Stille Gebete in Jerusalem
Große Anteilnahme: Rabbis beten für den kranken Ariel Scharon (dpa)
Von Michaela Soyer
Während Ariel Scharon im Jerusalemer Hadassa- Krankenhaus um sein Leben kämpft, wird in Israel für den Ministerpräsidenten gebetet. Es ist ein bewölkter und windstiller Samstag in Jerusalem. Wie an jedem Sabbat sind die Straßen leergefegt. Die Busse stehen still und nur vereinzelt sind Privatautos oder Taxis zu sehen. Familien gehen spazieren und Touristen drängeln sich am Jaffa-Tor, dem Eingang zur Altstadt.
Selda Nachmas spannt ihren Schirm auf und macht sich gemeinsam mit ihrer Freundin auf den Nachhauseweg. Sie ist in die Altstadt gekommen, um für Scharon zu beten: "Er ist ein Mensch wie wir auch, und natürlich bete ich für jemanden, der im Sterben liegt."
Neta Sofar und ihr Mann haben an diesem Sabbat ebenfalls an den todkranken Ministerpräsidenten gedacht. Neta hat ihre kleine Tochter an der Hand: "Als Mutter mache ich mir große Sorgen um den Friedensprozess. Scharon ist ein einmaliger Mann. Er hat es geschafft, die Israelis zu einen."
"Seine Aufgabe ist erfüllt"
Tore ist mit seiner Frau Catherine auf dem Weg zur Klagemauer. Das junge Ehepaar lässt sich von dem Nieselregen nicht abschrecken. Tore versteht aber nicht, warum nun auf einmal landesweit für Scharon gebetet wird. Er habe ihn schon immer unterstützt. Doch in den vergangenen Jahren sei der ehemalige General kein beliebter Ministerpräsident gewesen, sagt der 31-Jährige. "Er hat getan, was er konnte. Seine Aufgabe ist erfüllt", sagt er.
Neben den betenden ultraorthodoxen Juden sind vor allem Touristen an der Klagemauer. Von Angst oder Unsicherheit ist wenig zu spüren. Auf die Frage, ob Scharons Tod den Friedensprozess gefährden würde, antwortet Michel Avzman aus Moskau mit einem ratlosen Schulterzucken. "Natürlich ist es mir wichtig, dass Israel in einer starken Position ist und Scharon war ein starker Ministerpräsident. Deswegen hoffe ich, dass er sich wieder erholt", sagt er.
Die Flagge auf Halbmast
Mehrere ultraorthodoxe Juden möchten am Sabbat keinen Kommentar abgeben. In einer Synagoge in dem Jerusalemer Stadtteil German Colony wurde am Freitagabend nach Ende des Sabbat-Gottesdienstes für Scharon gebetet. Die Israelis nehmen respektvoll Abschied von ihrem Ministerpräsidenten und erwarten unaufgeregt, was die Zukunft bringen wird.
Die israelische Fahne, die vor der Klagemauer gehisst ist, hängt am Nachmittag schlaff herunter. Der Himmel zieht sich zu, die letzten Sonnenstrahlen verschwinden und langsam fängt es an zu nieseln. Die wenigen Betenden ziehen sich von der Klagemauer zurück, um sich in den umliegenden Gängen unterzustellen. (dpa)
| zum Seitenanfang |
Weitere Berichte:
| zum Seitenanfang |







