Pakistan denkt an Washington und Indien
Erste Annäherung - Die Aussenminister Kasuri (l.) und Shalom in Istanbul
Die Aufnahme von Beziehungen zwischen Islamabad und Jerusalem, die mit dem Treffen der beiden Aussenminister in Istanbul eingeleitet wurde, hat für Pakistan zwei konkrete Ziele: Den Wunsch nach engeren Kontakten zu Washington und das Bestreben, eine zu enge Kooperation zwischen Israel und Indien zu verhindern.
Der Weg nach Washington führt auch für Pakistan über Jerusalem» und «Sie halten Händchen, doch die Hochzeit liegt noch in weiter Ferne». Diese zwei Schlagzeilen, mit denen israelische Zeitungen das auf den ersten Blick sensationelle Treffen zwischen den Aussenministern Israels und Pakistans, Silvan Shalom und Kurshid Kasuri, vom Donnerstag letzter Woche in Istanbul quittierten, schliessen mehr oder weniger alles ein, was es zu dieser Entwicklung zu sagen gibt: Aus wirtschaftlich-strategischen Gründen ist Pakistan an noch engeren Beziehungen zu Washington interessiert. Trotzdem ist das nach zahlreichen geheimen Treffen auf Beamtenebene zu Stande gekommene offizielle Rendez-vous in der Türkei nicht mehr als ein erster Schritt auf dem noch langen Weg zu richtigen diplomatischen Beziehungen zwischen Islamabad und Jerusalem. Was den Einfluss der USA betrifft, sollte man sich daran erinnern, dass der pakistanische Präsident Pervez Musharraf letztes Jahr ein amerikanisches Hilfspaket in Höhe von drei Milliarden Dollar in Empfang nehmen durfte, kurz nachdem er die Möglichkeit ventiliert hatte, in seinem Land eine Debatte über die Aufnahme von Beziehungen zu Israel zu führen. Am letzten Weltwirtschaftsforum in Davos inszenierte der pakistanische Präsident einen Händedruck mit Shimon Peres, und auf seinen Auslandsreisen macht Musharraf es sich zur Gewohnheit, mit Vertretern lokaler jüdischer Organisationen zusammenzukommen. Ein solches Treffen ist am Rande der Uno-Vollversammlung auch mit amerikanisch-jüdischen Organisationen vorgesehen, die Entscheidendes zur Annäherung zwischen Islamabad und Jerusalem beigetragen haben. Was Aussenminister Silvan Shalom als Durchbruch Israels auf dem Weg in die arabisch-muslimische Welt gefeiert hat, ist in mindestens gleich starkem Ausmasse ein Erfolg der Amerikaner, für die sowohl Pakistan als auch Israel wichtige Figuren auf dem global-strategischen Schachbrett sind. Sicher kommt es nicht von ungefähr, dass US-Aussenministerin Condoleezza Rice zu den ersten internationalen Politikern gehörte, die Shalom zum Treffen mit Kasuri gratulierte. Die USA würden, so erklärte sie am Telefon, alles unternehmen, um Israels Beziehungen zu arabischen und muslimischen Staaten zu fördern.
Stehen Proteste bevor?
Pervez Musharraf steht voll hinter dem von ihm selbst initiierten Treffen der beiden Aussenminister. Als die pakistanische Opposition Ende letzter Woche das Parlament aus Protest gegen das Treffen geschlossen verliess, meinte Musharraf einerseits, eine volle diplomatische Anerkennung Israels käme erst nach Errichtung eines Palästinenserstaates in Frage. Andererseits aber bekräftigte er, dass Kontakte zu Israel «in Übereinstimmung mit den Glaubenssätzen des Islam» stehen würden. Der Islam sei eine Religion des Friedens, die seit Jahrhunderten mit anderen Glaubensgemeinschaften in Frieden gelebt habe, «und das auch weiterhin tun kann». Die ersten Kundgebungen in Pakistan gegen die Annäherung zu Israel waren, was den zahlenmässigen Aufmarsch betrifft, zwar eine Enttäuschung für die Organisatoren, doch ist hinsichtlich der fanatisierten Mengen unter den islamistischen Extremisten noch mit kräftigeren Protesten zu rechnen. Pro memoria sei die Reaktion auf das Interview mit Shimon Peres erwähnt, das die pakistanische Zeitung «Jang» im Januar veröffentlichte und in dem Peres «direkte, persönliche und öffentliche Kontakte» verlangte, deren man sich nicht zu schämen brauche: Bewaffnete Männer drangen in die Büros der Zeitung in Islamabad ein und zerstörten, «Alla hu akhbar» (Alla ist gross) rufend, die Einrichtung.
