"Es kam aus mir heraus, wie ein Urschrei"
Der Schauspieler und Regisseur Dani Levy und Kulturwissenschaftler Jeffrey M..Peck sprechen über jüdisches Leben in Deutschland. Das Treffen fand innerhalb der Reihe "Stars treffen ihre Geistesgrößen" statt, das WELT ONLINE in Kooperation mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung veranstaltet.
Der Regisseur Dani Levy sagt, er musste die Filme "Alles auf Zucker" und "Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler" einfach machen
WELT ONLINE: Dani Levy, Ihre letzten beiden Filme „Alles auf Zucker“ und „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ waren für Sie als Filmregisseur der Durchbruch. „Mein Führer“ hat allerdings auch zu heftigen Diskussionen geführt. Was war die Idee bei diesem Film? Dass das keine einfache Geschichte ist und dass das nicht als harmlose Komödie durchgewinkt wird, das muss Ihnen doch klar gewesen sein.
Dani Levy: Nein, ich habe mich nie der Illusion hingegeben, einen Film über den Nationalsozialismus machen zu können, den alle gut finden. Solch ein Film brauchte eine gewisse Form der Anstößigkeit. Einer der wichtigen Eckpfeiler des Projekts war es, neue Fragen zu stellen, auch solche, die verunsichern. Dass dann gerade die Frage der Empathie mit Hitler – der mich auch als ein psychologisches Modell interessierte – für Kontroversen sorgte, das hat mich nicht überrascht.
WELT ONLINE: Wir müssen hier jetzt kurz skizzieren, um was es in „Mein Führer“ geht. Es ist ja nicht die erste Komödie, die über Hitler gedreht wurde. Es gab in den 40er-Jahren die Filme von Lubitsch und Chaplin. Aber das Neue und für viele doch Verstörende an Ihrem Film war, dass nicht nur Hitler und seine Maskerade – wie bei den Vorgängern – thematisiert wird, sondern dass in der Gestalt des jüdischen Schauspielers und Theaterdirektors, der Hitler als Coach für eine letzte große Durchhalterede auf Vordermann bringen soll, das Thema „Endlösung“ in diese Groteske hineinkommt. Herr Peck, haben Sie die Reaktionen auf Levys Film überrascht? Sie haben im vergangenen Jahr ein Buch veröffentlicht, „Being Jewish in the New Germany“, das zu einer alles in allem optimistischen Prognose über die jüdischen Gemeinden und ihre Entwicklungsperspektiven hier kommt. Wie haben Sie die Aufregung über diesen Film wahrgenommen?
Jeffrey M. Peck: Ich habe das intensiv verfolgt. Ich will nicht darüber sprechen, ob das ein guter oder ein schlechter Film ist. Die Idee fand ich genial. Die Frage ist immer, wie kann man bestimmte Grenzen durchbrechen, wie kann man Leute dazu bringen, etwas neu zu denken. Ich war zunächst abgestoßen von den Rezensionen und bin zunächst nicht in den Film gegangen. Doch dann war ich positiv überrascht.
WELT ONLINE: Was ist denn in den Köpfen der Kritiker vorgegangen, die den Film mehrheitlich abgelehnt haben, entweder als nicht radikal genug und deshalb klamaukhaft oder eben als von vorneherein geschmacklos. Welches Tabu hat da gewirkt?
Peck: Von mir aus hätte der Film noch radikaler sein können. Aber ich weiß, wie das in Deutschland ist und welche Empfindlichkeit beim Thema Holocaust besteht. Man darf Hitler in diesem Film nicht zu „wörtlich“ nehmen. Er ist eine komische Figur, aber die bringt einen zum Nachdenken, was für ein Mensch Hitler gewesen ist.
Levy: Die Kritik war doch breit gefächert. Der Film wurde nicht nur schlecht besprochen. Interessant an der Kritik war für mich, wie schnell der Film an eine persönliche Positionierung gestoßen ist, er traf direkt auf eine persönliche Empfindung, und man musste sich ihm sofort stellen. Auch die Kritiken waren davon geprägt. Es ging oft gar nicht um den Film, sondern um persönliche Überzeugungen und Empfindlichkeiten. Das hat viel mit politischen Haltungen zu tun. Ich dachte, Deutschland ist weiter, ich dachte, wir sind über diesen beflissenen und vorschnellen Farbe-Bekennungs-Prozess hinweg und haben ein neugierigeres und offeneres Bewusstsein. Der Film berührt einen Punkt, der in der jüdischen Kultur, in der Tradition der Psychoanalyse, der „Menschsuchung“ im weitesten Sinne ein normales Thema, im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus hier in Deutschland aber offensichtlich ein „ungeliebtes Kind“ ist, nämlich ein politisches System über Psychologie und Pädagogik zu erklären. Das wurde mit dem Satz abgetan, man könne doch Adolf Hitler nicht mit seiner schweren Kindheit erklären.
WELT ONLINE: Das spielt auf das Buch von Alice Miller „Am Anfang war Erziehung“ über Hitlers frühkindliche Entwicklung an.
