„Waffenstillstand jedoch keine Euphorie
Die ersten vierundzwanzig Stunden nach Beginn des Waffenstillstands zwischen der Palästinensischen Autonomiebehörde und Israel sind auf beiden Seiten mit vorsichtigem Optimismus in den Medien zu Ende gegangen. „Niemand ist wegen der Mitteilung in Euphorie verfallen, da es nach unserer Erfahrung jemanden geben wird, der versucht, diesen Waffenstillstand herauszufordern“, so heute Nacht (Montag) eine politische Quelle aus Israel gegenüber ynet. „In den kommenden Tagen werden wir sehen, wohin es geht. Was uns angeht, so geben wir den Palästinensern Zeit, aber es ist unmöglich in Stunden festzulegen, wie viel Zeit nötig ist, um die Angelegenheit zu überprüfen“.
Gestern Morgen feuerten die Palästinenser trotz des vereinbarten Waffenstillstands mehrere Raketen auf den westlichen Negev ab. Der zeitweilige Verstoß gegen das Abkommen hat jedoch nicht zur Wiederaufnahme der militärischen Operation seitens Israel geführt. Hochrangige Mitarbeiter im Büro des Ministerpräsidenten betonten: „Wir definieren keine Ruhephase in Stunden oder Minuten. Mahmud Abbas hat ehrliche Absichten und wir möchten die Gelegenheit, die sich geboten hat, nutzen und ausbauen.“
Mitarbeiter von Ministerpräsident Olmert betonten, dass die derzeitigen positiven Entwicklungen ein Treffen zwischen ihm und dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas (Abu Mazen) näher rücken lassen. „Ich denke, dass das Treffen näher ist als je zuvor“, so ein hochrangiger Mitarbeiter im Büro des Ministerpräsidenten, „aber es ist noch unmöglich zu sagen, wann das geschehen wird. Die Kommunikation mit den Palästinensern besteht die ganze Zeit und das Büro des Ministerpräsidenten unterhält ständigen Kontakt zu dem Büro von Mahmud Abbas, doch es ist zu früh zu sagen, dass man eine neue Stufe in den Beziehungen erreicht hat“.
Nach dem Raketenbeschuss in den Morgenstunden blieb es im Laufe des Tages im Gazastreifen ruhig. Auch die israelische Armee, die in letzter Zeit ihre Angriffe aus der Luft verstärkt hatte, ließ gestern die Kampfflugzeuge und Helikopter am Boden. Wie die politische Führung in Israel, so geht auch die israelische Armee vorsichtig mit dem Waffenstillstand um. Im Laufe des Tages erklärten Vertreter des israelischen Militärs, dass der Waffenstillstand gründlich geprüft werden müsse.
„Im Gazastreifen gibt es einen Besorgnis erregenden Prozess der Zunahme von Terrororganisationen, dem Schmuggel von Kampfmitteln und dem Ausbau der paramilitärischen Fähigkeiten“, erklärte gestern ein Vertreter der Armee. „Die Kassam-Raketen sind zwar lästig, aber das ist nur ein Aspekt von dem, was im Gazastreifen vor sich geht“. Überall halten sich die israelischen Truppen derzeit zurück, reagieren auch nicht auf einzelne Zwischenfälle aus dem Gazastreifen heraus. „Im Moment wird nicht geschossen“, so der Vertreter, „aber es bleiben genug Truppen vor Ort, um auf jede Entwicklung vorbereitet zu sein. Man darf nicht vergessen, dass erst vor zwei oder drei Tagen alle noch über die Ausweitung der militärischen Aktionen und die Notwendigkeit einer Operation ähnlich der Operation „Schutzwall“ 2002 gesprochen haben. Wir haben erklärt, dass dies nicht alles lösen werde, jetzt befinden wir uns am anderen Ende der Skala – wir lassen die Waffen ruhen. Wir warten die Entwicklungen ab und sehen, wohin all das führt.“
Tendenz in der Palästinensischen Autonomiebehörde: den Waffenstillstand beibehalten und ihn auf die Westbank ausweiten
Auf der anderen Seite bereiten sich auch die Palästinenser auf die Zukunft vor, um zu prüfen, wie der Waffenstillstand aufrechterhalten werden kann. Am gestrigen Sonntag begannen die palästinensischen Sicherheitstruppen, sich erneut entlang der Grenze zu Israel aufzustellen und in den kommenden Tagen werden alle 13.000 Sicherheitskräfte in Position sein.
