Lob für Ariel Sharon
Dan Kurtzer - Nach vier Jahren in Israel nun wieder in den USA
Nach vier Jahren beendete im September Dan Kurtzer seine Arbeit als Botschafter der USA in Israel. In einem Rückblick ist er voller Lob für Sharons Abzug aus dem Gazastreifen und glaubt, die arabische Welt würde sich allmählich mit Israel abfinden.
Von Aluf Benn
Bis Mitte September konnte Dan Kurtzer, US-Botschafter in Israel, noch den wundervollen Sonnenuntergang geniessen, der sich ihm vom Wohnzimmer der Botschafterresidenz in Herzlia bot. Dann beendete er eine lange diplomatische Karriere und trat einen neuen Posten an einer renommierten Universität an der amerikanischen Ostküste an. Aussenministerin Condoleezza Rice hatte ihm zwar vorgeschlagen, nach seiner Arbeit in der Botschaft in Tel Aviv einen wichtigen Posten im Washingtoner Aussenministerium anzutreten, doch Kurtzer zog es vor, eine Stelle anzutreten, die es ihm erlaubt die Geschehnisse im Nahen Osten von ausserhalb der Administration zu beobachten. Längst sind die Tage vorbei, als man den amerikanischen Botschafter in Israel einen Hochkommissär nannte, und der gut erzogene Kurtzer strahlt weder Überheblichkeit noch Arroganz aus, sondern eher die Scharfsinnigkeit eines intelligenten Jeschiwa-Studenten. Wenige sind vertrauter als er, mit Israels Problemen und allen, noch so kleinen Aspekten der Bemühungen um die Lösung des israelisch-arabischen Konflikts. Als gläubiger Jude, der fliessend Hebräisch spricht und sich schon seit vielen Jahren mit dieser Region befasst, verfügt er über einen klaren Vorteil gegenüber den meisten ausländischen Diplomaten in Israel.
Die Verwirklichung der Entflechtung sei für ihn, wie er sagt, der Höhepunkt seines vierjährigen Wirkens in Israel. «Die Professionalität und die Integrität von Polizei und Armee während der Evakuierung waren schlicht bemerkenswert. Ich weiss, dass all dem sehr viel Ausbildung und Vorbereitung vorausgegangen ist, doch in der Hitze des Gefechtes, in der Spontaneität des Augenblicks benahm sich jeder einzelne unglaublich. 99 Prozent der evakuierten Bevölkerung legten eine beachtenswerte Integrität an den Tag, auch wenn sie die Gebiete nur unter Protesten verliessen. Natürlich waren sie nicht glücklich über den Abzug, und das wollten sie auch demonstrieren, doch schliesslich verliessen alle jüdischen Einwohner den Gazastreifen problemlos.»
In seiner Kadenz als Botschafter kannten Dan Kurtzers Beziehungen zu Ariel Sharon Höhen und Tiefen. In Sharons Büro sah man in ihm zuerst ein Relikt des «Friedensteams» früherer Administrationen, welche die linken Anschauungen vertraten, die damals im Ausseministerium dominiert hatten. Deshalb zog man es vor, direkt mit dem Weissen Haus zu arbeiten. Kurtzer wurde verdächtigt, eine Politik zu betreiben, die mit Hilfe von Shimon Peres und anderen israelischen Akteuren Sharon zu umgehen versuchte. Als Dov Weissglas die diplomatische Szene als Sharons Berater betrat, versuchte er, die Beziehung zu Botschafter Kurtzer zu verbessern. Sharon blieb jedoch misstrauisch. Und so stand er bis zu seinem letzten Tag im Tel Aviver Botschaftsgebäude an der Hayarkon-Strasse im Ruf, sich mehr als viele in diplomatischen Kreisen um die Vorgänge in Israel zu kümmern.
