Zwei Brüder auf zwei Seiten

Der bekannteste Kandidat für die Parlamentswahl in Hebron ist Dschibril Radschub, ein 52 Jahre alter Familienvater. Er fährt einen gepanzerten Wagen mit getönten Scheiben und wird im Wahlkampf von mehreren Leibwächtern der regierenden Fatah-Partei begleitet. Einer seiner wichtigsten Herausforderer ist in seinem eigenen alten Auto unterwegs, an dessen Antenne er eine grüne Hamas-Fahne befestigt hat. Najef Radschub ist vier Jahre jünger als Dschibril - der Kampf um Stimmen für die Fatah und die radikalislamische Hamas-Bewegung ist in Hebron auch ein Kampf zwischen Brüdern.

Die Geschwister kandidieren bei der Parlamentswahl in den palästinensischen Autonomiegebieten am Mittwoch für Parteien, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Dschibril ist einer der einflussreichsten Schützlinge des verstorbenen Präsidenten Jassir Arafat und derzeit Sicherheitsberater von dessen Nachfolger Mahmud Abbas. Der 48 Jahre alte Najef hat acht Kinder, arbeitet als Imker und hat sich der Ideologie der islamischen Hamas und dem Kampf gegen die Korruption der Fatah-Regierung verschrieben.

Dschibril trat bereits 1969 im Alter von 16 Jahren der Fatah bei. Von 1970 bis 1985 wurde er von Israel inhaftiert, 1988 in den Libanon ausgewiesen. Er reiste nach Tunesien weiter, wo er zu einem der Berater Arafats aufstieg. Nach dessen Rückkehr 1994 wurde Dschibril Sicherheitschef im Westjordanland. Im Wahlkampf setzt er vor allem auf zwei Karten: Seine enge Beziehung zu PLO-Chef Arafat und die Tatsache, dass er dennoch immer seinen eigenen Weg gegangen ist.

"Ich bin ein gehorsamer Soldat in der Fatah", sagt Dschibril. Zugleich betont er offen, dass seine Partei sich um mehr Verantwortungsbewusstsein bemühen und mehr auf die Menschen zugehen müsse. "Arafat hat eine Art patriarchalisches Regime aufgebaut, das wir freiwillig hingenommen haben", erklärt Dschibril. "Seit seinem Tod gibt es ein Problem in der Fatah".

Für die Hamas heißt das Problem der Fatah vor allem Korruption, und ihre Kritik daran trifft in der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden. Für viele ist unverständlich, wie es mit der Wirtschaft bergab gehen kann, die Politiker aber weiterhin ihre Villen und Luxusautos halten können. Die Wahlversprechen der Hamas klingen dagegen bodenständig und glaubhaft: Bessere Straßen, mehr Krankenhäuser, bessere Schulen.

In einem 20-Punkte-Plan der Hamas ist unter anderem das Ziel eines unabhängigen palästinensischen Staates mit Jerusalem als Hauptstadt aufgeführt. Statt wie bisher Selbstmordattentäter zu bejubeln, ist in dem Programm nur von einem allgemeinen "Widerstand" gegen Israel die Rede. Was die internationale Sorge wegen der Kandidatur der Hamas nicht kleiner gemacht hat: Jerusalem hat vorübergehend damit gedroht, die Wahl zu blockieren, wenn die Organisation ihre Bewerber nicht zurückzieht. Die US-Regierung hat angekündigt, Hilfszusagen in Höhe von 350 Millionen an die Palästinenser noch einmal zu überdenken, sollte die Hamas Kabinettsposten erhalten.

Bei der Wahl kann die Fatah mit sieben Prozentpunkten Vorsprung vor der Hamas rechnen, wie eine am Samstag veröffentlichte Umfrage ergab. Die Fatah kam demnach auf 42 Prozent der Stimmen, 35 Prozent der Befragten erklärten, sie wollten sich für die Hamas entscheiden. Eine andere Erhebung von Freitag ergab dagegen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Fatah und Hamas.

Eine Erklärung für den großen Rückhalt der Hamas in der Bevölkerung könnte der Wahlkampf von Najef Radschub liefern: Die Hamas sei "in den Augen, in den Ohren und in den Herzen der Menschen", sagte der 48-Jährige bei einer Veranstaltung im unbeheizten Gemeindezentrum der Ortschaft Idna im Hebroner Wahlbezirk. Rund 200 Menschen kamen bei strömendem Regen, um ihm zuzuhören. Najef selbst studierte zunächst in Jordanien, später schrieb er sich in Hebron für Religionswissenschaften ein, inzwischen hat er seine Dissertation fast abgeschlossen. Auch er wurde mehrfach von Israel inhaftiert, zuletzt saß er im vergangenen Jahr im Gefängnis.

Die Selbstmordanschläge der Hamas hat Najef nach eigenen Angaben nicht aktiv unterstützt, gleichwohl spricht er von den Tätern als "Märtyrern". "Wir wurden dazu (den Anschlägen) von Israel getrieben", sagt er. "Hoffentlich müssen wir nicht zu dieser Taktik zurückkehren." Bedingungen für die palästinensische Unabhängigkeit will Najef nicht anerkennen, vielmehr soll sich Israel den Forderungen der Hamas beugen: "Wenn sie das nicht akzeptieren können, dann haben wir nichts mehr zu sagen."

Trotz ihrer unterschiedlichen politischen Ansichten kommen Dschibril und Najef privat gut miteinander aus. "Wir streiten uns nicht", sagt Najef. Verwandtschaft sei wichtiger als Politik. Und Dschibril betont: "Wir kandidieren für unterschiedliche Parteien, aber wir sind beide Palästinenser."
Quelle: AP

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