Konfiszierungen und Zugangsbeschränkungen

Ernte mit Tücken, Palästinensische Bauernfamilie beim Pflücken ihrer Oliven gleich neben der Sicherheitsmauer



Oliven stellen einen Grundpfeiler der palästinensischen Wirtschaft dar. Die Pflege der Haine unter der Besetzung ist aber sehr schwierig, und die Erntezeit im Herbst ist oft von Zusammenstössen mit Siedlern und Soldaten geprägt.


Von George Szpiro

Alljährlich zwischen Mitte Oktober und Anfang November findet in den palästinensischen Gebieten die Olivenernte statt. Es ist eine sehr arbeitsintensive Aufgabe, für die jeweils alle Familienmitglieder aufgeboten werden. Oliven, die nicht innerhalb der zwei oder drei Wochen von den Bäumen genommen werden, verfaulen. In den letzten Jahren ist die Ernte aber alljährlich eine Zeit der Zusammenstösse zwischen palästinensischen Landwirten und israelischen Siedlern und Soldaten geworden.

Situation durch Sicherheitsmauer noch schwieriger

Oliven stellen einen Grundpfeiler der palästinensischen Wirtschaft dar. 45 Prozent des landwirtschaftlich genutzten Landes in Cisjordanien und im Gazastreifen (ca. 90000 Hektaren) sind mit etwa 10 Millionen Olivenbäumen bebaut. Insgesamt werden alljährlich 160000 Tonnen Oliven geerntet, von denen etwa 90 Prozent zur Herstellung von 30000 Tonnen Olivenöl verwendet werden. Die eingemachten Oliven sowie etwa zwei Drittel des Olivenöls sind für den Eigengebrauch der palästinensischen Bevölkerung. Die übrigen 10000 Tonnen Olivenöl werden innerhalb der Gebiete und in Israel zu Markt gebracht.

Im Dorf Beit Amin begegnen wir dem Gouverneur von Kalkilya, Mustafa al-Malki. Er beklagt sich bitter über die Situation, die durch die Erstellung des Sicherheitswalles, der Kalkilya auf drei Seiten einzäunt, noch schlechter geworden ist. Bauern könnten ihre Böden nicht erreichen, Konfiskationen von Grundstücken seien an der Tagesordnung, und 600 Geschäftsleute in seiner Stadt hätten wegen der desolaten wirtschaftlichen Lage ihre Läden schliessen müssen. Yasser Omar, der Vorsitzende des Dorfrats, unterstreicht, dass die Bedeutung der Olivenernte über das Wirtschaftliche hinausgehe. In der Kultur der Palästinenser habe die Olivenernte einen ganz besonderen Stellenwert. Sie stelle eine Freudenzeit dar, während der die Familie gemeinsam nach ihrem Besitz sehe. Stattdessen lägen nun Bäume herum, die entwurzelt wurden, um dem israelischen Sicherheitswall Platz zu machen, der an dieser Stelle ein etwa zwei Meter hoher Zaun mit einem daneben liegenden Sandweg ist.

Vandalenakte von Siedlern

Bei der Einbringung ihrer Ernte müssen die Palästinenser seit Jahren mit grossen Schwierigkeiten kämpfen. Entweder sie können gar nicht zu ihren Hainen gelangen, weil die Gegend abgesperrt ist, oder sie müssen wegen der allenorts und oft unerwartet errichteten Strassensperren grosse Umwege fahren. Familienmitglieder, deren Mithilfe für die Ernte unerlässlich ist, die aber die nötigen Reisepapiere nicht besitzen, müssen daheim bleiben. Abdel Rahim Ali, ein 68-jähriger Bauer in Kafr Kaddum, klagt den Besuchern sein Leid. Sein Hain liegt dicht an der Siedlung Kedumim. Vor einem Jahr wurde der Grossteil seines Besitzes – fünf Hektaren mit 500 Bäumen, die 15 Familienmitgliedern ein Auskommen boten –, beschlagnahmt. Als er einmal trotzdem zu seinem Hain gelangen wollte, hinderten ihn Soldaten daran. Ein junger Mann erzählt, dass er bei einem Versuch, seine Oliven zu ernten, von Soldaten festgenommen worden sei und drei Tage in einem Gefängnis verbracht habe. Aber die Soldaten stellen für die palästinensischen Bauern oft das kleinere Problem dar. Rabiate Siedler nehmen die Olivenernte jeweils zum Anlass, den Landwirten zu zeigen, wer «Herr im Hause» ist. Mit Körpergewalt oder sogar mit dem Einsatz von Hunden vertreiben sie die palästinensischen Bauern von ihren Olivenhainen. Oft kommt es zu Konfrontationen, bei denen auch Verletzte – meist auf palästinensischer Seite – zu beklagen sind. Zu Hilfe gerufene Sicherheitskräfte erscheinen jeweils erst, wenn der Zwischenfall vorüber ist. Die lokale Bevölkerung klagt über zahlreiche Vandalenakte. Haine und Felder werden angezündet, Bäume entwurzelt, die Ernte gestohlen. Laut Sprechern internationaler Organisationen wurden zwischen September 2000 und Februar 2003 220000 Bäume entwurzelt.

Schwierige Vermarktung

Die über ganz Cisjordanien verstreuten jüdischen Siedlungen liegen oft mitten in ehemaligen Olivenhainen. Die Schikanierung der Bauern beschränkt sich nicht darauf, dass sie enteignet werden, um Platz für die Siedlungen zu schaffen. Auch zu den noch bestehenden Hainen, die an Siedlungen angrenzen, werden sie aus Sicherheitsgründen oft nicht vorgelassen. Landwirtschaftliche Böden, die seit Generationen von einer Familie bebaut werden, können von einem Tag auf den anderen zu einer Sicherheitszone erklärt werden. Soldaten halten die Bauern von ihren Grundstücken fern, die dann bloss aus der Ferne zusehen können, wie die Oliven auf den Bäumen verfaulen. Der Sicherheitszaun, den Israel zur Zeit in Cisjordanien baut, verschärft die Situation weiter. Uno-Quellen schätzen, dass nach der Fertigstellung der Barriere etwa ein Zehntel des zurzeit mit Olivenbäumen bebauten Gebietes jenseits des Zaunes zu liegen kommen wird und den Bauern entweder gar nicht oder nur mit Schwierigkeiten zugänglich sein wird.

Auch nach der Einbringung der Ernte sind die Schwierigkeiten nicht zu Ende. 10000 Tonnen Olivenöl könnten vermarktet werden, aber Transport- und Reisebeschränkungen verhindern den Handel. Der palästinensischen Wirtschaft gehen dadurch bis zu 35 Millionen Dollar jährlich verloren. Das World Food Programme der Uno kauft den Bauern jedes Jahr einige hundert Tonnen Öl zum Marktpreis ab und verteilt es gratis an arme Palästinenser im Gazastreifen oder im südlichen Cisjordanien, wo es keine Olivenhaine gibt. Ein Indiz für die schlechte Wirtschaftslage: Laut Statistiken der Uno betrug der Pro-Kopf-Konsum von Olivenöl in den Palästinensergebieten Mitte der neunziger Jahre zehn Liter. Heute ist er auf 3,5 Liter gesunken.

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