Gute Beziehungen
«Es erfüllt mich mit Stolz, nach diesen vier Jahren sagen zu können, dass mich mit dem Premierminister eine äusserst gute Beziehung verbindet. Es war eine Beziehung des gegenseitigen Vertrauens, und ich würde das nicht sagen, wenn ich nicht effektiv daran glaubte. Wer ein relevanter Akteur sein will, der sagt hin und wieder Dinge, die Menschen aus der Fassung bringen können. Während der letzten vier Jahre habe ich versucht, die Ansichten des amerikanischen Präsidenten akkurat zu reflektieren.» Kurtzer bedauert einige seiner Äusserungen, die von der Linie abwichen: «Einige meiner öffentlichen Bemerkungen hätte ich anders formulieren können, doch solche Fälle waren selten. Der Premier und ich gelangten zur Übereinstimmung, dass es Zeiten gebe, in denen die Politik unserer Regierungen nicht deckungsgleich ist, und dann sollten wir Wege finden können, uns mit diesen Fällen genau so zu befassen, wie es uns gelungen ist, eine Übereinstimmung aufzubauen.»
Jetzt, nach der Vollendung der Entflechtung, stellt Kurtzer die Äusserung Herny Kissingers in Zweifel, wonach Israel keine Aussen-, sondern nur eine Innenpolitik habe. «Ich weiss nicht, ob das wahr ist. Israel hat einen Premierminister, der Tag für Tag vor innenpolitischen Herausforderungen steht. Einmal sagte er, so glaube ich, dass er seine Koalition praktisch jeden Tag neu zusammensetzten müsse. Es gab eine Koalition für das Budget, eine andere für die Entflechtung und wieder andere Koalitionen für andere Sachen. Gleichzeitig fällte der Premier unglaublich kühne Beschlüsse und setzte sie auch durch. Er setzte das politische System für die Stärkung seiner Führungsposition ein. Wäre Israels Gesellschaft dominiert von innenpolitischen Themen, hätte der Premier mehr als einmal sagen können, dies oder jenes könne er nicht verwirklichen. Wäre die Innenpolitik der einzig dominierende politische Faktor, hätte er abtreten können. Er war und ist eine Führungsfigur, und er schuf eine Koalition, die das unterstützte. Schliesslich bestätigten verschiedene Meinungsumfragen, dass die Entflechtung von der israelischen Öffentlichkeit befürwortet wurde.»
Der Entflechtungsplan ging, so Kurtzer, nicht auf eine Initiative Washingtons zurück. «Als Ende Sommer 2003 der Prozess der ‹Marschplans› zusammenbrach, machten wir uns ernste Sorgen, denn wir waren sicher, beide Seiten hätten mehr zu seinem Gelingen beitragen können. Es gab aber keinen Druck, und sicher existierte keine Idee, einen einseitigen Plan dieser Art zu kreieren. Getreu ihren Traditionen war Amerikas Politik unilateralen Aktionen gegenüber ausgesprochen zurückhaltend eingestellt. Wir hätten keiner Seite das Ergreifen einseitiger Massnahmen empfohlen. Doch als der Präsident die Worte des Premiers an der Herzlia-Konferenz näher unter die Lupe nahm und wir das Gespräch mit dem Premier aufnahmen, konnte sich Präsident Bush zusehends davon überzeugen, dass es sich dabei um eine historische Entscheidung handeln würde. Deshalb nahm der Präsident auch die Bürde auf sich, das Konzept in aller Welt zu verkaufen.»
Verhärtung der Fronten?
In den letzten Jahren mussten die verschiedenen Wohnbauminister Israels immer dann unbequeme Gespräche mit Kurtzer über sich ergehen lassen, wenn Ausschreibungen für Bauprojekte in den Siedlungen veröffentlicht worden waren. Seit Jahren divergieren die Ansichten Jerusalems und Washingtons in Bezug auf die Siedlungen. Die Entflechtung, so Kurtzer, biete beiden Seiten Gelegenheit, auf ihren Standpunkt zu pochen: «Während Israel sagt, die Siedlungen seien ja kein Hindernis für eine Entflechtung gewesen, stellen die USA die Frage, warum Israel so viel Ressourcen für ein Unternehmen investiert und so viel Opposition in aller Welt ausgelöst hat, wenn am Schluss die Evakuierung mehr Geld als die Investition verschlingt.»
