Ein absurdes Theater

Anthony Kauders schildert das Zusammenleben zwischen Deutschen und Juden nach 1945

Am 5. Februar 1950 schrieb Hannah Arendt folgenden Brief an Gerschom Scholem: "...Misstrauen ist durchaus am Platze, aber es gibt auch ein Misstrauen, dass so blind sein kann, wie blindes Vertrauen...." Sie lebte in New York und er in Jerusalem. Das Misstrauen und Vertrauen handelt von den Erwartungen, die beide an die Deutschen haben, ihnen dabei zu helfen, im Rahmen ihrer gemeinsamen Arbeit jüdische Kulturgüter aus Deutschland nach Israel oder in die USA herauszuschaffen.

Davon handelt Kauders Buch jedoch nicht. Hier geht es um das Gegenteil. Der Schweizer Historiker, der in England lehrt, erzählt die Geschichte der Juden in Deutschland nach dem Krieg. Es ist eine Geschichte ohne Arendt und Scholem, eine Geschichte von Schatten, von Menschen, deren Körper zwar auf deutschen Boden lebten, deren Geist aber nicht mehr existierte. Es ist die Geschichte einer nicht mehr zu füllenden Leere. Eine Tragödie.

Die Mehrheit der Juden nach dem Krieg begann ihr Leben als "displaced persons" unter amerikanischer Obhut. Nicht viele dieser Menschen - etwa 30 000 - blieben in Deutschland. Nur eine Minderheit ehemaliger deutscher Juden kehrte in ihr Geburtsland zurück.

Wie sie in den Nachkriegsjahren lebten, behandelt Kauders unter anderem in seinem Kapitel über die "Schuld". Der Verfasser hebt die Kontinuität des völkischen Denkens nach dem Krieg hervor. Er betont, dass eine moderate Judenfeindschaft nach wie vor legitim war. Am Beispiel Münchens zeigt er, dass sich der Antisemitismus auch nach 1945 in breiten Teilen der Bevölkerung bemerkbar machte, und es kaum Schuldgefühle unter den Deutschen gab. Die Juden hingegen fühlten sich schuldig, unter anderem weil sie im Land der Täter lebten und dieses Land entgegen ihrer ursprünglichen Pläne nicht verliessen.

Meist blieben sie aus privaten Gründen. Manche von ihnen hatten inzwischen nichtjüdische Partner geheiratet; andere wiederum sahen in Deutschland Möglichkeiten, ihren Unterhalt zu gestalten. Folgt man Kauders, gab es auch Juden, welche die Nähe zu ihren Peinigern suchten. Öffentlich wurde darüber nicht gesprochen. Lieber führte man allgemeine gesellschaftliche und politische Gründe ins Feld. Für die Deutschen galt das genauso. Die deutschen Nachkriegspolitiker zogen durchaus ihren Nutzen aus der Anwesenheit der Juden, dienten sie doch als Aushängeschild für die neue Demokratie und den guten Willen des Landes. Kauders schildert eindringlich, wie gern sich die jüdischen Funktionäre darauf einliessen und dadurch als öffentliche Personen aufgewertet wurden.

Mit dem Leben der breiten jüdischen Masse in Deutschland hatte das allerdings wenig zu tun. Kauders beschreibt, dass sich die meisten Juden in Deutschland als Bewohner des Landes auf Zeit verstanden und ihren Lebensunterhalt in einer von der Umwelt abgekapselten Weise verdienten, die es ihnen ermöglichte, wenigstens in ihrer Fantasie ausserhalb Deutschlands zu leben. Meist schickten sie ihre Kinder in jüdische Ferienlager und versuchten sie von der nicht-jüdischen Umwelt abzuschirmen. Ihr Leben fand meist ausschliesslich in den jüdischen Gemeinden statt.

Übrigens spielte Geld in ihren Reihen eine grosse Rolle, und Kauders tut gut daran, diesem Thema ein eigenes Kapitel zu widmen. Geld bedeutete für viele Juden Freiheit. Geld ermöglichte ihnen den Weg aus der durch den Krieg erlittenen Armut heraus, und Geld hiess gleichzeitig auch, die antisemitischen Vorurteile zu bedienen. So wurden in den Augen vieler Deutscher die Juden schuldig, weil sie die Deutschen ausbeuteten. Für Kauders steht fest: Alle spielten eine Rolle in diesem absurden Theater.

Der Verfasser geht auch auf die Geschichte der so genannten jüdischen Spekulanten in Frankfurt ein. Von Gerhard Zwerenz und Rainer Werner Fassbinder ist die Rede. Sie hätten in den Siebzigerjahren keine Gelegenheit ausgelassen, die "deutsche Volksgemeinschaft" durch den Ausschluss der Juden zu stärken - nur diesmal von links. Gleichzeitig sei beständig die deutsch-jüdische Symbiose der Vorkriegszeit beschworen worden, aber genau mit dieserart pathetischer Reden seien Juden wie Ignaz Bubis, die aus Osteuropa stammten, ausgeschlossen worden. Ihnen wurde die Rolle des reichen, raffenden jüdischen Kapitalisten zugewiesen, aus der sie nur schwer - wenn überhaupt - herauskamen.

Wer schon nicht dazugehören will und darf, muss sich eine andere Heimat suchen. Mit dieser Erklärung kommt Anthony Kauders auf die Rolle Israels für die Juden in Deutschland zu sprechen. Die Solidarität mit Israel, die heute oftmals in Frage gestellt wird, war lange Jahre hindurch mehr als nur selbstverständlich. Sie machte den Aufenthalt in Deutschland für Juden überhaupt erst möglich, weil man sich geistig in Israel zuhause wähnte und der ewige Wunsch auszuwandern das Leben in Deutschland erleichterte. So lebten zwar Juden in der Bundesrepublik, das jüdische Leben verlagerte sich aber nach Israel und in die USA. Nur dort war das ehemalige europäische Judentum lebendig.

In einem faszinierenden Abschlusskapitel schildert Kauders die Renaissance des jüdischen Lebens in Deutschland nach dem Untergang des Sowjetimperiums. Mit ihm kamen neue jüdische Einwanderer vor allem aus Russland und belebten die alternden Gemeinden. Ohne Schuld und Scham leben die "Russen" heute in Deutschland. Neue Fragen tauchen auf, die sich die Alteingesessenen in der Form nicht stellten: Sind wir Juden oder sind wir keine? Kann man morgens Jude sein, nachmittags Deutscher und am Abend Russe oder alles zusammen? Was ist man, nicht-jüdisch-deutsch, deutsch-jüdisch, jüdisch-deutsch, in Israel nicht-jüdisch genug, in Russland zu jüdisch?

"Unmögliche Heimat"? In der Tat. Vielleicht heisst das für die Zukunft aber auch, dass die jüdische Existenz eine kosmopolitische wird, dass Juden in Deutschland nicht mehr einer verlorenen Heimat nachweinen, sondern ihre Form der Heimatlosigkeit als eine neue, sich öffnende chancenreiche Perspektive begreifen. Vielleicht heisst es künftig nicht mehr: "Wie kann man als Jude in Deutschland leben?", sondern: "Wie können wir alle zu ortlosen Juden werden?" Aber so weit wollen weder Anthony Kauders noch die Juden in Deutschland gehen, und vielleicht ist das auch ein anderes Thema.
Natan Sznaider
Quelle: jns und Agenturen
21. Oktober 2007

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