«Gott sollte es nicht geschehen lassen»
Beißender Rauch erfüllt die Straßen von Newe Dekalim. Radikale Siedler und ihre Sympathisanten haben Reifen und Müllcontainer auf die Kreuzungen geschleift und in Brand gesteckt, um die Zwangsräumung der größten jüdischen Siedlung im Gazastreifen zu verhindern. Auf die israelischen Sicherheitskräfte hageln Farbbeutel und vor allem Beschimpfungen herab: «Ihr habt unser Leben ruiniert», brüllt ein Mann. Ein Kind, noch im Grundschulalter, hebt drohend eine Videokamera: «Ich filme Euch. In 20 Jahren werde ich es Euch zeigen.»
Schon am frühen Morgen haben sich mehrere tausend zugereiste Abzugsgegner, die in einem Lager vor der Hauptsynagoge von Newe Dekalim übernachtet hatten, auf die Ankunft der Truppen vorbereitet: In zwei Gottesdiensten sangen sie inbrünstig von ihrer Liebe zu Gott, dazu tanzten sie sich in Rage. Vor der Synagoge schlug ein Mann unablässig die Trommel und versicherte: «Die Vertreibung wird nicht passieren.»
Auch viele Soldaten wirken gereizt an diesem dritten Tag des Gaza-Abzugs, dem ersten, an dem sie Siedler zum Verlassen ihrer Häuser zwingen müssen. Die zumeist jungen Leute, die die Straßen blockieren, werden zusammengetrieben und in Busse gestoßen. Viele wehren sich mit Händen und Füßen, bis zu fünf Soldaten halten einzelne Demonstranten fest. Eine Soldatin bricht in Tränen aus: «Wir sind trainiert worden, aber keine Simulation kann einen darauf vorbereiten», schluchzt sie.
Bis zum Mittag geben die Truppen ein Stück weit nach: Abzugsgegner von auswärts werden weiter in Busse verfrachtet, aber sonst werden vorerst nur die Siedler mitgenommen, die widerstandslos einwilligen. Den Familien, die ihre Häuser nicht verlassen wollen, wird bedeutet, sie sollten es sich noch einmal überlegen - obwohl allen Beteiligten klar ist, dass sie keine Wahl haben.
In der Siedlung Kerem Atzmona an der Südspitze des Gazastreifens werden die Soldaten von aufgebrachten Siedlern mit Davidsternen auf dem T-Shirt empfangen und als Nazis beschimpft. Ein Bewohner geht auf einen Soldaten zu und schreit ihm ins Gesicht: «Schämst du dich nicht? Du kannst mir nicht in die Augen schauen.» Durch die Luft hallen Rufe wie «Verweigert die Befehle» oder «Juden vertreiben keine Juden». In Kerem Atzmona gibt es mehrere Dutzend besonders militante Siedler, die sich dort vor allem in Wohnwagen eingerichtet haben.
Ein Stück weiter östlich, in Morag, kommt es zu kleineren Rangeleien zwischen Sicherheitskräften und Siedlern, die die Straße mit umgestürzten Müllcontainern und Steinen blockieren. Mehrere hundert Soldaten rücken dennoch in die Ortschaft ein, in der bis zum Abzug 220 Menschen lebten. Auch vor der Synagoge machen die Truppen nicht halt: Zwei Soldaten eskortieren einen weinenden Mann, der einen weißen Gebetsschal umgehängt hat. Einige leisten mehr Widerstand und müssen herausgetragen werden, die anderen beten unterdessen ungerührt weiter vor der Thora-Rolle.
Die Soldaten gehen von Wohnhaus zu Wohnhaus und fordern die Familien zum Gehen auf. Die meisten Frauen folgen dem Aufruf und werden von Soldaten zum Bus begleitet. Die Männer aber leisten passiven Widerstand. Eran Hendel legt sich auf den Boden seiner Wohnung und liest Psalmen vor. Bevor er von den Truppen weggetragen wird, zerreißt er sich den Hemdkragen.
Auch der Kindergarten von Morag wird geräumt. An einer Trauerweide vorbei tragen Soldaten Kleinkinder, Windeln und Spielsachen zu einem Bus, während Siedler nach jüdischem Trauerritus ihre Kleider zerreißen.
Mit Tränen in den Augen versucht eine Soldatin ein Kind in ihren Armen mit einem Bonbon zu trösten. «Wo ist denn seine Mutter», ruft sie vorwurfsvoll. Eine Siedlerin namens Tirtsa hält ihr einjähriges Baby fest umklammert und klagt: «Ich war überzeugt, dass Gott dies nicht geschehen lassen würde.»
Israelischer Rückzug von Gewalttaten begleitet
Mit Beginn der Zwangsräumungen hat sich der Widerstand der jüdischen Siedler gegen Israels Abzug aus dem Gazastreifen abgeschwächt. Bislang wurden fünf der 21 Siedlungen komplett geräumt, wie die Polizei mitteilte. Fünf weitere seien so gut wie menschenleer. Statt der vorgesehenen drei Wochen werde für die Räumung voraussichtlich nur eine Woche benötigt. Die tödlichen Schüsse eines Siedlers aus dem Westjordanland auf drei Palästinenser überschatteten den Abzug.