Die schlimmsten Momente seiner Amtszeit seien die Terrorangriffe gewesen, erklärt Kurtzer. Nie hätte er gedacht, so viele Beerdigungen besuchen und so viele Kondolenzbesuche absolvieren zu müssen. Seine eigene Familie war betroffen, als im Juni 2003 ein Cousin einem Terroranschlag in Jerusalem zum Opfer fiel. Grosses Lob hat der abgetretene Botschafter für das Durchhaltevermögen der Israeli übrig, die trotz der vielen Terroranschläge Standhaftigkeit demonstrieren: «Die Gesellschaft nahm das auf sich und fährt bis heute fort, ihr Leben zu führen. Diese Art des ‹davka› (‹jetzt erst recht›), ist eine ebenso wesentliche Lektion für den Krieg gegen den Terrorismus wie alle anderen Massnahmen. Die Haltung drückt aus, dass die Terroristen ihr Hauptziel – die Gesellschaft von politischen Veränderungen abzuhalten – nicht verwirklichen können.»
USA haben grosse Verpflichtungen
Zum Schluss seiner Amtszeit gibt sich Dan Kurtzer optimistisch. Seiner Meinung nach wird sich die arabische Welt allmählich mit Israel abfinden, während die Terroristen sich auf der «Verliererseite der Geschichte» befänden. Und wie steht es mit dem «Marschplan» und der Errichtung des Palästinenserstaates in absehbarer Zeit, wie Präsident Bush es versprochen hat? Hier gibt sich Kurtzer diplomatisch vorsichtig. Die diplomatische Infrastruktur existiere, meint er, doch die Verwirklichung hänge davon ab, ob beide Seiten die eingegangenen Verpflichtungen erfüllen.
Der Botschafter, der einige Wochen vor den Terroranschlägen des 11. September 2001 nach Israel kam, verliess Tel Aviv, kurz nachdem Hurrikan «Katrina» New Orleans heimsuchte. Er glaubt nicht, dass sich die USA wegen der Katastrophe auf Kosten der Aussenpolitik und ihres Engagements im Nahen Osten der Innenpolitik zuwenden werden. «Wir sind gross genug, und unsere Schultern sind breit. Wir sind schwergewichtige internationale Verpflichtungen eingegangen, in Irak, in Israel und in jeder anderen Region der Welt.»
«Ich zweifelte nie an ihm»
Die Frage, ob er wirklich geglaubt habe, dass Sharon die Siedlungen evakuieren würde, beantwortete Botschafter Kurtzer unzweideutig: «Ich glaube, niemand konnte die Kühnheit dieses Schrittes zum Voraus einschätzen. Als ich Israel Mitte der achtziger Jahre verliess, sagte ich zu jemandem, meiner Meinung nach sei Sharon die Person, die Israel am ehesten den Frieden bringen könne. Schon damals konnte er nicht nur auf eine aussergewöhnliche militärische Karriere zurückblicken, sondern er erwies sich auch als ein sehr begabter Politiker. Auf Grund dessen, was ich von ihm wusste – ich kannte ihn damals nicht persönlich – stufte ich ihn nie als ideologische Person ein. Er ist der Sicherheit und dem Wohlergehen des Staates Israel verpflichtet. Die Kombination von Führungskraft und Erfahrung, die sich in ihm vereinen, war und ist etwas Einzigartiges.» Kurtzer glaubte von Anfang an daran, dass Sharon die Entflechtung durchführen würde. «Ich schloss schon früh Wetten für ihn ab, denn ich war sicher, dass er seinen Plan in die Tat umsetzen würde. Daran zweifelte ich nie.» In seinen häufigen Treffen mit Sharon konnte er sich immer wieder von dessen Entschlossenheit überzeugen.
© 2001 - 2005 tachles Jüdisches Wochenmagazin
Letzte Änderung am Samstag, 5. Juli 2008 um 21:55:03 Uhr.
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