Die Sprache als Instrument

gegen Juden und Israel

Ist die Sprache neutral? George-Elia Sarfati ist nicht dieser Meinung. Manfred Gerstenfeld vom Jerusalem Center for Public Affairs sprach mit Sarfati, Professor für Linguistik an der Universität von Clérmont-Ferrand und Forscher am CNRS, dem nationalen französischen Zentrum für wissenschaftliche Forschung, über den Missbrauch der Sprache im Kampf gegen Juden und Israel.

Zur Frage, ob die Sprache neutral sei, hat der Linguistik-Professor George-Elia Sarfati eine ganz klare Ansicht: «Die meisten Menschen denken, die Sprache, vor allem die gesprochene Sprache, sei transparent und diene der Informationsvermittlung. Das ist mehr Glaube als wissenschaftlich erhärtete Tatsache. Menschen pflegen eine Rede auf Grund der von ihnen vertretenen ideologischen Ansichten zu formulieren. Sprache hat eine Geschichte; die verwendeten Wörter sind wertgeladen und dienen dazu, eine bestimmte Perspektive der Frage hervorzuheben, mit der man sich beschäftigt. Das gilt ganz besonders für die verschiedenen Erscheinungsformen des Antisemitismus, wie den Antizionismus. Wenn wir die verschiedenen Phänomene des Judenhasses analysieren, entdecken wir ein ganzes Archiv von gegen Juden verwendeten Wörtern. Mit diesen will man alle Formen der jüdischen Identität kriminalisieren: Spirituell als religiösen Antijudaismus; kulturell als Antisemitismus und soziopolitisch als Antizionismus.»

George-Elia Sarfati, ein in Frankreich als Professor für Linguistik tätiger Wissenschaftler, hat die Beziehung zwischen Meinung und Diskurs erforscht. Er demonstriert anhand des Ausdrucks «Antizionismus», wie beladen die Sprache ist. In seinem Buch «The Captive Nation» über die Juden in der Sowjetunion widmet er viele Seiten dem Thema, wie Antizionismus zur Ideologie wird. Und auch hier lässt seine Meinung nichts an Klarheit zu wünschen übrig: «Mit dem systematischen Gebrauch des Ausdrucks ‹Antizionismus› begann das sowjetische Informationsministerium nach dem Sechstagekrieg. Neben der sowjetischen Presse erschien der Begriff dann vor allem in den Medien der extremen Linken Frankreichs. Bis dahin war das Wort, wenn überhaupt, nur sporadisch verwendet worden, und in Wörterbüchern erschien es erst in den siebziger Jahren. Die wichtigsten kanonischen Antizionismus-Texte sind in erster Linie sowjetischer Herkunft. Trofim Kitchko, einer der Chefideologen der damaligen UdSSR, publizierte zwischen 1963 und dem Beginn der achtziger Jahre verschiedene antizionistische Bücher. Sein erstes Buch, das mit dem englischen Titel «Judaism Unembellished» erschien, wurde von der Akademie der Wissenschaften finanziert. Der Marxismus hat die Idee der jüdischen Souveränität abgelehnt, und der Stalinismus radikalisierte diese Ansicht noch. Die Sowjets haben die Propagandatechniken der Nazis wieder verwendet, und als Teile der arabischen Welt in den Einflussbereich der Sowjetunion gelangten, eigneten sich deren Propagandaapparate ebenfalls die antizionistische Argumentationsweise an. Das gilt auch für andere Bereiche der Dritten Welt. Die Dritte Welt entwickelte ihre eigenen sprachlichen Waffen, welche sich von der marxistischen Ideologie ableiten», so Sarfati.
«Sprachlich betrachtet wurde der Antizionismus also ein verbindendes Element, das extrem divergierende Ansichten unter ein Dach brachte. Das soziologische Phänomen, das sich im Laufe von mehr als einem halben Jahrhundert entwickelte, wurde nun zu einer ‹Ideologie› – einem System von Ideen, welches verschiedene spezifische Gruppen der Gesellschaft durchdringt», sagt Sarfati weiter.

Kein gutes Wort für Chomsky

In seinem Buch «Anti-Zionism» führt Sarfati viele Beispiele dafür ins Feld, wie diese Bewegung ein makabres und skandalöses Bild der jüdischen Nationalbewegung zeichnet. Der Autor meint: «Die antizionistische Redensweise wird von einer Reihe von Schlüsselgleichungen beherrscht. Über allen steht dominierend die Formulierung ‹Zionismus ist Nazismus›. Die verschiedenen Versionen der antiisraelischen Propaganda zirkulieren und repetieren sie endlos. Nur eine Gesellschaft mit einer antisemitischen Infrastruktur konnte von einer solchen Gleichung durchdrungen werden. Weitere falsche Grundelemente sind etwa: ‹Israel benutzt im Nahen Osten den Palästinensern gegenüber die einst in Europa den Juden gegenüber angewendete Endlösung› oder ‹Israel hat Auschwitz erfunden, um seine Dividenden einzustreichen›. Die erstgenannte Gleichung führt zu einer weiteren: ‹Israel ist rassistisch›. Diese Gleichung basiert auf historischen Beobachtungen über den Rassismus. Man braucht im folgenden Statement nur das Wort ‹Schwarze› durch ‹Palästinenser› zu ersetzen: ‹Schwarze sind Bürger zweiter Klasse in ihrem eigenen Lande›. Andere Variationen sind: ‹Israel praktiziert Segregation›, ‹Israel betreibt eine Apartheid-Politik› oder ‹Die Gebiete sind Bantustan-Kantone›», so Sarfati.

