Historisches Treffen verärgert arabische Welt

Der stellvertretende Ministerpräsident und Außenminister Silvan Shalom hat sich heute (Donnerstag) in Istanbul mit seinem pakistanischen Amtskollegen Khurshid Kasuri getroffen. Die Türkei diente als Vermittler. Es handelte sich um ein erstes offizielles Treffen zwischen den beiden Staaten Israel und Pakistan, zwischen denen keine diplomatischen Beziehungen bestehen. Der Fernsehsender Al-Jazirah berichtete, dass das Ziel des Treffens der Aufbau diplomatischer Beziehungen sei.

Der pakistanische Minister für Öffentlichkeitsarbeit sagte, dass er nichts von dem Treffen wisse, doch der Sprecher des israelischen Außenministeriums Mark Regev sagte: „Es gibt keinen Konflikt zwischen Israel und Pakistan und überhaupt keinen Grund, warum es keine Beziehungen zwischen ihnen geben soll.“

Eine pakistanische Zeitung berichtete, dass die beiden Außenminister bei dem Treffen über die Entwicklung des Friedensprozesses im Nahen Osten sprechen werden. Gemäß der Mitteilung fand das Treffen statt, da Pakistan signalisiert hatte, dass man nach dem Rückzug aus dem Gazastreifen zu offenen Kontakten zwischen den Staaten bereit sei. Die Zeitung berichtete außerdem, dass sich in den vergangenen Monaten Vertreter aus Israel und Pakistan zu geheimen Gesprächen auf diplomatischer Ebene, wie auch auf „inoffizieller“ Ebene getroffen hätten.

Der Präsident Pakistans Pervez Musharraf hatte in den letzten Wochen die pakistanische Opposition gegen sich aufgebracht, nachdem er zu einer internen Diskussion im Land aufgerufen hatte über die Möglichkeit, den Staat Israel anzuerkennen. Musharaf wird auch vor dem Ausschuss der verschiedenen Religionen sprechen, der von jüdischen Vertretern in New York organisiert wird. Gleichzeitig betonte das pakistanische Innenministerium, dass man in seiner Teilnahme an dem Treffen nicht ein Anzeichen für die Zustimmung Pakistans sehen dürfe, Israel anzuerkennen.

Stellungnahme des Außenministers nach dem Treffen

Im Anschluss an das Treffen mit dem pakistanischen Außenminister Khurshid Kasuri sagte der stellvertretende Ministerpräsident und Außenminister Silvan Shalom am Donnerstag in Istanbul:

"(…) Treffen wie dieses sind eine Quelle großer Ermutigung und Hoffnung für das israelische Volk, - (sie zeigen) dass wir durch unsere Bemühungen zwischen uns und allen Völkern der Welt, darunter den muslimischen Nationen, neue Wege des Dialogs eröffnen und Verständnis schaffen können. Diese Kontakte helfen uns auch, die gemäßigten Kräfte auf der palästinensischen Seite zu stärken (…)"

"Es ist kein Zufall, dass dieses Treffen hier in der Türkei stattgefunden hat, in dieser großartigen muslimischen Demokratie und Israels langjährigen Freund. Israels Beziehungen mit der Türkei sind ein Beweis dafür, dass Israel beiderseitig gute Beziehungen mit unseren muslimischen Nachbarn unterhalten kann. (…) Dieses Treffen fällt in eine Zeit von großer Bedeutung. Neue Möglichkeiten für Dialog und Frieden tun sich auf. (…)"

Musharrafs spektakulärer Schritt

Die Entscheidung des pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf, eine offene Beziehung zu Israel einzugehen, erforderte beachtlichen Mut. (...) Israel und die Juden sind in Pakistan größtenteils verhasst und Millionen von Pakistanis glauben immer noch an Verschwörungstheorien gemäß der "Protokolle der Weisen von Zion", wonach die Juden angeblich die Welt beherrschen. (...)

