Steter Einsatz für Koexistenz
Seit einem halben Jahrhundert steht die Gesellschaft Schweiz-Israel für Solidarität mit dem jüdischen Staat und informiert über die kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Israel. Anlässlich des Jubiläums erschient die Festschrift «Dialog, Verständnis, Freundschaft».
Von Joel Hoffmann
Am 12. Dezember 1957 wurde die politisch und religiös unabhängige Gesellschaft Schweiz-Israel (GSI) ins Leben gerufen. Die Gründungsmitglieder sahen unter dem Eindruck des Suezkrieges die Existenz des Staates Israel gefährdet, wie es im Leitbild heisst. Die Gründung der GSI war in Anbetracht der Schoah und der Schweizer Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs ein klares Zeichen: «Dem jüdischen Volk darf solches nie wieder geschehen!» und «Dem Staat Israel, der auch als Folge der Schoah entstandenen Heimstätte des jüdischen Volkes, ist jederzeit beizustehen, sollte seine Existenz bedroht werden». Vielseitig sind die persönlichen Motivationen der heutigen Mitglieder, sich bei der GSI zu engagieren. Bei Zentralsekretär Walter L. Blum lässt sich sein Einsatz auf seine Jugend zurückführen. Als junger Mensch musste er, obwohl Katholik, auf Grund seines «jüdischen» Namens antisemitische Erfahrungen machen. Dies führte dazu, dass er sich im Alter von 17 Jahren intensiv mit dem Judentum und Israel zu befassen begann. 1967 war er Mitinitiant der Aktion «Helft Israel», die eine Grossdemonstration für Israel auf dem Münsterhof in Zürich organisierte. Im gleichen Jahr wurde er Sekretär der Zürcher Sektion der GSI. Ungefähr fünf Jahre später wurde er Zentralsekretär der GSI Schweiz, ein Amt, das er bis heute bekleidet.
Die Gründung der GSI blieb von der Presse nicht unbeachtet, und auch der Staatsschutz beobachtete und überwachte die Tätigkeiten der GSI. So wurden zwischen 1957 und 1988 180 Aktivitäten der GSI auf 13 Fichen registriert; dies ist heute die vollständigste Dokumentation über die Vorträge der GSI und ihrer Sektionen. Für die Referenten, welche meist aus dem Ausland kamen, musste die GSI erst eine Redeerlaubnis einholen. Während des Kalten Krieges drohte die Gefahr, dass Israel zum Spielball der Sowjetunion und der USA werden würde. In dieser international angespannten Lage gab es auch Stimmen, die in Israel die Gefahr für den Weltfrieden sahen. Auch die GSI spürte diese Ängste. Nichtsdestotrotz verstärkte der 1961 in Jerusalem abgehaltene Prozess gegen Adolf Eichmann die Solidarität mit Israel, und die Mitgliederzahl der GSI stieg weiter an.
Israel-Euphorie nahm ab
1967 drohten Israels Nachbarn und Irak mit der Vernichtung des jüdischen Staates. «Die Existenz Israels ist ein Fehler, der berichtigt werden muss … Unser Ziel ist klar – Israel von der Landkarte zu wischen», so der damalige Staatspräsident von Irak, Abdur Rahman Aref. Noch vor der militärischen Eskalation, die als Sechstagekrieg in die Geschichtsbücher einging, organisierte die GSI Sympathiekundgebungen für Israel. An diesen in mehreren Schweizer Städten durchgeführten Demonstrationen beteiligten sich auch prominente Politiker und brachten ihre Solidarität mit dem bedrohten jüdischen Staat zum Ausdruck. Unter dem Motto «Für das Lebensrecht des Staates Israel» organisierte die GSI Anfang Juni 1967 eine öffentliche Kundgebung in Zürich, an der, nach Angaben der Presse, über 2000 Personen teilnahmen. Die Veranstaltung endete mit der Verabschiedung einer Resolution und einem Friedensmarsch zum israelischen Generalkonsulat. Gleichzeitig führte die Sektion Basel eine Kundgebung mit ebenfalls prominenter Beteiligung durch. Einen Tag nach Beginn der Kampfhandlungen, am 6. Juni 1967, wurde in Genf unter dem Patronat der Genfer Sektion der GSI eine Solidaritätskundgebung durchgeführt, bei der ebenfalls eine Resolution verabschiedet wurde. Diese verlangte «sofortige Verhandlungen auf höchster Ebene zur Einstellung der Kämpfe» und versicherte zum Schluss die Solidarität «für Israel im Kampf um seine Existenz». Ein Umzug zur Synagoge der jüdischen Gemeinde Genf setzte den Schlusspunkt der Kundgebung. 1967 erreichten die Akzeptanz für Israel und die Anliegen der GSI ihren Höhepunkt; es herrschte eine wahre Israel-Euphorie.
