Deutsche sind in Israel sehr willkommen
Bitte keine falschen Vergleiche
Von Peter Schneider
Der kürzeste Weg von Berlin zu einem Sonnenstrand mit Großstadtflair ist der vom Flughafen Schönefeld nach Tel Aviv. Quartiert man sich in einem Hotel in der Stadtmitte ein, zum Beispiel am Dizengov-Square, gelangt man nach einem viertelstündigen Spaziergang zu einem breiten, nahezu endlosen Strand, dessen Sand feiner ist als irgendwo sonst am Mittelmeer. Die älteren Gebäude der kaum hundert Jahre alten Stadt sind im Bauhausstil errichtet – und auf einmal, angesichts der orientalischen Spielfreude, mit der die strenge Bauhaus-Regel variiert wurde, kommt es einem so vor, als wäre dieser Stil eigens für Tel Aviv erfunden worden.
Für den Gast aus Berlin, der Stadt mit dem Bauhaus-Museum, erweisen sich allerlei mitgebrachte Reflexe als unnötig – etwa das Zögern, im Taxi, im Restaurant oder am Strand mit dem Partner deutsch zu reden. Wer in Tel Aviv deutsch spricht, muss sich nicht auf ein Schimpfwort gefasst machen, sondern auf die neugierige Frage, wie es dem Gast in Tel Aviv gefalle und ob er bald wiederkomme. Wenn der Gast dann noch bekennt, dass er aus Berlin angereist ist, kann es ihm passieren, dass er begeisterte Erzählungen über den letzten Besuch in der deutschen Hauptstadt auslöst.
»Wer heute noch behauptet, man könne nicht nach Deutschland fahren«, sagte der israelische Schriftsteller Amir Gutfreund in einer vom Goetheinstitut in Tel Aviv veranstalteten Diskussionsrunde, »der macht sich lächerlich.« Nicht alle im Raum stimmten ihm zu. Aber die Mehrzahl des jungen Publikums schien an Gutfreunds provokativer Formulierung keinen Anstoss zu nehmen. Steve Erlanger, der Korrespondent der New York Times in Jerusalem, erklärte die gelassene Stimmung in Sachen Deutschland so: Die besten Freunde Israels seien die USA, Deutschland und Jordanien – in dieser Reihenfolge. Bemerkenswert ist, dass diese offizielle Einschätzung unter nicht wenigen Bürgern des Landes ein Echo findet. Auf den ersten Blick scheint es jedenfalls, dass junge Israelis viel weniger Probleme mit Deutschland haben als ihre deutschen Altersgenossen mit Israel.
Allerdings trauten auch viele Teilnehmer der Veranstaltung dem Frieden mit den Deutschen nicht recht. Sie registrieren eine Kluft zwischen den Verlautbarungen der deutschen Regierung und Äußerungen bei Begegnungen mit Deutschen. Oft gewinnen sie den Eindruck, dass die Deutschen beim Thema Israel entweder nicht offen sagen, was sie denken, oder besonders vorwurfsvoll reagieren. Den Verdacht einer Schonhaltung machte der israelische Soziologe und Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv, Mosche Zuckermann, an einem Beispiel deutlich. Warum, fragte er mit einem Verweis auf den Skandal der erst abgesetzten, dann wieder aufgenommenen Idomeneo-Inszenierung an der Deutschen Oper in Berlin, fehlte unter den geköpften Propheten und Religionsstiftern der Prophet Moses?
Die »Bild«-Zeitung feierte den Sechstagekrieg als »Blitzkrieg«
Bis heute scheint das Bild von Israel in Deutschland stärker von deutschen Befindlichkeiten bestimmt als von der Gegenwart Israels. Wer in Deutschland über Israel redet, redet immer auch über sich selbst: Entweder versucht er sein historisches Problembewusstsein zu beweisen oder seine Freiheit von historischen Befangenheiten; beides ist zum Scheitern verurteilt. Der historisch alarmierte Deutsche, meist ein Konservativer, neigt dazu, auch unleugbare Fehler wie Kriegsverbrechen der israelischen Armee im Namen der »besonderen Verantwortung der Deutschen« zu beschweigen. Sein Widerpart, der vorsätzlich »unbefangene« Deutsche – früher meist ein Linker, heute ebenso oft ein Rechtsextremist – erliegt immer wieder der Versuchung, die Nachkommen der Opfer des Holocaust zu den Tätern von heute zu erklären. Auch deutsche Geistliche sind gegen die Unschuldsfalle nicht gefeit. Der Bischof von Eichstätt, Gregor Maria Hanke, fühlte sich bei einem Besuch im Gaza-Streifen prompt an das Warschauer Ghetto erinnert. Warum verständigen sich deutsche Politiker und Meinungsführer nicht auf die einfache Regel, derartige Vergleiche aus dem Repertoire zu streichen? Man braucht solche Vergleiche nicht, um etwa die Zustände in Gaza mit Schärfe anzuklagen.
Das Muster dieses Hinundhergerissenseins zwischen allzu eiliger Parteinahme oder Verurteilung zeigte sich bereits in den deutschen Reaktionen zum Sechstagekrieg vor vierzig Jahren. Die Bild-Zeitung feierte den israelischen Sieg gegen gleich drei arabische Nationen als gelungenen »Blitzkrieg« – der israelische Kriegsheld Mosche Dajan wurde unversehens zu einem Meisterschüler von Wehrmachtsstrategen befördert. Ein guter Teil der neuen deutschen Linken indessen stattete sich damals mit den schwarz-weiß-karierten Palästinensertüchern aus, um ihre Solidarität mit den »Opfern der israelischen Aggression« zu bekunden – dies zu einem Zeitpunkt, da der Fatah-Führer Arafat noch damit prahlte, alle Juden Palästinas ins Meer treiben zu wollen.