Gestern Abend kamen die palästinensischen Fraktionen zusammen und beschlossen, dass der Waffenstillstand fortgesetzt und sogar ausgeweitet werden müsse, so dass diese nicht nur den Gazastreifen, sondern auch die Westbank einschließt. Bei einem Treffen der Führer und Vertreter der verschiedenen palästinensischen Gruppierungen mit dem palästinensischen Regierungschef Ismail Hania wurde entschieden, dass alles unternommen werden muss, um einen Verstoß gegen den Waffenstillstand zu verhindern, wie gestern Morgen geschehen, kurze Zeit nachdem dieser begonnen hatte.
Die Sitzung sollte die Wichtigkeit der Einhaltung des Waffenstillstands betonen. Bei dem Treffen wurde beschlossen, eine Sonderkommission einzurichten, die sich aus Vertretern der Gruppierungen zusammensetzt und die bezüglich der Ruhephase eine Lagebeurteilung vornimmt sowie die Ergebnisse bei dem nächsten Zusammentreffen vorstellt.
Kontakte für die Ausweitung des Waffenstillstands auf das Westjordanland wurden bereits aufgenommen, wobei davon ausgegangen wird, dass von Seiten der palästinensischen Gruppierungen die Absicht und der Wunsch bestehen, eine Vereinbarung in der Sache zu erzielen. In der Palästinensischen Autonomiebehörde hofft man, dass die kommende Stufe – nach langen Monaten von Gesprächen – die Bildung der palästinensischen Einheitsregierung sein wird, obwohl derzeit die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Hamas und der Fatah noch nicht beigelegt sind.
Beim Islamischen Jihad, der Organisation, die bis jetzt am meisten der Ruhephase misstrauen, hieß es, dass die Entscheidung zugunsten eines Waffenstillstands im Gazastreifen eine gefährliche Entscheidung sei. Der Generalsekretär der Organisation, Ramadan Salah, sagte, dass das derzeitige Waffenstillstandsabkommen gefährliche Auswirkungen habe, besonders wegen der Entscheidung über die Unterscheidung zwischen den Gebieten des Gazastreifens und des Westjordanlandes. „Bedeutet die Entscheidung, dass das Westjordanland den israelischen Verstößen und Aggressionen überlassen bleiben?“, so Salah.
Kinder leiden unter Posttraumata
Eins von drei Kindern in Sderot leidet unter Posttraumata. Dies ergab eine Studie des Zentrums „Mashavim“ der akademischen Hochschule von Tel Hai, dessen Mitarbeiter seit sechs Jahren in Sderot tätig sind.
Nach Angaben des Zentrumsleiters, Prof. Muli Lahad, wurde herausgefunden, dass jedes dieser Kinder mindestens einen Elternteil hat, der ebenfalls an einem Posttrauma leidet, was daher kommt, dass sich die Eltern ihrer Fähigkeit, ihre Kinder zu beschützen, nicht mehr sicher sind und dieses Vertrauen völlig erschüttert wurde.
Lahad erklärte, dass ein Drittel der Bewohner (Erwachsene und Kinder) in Sderot unter akutem Schock leiden, was bedeutet, dass jedes Anzeichen, auch ein solches, dass keinerlei Gefahr birgt, bei ihnen sofort als Lebensbedrohung interpretiert wird. „Diese Menschen befinden sich ständig in „Alarmbereitschaft“. Den Kindern fällt es sehr schwer, sich im Unterricht zu konzentrieren und die alltäglichen Dinge zu tun. Den Erwachsenen fällt es schwer, ihre Arbeit ordentlich zu verrichten. Sie stehen unter Spannung, was häufig zu Gewaltausbrüchen in der Familie führt. Unter diesen Menschen gibt es immer mehr solche mit Symptomen von Depression.“
Nach den Worten von Prof. Lahad gehören diese Bewohner einer Gruppe an, die als „leidend“ definiert wird. Doch neben der leidenden Bevölkerung, gibt es eine sich anpassende Bevölkerung, die „aus dem Koffer“ lebt: Menschen, die mit einem hohen Niveau von Angst und Schrecken leben, die Sderot für kurze Zeit verlassen und wieder zurückkehren und Menschen, die planen, die Stadt auf Dauer zu verlassen.
Quelle: jns und Agenturen
27. 11. 2006
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