Warum schoss die Hisbollah?
Seit Februar hatte die Hisbollah davon Abstand genommen, Katjuscha-Raketen auf Israel zu schießen und umfangreiche Angriffe an der israelisch-libanesischen Grenze zu starten. Die Situation im Libanon und in Syrien war für derlei Aktionen nicht geeignet. Beide Länder -und mit ihnen die Hisbollah- waren in Folge der Ermordung des früheren libanesischen Premierministers Rafik Hariri, ins Wanken gekommen. Frankreich schloss sich den Vereinigten Staaten bei Äußerungen scharfer Kritik gegenüber Syrien an, und der Sicherheitsrat der UNO verabschiedete die Resolution 1559, die die syrische Armee zwang, aus dem Libanon abzuziehen. Was das Problem für Beirut und Damaskus noch verstärkte, war ein Bericht über die Ermordung Hariris, der von Detlev Mehlis, dem Leiter des Untersuchungsteams der UNO, verfasst wurde. Diese Entwicklungen verbesserten Israels strategische Lage im Norden.
Während dieser Zeit achtete die Hisbollah darauf, alle Aktionen zu vermeiden, die Syrien mit hineinziehen könnten. Die Organisation gab sich damit zufrieden, zwei Drohnen zu starten, die Bilder von Nordgaliläa machten, und im Juni einen Trupp in die Nähe der Grenze bei Har Dov zu schicken, anscheinend in dem Versuch, einen israelischen Soldaten zu entführen. Der Plan schlug fehl, ein Hisbollah-Mann wurde getötet und seine Leiche zurückgelassen. Die Organisation bat Beirut, die US-Regierung zu veranlassen, Einfluss auf Israel auszuüben, damit dieses die Leiche zurückgäbe, was dann mit Hilfe des Internationalen Roten Kreuzes geschah. Infolge einer internen Debatte entschied Israel, keinen Handel mit Leichnahmen zu betreiben, wie es die Hisbollah in der Vergangenheit getan hatte, und gab die Leiche zurück.
Zu Beginn dieser Woche trat eine Änderung bzgl. der Operationen der Hisbollah ein. Die Organisation begann mit einer umfangreichen, gut geplanten Operation, die als Ziel die Entführung eines israelischen Soldaten beinhaltete. Sie war gewarnt worden, ihre Operation nicht dahingehend auszudehnen, Katjuscha-Raketen weit nach Galiläa hinein abzufeuern. Doch sie verstand, dass eine Entführung auch eine breite israelische Reaktion provozierte. In der Tat war es das Ziel, mit dieser Operation, die Aufmerksamkeit von den Untersuchungsergebnissen des Mordes an Hariri abzulenken und den Druck, der auf Syrien lastet, zu erleichtern. Doch es ist klar, dass eine solche Operation nicht ohne die Zustimmung von Syrien und dem Iran durchgeführt werden konnte.
Der israelische Geheimdienst hatte seit einiger Zeit Informationen erhalten und die Situation richtig eingeschätzt. Israelische Kommandeure und Soldaten vor Ort reagierten gut und erfolgreich auf den Angriff. Und die Hisbollah erlitt einen zweiten operativen Schaden. Sie hat in der Erreichung ihres Zieles versagt, Mitglieder verloren und deren Leichen zurückgelassen. Und der Sicherheitsrat beschuldigte die Organisation, den Vorfall initiiert zu haben. Nun hat die Hisbollah Israel erneut -indirekt- gebeten, die Leichen zurückzugeben. Und selbst Bilder, die beschädigte Ausrüstung der israelischen Armee zeigen, können über das Versagen der Hisbollah nicht hinwegtäuschen.
Mehrere Lektionen können aus diesem Vorfall gelernt werden:
- Wenn die Einschätzung, dass die Hisbollah -gemeinsam mit Syrien und dem Iran- Israel in eine umfangreiche Operation im Libanon hineinziehen will, stimmt, wird die Organisation sehr wahrscheinlich erneut versuchen, einen Überraschungsangriff auf die israelische Armee zu starten.
- Obwohl Israel strategisch gesehen im Vorteil ist, steht es einem komplexen operativen Problem gegenüber, denn die Initiative geht immer - oder fast immer - von der Hisbollah aus. Israel befindet sich an der Nordgrenze in einer Verteidigungsposition und hält von Operationen, bei denen es die Grenze überschreiten muss, Abstand. Trotzdem haben Offizieren vor Ort bewiesen, dass es mit Hilfe guter Geheimdienstinformationen möglich ist, die Oberhand über die Hisbollah zu behalten.
- Syrien und der Iran fahren damit fort, intensiv im Libanon zu agieren und besitzen teilweise die Kontrolle über das Land. Es gibt immer noch einige Dutzend Mitglieder der Iranischen Revolutionären Garde im Libanon.
- Die Resolution 1559 des UNO-Sicherheitsrates, die dazu gedacht war, die syrische Armee aus dem Libanon abzuziehen und die dortigen Milizen zu entwaffnen, wurde nicht vollständig umgesetzt.
