"Missbrauch des KZ Buchenwald für Politik"

Vor dem Hintergrund der Gedächtnisstätte Buchenwald liess sich SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli am Abend des 6. Februar für die TV-Sendung «10vor10» Der Berliner Korrespondent interviewte den SVP-Ideologen, um den es ruhig geworden war, wegen der «Verwechslung» der Namen Mörgeli-Mengele durch Bundespräsident Pascal Couchepin. Seine Sicht der Dinge durfte Mörgeli ausgerechnet bei der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar darlegen (tachles berichtete am 8. Februar). Aufmerksam geworden durch die Online-Lektüre von tachles am Freitag und nach Einblick in die online geschaltete TV-Sendung reagierte die Stiftung Gedenkstätte Buchenwald in einer geharnischten Medienmitteilung: Es sei keine Drehgenehmigung eingeholt worden:«Dieses Interview wurde (...) auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald, der heutigen Gedenkstätte Buchenwald, aufgezeichnet. Das ehemalige Konzentrationslager sollte ganz offensichtlich im Sinne von Herrn Mörgeli für eine innerschweizer parteipolitische Auseinandersetzung funktionalisiert werden», gab die Stiftung ihrem Ärger schriftlichen Ausdruck. Der TV-Korrespondent und Mörgeli seien darauf aufmerksam gemacht worden. «Der zuständige Korrespondent hat darauf hin den Eindruck vermittelt, das Drehverbot zu akzeptieren.»

Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau-Dora, wünscht, dass das Schweizer Fernsehen an prominenter Stelle richtig stellt, die Filmarbeiten seien gegen den ausdrücklich erklärten Willen der Stiftung erfolgt. Knigge: «Ich fordere das Schweizer Fernsehen und Herrn Mörgeli ausdrücklich auf, sich bei den Opfern für diese politische Funktionalisierung ihrer Geschichte zu entschuldigen!» Die Stiftung behält sich laut der Mitteilung rechtliche Schritte vor. Eine solche Entschuldigung lehnt das Schweizer Fernsehen kategorisch ab, denn es sei alles richtig gemacht worden.

Beim Schweizer Fernsehen wollten am Freitag weder Chefredktor Ueli Haldimann noch «10vor10»-Redaktionsleiter Hansjörg Utz mit tachles reden. Mediensprecher David Affentranger teilte mit, dass die Behauptung der Stiftung falsch sei: «Die Dreharbeiten fanden nicht auf dem Gelände der Gedenkstätte Buchenwald statt, sondern auf dem Besucherparkplatz neben dem Besucherzentrum.»

Nach den Äusserungen von Bundespräsident Couchepin, so Affentranger, sei Mörgeli von «10vor10» um ein Interview angefragt worden; das ist in der Tat ein ganz normaler journalistischer Vorgang. Mörgeli habe gesagt, er werde sich zum vereinbarten Zeitpunkt zufällig in Buchenwald aufhalten, der Besuch sei schon lange geplant, und der Korrespondent reiste zur Gedenkstätte. Das Einschreiten eines Stiftungs-Mitarbeiters habe der Korrespondent der Redaktionsleitung folgendermassen beschrieben: Man habe ihn darauf hingewiesen, für das Innere des Geländes brauche er eine Dreherlaubnis. Er habe geantwortet, das sei nicht nötig, weil nur im Freien gedreht werde.

Auf die Frage von tachles, ob kein Verantwortlicher auf die Idee gekommen sei, das Interview im Zusammenhang mit «Mörgeli-Mengele» wäre ausgerechnet in einem ehemaligen KZ geschmacklos, antwortete der Mediensprecher: «Im Nachhinein kann man sich schon fragen, ob der Drehort angemessen war und ob man das Interview nicht besser vor einem neutralen Hintergrund gedreht hätte.» Er schickte per e-Mail noch einen Nachsatz nach: «Entschuldigen werden wir uns bei der Stiftung nicht, da wir keinen Regelverstoss begangen haben. Aber: Es war nie unsere Absicht, einem Opfer von Buchenwald zu nahe zu treten.»