Kein gutes Wort findet Sarfati für Noam Chomsky: «Der amerikanische Linguist Noam Chomsky, ein jüdischer Israel-Hasser, spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung dieser Terminologie. Er möchte aus Israel einen binationalen Staat machen. Sein Antizionismus ist Bestandteil seines Antiamerikanismus. Seit rund 40 Jahren nun betrachtet er Israel als ein Instrument der US-Politik. Seine pseudoradikalen Theorien basieren auf dem ‹Opfer-Konzept›, demzufolge nicht westliche Bevölkerung ewige Opfer des Imperialismus sind. Vor ihm hatte die jüdische Philosophin Hannah Arendt ein negatives Konzept des Zionismus entwickelt, das oft auch von zeitgenössischen radikalen Bewegungen zitiert wird.»

Eine dritte Gleichung, die sich auch aus der ersten ableitet, ist laut Sarfati: «Zionismus ist Kolonialismus». Sie wird begleitet von einer vierten: «Zionismus ist Imperialismus». Diese Gleichungen wurden oft während des Vietnamkrieges zitiert. Für viele Franzosen ist die letzte Gleichung mit dem Algerienkrieg assoziiert. Auf Israel angewendet lautet sie: «Israel kolonisiert die palästinensischen Gebiete» oder «Israel verhält sich wie Frankreich in Algerien». Zu guter Letzt verschmelzen die vier Gleichungen in eine einzige: «Der zionistische, faschistische, rassistische und kolonialistische Staat.»

Sarfati weist auf die strategische Wirkung dieser Attacke hin: «Diese Gleichungen sind so bösartig, weil sie dem Staate Israel die vier wichtigsten negativen Eigenschaften der westlichen Geschichte des letzten Jahrhunderts anhängen: Nazismus, Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus. Sie nehmen Bezug auf eine kollektive Erinnerung und lassen sich leicht memorisieren. Für die antizionistische Propaganda braucht man nur beispielsweise gegen den Nazismus zu sein – und wer ist das nicht? –, um ein Antizionist zu sein. Die Sprache dieser Pseudogleichungen unterstützt jede dem Zionismus gegenüber feindselige Initiative und macht aus ihr einen Akt des Fortschritts und des Humanismus.»

Sarfati erklärt, wie die antizionistische Ideologie über die genannten Gleichungen hinaus bis jetzt ein ganzes Arsenal konkreter Ausdrücke entwickelt hat, die oft in verschiedenen Formen erscheinen: «besetzte Gebiete», «Siedlungen», «jüdische Siedler», «Israels Uneinsichtigkeit», «Israel, theokratischer und militaristischer Staat», «Solidarität mit dem Kampf des palästinensischen Volkes», «die Massaker von Sabra und Schatila», «zionistische Propaganda», «Araber sind Bürger zweiter Klasse in Israel», «Juden haben den Arabern das Land weggenommen», «Israel ist das Instrument des westlichen Imperialismus in der Region», «Israel verfolgt eine Politik des Apartheid», «Zahals Verbrechen», «die Nazimethoden von Zahal», «die Bombardierung von Flüchtlingslagern», «das Massaker von Jenin», «der Genozid am palästinensischen Volk» und «der Holocaust am jüdischen Volk rechtfertigt nicht den Genozid am palästinensischen Volk».

Falsche Aussagen fortwährend wiederholen

Kritisch äussert sich Sarfati zu den neuen israelischen Historikern, deren Arbeit der antizionistischen Propaganda dienen würde: «Benny Morris, einer dieser Historiker, zeigt, dass die meisten palästinensischen Flüchtlinge aus eigenem Willen weggezogen sind. Im Zuge des Krieges haben die Israeli eine kleinere Zahl in nicht systematischer Weise vertrieben. Den Antizionisten ist es gelungen, weite Teile der öffentlichen Meinung davon zu überzeugen, bei der Vertreibung der Palästinenser handle es sich um eine systematische Praxis der zionistischen Bewegung. Auch hier spielt die Sprache eine wichtige Rolle in der ideologischen Meinungsäusserung. Die antizionistische Linke spricht von den ‹kriminellen Ursprüngen des Staates Israel und der Natur des Zionismus› oder von der ‹ursprünglichen Sünde des Zionismus›.»

Wer versucht, das bisher Gesagte zusammenzufassen, der muss laut Sarfati zum Schluss kommen: Je weniger Israel, desto mehr Friede. Durch den fast mechanischen Gebrauch einer beschränkten Zahl von Ausdrücken bereitet der Antizionismus den Tod des jüdischen Staates vor, und zwar in zwei Phasen: Zuerst wird das Image des Landes deformiert. Die obsessive Benutzung verschiedener Ausdrücke zielt darauf ab, Israel illegitim zu machen, und leitet die zweite Phase ein: Den rituellen Tod des Staates. Sarfati erläutert: «Die antizionistischen Argumente sind bis jetzt so oft wiederholt worden, dass sie sich autonom verwenden lassen, das heisst, der Inhalt der Behauptungen muss nicht mehr verifiziert werden. Das macht die Propaganda so effizient. Der Antizionismus hat auch die Substanz der Geschichte entfernt und baut auf Amnesie (Gedächtnisschwund). Die Geschichte des Antizionismus schweigt sich aus über das, was vor 1948 geschehen ist. Sie beginnt mit der palästinensischen Geschichte. Mit diesen Methoden gesellt sich der Antizionismus zu früheren Formen des Antisemitismus, die sich jahrhundertelang gehalten haben: Der religiös-geistigen Form und der sozio-ethnisch-kulturellen. In jedem dieser Fälle kennt der judenfeindliche Prozess drei Stufen: Schaffung einer diskriminierenden Identität, Isolierung der Juden und schliesslich deren Zerstörung.»