Bei den Reaktionen auf den Libanonkrieg vor einem Jahr schien dieses Muster ausser Kraft gesetzt. Die grosse Mehrheit der Israelis stimmt mit den Deutschen in dem Urteil überein, dass dieser Krieg verfehlt war. Er hat der jungen demokratischen Bewegung im Libanon das Genick gebrochen und die Macht der Terrororganisation Hisbollah deutlich gestärkt. Aber die Übereinstimmung täuscht. Die Israelis kritisieren vor allem die Art der Kriegführung, insbesondere die Entscheidung, den Angriff vorwiegend aus der Luft statt mit Bodentruppen zu führen. Deswegen, so argumentieren sie, seien eher libanesische Zivilisten als Hisbollah-Kämpfer und deren Raketenbasen getroffen worden.
Die deutsche Kritik tendiert dazu, den Krieg grundsätzlich als ein Mittel der Verteidigung abzulehnen. Wie dramatisch diese Meinungsdifferenz tatsächlich ist, machte eine von der Bertelsmann-Stiftung im Januar 2007 durchgeführte Umfrage deutlich: Danach bejahen 83 Prozent der Israelis die Frage, ob es in der internationalen Politik Situationen gebe, bei denen militärische Gewalt angewendet werden muss; nur 39 Prozent der Deutschen teilen diese Meinung.
An dieser Stelle wird deutlich, dass die Deutschen und die Israelis radikal verschiedene »Lehren« aus ihrer jeweiligen Vergangenheit und Gegenwart abgeleitet haben. Man kann fast von einer Rollenumkehrung sprechen. Die Israelis haben aus der Erfahrung des Genozids an den europäischen Juden und der ständigen Existenzbedrohung ihres Staates den Schluss gezogen, dass sie jederzeit in der Lage sein müssen, sich gegen Angriffe ihrer Nachbarn zu wehren. Die besiegten Deutschen haben mit ihrer Nachkriegslosung »Nie wieder Krieg« den umgekehrten Schluss gezogen. Während die Israelis einen Existenzkampf gegen Feinde führen müssen, die ihren Staat von der Landkarte streichen wollen, sind die Deutschen seit dem Fall der Mauer von Freunden umringt. Der Unterschied könnte größer nicht sein: Während Israel auf die Entführung von zwei Soldaten mit unverhältnismäßiger Gewaltanwendung reagierte und sich in einen Krieg gegen Libanon stürzte, debattierten die Deutschen nach dem Tod von drei Bundeswehrsoldaten den Rückzug ihrer Truppen aus Afghanistan.
Deutsche wollen alles friedlich lösen, Israelis halten das für weltfremd
Vergleicht man die beiden Haltungen zu Krieg und Frieden, so erscheint die Überzeugung vieler Deutscher, dass sich Konflikte friedlich lösen lassen, zumindest als reichlich selbstbezogen. Hier liegt die Wurzel vieler Missverständnisse: Junge Israelis glauben nicht mehr an eine Konfliktlösung in absehbarer Zeit – weder mit friedlichen noch mit militärischen Mitteln. Sie reden lieber von »Konfliktmanagement« als von Frieden. Die Studentin Noa, deren Elternhaus von einer Katjuscha-Rakete zerstört wurde, vermisst in der deutschen und europäischen Kritik am Libanonkrieg die Anerkennung einer simplen Tatsache: Obwohl sich Israel sowohl aus Gaza wie aus Libanon vollständig zurückgezogen hat, flogen kurz danach wieder die Raketen von Hamas und Hisbollah. Woher nehmen die Ratgeber Israels die Gewissheit, fragt sie, dass die Araber Frieden schließen würden, wenn Israel alle besetzten Gebiete einschließlich der Siedlungen zurückgäbe? Die Möglichkeit, dass eine Mehrheit der Araber den Staat Israel dann immer noch von der Landkarte streichen möchte, wolle den Deutschen offenbar nicht in den Kopf, weil sie nicht in ihr Weltbild passe.
Es wäre viel gewonnen, wenn Deutsche wie Israelis ihre unterschiedlichen Haltungen zu Krieg und Frieden nicht ideologisieren würden. Ein Deutscher, der sich weder zu voreiligen Solidarisierungen noch zu besserwisserischen Verurteilungen hinreißen lässt, wird sehen, dass es so gut wie kein Argument gegen die israelische Regierungspolitik gibt, für das sich nicht einheimische Anwälte fänden. Er darf und soll fragen, wie es um die Weisheit eines Staates bestellt ist, der den versprochenen palästinensischen Nachbarstaat im Westjordanland mit über hundert illegalen Siedlungen und mit 550 roadblocks durchsetzt. Er darf und soll sich darüber wundern, dass die israelischen Besatzer in den vergangenen vier Jahrzehnten keine Infrastruktur im Westjordanland aufgebaut haben, die den Besetzten die Vorzüge einer halbwegs korruptionsfreien und technisch fortgeschrittenen Zivilisation zugänglich gemacht hätte. Das alles darf und soll er sagen und wird offene Ohren finden – vorausgesetzt, dass er sich nicht auf die Ideologie der friedlichen Lösbarkeit aller Konflikte versteift und die andauernde existenzielle Gefährdung Israels anerkennt.
Und noch etwas: Natürlich soll der deutsche Besucher das wichtigste Holocaust-Museum der Welt, Jad Vaschem in Jerusalem, besichtigen. Aber danach darf er sich von seinen anstrengenden Gesprächen, in denen er womöglich von unumstößlichen Gewissheiten lassen musste, am Strand von Tel Aviv erholen. Es ist dort so gefährlich wie am Strand von Rimini, nur kurzweiliger und billiger.
Quelle: DIE ZEIT
3.August 2007
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