Scharon-Drama offenbart Charakterzüge

Gute wie schlechte

Unser Land ist, wie Scharon selbst mehrfach sagte, ein Land krasser Extreme: Entweder heiß oder Kalt, Fleisch oder Milch, Krieg oder Frieden, sehr groß oder sehr klein. Es gibt selten ein Mittelfeld. Im Laufe einer Woche bewegten wir uns von der Erwartung Mittwochnacht, dass Scharon jede Minute an seinem Schlaganfall sterben würde, zur Hoffnung Montagmorgen, dass er sich auf wundersame Weise erholen könnte. Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle, einer Nation angemessen, die süchtig ist nach nationalen Dramen.

Expertenüberschuss

In unserem Land ist auch jeder ein Experte. Kaum hatte der Generaldirektor des Hadassah-Krankenhauses Schlomo Mor-Josef der Presse erklärt, dass Scharon einen massiven Schlaganfall erlitten hatte, gaben die verschiedensten medizinischen Autoritäten im Äther ihre Prognosen zu einem Patienten ab, den sie nicht untersucht hatten. Kaum hatte Mor-Josef ausdrücklich gesagt, dass es unmöglich sei vorherzusehen, zu welchem Grad Scharons kognitive oder motorische Fähigkeiten beschädigt wären, gab jeder seine Einschätzung zum Besten, einschließlich solcher Mediziner, die Scharon nicht behandelt hatten aber es besser wussten als seine Ärzte.

Suche nach dem Schuldigen

Wir haben auch eine unersättliche Tendenz, irgendjemandem die Schuld zu geben. Ein fast 78jähriger mit schwerem Übergewicht und einem unglaublich stressigen Job erleidet einen schweren Schlaganfall drei Wochen nach einem leichten – und es kann einfach nicht der Lauf der Dinge sein. Jemand muss daran schuld sein: Sein Leibarzt, der in der schicksalsträchtigen Nacht entschied, Scharon von seiner Ranch im Negev nach Jerusalem fahren zu lassen, statt zum nahe gelegeneren Soroka-Krankenhaus in Be’erscheva; das Ärzteteam des Hadassah-Universitätskrankenhauses, das ihm Blutverdünnungsmittel verabreichte; die Polizei, welche nur zwei Tage vor einer geplanten Herzkatheter-Operation durchblicken ließ, dass sie über Beweise für eine Bestechung Scharons in Höhe von 3 Millionen Dollar verfügte.

Während Scharon noch bewusstlos daniederlag, gab es bereits ernst gemeinte Forderungen nach Untersuchungsausschüssen zu seiner Behandlung. Aber wenn er sich erholt, sind diese Ausschüsse dann noch erforderlich?

Erfolgreiches Krisenmanagement

Es ist jedoch nicht alles schwarz – die Art, wie das Land mit der Krise umging, zeigte auch seine Stärken. Zuallererst kann Israel unermessliche Schläge in die Magengrube vertragen und trotzdem stehen bleiben. Israels Flexibilität zeigt sich nicht nur darin, wie die Nation nach Terrorkatastrophen das alltägliche Leben weiterführt; diese Spannkraft tritt auch in Zeiten nationaler Krisen wie dieser zutage, wenn das Land sie bewältigt und weiter vorwärts geht.

Improvisationstalent

Unser Land ist schwach darin, Probleme an ihrem Aufkommen zu hindern, aber wunderbar in der Lage zu improvisieren, sobald sie zuschlagen. Man muss kein medizinisches Genie sein, um zu erkennen, dass Scharons Gesundheit ein wirkliches Problem war, dennoch ernannte er niemals einen eindeutigen Nachfolger. Als die Zeit gekommen war, trat dennoch ein Nachfolger in Erscheinung, wenn auch nur ein vorübergehender. Das Gesetz über die Nachfolge eines geschäftsunfähigen Premierministers ist erbärmlich unklar in der Frage, wer letztlich bestimmt, ob der Premierminister geschäftsunfähig ist. Aber im entscheidenden Moment funktionierte alles.

Verantwortung übernehmen u. seinen Kopf gebrauchen

Und alles funktionierte, weil dieses Land, das so sehr daran gewöhnt ist, in Krisenzeiten zu improvisieren, auch dieses Mal erfolgreich improvisierte. Diejenigen, die wichtige Entscheidungen treffen mussten, taten genau das; diejenigen, die sich den Herausforderungen stellen mussten, schreckten nicht zurück. Auf Hebräisch nennt man das, ein „rosch gadol“ zu sein, was man grob übersetzen kann mit „Verantwortung übernehmen und seinen Kopf gebrauchen.“ Dies ist ein lebenswichtiger nationaler Charakterzug, und auch diesmal hat er der Nation sehr geholfen.
Auszüge eines Kommentars von Herb Keinon, Jerusalem Post vom 10.01.06

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