Die islamischen Oppositionsparteien in Pakistan haben bereits angekündigt, dass der heutige Tag ein "Protesttag" gegen diese Entscheidung des Präsidenten sein wird. Der Protest könnte sich schnell in Gewalt verwandeln. Als im Januar eine pakistanische Zeitung ein Interview mit Shimon Peres führte, griffen Dutzende von Demonstranten das Büro der Zeitung in Karachi an, schlugen auf die Sicherheitskräfte ein und demolierten Möbel und Fenster.

Seit mehr als zwei Jahren deutete Musharraf an, er denke über eine Art Beziehung zu Israel nach. So schüttelte er z. B. beim letzten Weltwirtschaftsforum im Schweizer Davos die Hand von Shimon Peres. Und während seiner Auslandsreisen traf er sich mit Vertretern jüdischer Organisationen. Letztes Jahr brachte er das Thema sogar in die Öffentlichkeit Pakistans. Doch er traf auf eine solch gewaltige Ablehnung, insbesondere von Oppositionsparteien und aus religiösen Kreisen, dass er das Thema schnell wieder fallen ließ.

Indem er nun den Rückzug Israels aus dem Gazastreifen als Vorwand nutzte, ging er einen weiteren Schritt vorwärts. Es stimmt, dass sein Sprecher darauf bestand, das Treffen zwischen dem israelischen Außenminister Silvan Shalom und dessen pakistanischen Kollegen in Istanbul stelle keine Anerkennung des Staates Israel dar und dass diplomatische Beziehungen erst dann entstehen könnten, wenn es einen palästinensischen Staat gäbe. Dennoch teilten gestern Abend diplomatische Quellen in Islamabad "Ha'aretz" mit, Musharraf habe eine strategische Entscheidung getroffen und werde sie nicht zurücknehmen, selbst wenn sie öffentliche Entrüstung hervorrufe.

Es gibt zwei Gründe für diese Entscheidung. Der erste besteht darin, dass Pakistan - und es ist nicht das einzige Land mit dieser Auffassung - denkt, Israel und die Juden könnten ihm die Türen zur US-amerikanischen Regierung öffnen. Doch der zweite und wichtigere Grund bezieht sich auf Indien, Pakistans traditionellem Gegner. Während des letzten Jahrzehnts hat Israel eine strategische Allianz mit Indien geformt. Diese führte zur Kooperation der Geheimdienste, im nuklearen Bereich und im expandierenden Handel. Insbesondere wurde Indien zum führenden Markt für israelische Rüstungsexporte. Musharraf schloss daraus, dass ein spektakulärer Schritt wie der gestrige nötig war, um zu versuchen, diese Allianz in etwas umzuformen, dass weniger beunruhigend für Pakistan ist.
(Auszüge aus einer Analyse von Yossi Melman, Ha'aretz, 02.09.2005

Arabische Welt verägert

Nachdem sich der israelische und der pakistanische Außenminister am Donnerstag in Istanbul erstmals öffentlich zu Gesprächen getroffen hatten, zeigen sich zahlreiche palästinensische und arabische Vertreter erbost. Viele Araber befürchten, dass Pakistan diplomatische Beziehungen zu Israel aufnehmen könnte.

Bislang haben sich israelische und pakistanische Vertreter lediglich bei internationalen Begegnungen die Hände geschüttelt; Treffen gab es allenfalls heimlich. Pakistans Haltung gegenüber Israel war bislang teilweise noch kritischer als die vieler anderer arabischer Länder. Pakistan ist das einzige moslemische Land, das Nuklearwaffen besitzt und die Heimat der größten moslemischen Bevölkerung, hieß es aus Jerusalem. Es sei ein wichtiges Zeichen, dass dieses Land Kontakt mit Israel suche, sagten Regierungsvertreter. Dies seien erste "Früchte des Rückzugsplanes".