- Der Libanon ist immer noch weit entfernt von seiner Unabhängigkeit. Die Regierung hat keine Kontrolle über ihr Territorium und ist unfähig, die Hisbollah zu zügeln. Beirut möchte keinen Guerillakrieg an der Grenze zu Israel, doch es fürchtet den erneuten Ausbruch eines Bürgerkrieges.
Dies ist ein komplexer Zustand einer Angelegenheit, die in eine weit reichende Konfrontation zwischen Israel und Syrien ausarten könnte. Es ist zweifelhaft, ob man sich auf den syrischen Präsidenten Bashar Assad verlassen kann, eine solche Ausartung zu verhindern. Deshalb ist es für Israel doppelt wichtig, seine Hände am Steuer zu halten und darauf zu achten, sich nicht in die amerikanisch-französische Konfrontation mit Syrien und der Hisbollah hineinziehen zu lassen.
Das Drama begann um 14:30 Uhr
Der 25-jährige Israeli Adam Weksler aus Tel Aviv wurde mit seinem Gleitschirm abgetrieben, überquerte die libanesische Grenze und landete auf libanesischem Gebiet. Dank der schnellen Reaktion der israelischen Soldaten in der Region konnte er wenige Minuten später nach Israel in Sicherheit gebracht werden. Es kam zu einem schweren Feuergefecht mit der Hisbollah.
Bereits kurz nachdem der Mann auf libanesischem Gebiet gelandet war, begannen Hisbollahkämpfer, ihn zu verfolgen. Ein Kommando aus dem Dorf Miss al Jabal eilte in drei Jeeps herbei, um den Israeli gefangen zu nehmen, doch dank der Aufmerksamkeit der Soldaten des 13. Golani-Regiments konnte der Mann noch rechtzeitig nach Israel zurückgebracht werden.
Das Drama begann um 14:30 Uhr, als Weksler auf das Segelfluggelände auf der Klippe des Kibbuz Manara gekommen war und zum Flug startete. Weksler, der als Versuchspilot für eine Firma tätig ist, die Gleitschirme herstellt, erklärte dem Leiter der Einrichtung, dass er die Genehmigung der Armee für Flüge in der Region erhalten habe. Wenige Minuten später startete er. Der Wind trug ihn in die verkehrte Richtung und die Mitarbeiter, sowie Einwohner in der Region, die ihn beobachteten, alarmierten sofort die Armee, die mit Weksler bei der Landung über sein Mobiltetefon Kontakt aufnahm. Die Soldaten gaben ihm Anweisungen und dirigierten ihn zur israelischen Grenze.
Der Schusswechsel zwischen den israelischen Soldaten und der Hisbollah dauerte noch eine Stunde nach der Rückkehr Wekslers an. Kampfhubschrauber unterstützten die Soldaten auf dem Boden. Die Bewohner des Kibbuz Manara wurden aufgerufen, sich in die Bunker zu begeben und die Armeebasen in der Region wurden in Alarmbereitschaft versetzt, da man Beschuss durch Mörsergranaten und Raketen der Hisbollah befürchtete.
Adam Wexler angeklagt
Der Israeli Adam Wexler, der am Mittwoch mit seinem Paraglider über die Grenze in den Libanon geweht worden war und knapp der Gefangennahme durch die Hisbollah entkam, wurde gestern vom Bezirksgericht Safed der Nichtbeachtung militärischer Regulierungen sowie der unachtsamen Nutzung seines Fluggerätes angeklagt. Nach seiner Rückkehr war er festgenommen worden, verbrachte die Nacht bei der Polizei bis er vors Gericht kam. Dessen Vater meinte, dass sein Sohn – ein erfahrener Tespilot für Paraglider - nie ohne die Erlaubnis des Militärs aufgestiegen wäre.
Die Armee befürchtet neue Feuergefechte im Norden
Generalstabschef Dan Halutz sagte am Mittwochmorgen, noch vor dem Zwischenfall mit dem Segelflieger an der libanesischen Grenze, dass der Entführungsversuch der Hisbollah am Montag in dem Dorf Ragar misslungen sei, auch wenn die Organisation Videoaufnahmen veröffentlichte, die das Gegenteil beweisen sollen. „Sie mussten vier Tote hinnehmen. So etwas ist ihnen seit dem Rückzug Israels im Mai 2000 nicht mehr passiert“, so Halutz.
Halutz bezeichnete die Aktion der Hisbollah als „gewagten Versuch, der am helllichten Tag stattgefunden“ habe und an dem „Dutzende Terroristen teilnahmen“. Er erklärte, die Hisbollah sei motiviert, die Situation an der Grenze weiter zu erhitzen. Unter anderem habe Syrien daran Interesse, da man die Aufmerksamkeit vom Mehlis-Bericht über die Ermordung des ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Hariri ablenken wolle.
Letzte Änderung am Samstag, 5. Juli 2008 um 21:55:27 Uhr.
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