«Um diesen Prozess besser zu verstehen», fährt Sarfati fort, «muss man begreifen, dass in der Sprache die gleichen Stereotypen in den drei Formen der Judenfeindlichkeit auftauchen. In einer wichtigen Form wird der Jude als diabolischer Charakter dargestellt. Dabei ist es wesentlich, bis zur Etymologie des Wortes ‹diabolos› zurückzugehen. Im Griechischen bedeutet das Wort nicht nur ‹Teufel› in seiner personifizierten Form, sondern auch: ‹jener, der teilt›. Die Antisemiten präsentieren den Juden also als den Menschen, der die Welt teilt, der sie auseinanderbringt. Er ist ein störendes Element erster Ordnung. Dieses teuflische, teilende und trennende Element wird oft mit anderen Eigenschaften versehen, wie Verschlagenheit und Verrätertum. Der politische Antisemitismus benutzt das gleiche Vorgehen wie die religiös motivierte Variante. Der Jude wird als ein Element porträtiert, das die nationale Identität zersetzt und auflöst, als Feind der sozialen Ordnung, als Agent der Zerstörung christlicher beziehungsweise säkularer Werte. Die Propaganda wirft Juden vor, universelle Werte zu benutzen, um die Errungenschaften der christlichen Zivilisation zu korrumpieren», so Sarfati.

Die Ungewissheit und Modellierbarkeit dieser «Schlechtigkeit» wird dann laut Sarfati übersetzt, indem man den transnationalen und transhistorischen Charakter des Judentums betont. Als Nächstes folgt in diesem Verfahren die Entwicklung des Mythos der Verschwörungstheorie. In aktuellen Begriffen ausgedrückt heisst das, der Zionismus sei die Avantgarde der weltweiten jüdischen Verschwörung. Diese Mythologie wird in zeitgenössische politische Terminologie eingebettet. «Im Falle des Antizionismus», erklärt Sarfati, «nimmt das gleiche teuflische Element neue Formen an, wobei es seine Kräfte aus der fortlaufenden Repräsentation des negativen und schädigenden Charakters des Zionismus schöpft. Das wird anschliessend in politische Slogans mit Gleichungen und Vergleichen übersetzt. Der Zionismus wird also assoziiert mit allem, was die westliche Geschichte als negativ einstuft: Nazismus, Imperialismus, Kolonialismus und Rassismus in seinen verschiedenen Erscheinungsformen, wie etwa der südafrikanischen Apartheid.»

Das Beispiel Frankreich

Nach der Art der Reaktion der Juden und ihrer Alliierten befragt, zitiert Sarfati aus einem seiner Bücher: «Diese Judenfeindschaft (…) sollte als pornografische Vision beurteilt werden: Die Redner, Zuhörer und jene, die es sich anschauen, haben alle ihre Freude am Gezeigten.» Man sollte, unterstreicht Sarfati, nicht dem Fehler verfallen, auf die Argumente seiner Feinde antworten zu wollen. Wenn die Antizionisten den zionistischen Staat als Faschisten- oder Nazi-staat bezeichnen, wäre es falsch zu sagen: ‹Wie können Sie so etwas behaupten? Israel ist das Opfer des Faschismus.› Das würde nur den nächsten antizionistischen Slogan auslösen: ‹Die Opfer sind zu Tätern geworden.› Sich auf eine solche Debatte einzulassen wäre nutzlos, so Sarfati. Hingegen könne man antworten, der Antizionismus sei durch die Benutzung der Gleichung «Zionismus=Faschismus» zum Nachfolger von Hitlers Traditionen geworden. Mit ihrem Slogan machen die Antizionisten den Zionismus und die Juden zu den treibenden Kräften des absolut Schlechten, sagt Sarfati.

Die Antizionisten benutzen also die Argumente der Nazis von neuem. Der Rassismus entmenschliche ein gewisses Segment der Menschheit, um seine Vertreibung und dann seine Zerstörung zu rechtfertigen. Letztere wird als Ziel der öffentlichen Gesundheit kaschiert. Sarfati erklärt: «Auf diese Art dient die Sprache dem perfekten Verbrechen. Deswegen findet sich in der Redensart der Antizionisten kaum etwas über den Zionismus, doch legt sie sehr viel über den Antizionismus bloss.»
Sarfati erklärt ferner die historische Verbindung des Antizionismus zum früheren gesellschaftlichen Erscheinungsbild der Juden, wie es von deren Feinden verbreitet wurde: «Der Antizionismus bezieht seine Kraft aus einer Matrix, die der theologische und der politische Antisemitismus im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben. Heute ist es der Staat Israel, der anstelle der Juden die Verschwörung mit dem Ziel der Weltbeherrschung vorantreibt. In Frankreich findet man dies in den Theorien des rechtsextremen Front National von Jean-Marie Le Pen. Sarfati: «Vor dem Zweiten Weltkrieg existierten diese Gedanken schon in der Ideologie der ‹Action Francaise› von Charles Maurras. Beide Gruppen gehen von einem ethnischen Konzept der Nation aus. Als ‹französisch› wird dabei jemand definiert, der in Frankreich als Katholik zur Welt gekommen ist. Das unterscheidet sich wesentlich von der Definition moderner Nationen, deren Mitglieder sich durch ein gesellschaftliches Band aneinander gebunden fühlen. Ein Weile lang hatte die extreme Rechte geglaubt, in dem auf einer ethnischen Homogenität basierenden Staate Israel einen Alliierten gefunden zu haben, doch diese Illusion hat man inzwischen aufgegeben.»

An den Juden hasst die extreme Rechte, wie Sarfati hinzufügt, die Tatsache, dass sie den Revolutionen gegenüber positiv eingestellt waren, die sie zu gleichberechtigten Bürgern gemacht haben. Eine der herausragendsten Eigenschaften des Antisemitismus ist die Ablehnung der Emanzipation der Individuen.