Mit Bulldozern und schwerem Räumgerät bahnte sich die israelische Armee den Weg durch die Siedlungen im Gazastreifen. Etwa 60 Prozent der 8000 Siedler hätten das Gebiet bis zum Abend verlassen, sagte Ranaan Gissin, ein Mitarbeiter von Ministerpräsident Ariel Scharon. Die Polizei erklärte die Siedlungen Tel Katifa, Bedolah, Kerem Atsmona, Morag und Dugit für geräumt. In der größten Siedlung Neve Dekalim seien im Lauf des Tages 353 von 550 Häusern evakuiert worden. Siedlervertreter Schaul Goldstein räumte ein, der Siedlungsblock Gusch Katif sei "praktisch gefallen". Der Widerstand sei gescheitert.
Allein in Neve Dekalim waren zehntausend Soldaten und Polizisten im Einsatz. Rund 20 Mitglieder der jüdisch-orthodoxen Lubavith-Bewegung aus New York, die sich zeitweise mit Gasflaschen in einem Gebäude in Neve Dekalim verschanzt hatten, drohten mit kollektivem Selbstmord. Sie wurden dann aber von der Polizei überwältigt und in Sicherheit gebracht.
Nahe der Siedlung Schilo im Norden des Westjordanlands erschoss ein jüdischer Siedler drei Palästinenser und verletzte drei weitere. Der Siedler habe die Schnellfeuerwaffe eines Wächters an sich gerissen und auf eine Gruppe von Palästinensern angelegt, hieß es weiter. Ministerpräsident Scharon verurteilte die Tat als Akt von "jüdischem Terrorismus". Es seien "unschuldige Palästinenser" getötet worden, weil ein Siedler den Abzug habe stoppen wollen. Das US-Außenministerium verurteilte den Anschlag und rief die Konfliktparteien zur Besonnenheit auf. Auch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas rief zu Ruhe auf.
Eine 51-jährige Siedlerin aus Keddumim im Westjordanland zündete sich aus Protest selbst an und wurde mit schweren Verbrennungen in ein Krankenhaus eingeliefert, wie ein Polizeisprecher sagte. In Ganei Tal habe eine Einwohnerin mit Selbstmord gedroht, sollten Polizisten und Soldaten in ihr Haus eindringen, berichtete der israelische Militärrundfunk. In Kerem Atsoma hefteten sich die Siedler bei der Evakuierung gelbe Davidssterne nach Vorbild der "Judensterne" der Nazi-Diktatur an die Brust.
Scharon sagte, er habe die Bilder von den Räumungen "mit Tränen in den Augen" verfolgt. Gleichzeitig betonte er, dass die Besiedlung des Westjordanlandes "fortgesetzt und ausgebaut" werde.
Szenen der Verzweiflung bei Gaza-Räumung
Morag (dpa) - «Das werden wir Euch nie verzeihen», schrie ein Siedler aus Leibeskräften. «Wir werden Euch ein Leben lang verfluchen, Schande über Euch.» Die Räumung jüdischer Siedlungen im Gazastreifen wurde am Mittwoch zur äußersten Nervenprobe für Siedler und Sicherheitskräfte.
In der Siedlung Morag im südlichen Gazastreifen appellierten weinende Männer, Frauen und Jugendliche immer wieder an die Gefühle der Soldaten und Polizisten, die gekommen waren, um sie aus ihren Häusern zu holen. Auf Spruchbändern und in mündlichen Appellen drängten die Siedler bis zur letzten Minute die Räumungskräfte dazu, den Befehl zu verweigern.
Immer wieder gab es aber auch Szenen der tränenreichen Verbrüderung. Heftig schluchzend fiel etwa ein streng religiöser Familienvater einem Kommandeur in die Arme, mit dem er nach nervenzerrenden Verhandlungen in einem Kindergarten den friedlichen Abzug mehrerer Familien mit Kleinkindern vereinbart hatte.
Nach einer angespannten Nacht nach Ablauf der Frist für den freiwilligen Abzug waren am Morgen Hunderte Räumungskräfte in die 1972 gegründete Siedlung eingerückt. «Ich bin Euer Bruder, nicht Euer Feind», rief ihnen einer der Siedler zu, die sich der Räumung widersetzten. Mit einer Menschenkette drängten die Sicherheitskräfte zahlreiche Jugendliche, die am Eingang Barrikaden aus Mülltonnen in Brand gesetzt hatten, ins Zentrum der Siedlung zurück. Dabei wurden sie von einem demonstrativ in eine Armeeuniform gekleideten Siedler auf einem Hausdach begrüßt, der wie ein gekreuzigter Jesus die Arme von sich streckte. «Was ihr hier zerstört, wird den Palästinensern in die Hände fallen», rief er.