Mörgeli bedauert den Drehort überhaupt nicht, wie er zu tachles sagte. Im Gegenteil sei dieser angesichts des Inhalts des Ausspruchs des Bundespräsidenten durchaus passend gewesen: «In Buchenwald sieht man, dass es um Opfer geht. Viel mehr als über die Frage, ob das Intrview dort passend gewesen sei, sollte man sich darüber aufregen, dass Couchepin mich mit Mengele verglichen hat. Das wird jetzt an mir, einem Medizinhistoriker, hängen bleiben.» Er habe das Tonband der betreffenden Sitzung abgehört und sei sicher, dass es sich um eine «vorbereitete Attacke auf mich» gehandelt habe. Auf die Frage von tachles bestätigte Mörgeli, dass er Christoph Blocher, der in Chile in den Wanderferien ist, informiert habe.

Mörgeli sagt, er bereite für das von ihm geleitete Medizinhistorische Museum der Universität Zürich anlässlich des 175-Jahr-Jubiläums eine Ausstellung vor, für die er nach Weimar reiste. «Buchenwald ist ja nur fünf Kilometer entfernt.» Der Politiker mag nicht zugeben, dass er den Drehort strategisch geschickt selber gewählt habe, sondern sagt, dass er schon früher in Buchenwald gewesen sei, wegen der dort durchgeführten medizinischen Experimente. Und am vergangenen Freitag sei wieder ein Besuch auf seinem Programm gestanden.

Riko Lüttgenau, stellvertretender Stiftungsdirektor der Stiftung Gedenkstätte Buchenwald-Mittelbau Dora widerspricht gegenüber tachles sowohl dem Schweizer Fernsehen als auch Mörgeli. Er hat sich den Beitrag im Internet angeschaut: «Es ist ganz deutlich zu sehen, dass nicht nur auf dem Besucherparkplatz gedreht wurde.» In der Tat geht der Korrespondent mit Mörgeli am Lagerzaun spazieren, im Hintergrund aus verschiedenen Blickwinkeln deutlich sichtbar das gesamte Lagergelände.

«Auch der Besucherparkplatz gehört zum Gelände», betont Lüttgenau. «Auch dort gilt unsere Hausordnung. Das Gelände umfasst nicht nur das ehemalige Lager, sondern auch das Mahnmal und den Besucherbereich. Überall braucht es eine Drehgenehmigung. Diese wurde nicht eingeholt.»

Zur Behauptung Mörgelis, er habe schon seit langem einen Besuch in Buchenwald geplant, sagt Lüttgenau: «Uns liegt keine Anmeldung von Herrn Mörgeli vor, weder für die Gedenkstätte noch für das Archiv.» Mörgeli sagt dazu gegenüber tachles, er habe sich nicht angemeldet, sondern sei einfach als Besucher hin gegangen.

Addy Engel, der Auschwitz und Mauthausen überlebt hat und wenige Monate nach Kriegsende mit dem ersten Jugend-Transport noch vor den «Buchenwaldern» todkrank in die Schweiz gebracht worden war und in Davos zusammen mit vielen ehemaligen jugendlichen Häftlingen aus Buchenwald in der jüdischen Lungenheilstätte «Etania» gepflegt wurde, findet es «scheusslich, dass sich jemand ohne Verständnis für die Verfolgten in einem KZ politisch profilieren will». Engel erinnert daran, dass der 11. April nicht mehr weit ist, der Jahrestag der Befreiung von Buchenwald 1945. Gabor Hirsch, Gründer der «Kontaktstelle Überlebende in der Schweiz», sagt, dass der Drehort für Buchenwald-Überlebende sicher stossend sei.

«Dieser Ort hat eine Widmung», sagt der stellvertretende Stiftungsdirektor Riko Lüttgenau. «Wir sind die Hüter dieses Ortes, wir haben die Aufgabe, die Würde der Opfer der Geschichte dieses Ortes entsprechend zu wahren. Deswegen müssen wir verhindern, dass er unangemessen instrumentalisiert wird.»

Gisela Blau (tachles)
9.Februar 2008

zum Seitenanfang

Weitere Berichte:

zum Seitenanfang
Druckbare Version
Internationale Briefmarke erinnert an Holocaust
Antisemitischer Terror in der Schweiz und Italien