«Der Antizionismus», sagt Sarfati, «lässt sich in dieser Perspektive definieren als eine Radikalisierung der aus dem 19. Jahrhundert stammenden antisemitischen Weigerung, den Juden die Gleichberechtigung zu gewähren. Diese Ideologie verwehrt den Juden, ein Kollektiv zu sein, und gesteht ihnen auch keine nationale Souveränität zu. Das bringt uns einmal mehr zurück zur Sprache und zu Wörtern. Die Definitionen von Begriffen wie Jude, Staat, Nation und Volk sind nicht neutral. Die Juden werden in der Sprache als eine theologische und symbolische Einheit präsentiert, die nicht zur Nation werden kann. Warum sollte das Volk des Buches zur Nation werden, um zu beweisen, dass es das Volk des Buches ist? Die theologisch-politische Präsentation der Juden führt zu solchen Gedanken», so Sarfati. An dieser Stelle weist Sarfati auf den französischen Soziologen Schmuel Trigano hin, der den der französischen Emanzipation zu Beginn des 19. Jahrhunderts für die Juden innewohnenden Widerspruch klar umschrieben hat. Im Frankreich nach der Revolution wurde wohl den Juden als Individuen ein Platz eingeräumt, nicht aber der jüdischen Nation oder der jüdischen Gemeinde. Der Abgeordnete Clérmont Tonnerre erklärte damals: «Alles für die Juden als Individuen, nichts für sie als Nation.» Als Vorbedingung für diese Emanzipation mussten die Juden die französischen Mitbürger als Brüder ansehen und gleichzeitig auf ihre nationale Identität verzichten.

«Eine Religion, kein Volk»

In seinem Buch «Common Discourse and Jewish Identity» analysiert Sarfati die Darstellung der Juden und des Judentums in Wörterbüchern und Enzyklopädien vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert. «In Wörterbüchern», sagt er, «wird das Wort ‹Jude› gewöhlich mit ‹Stammt von Abraham ab und ist Erbe des mosaischen Gesetzes› umschrieben, der vom Christentum akzeptierten biblischen Definition. Dadurch wird der Begriff ‹jüdischer Staat› unverzüglich assoziiert mit einer veralteten Tatsache. Die Sprache verführt einen zu dieser Annahme, indem der Ausdruck den Begriff mit der westlichen Geschichte und mit dem Bild verknüpft, das der Westen vom Juden hat. Das sind psycho-linguistische Mechanismen. War diese Wahrnehmung des Juden erst einmal in die Sprache integriert, folgte die Negation auf dem Fuss. Die Juden seien eine Religion, kein Volk. Davon finden sich Beispiele in den Verfassungen der PLO, aber auch von Hamas und Jihad, oder in den politischen Programmen der militanten Antizionisten des Westens, wie der Maoisten, Trotzkisten und anderer linker Extremisten. Die Sprache dient der Bekräftigung der Ablehnung des Staates Israel. Wer die Sprache versteht, der begreift auch die von den Feinden der Juden benutzten Symbole», erklärt Sarfati.

Sarfati erklärt sodann die Verbindung der Linguistik zu anderen Disziplinen wie der Psychologie und der Theologie: «Das schlechte Gewissen des Westens gelangt in der Form eines Diskurses zum Ausdruck. In einem ersten Stadium möchte der Westen seine Schuld, die Schoah erlaubt zu haben, dadurch tilgen, dass er die Schaffung des Staates Israel toleriert. In einem zweiten Stadium will der Westen sich von der Schoah und der Verantwortung für sie befreien, indem er Israel als die Quelle für neue Unterdrückung an den Pranger stellt. Wenn wir die Sprache analysieren, können wir sehen, dass Europa ganz spezifisch das schuf, was es jetzt kritisiert – den Zionismus. Europa kreierte den Nazismus, den Totalitarismus, den Rassismus und den Kolonialismus. Linguistisch stellen wir das fest, was der Psychologe eine ‹Projektion› nennt. Alle diese traumatisierenden Elemente in der Geschichte Europas werden in Richtung Israel umgeleitet. Theologisch gesprochen erinnert das an den Mechanismus des Sündenbocks, der mit den Sünden aller beladen und dann ausgelöscht wird. Der Antizionismus übernimmt dies von der Bibel. Mit seiner ganzen verbalen Gewalt konstruiert er ein widerwärtiges Image des Staates Israel», so Sarfati.

Der Vatikan und die Schoah









Die Sprache als Instrument gegen Juden und Israel

Ist die Sprache neutral? George-Elia Sarfati ist nicht dieser Meinung. Manfred Gerstenfeld vom Jerusalem Center for Public Affairs sprach mit Sarfati, Professor für Linguistik an der Universität von Clérmont-Ferrand und Forscher am CNRS, dem nationalen französischen Zentrum für wissenschaftliche Forschung, über den Missbrauch der Sprache im Kampf gegen Juden und Israel.