Während der Räumungsaktion in der vergleichsweise kleinen Siedlung, in der ursprünglich gut 40 Familien lebten, kam es immer wieder zu bizarren Szenen. Im grünen Hinterhof des örtlichen Kindergartens plantschten noch mehrere nackte Kinder in einer kleinen Badewanne und ihre Mütter lasen Psalmen, während die Sicherheitskräfte die Straße mit Maschinengewehren heraufmarschiert kamen.
Auf Fragen, ob sie keine Traumatisierung ihrer Kinder fürchteten, reagierten einige der Mütter zornig. «Was nicht normal ist, sind nicht wir, sondern was hier passiert. Dies hier ist das Paradies und die Soldaten sollen meinen Kindern in die Augen schauen, wenn sie sie daraus vertreiben», sagte Jael, eine blasse rothaarige Frau mit der traditionellen Kopfbedeckung der religiösen Siedlerinnen. Später erklärte sie sich nach längeren Verhandlungen bereit, mit ihren Kindern freiwillig in einen Bus einzusteigen, der sie in ein Übergangsheim bringen soll.
Die Kinder und Jugendlichen waren an den Widerstandsaktionen gegen die Räumung maßgeblich beteiligt. Aus einem oberen Fenster plärrten drei Kleinkinder im Chor immer wieder offensichtlich auswendig gelernte Slogans gegen den Abzug aus dem Gzastreifen. «Ein Jude vertreibt keinen Juden» und «Seid ihr etwa dafür in die Armee gegangen?», riefen sie den Soldaten, die sich vor ihrem Haus aufstellen, in einem monotonen Singsang immer wieder zu. Einige der Sicherheitskräfte brachen unter dem hohen emotionalen Druck in Tränen aus.
Besonders bei der Räumung der örtlichen Synagoge, in der sich viele Jugendliche verschanzt hatten, kam es zu heftigen Gefühlsausbrüchen. «Was habe ich euch denn getan?», schreit ein junger Siedler unter Tränen. «Ich bin doch kein Terrorist.» Zuletzt geben doch viele freiwillig auf und lassen sich in den Transportbus bringen, der in einer Seitenstraße parkt. Andere müssen halb geschleift oder an Armen und Beinen weggetragen werden. Der große Reisebus bringt sie in eine neue Heimat im israelischen Kernland.
Warum zerstört Israel die Häuser
Warum zerstört Israel die Häuser in den Siedlungen des Gazastreifens, anstatt sie den Palästinensern zu übergeben?
Bei Koordinierungstreffen zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde vor Beginn der Abkopplung wurde die Zukunft der Häuser in den Siedlungen ausführlich diskutiert. Israel brachte seine Bereitschaft zum Ausdruck, die Häuser intakt zu lassen, sollten die Palästinenser dies wünschen. Jedoch zogen die Palästinenser selbst die Zerstörung der israelischen Häuser vor, da die meisten Gebäude weiträumige Einfamilienhäuser sind. Auf dem frei werdenden Gelände sollen Mehrfamilienhäuser entstehen, die für die örtliche Bevölkerung geeigneter sind. Außerdem hofft die palästinenische Führung, dass sie mit dem Bau neuer Wohnungen nach der Abkopplung neue Arbeitsplätze im Gazastreifen schaffen kann.
Israel hat sich daraufhin bereit erklärt, die Gebäude zu zerstören und alle gefährlichen Materialien im Einvernehmen mit dem israelischen Umweltministerium innerhalb Israels abzubauen. Der übrige Bauschutt wird entweder beim Bau der neuen Wohnungen wiederverwertet oder von palästinensischen Unternehmen auf Kosten des israelischen Staates weggeräumt.
„Ich werden den Israelis sagen, dass sie alles zerstören und sogar den Abfall mit sich nehmen sollen, denn das ist unsere klare Haltung – diese Häuser zu zerstören, weil wir nicht in ihnen leben wollen“, sagte der palästinensische Chef-Unterhändler Saeb Erekat am Donnerstag, 5. Mai 2005, im Rundfunk „Kol Ha-Shalom“ („Voice of Peace“), einem gemeinsam von israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten betriebenen Radiosender.
„Wenn Israel die Häuser der Siedler nicht zerstört, werden wir sie zerstören“, sagte der palästinensische Minister für Wohnungsbau und öffentlichen Dienst, Mohammad Shtayyeh. Die meisten palästinenssichen Kabinettsmitglieder befürworteten die Zerstörung, sagte Shtayyeh am 26. Mai 2005 gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Hauptgrund sei die bestmögliche Nutzung des raren Baulandes im Gazastreifen, eines der dichtbesiedelsten Gebiete der Erde, so Shtayyeh. (Jerusalem)
Letzte Änderung am Samstag, 5. Juli 2008 um 21:54:30 Uhr.
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