Am Mittwochabend hatten sich Israels Außenminister Silvan Schalom und sein pakistanischer Kollege Churschid Kasuri in der türkischen Hauptstadt Istanbul getroffen. Am Donnerstagmorgen trafen sie sich erneut, doch dieses Mal öffentlich. In einer anschließenden Pressekonferenz nannte Schalom das Treffen "historisch". Nach dem Rückzug aus Gaza sei es "Zeit für alle moslemischen und arabischen Länder, ihre Beziehung zu Israel neu zu überdenken", so Schalom laut einem Bericht der "Jerusalem Post". "Ich bin sicher, dass diesem Treffen weitere folgen werden."

Beide Politiker werden sich erneut am 14. September bei UN-Generalversammlung in New York begegnen. Eventuell wird es dort auch zu einem Treffen von Israels Premier Ariel Scharon und Pakistans Präsidenten Pervez Muscharraf kommen.

Kasuri nannte das Treffen eine "Geste, die unterstreicht, wie wichtig uns in Pakistan das Ende der israelischen Besatzung im Gazastreifen ist". Er unterstricht die Wichtigkeit, "dass Israel mutig genug ist, den Weg des Friedens weiter zu verfolgen". Allerdings bedeute das Treffen nicht, das Pakistan Israel anerkenne. Dies sei erst möglich, wenn "das Palästinenserproblem" gelöst sei.

Wie die israelische Tageszeitung "Ha´aretz" berichtet, sagte der Pakistani: "Wir wollen zeigen, dass es möglich ist, Frieden zu schließen zwischen moslemischen Staaten und Israel. Pakistan glaubt an einen unabhängigen Staat Israel, neben dem ein Staat Palästina existiert."

"Schwarzer Tag für Pakistan"

Das Treffen rief heftige Proteste in der arabischen Welt hervor. Die Koalition aus sechs islamischen Parteien in Pakistan hat zu Demonstrationen vor Moscheen im ganzen Land aufgerufen. Der Sprecher der moslemischen Organisation Al-Dschamaja-Islamija in Islamabad sagte gegenüber dem arabischen Fernsehsender Al-Dschasira: "Dies war ein schwarzer Tag für das pakistanische Volk".

Auch die "Demokratische Volksfront zur Befreiung Palästinas" bezeichnete das Treffen der Minister in Istanbul als "Niederlage für Araber und Moslems". Der palästinensische Informationsminister Nabil Scha´ath warnte in Bezug auf den israelischen Rückzug: "Es gibt keinen Grund, Israel zu loben." Israel müsse noch viel unternehmen, damit arabische Staaten es anerkennen könnten.

Der Hamas-Führer Chaled Mascha´al sagte in Damaskus: "Durch den einseitigen Rückzug aus dem Gazastreifen versucht (Premierminister Ariel) Scharon, die Welt und die arabischen Länder in die Irre zu führen. Die Wahrheit ist, dass Israel weiterhin unser Land besetzt. Das einzige Zugeständnis, das er gemacht hat, betrifft ein Prozent von Palästina. Das Westjordanland und Jerusalem bleiben unter israelischer Kontrolle."

Auch Sami Abu Suhri, Sprecher der Hamas im Gazastreifen, drängte Pakistan dazu, keine Beziehungen zu Israel aufzunehmen. Der Rückzug Israels solle nicht als Geschenk betrachtet werden. Er sei das Ergebnis "der Opfer und des Blutes unseres Volkes".

Der Führer des "Islamischen Dschihad", Nafes Assam, warnte, Pakistans Handeln ermuntere Israel dazu, seine "Aggression" gegenüber den Palästinensern noch zu verstärken. "Wir hoffen, dass sich keine anderen arabischen Staaten von dieser Aktion ermutigt fühlen, es ihnen nachzutun."

Letzte Änderung am Samstag, 5. Juli 2008 um 21:54:50 Uhr.

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