Karfreitagsgebet mit Demütigungen und Ausschreitungen verbunden.

Trotz dieser Kritik sah man das Verhältnis zwischen Christen und Juden positiv. Auch dank der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die in Wiesbaden ihr 60-jähriges Bestehen feiert. Bischof Weber sprach von einem "Wunder" nach der Katastrophe der Nazizeit und erinnerte an die "zweifelhafte Rolle" der Kirchen, die auch als Folge eines Jahrhunderte alten Antijudaismus zu erklären sei. Friedrich Weber: "Die totale technisierte Eliminierung von Individuen und deren Geschichte und Kultur als Programm, das war das eigentlich perfide und abgründig Böse an der Verfolgung und Vernichtung unserer jüdischen Mitbürger."

Umso wichtiger sei es, den aktuellen Rechtsextremismus und Antisemitismus im Blick zu behalten. Die Zahl rechtsextremer Straftaten sei gestiegen. Wo es früher Hemmschwellen gegeben und man über Juden nur an Stammtischen abwertend gesprochen hätte, "haben die Leute keine Scheu davor, Juden in aller Öffentlichkeit zu diffamieren". Bedenklich sei auch, dass bei einer Befragung 68 Prozent Israel einen "Vernichtungskrieg" gegen die Palästinenser unterstellen.

Weber wandte sich in seiner mit Beifall bedachten Rede sowohl gegen fundamentalistische Glaubensformen als auch gegen relativistische Weltanschauungen. "Worum es stattdessen geht, ist die Zivilisierung der Differenz." Austausch der Kulturen setze Unterscheidung voraus.

Im Festsaal sprachen auch die Vorsitzende der christlich-jüdischen Gesellschaft Mechthild Kratz, die Vizepräsidentin des Landtags Sarah Sorge, Stadtverordnetenvorsteherin Angelika Thiels, der evangelische Dekan Hans-Martin Heinemann und Jakob Gutmark von der Jüdische Gemeinde.
Quelle: jns und Agenturen
18.März 2008

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