Doch in den folgenden Jahrzehnten wandelte sich die öffentliche Stimmung gegenüber Israels Politik und wirkte sich dementsprechend auch auf die Arbeit der GSI aus. Nach dem Sechstagekrieg kam es zu einer Radikalisierung und Internationalisierung des palästinensischen Terrorismus, von dem auch die Schweiz nicht verschont blieb. Am 18. Februar 1968 verübten vier Terroristen auf dem Flughafen Zürich-Kloten mit Schusswaffen und Granaten ein Attentat auf eine Maschine der israelischen Fluggesellschaft El Al. Mordechai Rachamin, ein für die Sicherheit an Bord zuständiger Beamter des israelischen Sicherheitsministeriums, erschoss einen der Attentäter. Die Sicherheitsbeamten des Flughafens reagierten nur zögerlich. Eine Spezialeinheit gab es nicht. Die Feuerwehrmänner konnten jedoch unter Einsatz ihres Lebens Schlimmeres verhindern. Die Presse sprach im Zusammenhang mit Rachamin vom «sympathischen Israeli» und verurteilte die Terroristen aufs Schärfste. Mit grösster Zufriedenheit nahm die GSI die wohlwollende Haltung der Schweizer Bevölkerung zur Kenntnis. Das Attentat von Zürich war jedoch eines der letzten Ereignisse, auf das die breite Öffentlichkeit mit Wohlwollen gegenüber Israel reagierte.
Ab 1973, nach dem Jom-Kippur-Krieg, begleitet durch den Öl-Schock, begann in der Schweiz das Verständnis für die israelische Politik zu bröckeln. Zudem zog, insbesondere bei den Linken, der Antizionismus seine Kreise. In einer Studentenzeitung wurde die Aufforderung «zu einer Vernichtung des jüdischen Staatsgebildes» abgedruckt, worauf die GSI Sektion Basel im März 1974 eine Resolution verabschiedete, in der sie diesen Aufruf verurteilte. Weiter appellierte sie an die politischen Kräfte im Kanton, zu handeln.
Diverse Tiefpunkte
Die GSI reagierte auf die Ereignisse und setzte primär auf verstärkte Pressearbeit. Man wollte die breite Bevölkerung durch die Massenmedien sensibilisieren. Ein Tiefpunkt in der Geschichte der GSI waren die zwei von christlich-libanesischen Falange-Milizen verübten Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila, welche von der israelischen Armee nicht verhindert wurden. Die GSI zeigte sich zutiefst bestürzt und verurteilte das passive Verhalten der Armee. Kritik an der Politik Israels wurde auch in den eigenen Reihen laut, und es kam zu einigen Austritten. Trotzdem stieg die Zahl der Mitglieder zum 30-jährigen Jubiläum im Jahr 1987 wieder auf 5000 an.
Den Stimmungswandel in der Schweiz in Bezug auf Israel, nach 1967 und in den siebziger Jahren, führt Walter L. Blum massgeblich darauf zurück, dass viele Schweizer den früheren «David» Israel zunehmend als militärisch starke Besatzungsmacht empfanden. Die Diskussion Mitte der neunziger Jahre über die Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs, über die Schweizer Flüchtlingspolitik während des Krieges sowie über die nachrichtenlosen Vermögen erzeugte undifferenzierte Israelkritik, und Antisemitismus wurde wieder salonfähig. Im Verlauf der Diskussion um die nachrichtenlosen Vermögen, in der die Schweiz international heftig angegriffen wurde, kam es zu einigen Austritten aus der GSI, so Blum. Dies erstaunte ihn, hatte diese Diskussion doch nicht direkt mit Israel zu tun.
Während den 50 Jahren flossen selbstverständlich immer wieder neue Ansichten und neue Gedanken in die GSI ein. Vor 25 Jahren traten jüngere Menschen in die Organisation ein, die Israel nicht mehr als Sonderfall, sondern als einen normalen Staat mit Schwächen und Stärken verstanden, sagt Blum weiter. Aus ihrer Sicht pflegt Israel heute zwar vielseitige diplomatische Beziehungen, verharre aber in einer Politik nach dem früheren Muster. Blum stellt klar, dass die GSI-Mitglieder von Israel heute eine klare Position und einen Tatbeweis erwarten, wie es mit seinen palästinensischen Nachbarn eine Zweistaatenlösung finden kann und wo Israel die künftigen Grenzen sieht. Unabhängig von wichtigen Ereignissen im Nahen Osten hat die GSI ihre Aktivitäten (wie die Betreuung der Mitglieder, Informationen, Publikationen, Jugendaustausch) stets unbeirrt weitergeführt und damit die Stabilität der GSI gewährleistet.
