Parallelen zwischen Scharon und Arafat?
Sie waren ein Leben lang harte politische Gegner und hatten auch sonst nicht viel gemeinsam. Und doch gibt es zwischen ihnen mehr Parallelen, als ihren jeweiligen Anhängern lieb sein dürfte. Sowohl der schwer erkrankte israelische Ministerpräsident Ariel Scharon als auch der verstorbene palästinensische Präsident Jassir Arafat haben die Geschichte des Nahen Ostens nachhaltig geprägt, und in beiden Fällen hinterlässt ihr Abgang von der politischen Bühne ein Vakuum, das sich nur schwer ausfüllen lässt.
Beide Politiker haben mit seinerzeit unerwarteten Beschlüssen eine grundlegende Wende im Nahost-Konflikt eingeleitet: Arafat hat 1990 das Existenzrecht Israels anerkannt und damit in den folgenden Jahren Friedensgespräche möglich gemacht, die zur palästinensischen Selbstverwaltung in den besetzten Gebieten führten. Diese gilt als Vorstufe für die Gründung eines palästinensischen Staates, auch wenn diesbezügliche Verhandlungen nach Beginn des palästinensischen Aufstands vor gut vier Jahren vorerst auf Eis gelegt wurden.
Scharon wiederum hat den einseitigen Abzug Israels aus dem Gazastreifen gegen den Widerstand weiter Teile seiner eigenen konservativen Regierung durchgesetzt. Er wurde damit zum ersten israelischen Politiker, der ohne Gegenleistung Land aufgegeben hat. Entlang der Grenze zum Westjordanland wiederum begann er mit dem Bau eines Grenzwalls. Und so umstritten dieser auch sein mag, zumal er stellenweise weit in palästinensisches Gebiet hineinreicht, so hat Scharon doch auch hier Klarheiten geschaffen: Er hat den vielerorts gehegten Wunsch nach einem Staat Großisrael schlicht abgewürgt.
Mit diesen Beschlüssen haben beide Politiker auch einen persönlichen Wandel vollzogen. Arafats Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) propagierte einst die Zerstörung Israels und verlieh diesem Ziel mit zahlreichen Terroranschlägen Nachdruck. Die Anerkennung Israels und die folgenden Friedensverhandlungen machten den PLO-Chef schließlich so salonfähig, dass er 1994 - gemeinsam mit dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten Jizchak Rabin und Außenminister Schimon Peres - mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.
Dem Hardliner Scharon wiederum hätte in der Vergangenheit wohl niemand zugetraut, dass ausgerechnet er von Israel besetztes Land aufgeben würde. Immerhin war er als einstiger General für mehrere Eroberungszüge verantwortlich. Ferner hat er stets den Ausbau der jüdischen Siedlungen im Westjordanland gefördert - das allerdings auch noch nach dem Gaza-Abzug.
Letztlich aber haben sowohl Arafat als auch Scharon ihr politisches Werk nicht vollenden können. Arafat starb am 11. November 2004 völlig isoliert, nachdem Scharon ihn in Ramallah unter Hausarrest gesetzt hatte. Den Traum vom palästinensischen Staat nahm er mit ins Grab. Scharon dagegen erlitt seinen schweren Schlaganfall auf einem politischen Höhepunkt. Er hatte im Kampf gegen innerparteiliche Gegner im Likud-Block gerade seine neue Partei Kadima gegründet, die in den Umfragen deutlich in Führung liegt. Wie seine Nachfolger den Friedensprozess fortsetzen werden, bleibt abzuwarten.
Zweifellos verbindet sich mit beiden Politikern unter ihren jeweiligen Völkern viel Symbolik. Ob dies nach ihrem politischen Abtritt Probleme oder neue Chancen bietet, ist unter Experten umstritten. Einige heben hervor, dass die Palästinenser unter ihrem neuen Präsidenten Mahmud Abbas mehr Demokratie erlangt hätten, was positiv zu werten sei. Andere verweisen dagegen auf das wachsende Chaos in den Autonomiegebieten.
Scharon wiederum wurde in Israel häufig als «König» gefeiert. Auch das mag für eine Demokratie bedenklich wirken, doch befürchten politische Beobachter, dass sich das Land ohne eine starke Führungspersönlichkeit sehr schwer tun werde. «Wir sind ein Volk, das einen Vater braucht, und jetzt fühlen wir uns ziemlich vaterlos», sagt Amos Guiora, der bei mehreren Verhandlungsrunden mit den Palästinensern dabei war.
Daud Kuttab, Leiter des Medien-Instituts an der arabischen Al-Kuds-Universität in Jerusalem, hebt indessen die Chancen der neuen Lage hervor: «Mit diesen beiden Politikern verbinden sich für die jeweils andere Seite viele negative Gefühle. Mit neuen Leuten könnte eine Konfliktlösung leichter werden.»
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