Levy: Ja. Es hat eine wirklich erzählenswerte Perspektive, eine überlegenswerte These, eine ergänzende Erklärung zu vielen anderen. Aber darauf ist Deutschland nicht eingestiegen.
Peck: Ich verstehe, was du meinst. Aber ich würde mit dem Psychologisieren nicht zu weit gehen. Für mich war der Film in erster Linie komisch. Er behauptet doch nicht ernsthaft, dass man Hitlers Taten aus seiner frühen Kindheit heraus erklären könnte. Mir ist es egal, was in seiner Kindheit war. Das Interessante ist, dass du dieses Motiv benutzt hast und wie das Publikum darauf reagiert hat.
Levy: Ich kann mich schon selber nicht mehr hören, wie ich Alice Miller ins Feld führe, aber es ist nun mal die zentrale Aussage des Films. Sie sagt, dass die Art, wie wir unsere Kinder erziehen, substanziell wichtig ist für die Bildung eines politischen Systems, dass die Schwarze Pädagogik, die Art, wie im 19..Jahrhundert und weit ins 20..Jahrhundert hinein Erziehung praktiziert wurde mit willkürlicher Gewalt, Unterwerfung und Drill zur Autoritätshörigkeit, dass diese kindlichen Erfahrungen Millionen Deutsche dazu befähigt haben, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu begehen.
Peck: Da stimme ich mit dir überein. Ich wollte das nur nicht auf Hitlers Persönlichkeit reduzieren.
Levy: Das ist richtig. Mich beschäftigt seit 25 Jahren die Frage, was die Deutschen dazu gebracht hat, nicht nur am Lustgarten zu stehen und zu jubeln, sondern auch effektiv Arbeit anzunehmen, dreckige Arbeit, die mit Zerstörung von fremdem Eigentum, mit Folterung, mit Mord, mit Deportation zu tun hat. Dafür muss es doch eine emotionale Basis gegeben haben. Es ist auch für mich als Jude in diesem Land wichtig zu wissen, wie das damals war und dass es heute anders ist.
WELT ONLINE: Die Deutschen, so scheint es, müssen Hitler immer noch auf Distanz halten, entweder als Teil eines objektiv beschreibbaren Herrschaftssystems oder als einen düsteren Mythos. Sich der Person Hitler zu nähern ist immer noch schwierig. Sehen Sie als Schweizer Jude es als Ihre Aufgabe an, diesen Bann zu brechen?
Levy: Hm. Familiär gesehen bin ich ja eigentlich halb Deutscher, weil meine Mutter aus Deutschland kommt und 1939 mit ihrer Familie geflüchtet ist. Es ist mir von meinen Eltern und Großeltern bewusst oder unbewusst mitgegeben worden, dass das Thema wehtut. Es ist also ein biografischer Prozess, der sich da vollzieht, ich folge keiner Mission. Es kam aus mir heraus, wie ein Urschrei vielleicht. Ich musste mich dem einfach stellen. Ich musste für mich selbst das System Nationalsozialismus einmal erforschen und verdauen. Ich wollte etwas lernen, für mich. Es war etwas hoch Emotionales, das erst einmal befriedigt werden musste.
WELT ONLINE: Herr Peck, ist das eine typische Erfahrung für deutsche Juden aus Levys Generation?
Peck: Es ist eine Generationenfrage, aber noch mehr eine der Herkunft. Für mich ist wichtig, dass wir beide, Dani und ich, jüdisches Leben in Deutschland aus einer Außenseiterperspektive betrachten. Als amerikanischer Jude derselben Generation muss man sich mit dem Holocaust befassen, besonders wenn man, wie in meinem Fall, sich für Deutschland interessiert. In Amerika ist jüdische Identität einerseits sehr mit dem Holocaust verbunden, was ich auch für problematisch halte. Wenn man als amerikanischer Jude nach Deutschland kommt, wird man sowohl von amerikanisch-jüdischer als auch von deutscher Seite nach dem Grund gefragt.
WELT ONLINE: Sie haben Ihr Buch also geschrieben, um dem amerikanischen Publikum zu zeigen, dass es so etwas wie jüdisches Leben in Deutschland gibt.
Peck: Ich war sehr beunruhigt über das amerikanische Unwissen. Vor allem nach 1990, als die große Zuwanderung russischer Juden nach Deutschland begann, hatte in Amerika keiner mehr eine Ahnung von den Verhältnissen hier in Deutschland.
WELT ONLINE: Wie haben sich denn die jüdischen Gemeinden in Deutschland verändert? Es ist davon die Rede, dass heute mehr als 80 Prozent der Mitglieder Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion sind.
Peck: Das hat das gesamte jüdische Leben verändert. Mich interessiert aber besonders die Frage, was es für die jüdische Identität in Deutschland bedeutet. Was heißt es, 2007 oder in der Zukunft ein Jude in Deutschland zu sein?
WELT ONLINE: Ist es zulässig, historische Parallelen zu ziehen? Der 1878 von dem Historiker Heinrich von Treitschke – „Die Juden sind unser Unglück“ – provozierte Berliner Antisemitismusstreit entzündete sich auch an der sozialen Realität jüdischer Einwanderung aus dem Osten. Es gab zwei jüdische Antworten: verstärkte Assimilation und den Zionismus.