Zur Frage, ob die Sprache neutral sei, hat der Linguistik-Professor George-Elia Sarfati eine ganz klare Ansicht: «Die meisten Menschen denken, die Sprache, vor allem die gesprochene Sprache, sei transparent und diene der Informationsvermittlung. Das ist mehr Glaube als wissenschaftlich erhärtete Tatsache. Menschen pflegen eine Rede auf Grund der von ihnen vertretenen ideologischen Ansichten zu formulieren. Sprache hat eine Geschichte; die verwendeten Wörter sind wertgeladen und dienen dazu, eine bestimmte Perspektive der Frage hervorzuheben, mit der man sich beschäftigt. Das gilt ganz besonders für die verschiedenen Erscheinungsformen des Antisemitismus, wie den Antizionismus. Wenn wir die verschiedenen Phänomene des Judenhasses analysieren, entdecken wir ein ganzes Archiv von gegen Juden verwendeten Wörtern. Mit diesen will man alle Formen der jüdischen Identität kriminalisieren: Spirituell als religiösen Antijudaismus; kulturell als Antisemitismus und soziopolitisch als Antizionismus.»
George-Elia Sarfati, ein in Frankreich als Professor für Linguistik tätiger Wissenschaftler, hat die Beziehung zwischen Meinung und Diskurs erforscht. Er demonstriert anhand des Ausdrucks «Antizionismus», wie beladen die Sprache ist. In seinem Buch «The Captive Nation» über die Juden in der Sowjetunion widmet er viele Seiten dem Thema, wie Antizionismus zur Ideologie wird. Und auch hier lässt seine Meinung nichts an Klarheit zu wünschen übrig: «Mit dem systematischen Gebrauch des Ausdrucks ‹Antizionismus› begann das sowjetische Informationsministerium nach dem Sechstagekrieg. Neben der sowjetischen Presse erschien der Begriff dann vor allem in den Medien der extremen Linken Frankreichs. Bis dahin war das Wort, wenn überhaupt, nur sporadisch verwendet worden, und in Wörterbüchern erschien es erst in den siebziger Jahren. Die wichtigsten kanonischen Antizionismus-Texte sind in erster Linie sowjetischer Herkunft. Trofim Kitchko, einer der Chefideologen der damaligen UdSSR, publizierte zwischen 1963 und dem Beginn der achtziger Jahre verschiedene antizionistische Bücher. Sein erstes Buch, das mit dem englischen Titel «Judaism Unembellished» erschien, wurde von der Akademie der Wissenschaften finanziert. Der Marxismus hat die Idee der jüdischen Souveränität abgelehnt, und der Stalinismus radikalisierte diese Ansicht noch. Die Sowjets haben die Propagandatechniken der Nazis wieder verwendet, und als Teile der arabischen Welt in den Einflussbereich der Sowjetunion gelangten, eigneten sich deren Propagandaapparate ebenfalls die antizionistische Argumentationsweise an. Das gilt auch für andere Bereiche der Dritten Welt. Die Dritte Welt entwickelte ihre eigenen sprachlichen Waffen, welche sich von der marxistischen Ideologie ableiten», so Sarfati.
«Sprachlich betrachtet wurde der Antizionismus also ein verbindendes Element, das extrem divergierende Ansichten unter ein Dach brachte. Das soziologische Phänomen, das sich im Laufe von mehr als einem halben Jahrhundert entwickelte, wurde nun zu einer ‹Ideologie› – einem System von Ideen, welches verschiedene spezifische Gruppen der Gesellschaft durchdringt», sagt Sarfati weiter.
Kein gutes Wort für Chomsky
In seinem Buch «Anti-Zionism» führt Sarfati viele Beispiele dafür ins Feld, wie diese Bewegung ein makabres und skandalöses Bild der jüdischen Nationalbewegung zeichnet. Der Autor meint: «Die antizionistische Redensweise wird von einer Reihe von Schlüsselgleichungen beherrscht. Über allen steht dominierend die Formulierung ‹Zionismus ist Nazismus›. Die verschiedenen Versionen der antiisraelischen Propaganda zirkulieren und repetieren sie endlos. Nur eine Gesellschaft mit einer antisemitischen Infrastruktur konnte von einer solchen Gleichung durchdrungen werden. Weitere falsche Grundelemente sind etwa: ‹Israel benutzt im Nahen Osten den Palästinensern gegenüber die einst in Europa den Juden gegenüber angewendete Endlösung› oder ‹Israel hat Auschwitz erfunden, um seine Dividenden einzustreichen›. Die erstgenannte Gleichung führt zu einer weiteren: ‹Israel ist rassistisch›. Diese Gleichung basiert auf historischen Beobachtungen über den Rassismus. Man braucht im folgenden Statement nur das Wort ‹Schwarze› durch ‹Palästinenser› zu ersetzen: ‹Schwarze sind Bürger zweiter Klasse in ihrem eigenen Lande›. Andere Variationen sind: ‹Israel praktiziert Segregation›, ‹Israel betreibt eine Apartheid-Politik› oder ‹Die Gebiete sind Bantustan-Kantone›», so Sarfati.
Kein gutes Wort findet Sarfati für Noam Chomsky: «Der amerikanische Linguist Noam Chomsky, ein jüdischer Israel-Hasser, spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung dieser Terminologie. Er möchte aus Israel einen binationalen Staat machen. Sein Antizionismus ist Bestandteil seines Antiamerikanismus. Seit rund 40 Jahren nun betrachtet er Israel als ein Instrument der US-Politik. Seine pseudoradikalen Theorien basieren auf dem ‹Opfer-Konzept›, demzufolge nicht westliche Bevölkerung ewige Opfer des Imperialismus sind. Vor ihm hatte die jüdische Philosophin Hannah Arendt ein negatives Konzept des Zionismus entwickelt, das oft auch von zeitgenössischen radikalen Bewegungen zitiert wird.»