Mit diesem Schritt hat sich Pakistan jenem noch recht kleinen Lager der arabisch-muslimischen Länder angeschlossen, das nicht nur eingesehen hat, dass ein Boykott Israels der palästinensischen Sache in keiner Weise förderlich ist, sondern dem auch klar geworden zu sein scheint, dass, wie die «Jerusalem Post» schreibt, die Kosten für die Zugehörigkeit zum Verweigerungslager immer höher werden.
Dorn im Auge
Pakistans Öffnung in Richtung Israel hat aber einen weiteren, sehr konkreten regionalen Grund. Islamabad ist nämlich die sich immer enger entwickelnde strategische Kooperation zwischen Israel und Indien, dem Erzfeind Pakistans, nicht nur ein Dorn im Auge, sondern auch Basis für echte Sorge, konzentriert sich die Kooperation doch vor allem auf den Rüstungsbereich. Angesichts der in der Vergangenheit von Delhi immer wieder indirekt geäusserten Drohungen, die Einrichtung enger Beziehungen zwischen Jerusalem und Islamabad könnte die Kooperation Indiens mit Israel beeinträchtigen, hat Pakistan nun offenbar beschlossen, den Stier bei den Hörnern zu packen. Bis zur Aufnahme formeller diplomatischer Beziehungen zu Pakistan werden Israels Rüstungsstrategen alle Hände voll zu haben, um die Inder zu beschwichtigen – eine Nation und ein Markt, auf die Israel wohl nicht gerne verzichten will.
Die Reaktionen aus dem arabisch-muslimischen Raum auf das Treffen von Istanbul waren zwar intensiv, doch hätten sie auch giftiger ausfallen können. Der palästinensische Informationsminister Nabil Shaath führte den Reigen der Kritiker mit der Bemerkung an, es bestünde kein Grund, Israel für den Abzug aus dem Gazastreifen zu belohnen. Der jüdische Staat müsse noch viel mehr Leistungen erbringen, bevor Araber und Muslime die Beziehungen zu ihm normalisieren können. Ähnlich äusserte sich der malaysische Aussenminister Syed Hamid Albar, der davor warnte, Israel «zu schnell zu umarmen». Die Räumung des Gazastreifens sei «nur ein kleiner Schritt auf dem Weg zum Palästinenserstaat». Im grossen Ganzen aber beschränkten sich die arabischen Staaten auf eine ausführliche Berichterstattung aus Istanbul, ohne das Treffen zu kommentieren.
Jacques Ungar
Im Zahlenvergleich
| Israel | Pakistan | Indien |
| Fläche: 20770 Quadratkilometer | Fläche: 803940 Quadratkilometer | Fläche: 3,287 Mio. Quadratkilometer |
| Bevölkerung: 6,2 Millionen | Bevölkerung: 162 Millionen | Bevölkerung: 1,08 Milliarden |
| Religion: 76,5 % Juden, 15,9 % Muslime, 1,8 % Christen | Religion: 97 % Muslime, 3 % Christen, Hindus | Religion: 80 % Hindus, 13 % Muslime, 2,3 % Christen |
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Letzte Änderung am Samstag, 5. Juli 2008 um 21:55:07 Uhr.
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