Peck: Ja, es gibt Parallelen. Es gibt jetzt vor allem Juden in Deutschland, die nicht aus Deutschland kommen. Das deutsche Judentum aus der Zeit vor dem Krieg ist nicht mehr da.
Levy: Es finden verschiedene Prozesse statt. Es kommen Menschen mit einer anderen Religion und Kultur nach Deutschland. Dort versuchen sie sich zu integrieren. Die Kluft zwischen Arm und Reich spielt eine große Rolle, das war schon bei meinem Großvater, einem Ostjuden, der nach Berlin kam, so. Die soziale Frage steht immer im Hintergrund, ob wir über Juden oder ob wir über Muslime sprechen. Die Chancen zwischen Establishment-Juden, wie ich einer bin, und Einwanderern, die bei null anfangen müssen, sind ziemlich ungleich verteilt, ich meine die materiellen Chancen, aber auch die, kulturelle Spuren zu hinterlassen in der deutschen Kultur.
WELT ONLINE: Was hat Sie nach Deutschland gebracht, und was hält Sie hier?
Levy: Es ist das Vertrauen in die deutsche Kultur. Sie mag auch für amerikanische Juden attraktiv sein. Man kommt in ein europäisches Land, in dem es einen sehr reifen kulturellen Diskurs gibt. Alles in allem leben wir hier auf einem sehr sophisticated Boden. Und in einem wachsamen Land.
WELT ONLINE: Wenn wir hier eine reife Diskussionskultur haben, wie sieht es denn mit den Chancen der jüdischen Zuwanderer aus, sich da einzufügen? Sie kommen ja mit einem ganz anderen, von der Sowjetherrschaft, nicht vom Holocaust geprägten Geschichtsbild.
Peck: Ich kann nur unterstreichen, was Dani über die deutsche Streitkultur gesagt hat. Sie hat mich angezogen. Dass so viele Zuwanderer gekommen sind, ist gut. Das hat jüdisches Leben gerettet. Es bereitet allerdings auch enorme Schwierigkeiten. Oft geht die Streitlust innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zu weit. Junge Leute schreckt das ab.
Levy: Man muss bedenken, warum die Juden aus Russland kommen. Es gibt dort nachhaltigen Antisemitismus, dagegen ist Deutschland gar nichts. Die deutsche Regierung, das muss man auch sehen, betreibt mit Russland Appeasement-Politik, was den dortigen Antisemitismus und Rassismus betrifft.
Peck: Es geht auch um Religion, es geht in den Gemeinden um die Frage, ob man hier jüdisch sein kann, ohne dass man in die Synagoge geht, koscher isst und so weiter. Ich bin säkular, ich bin sogar mehr als säkular. Es muss möglich sein, so jüdisch zu sein, wie man sich selbst versteht. Nicht durch eine Institution vermittelt. Für junge Leute stellt sich die Frage: Können sie hier als Juden leben, wie sie sein wollen.
WELT ONLINE: Was macht denn jüdisches Leben im Innersten aus? Was ist das Verbindende?
Levy: Es gibt nichts wirklich substanziell Verbindendes. Es gibt kulturelle Eigenheiten, die vielleicht erkennbar sind, zum Beispiel den Blick auf den Menschen, von dem wir eingangs sprachen. Es gibt eine Art jüdischen Humor. Ansonsten gibt es keine Gemeinsamkeit, weder politisch noch religiös, noch ethnisch.
Peck: Als Jude lebt man immer mehr oder weniger als Fremder in einem anderen Land. Fremdsein als Mensch in einer Diaspora, das verbindet uns mehr als Religion.
Levy: Wir sind nicht alle Außenseiter. Ich weiß nicht, ob sich Gregor Gysi oder Hugo Egon Balder als Außenseiter fühlen.
WELT ONLINE: Betrachtet man die globale Migration, dann drängt sich doch der Eindruck auf, dass das Außenseitertum zum Normalfall für die meisten Menschen wird. Ist das Jüdische, das die eigenen Traditionen bewahrt, dem jeweiligen Gemeinwesen gegenüber aber loyal ist, eine Art von Modell dafür?
Peck: Ich denke schon. Die Juden haben jedenfalls eine sehr lange Erfahrung mit dieser Situation. Wir müssen hier aber auch über die Beziehungen zwischen der jüdischen Diaspora und Israel sprechen. Das ist eine brisante Frage.
WELT ONLINE: Ist das die Frage aller Fragen: Wie hältst Du es mit Israel?
Levy: Nein, aber es ist eine schwierige Frage, eine Frage, die viele von uns quält. Natürlich ist Israel mein Land, ich fühle mich mit Israel verbunden, ohne dass ich dort leben möchte oder gelebt habe. Aber dort, in Jerusalem, hat unser aller Geschichte als Juden, Muslime und Christen begonnen.
Quelle: Welt online
Foto: pa/dpa
28. Juli 2007
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