Eine dritte Gleichung, die sich auch aus der ersten ableitet, ist laut Sarfati: «Zionismus ist Kolonialismus». Sie wird begleitet von einer vierten: «Zionismus ist Imperialismus». Diese Gleichungen wurden oft während des Vietnamkrieges zitiert. Für viele Franzosen ist die letzte Gleichung mit dem Algerienkrieg assoziiert. Auf Israel angewendet lautet sie: «Israel kolonisiert die palästinensischen Gebiete» oder «Israel verhält sich wie Frankreich in Algerien». Zu guter Letzt verschmelzen die vier Gleichungen in eine einzige: «Der zionistische, faschistische, rassistische und kolonialistische Staat.»
Sarfati weist auf die strategische Wirkung dieser Attacke hin: «Diese Gleichungen sind so bösartig, weil sie dem Staate Israel die vier wichtigsten negativen Eigenschaften der westlichen Geschichte des letzten Jahrhunderts anhängen: Nazismus, Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus. Sie nehmen Bezug auf eine kollektive Erinnerung und lassen sich leicht memorisieren. Für die antizionistische Propaganda braucht man nur beispielsweise gegen den Nazismus zu sein – und wer ist das nicht? –, um ein Antizionist zu sein. Die Sprache dieser Pseudogleichungen unterstützt jede dem Zionismus gegenüber feindselige Initiative und macht aus ihr einen Akt des Fortschritts und des Humanismus.»
Sarfati erklärt, wie die antizionistische Ideologie über die genannten Gleichungen hinaus bis jetzt ein ganzes Arsenal konkreter Ausdrücke entwickelt hat, die oft in verschiedenen Formen erscheinen: «besetzte Gebiete», «Siedlungen», «jüdische Siedler», «Israels Uneinsichtigkeit», «Israel, theokratischer und militaristischer Staat», «Solidarität mit dem Kampf des palästinensischen Volkes», «die Massaker von Sabra und Schatila», «zionistische Propaganda», «Araber sind Bürger zweiter Klasse in Israel», «Juden haben den Arabern das Land weggenommen», «Israel ist das Instrument des westlichen Imperialismus in der Region», «Israel verfolgt eine Politik des Apartheid», «Zahals Verbrechen», «die Nazimethoden von Zahal», «die Bombardierung von Flüchtlingslagern», «das Massaker von Jenin», «der Genozid am palästinensischen Volk» und «der Holocaust am jüdischen Volk rechtfertigt nicht den Genozid am palästinensischen Volk».
Falsche Aussagen fortwährend wiederholen
Kritisch äussert sich Sarfati zu den neuen israelischen Historikern, deren Arbeit der antizionistischen Propaganda dienen würde: «Benny Morris, einer dieser Historiker, zeigt, dass die meisten palästinensischen Flüchtlinge aus eigenem Willen weggezogen sind. Im Zuge des Krieges haben die Israeli eine kleinere Zahl in nicht systematischer Weise vertrieben. Den Antizionisten ist es gelungen, weite Teile der öffentlichen Meinung davon zu überzeugen, bei der Vertreibung der Palästinenser handle es sich um eine systematische Praxis der zionistischen Bewegung. Auch hier spielt die Sprache eine wichtige Rolle in der ideologischen Meinungsäusserung. Die antizionistische Linke spricht von den ‹kriminellen Ursprüngen des Staates Israel und der Natur des Zionismus› oder von der ‹ursprünglichen Sünde des Zionismus›.»
Wer versucht, das bisher Gesagte zusammenzufassen, der muss laut Sarfati zum Schluss kommen: Je weniger Israel, desto mehr Friede. Durch den fast mechanischen Gebrauch einer beschränkten Zahl von Ausdrücken bereitet der Antizionismus den Tod des jüdischen Staates vor, und zwar in zwei Phasen: Zuerst wird das Image des Landes deformiert. Die obsessive Benutzung verschiedener Ausdrücke zielt darauf ab, Israel illegitim zu machen, und leitet die zweite Phase ein: Den rituellen Tod des Staates. Sarfati erläutert: «Die antizionistischen Argumente sind bis jetzt so oft wiederholt worden, dass sie sich autonom verwenden lassen, das heisst, der Inhalt der Behauptungen muss nicht mehr verifiziert werden. Das macht die Propaganda so effizient. Der Antizionismus hat auch die Substanz der Geschichte entfernt und baut auf Amnesie (Gedächtnisschwund). Die Geschichte des Antizionismus schweigt sich aus über das, was vor 1948 geschehen ist. Sie beginnt mit der palästinensischen Geschichte. Mit diesen Methoden gesellt sich der Antizionismus zu früheren Formen des Antisemitismus, die sich jahrhundertelang gehalten haben: Der religiös-geistigen Form und der sozio-ethnisch-kulturellen. In jedem dieser Fälle kennt der judenfeindliche Prozess drei Stufen: Schaffung einer diskriminierenden Identität, Isolierung der Juden und schliesslich deren Zerstörung.»
«Um diesen Prozess besser zu verstehen», fährt Sarfati fort, «muss man begreifen, dass in der Sprache die gleichen Stereotypen in den drei Formen der Judenfeindlichkeit auftauchen. In einer wichtigen Form wird der Jude als diabolischer Charakter dargestellt. Dabei ist es wesentlich, bis zur Etymologie des Wortes ‹diabolos› zurückzugehen. Im Griechischen bedeutet das Wort nicht nur ‹Teufel› in seiner personifizierten Form, sondern auch: ‹jener, der teilt›. Die Antisemiten präsentieren den Juden also als den Menschen, der die Welt teilt, der sie auseinanderbringt. Er ist ein störendes Element erster Ordnung. Dieses teuflische, teilende und trennende Element wird oft mit anderen Eigenschaften versehen, wie Verschlagenheit und Verrätertum. Der politische Antisemitismus benutzt das gleiche Vorgehen wie die religiös motivierte Variante. Der Jude wird als ein Element porträtiert, das die nationale Identität zersetzt und auflöst, als Feind der sozialen Ordnung, als Agent der Zerstörung christlicher beziehungsweise säkularer Werte. Die Propaganda wirft Juden vor, universelle Werte zu benutzen, um die Errungenschaften der christlichen Zivilisation zu korrumpieren», so Sarfati.
