Gescheiterte Integration?

Moshe Arens über die missliche Lage der Beduinen.

Der Jahreswechsel bietet Gelegenheit, Bilanz zu ziehen für den Staat Israel und eine Prioritätenliste für das neue Jahr zu formulieren. Bis jetzt sieht die Bilanz recht gut aus. Der palästinensische Terrorismus, der noch vor wenigen Jahren tagtäglich von Israels Zivilisten einen schrecklichen Zoll forderte und der die israelische Gesellschaft in ihrem Innersten zu bedrohen schien, konnte dank der Bemühungen der IDF-Truppen und der anderen Sicherheitsorgane drastisch reduziert werden. In einem Interview stürzte Generalstabchef Dan Halutz das allgemein akzeptierte Dogma vom Sockel, wonach der Terrorismus nicht militärisch besiegt werden könne. Wir befinden uns zielstrebig auf dem Weg zu einem Sieg und haben bereits bewiesen, dass wir im Stande sind, ihn zu verwirklichen.

Die potenzielle nukleare Bedrohung durch Iran, der Israel während vieler Jahre alleine gegenüberzustehen schien, ist in jüngster Zeit zu einer von den USA und den Nationen Europas gemeinsam getragenen Sorge geworden. Der von diesen Ländern ausgeübte Druck wird Teherans Atomrüstung wahrscheinlich bremsen, und möglicherweise wird sie sogar noch vor der Erreichung des Ziels im Keime erstickt werden können. Jedenfalls ist Israel nicht mehr alleine konfrontiert mit dieser Gefahr.

Alle ökonomischen Daten deuten darauf hin, dass Israel die Rezession hinter sich gelassen hat, die den Staat während Jahren geplagt hat. Jetzt ist er dabei, eine gesunde Wachstumsrate und eine Reduktion der Arbeitslosenrate zu bewerkstelligen. Auch wenn einige es nur schwer zugeben können und sie es lieber vergessen würden, sind die vom ehemaligen Finanzminister Binyamin Netanyahu eingeführten Reformen wesentlich verantwortlich für diese Errungenschaften.

Auf der positiven Seite möchten viele den einseitigen Abzug Israels aus dem Katif-Siedlungsblock hinzufügen und die anschliessende Zustimmung, die Israel aus vielen Teilen der Welt dafür erhalten hat. Ob das, was sich wahrscheinlich als kurzfristiger Gewinn herausstellen wird, die erzwungene Evakuierung von Tausenden von israelischen Bürgern aus ihren Heimen wert war, ist ein Punkt, der Israels Gesellschaft zurzeit scharf spaltet. Vielleicht wird dieser schmerzvolle Schritt sich noch als unnötig und gefährlich erweisen.

Das neue Jahr sollte dazu genutzt werden, ein Problem an die Spitze unserer Prioritätenliste zu setzen, das seit Jahren sträflich vernachlässigt worden ist – die Integration von Israels arabischen Bürgern in die Gesellschaft des Landes. Über 20 Prozent der Bürger des Landes leben noch immer in einer anderen Welt und fühlen sich benachteiligt und diskriminiert. Das ist in allen Beziehungen ein Riesenproblem, vielleicht das grösste, vor dem das Land zurzeit steht.

Der Premierminister hat zwar verkündet, dass dem Kampf gegen die Armut nun die höchste Priorität eingeräumt werden würde, doch sollte er nicht vergessen, dass Israels arabische Bevölkerung einen überproportional hohen Anteil an den Armen des Landes ausmacht. Zusammen mit anderen von Armut betroffenen Menschen erhalten sie nicht das Bildungsniveau, das ihnen gestatten würde, mit dem Rest des Volkes gleichzuziehen und den ihnen zustehenden Platz in der Arbeitskraft von Israels technologisch fortgeschrittenen Wirtschaft einzunehmen. Dieses Phänomen gilt offenbar in allen modernen Gesellschaften für jene, die nicht über die relevanten Fähigkeiten verfügen, doch weil es in Israel derart dominierend ist unter seiner arabischen Bevölkerung, wird es als besonders drastisch empfunden.

Am schlimmsten unter den Benachteiligten ergeht es den Beduinen des Negev. Diese fast 100000 Menschen leiden grösstenteils unter unbefriedigenden Wohnverhältnissen, Gesundheitsdiensten, Bildungsmöglichkeiten und einem generell niedrigen Lebensstandard. Sie befinden sich mitten in einem Urbanisierungsprozess, geben ihre traditionelle Lebensform auf und sind gleichzeitig in keiner Weise vorbereitet auf die Arbeit in der modernen Wirtschaft. Wenn es nicht gelingt, in der Erziehung der Jugend einen Quantensprung zu vollziehen, wird die Kluft zwischen ihnen und dem restlichen Israel im Laufe der Zeit nur noch mehr wachsen. Das ist nicht nur das Problem der Beduinen, sondern auch dasjenige Israels.

Hier und dort gibt es Anzeichen dafür, dass etwas getan wird. Das Stipendienprogramm für Beduinen an der Ben-Gurion-Universität in Beersheva und die Rekrutierung von jungen Beduinen durch die Armee sind vielleicht die sichtbarsten Zeichen dafür. Doch all das ist nur ein Bruchteil von dem, was wirklich nötig ist. Am dringendsten ist wahrscheinlich die Errichtung eines Netzes von Tagesheimen für Babys und Kindergärten für Kinder von Beduinen. Durch die Einsetzung von Soldaten als Lehrer während ihres Militärdienstes könnte man wahrscheinlich am raschesten eine Auswirkung in diesem wichtigen Bereich erzielen, zumindest so lange, bis Beduinenschulen und -lehrerseminare die benötigte Anzahl an Lehrer produzieren.

All das ist nur der Anfang. Solange einem Kabinettsmitglied die Verantwortung für die Integration von Israels Minderheiten nicht übergeben wird, werden die staatlichen Bemühungen in diesem immens wichtigen Bereich ungenügend bleiben. Die Konzentration von Autorität und Verantwortung in einem zielstrebigen Ministerium ist die unabdingbare Vorbedingung für jeden Fortschritt in diesem Bereich.

Moshe Arens sass für den Likud in der Knesset und war auch israelischer Verteidigungsminister.
Quelle: tachles Jüdisches Wochenmagazin

Letzte Änderung am Samstag, 5. Juli 2008 um 21:54:48 Uhr.

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