Koexistenz als Maxime
Seit die ehemalige Nationalrätin Vreni Müller-Hemmi das Präsidium der GSI im Jahr 2000 übernommen hat, liegt der Fokus der Bestrebungen auf der friedlichen Koexistenz zwischen Israel und Palästina. Müller-Hemmi wurde angefragt, weil die GSI prioritär ein Parlamentsmitglied für das Zentralpräsidium suchte. Nebst der politischen Dimension brachte sie mit ihrem intensiven Einsatz für bosnische Flüchtlinge, gegen Rassismus und für eine tolerante Schweiz die erwünschte Sensibilität für das Amt als Zentralpräsidentin mit. Das Mandat war für sie, die vorher noch nie in Israel war, eine Herausforderung und im Hinblick auf ihre Tätigkeit in der Aussenpolitischen Kommission passend. Das Judentum und Israel waren für sie bereits in jungen Jahren wichtige Themen gewesen. Mit ihrem Mandat konnte sie sich gezielter informieren, vor allem durch jährliche Reisen nach Israel und Palästina. Diese Reisen nutzte sie, um Netzwerke aufzubauen und die kulturelle und politische Nahost-Komplexität besser zu verstehen. «Es ist ein ständiger Lernprozess», sagt sie. Speziell war, dass sie als SP-Mitglied GSI-Präsidentin wurde. Die sehr Israel gegenüber kritische SP stellte Müller-Hemmi auch vor innerparteiliche Herausforderungen. In Bezug auf den Krieg mit Libanon im letzten Sommer zum Beispiel machte Müller-Hemmi geltend, dass die Schweiz nicht nur Israel völkerrechtlich in die Pflicht nehmen sollte, sondern auch Libanon und die Hizbollah. Damit verlangte sie von Aussenministerin Calmy-Rey differenziertere Stellungnahmen. An den heute differenzierteren Haltungen ihrer Partei hat sie ihren Anteil. Sie initiierte zudem regelmässige Treffen zwischen Bundesrätin Calmy-Rey – vorher Bundesrat Deiss – und dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund sowie der Plattform der liberalen Juden der Schweiz. Müller-Hemmi setzt grundsätzlich auf Dialog. Dieser dürfe aber nicht nur, wenn es «brennt», stattfinden, sondern müsse regelmässig sein. «Ich habe meine Koexistenz-Position der GSI gegenüber von Anfang an klargemacht.» Es ist die Kombination aus ihrer Dialog-Grundsatzhaltung, dem Einstehen für die Menschenrechte sowie ihrer Erfahrungen mit aktueller Flüchtlingspolitik, die ihr die Glaubwürdigkeit verleiht, um die notwendigen Brücken schlagen zu können. Blum unterstreicht diese Haltung: «Die GSI unterstützt Projekte der Zivilgesellschaft, die gemeinsam von Palästinensern und Israeli entwickelt werden und den Frieden fördern. Deshalb unterstützt die GSI auch die ‹Genfer Initiative›.» Zu Beginn der Präsidentschaft von Müller-Hemmi formulierte eine Arbeitsgruppe zum ersten Mal in der Geschichte der GSI intensiv ein Leitbild, welches von der Delegiertenversammlung 2002 einstimmig angenommen wurde. Auf der Basis dieses Leitbildes treten fast täglich neue Mitglieder der GSI bei, wie Blum mit Freude feststellt.
In ihrer bald achtjährigen Präsidentschaft war das Jahr 2002 zentral und der Wendepunkt in der aktuellen Geschichte der GSI, wie Müller-Hemmi betont. So wurde das einstimmig verabschiedete Leitbild Basis einer schweizweit kohärenten Positionierung und Strategie. Die ebenfalls 2002 in Zürich und Bern präsentierte «Coexistence»-Ausstellung des Jerusalemer Museum on the Seam untermauerte öffentlich den Koexistenzkurs der GSI. Die Gründung der Sektion Ostschweiz im Mai 2006 ist das markanteste Ergebnis des seitherigen Wachstumskurses der GSI. Für Blum ist die Gründung der Sektion Ostschweiz das eigentliche «Geburtstagsgeschenk» zum 50-Jahr-Jubiläum. Demnächst soll auch die Sektion Tessin zu neuem Leben erweckt werden. Entsprechend freut sich Vreni Müller-Hemmi, dass sich die GSI 50 Jahre nach ihrer Gründung gesund und aktiv präsentiert: «Mit dem Jubiläums-Festanlass und mit unserer Jubiläumsschrift zeigen wir, dass wir auch künftig dezidiert für die freundschaftliche Beziehung zu Israel einstehen wollen.»
Der Festanlass zum 50-Jahr-Jubiläum findet am 9. Dezember im Zürcher Kongresshaus unter prominenter Beteiligung statt. Nebst GSI-Zentralpräsidentin Vreni Müller-Hemmi wird Bundesrätin Micheline Calmy-Rey zu den Anwesenden sprechen. Ebenfalls eingeladen wurde die israelische Aussenministerin Zippi Livni. Musikalisch umrahmt wird die Feier von der modernen Klezmer-Gruppe Kol Simcha. Zum Schluss wird das Jubiläumsbuch «Dialog, Verständnis, Freundschaft» von Zsolt Keller und Arthur K. Vogel vorgestellt. Weitere Informationen unter www.schweiz-israel.ch. Das Buch «Dialog, Verständnis, Freundschaft – 50 Jahre Gesellschaft Schweiz-Israel» ist unter www.chronos-verlag.ch erhältlich.
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