Die Ungewissheit und Modellierbarkeit dieser «Schlechtigkeit» wird dann laut Sarfati übersetzt, indem man den transnationalen und transhistorischen Charakter des Judentums betont. Als Nächstes folgt in diesem Verfahren die Entwicklung des Mythos der Verschwörungstheorie. In aktuellen Begriffen ausgedrückt heisst das, der Zionismus sei die Avantgarde der weltweiten jüdischen Verschwörung. Diese Mythologie wird in zeitgenössische politische Terminologie eingebettet. «Im Falle des Antizionismus», erklärt Sarfati, «nimmt das gleiche teuflische Element neue Formen an, wobei es seine Kräfte aus der fortlaufenden Repräsentation des negativen und schädigenden Charakters des Zionismus schöpft. Das wird anschliessend in politische Slogans mit Gleichungen und Vergleichen übersetzt. Der Zionismus wird also assoziiert mit allem, was die westliche Geschichte als negativ einstuft: Nazismus, Imperialismus, Kolonialismus und Rassismus in seinen verschiedenen Erscheinungsformen, wie etwa der südafrikanischen Apartheid.»
Das Beispiel Frankreich
Nach der Art der Reaktion der Juden und ihrer Alliierten befragt, zitiert Sarfati aus einem seiner Bücher: «Diese Judenfeindschaft (…) sollte als pornografische Vision beurteilt werden: Die Redner, Zuhörer und jene, die es sich anschauen, haben alle ihre Freude am Gezeigten.» Man sollte, unterstreicht Sarfati, nicht dem Fehler verfallen, auf die Argumente seiner Feinde antworten zu wollen. Wenn die Antizionisten den zionistischen Staat als Faschisten- oder Nazi-staat bezeichnen, wäre es falsch zu sagen: ‹Wie können Sie so etwas behaupten? Israel ist das Opfer des Faschismus.› Das würde nur den nächsten antizionistischen Slogan auslösen: ‹Die Opfer sind zu Tätern geworden.› Sich auf eine solche Debatte einzulassen wäre nutzlos, so Sarfati. Hingegen könne man antworten, der Antizionismus sei durch die Benutzung der Gleichung «Zionismus=Faschismus» zum Nachfolger von Hitlers Traditionen geworden. Mit ihrem Slogan machen die Antizionisten den Zionismus und die Juden zu den treibenden Kräften des absolut Schlechten, sagt Sarfati.
Die Antizionisten benutzen also die Argumente der Nazis von neuem. Der Rassismus entmenschliche ein gewisses Segment der Menschheit, um seine Vertreibung und dann seine Zerstörung zu rechtfertigen. Letztere wird als Ziel der öffentlichen Gesundheit kaschiert. Sarfati erklärt: «Auf diese Art dient die Sprache dem perfekten Verbrechen. Deswegen findet sich in der Redensart der Antizionisten kaum etwas über den Zionismus, doch legt sie sehr viel über den Antizionismus bloss.»
Sarfati erklärt ferner die historische Verbindung des Antizionismus zum früheren gesellschaftlichen Erscheinungsbild der Juden, wie es von deren Feinden verbreitet wurde: «Der Antizionismus bezieht seine Kraft aus einer Matrix, die der theologische und der politische Antisemitismus im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben. Heute ist es der Staat Israel, der anstelle der Juden die Verschwörung mit dem Ziel der Weltbeherrschung vorantreibt. In Frankreich findet man dies in den Theorien des rechtsextremen Front National von Jean-Marie Le Pen. Sarfati: «Vor dem Zweiten Weltkrieg existierten diese Gedanken schon in der Ideologie der ‹Action Francaise› von Charles Maurras. Beide Gruppen gehen von einem ethnischen Konzept der Nation aus. Als ‹französisch› wird dabei jemand definiert, der in Frankreich als Katholik zur Welt gekommen ist. Das unterscheidet sich wesentlich von der Definition moderner Nationen, deren Mitglieder sich durch ein gesellschaftliches Band aneinander gebunden fühlen. Ein Weile lang hatte die extreme Rechte geglaubt, in dem auf einer ethnischen Homogenität basierenden Staate Israel einen Alliierten gefunden zu haben, doch diese Illusion hat man inzwischen aufgegeben.»
An den Juden hasst die extreme Rechte, wie Sarfati hinzufügt, die Tatsache, dass sie den Revolutionen gegenüber positiv eingestellt waren, die sie zu gleichberechtigten Bürgern gemacht haben. Eine der herausragendsten Eigenschaften des Antisemitismus ist die Ablehnung der Emanzipation der Individuen.
«Der Antizionismus», sagt Sarfati, «lässt sich in dieser Perspektive definieren als eine Radikalisierung der aus dem 19. Jahrhundert stammenden antisemitischen Weigerung, den Juden die Gleichberechtigung zu gewähren. Diese Ideologie verwehrt den Juden, ein Kollektiv zu sein, und gesteht ihnen auch keine nationale Souveränität zu. Das bringt uns einmal mehr zurück zur Sprache und zu Wörtern. Die Definitionen von Begriffen wie Jude, Staat, Nation und Volk sind nicht neutral. Die Juden werden in der Sprache als eine theologische und symbolische Einheit präsentiert, die nicht zur Nation werden kann. Warum sollte das Volk des Buches zur Nation werden, um zu beweisen, dass es das Volk des Buches ist? Die theologisch-politische Präsentation der Juden führt zu solchen Gedanken», so Sarfati. An dieser Stelle weist Sarfati auf den französischen Soziologen Schmuel Trigano hin, der den der französischen Emanzipation zu Beginn des 19. Jahrhunderts für die Juden innewohnenden Widerspruch klar umschrieben hat. Im Frankreich nach der Revolution wurde wohl den Juden als Individuen ein Platz eingeräumt, nicht aber der jüdischen Nation oder der jüdischen Gemeinde. Der Abgeordnete Clérmont Tonnerre erklärte damals: «Alles für die Juden als Individuen, nichts für sie als Nation.» Als Vorbedingung für diese Emanzipation mussten die Juden die französischen Mitbürger als Brüder ansehen und gleichzeitig auf ihre nationale Identität verzichten.
«Eine Religion, kein Volk»
In seinem Buch «Common Discourse and Jewish Identity» analysiert Sarfati die Darstellung der Juden und des Judentums in Wörterbüchern und Enzyklopädien vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert. «In Wörterbüchern», sagt er, «wird das Wort ‹Jude› gewöhlich mit ‹Stammt von Abraham ab und ist Erbe des mosaischen Gesetzes› umschrieben, der vom Christentum akzeptierten biblischen Definition. Dadurch wird der Begriff ‹jüdischer Staat› unverzüglich assoziiert mit einer veralteten Tatsache. Die Sprache verführt einen zu dieser Annahme, indem der Ausdruck den Begriff mit der westlichen Geschichte und mit dem Bild verknüpft, das der Westen vom Juden hat. Das sind psycho-linguistische Mechanismen. War diese Wahrnehmung des Juden erst einmal in die Sprache integriert, folgte die Negation auf dem Fuss. Die Juden seien eine Religion, kein Volk. Davon finden sich Beispiele in den Verfassungen der PLO, aber auch von Hamas und Jihad, oder in den politischen Programmen der militanten Antizionisten des Westens, wie der Maoisten, Trotzkisten und anderer linker Extremisten. Die Sprache dient der Bekräftigung der Ablehnung des Staates Israel. Wer die Sprache versteht, der begreift auch die von den Feinden der Juden benutzten Symbole», erklärt Sarfati.
Sarfati erklärt sodann die Verbindung der Linguistik zu anderen Disziplinen wie der Psychologie und der Theologie: «Das schlechte Gewissen des Westens gelangt in der Form eines Diskurses zum Ausdruck. In einem ersten Stadium möchte der Westen seine Schuld, die Schoah erlaubt zu haben, dadurch tilgen, dass er die Schaffung des Staates Israel toleriert. In einem zweiten Stadium will der Westen sich von der Schoah und der Verantwortung für sie befreien, indem er Israel als die Quelle für neue Unterdrückung an den Pranger stellt. Wenn wir die Sprache analysieren, können wir sehen, dass Europa ganz spezifisch das schuf, was es jetzt kritisiert – den Zionismus. Europa kreierte den Nazismus, den Totalitarismus, den Rassismus und den Kolonialismus. Linguistisch stellen wir das fest, was der Psychologe eine ‹Projektion› nennt. Alle diese traumatisierenden Elemente in der Geschichte Europas werden in Richtung Israel umgeleitet. Theologisch gesprochen erinnert das an den Mechanismus des Sündenbocks, der mit den Sünden aller beladen und dann ausgelöscht wird. Der Antizionismus übernimmt dies von der Bibel. Mit seiner ganzen verbalen Gewalt konstruiert er ein widerwärtiges Image des Staates Israel», so Sarfati.
Der Vatikan und die Schoah
Kommen wir nun zum Themenkomplex Sprache und Politik. Sarfati betont Folgendes: «Die Sprache kann nicht isoliert von der Politik gesehen werden.» Im spezifischen Falle Frankreichs diene die antizionistische Propaganda auch dazu, die ideologischen Interessen des Landes auf aussen- wie innenpolitischer Ebene zu befriedigen, sowohl gegenüber der arabischen Welt als auch gegenüber der starken, heute in Frankreich lebenden arabisch-muslimischen Minderheit. Gleichzeitig finden, wie Sarfati erklärt, die Muslime ihre Identität, indem sie die jüdische Bevölkerung herausfordern. «Ein typischer Vertreter dieser Ideologie ist Pascal Boniface, ein ehemaliger Berater der Sozialistischen Partei. Weil in Frankreich mehr arabische als jüdische Wähler leben, empfahl er die Annahme einer stärker propalästinensischen Position. Ersetzt man in seiner Sprache das Wort ‹Israel› durch das Wort ‹Jude›, lesen sich seine Texte wie ein aufbereitetes antisemitisches Pamphlet aus dem 19. Jahrhundert.» Sarfatis Buch «The Vatican and the Shoah» analysiert die Linguistik eines offiziellen Dokumentes der katholischen Kirche aus dem Jahre 1998. «Eine Textanalyse gelangt zum Schluss, dass er mit seiner Sprache versucht, die Schoah von dem, was wirklich war, zu einem theologischen Anlass zu wandeln. Zwar wird das hebräische Wort ‹Schoah› verwendet, doch erfolgt die Interpretation entlang der Linien des traditionellen katholischen Dogmatismus. Wie er es zu Beginn des offiziellen Dokumentes erklärt, behandelt der Vatikan die Schoah, als ob die Vorsehung in die Gesellschaft zurückgekehrt sei. Im Vorwort meint Papst Johannes Paul II., das Geschehen könne auf zwei Ebenen interpretiert werden: Einmal auf der Ebene des begrenzten profanen Wissens, oder dann mit Hilfe der unergründlichen Muster der Vorsehung. Als ob die Juden nach der Schoah nicht mehr für den Gottesmord verantwortlich seien, weil sie nun selber massenweise mit ihrem Leben bezahlt haben.»

Sarfati gelangt zur Schlussfolgerung, dass dem psycholinguistischen Aspekt des Kampfes gegen Israel viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dazu wäre seiner Meinung nach eine viel tiefer schürfende Untersuchung nötig, als den Konflikt nur vom politischen, philosophischen oder theologischen Blickwinkel aus zu betrachten.

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