Widerstand gegen Abzug nimmt an Schärfe zu
Wenige Stunden vor Ablauf der Friedensfrist hat sich der Widerstand der radikalen Siedler gegen ihre Evakuierung aus dem Gazastreifen weiter verschärft. Bis Dienstag war nach Angaben der Armee nur eine von 21 Siedlungen im Gazastreifen komplett geräumt. In anderen Siedlungen bereiteten sich die Abzugsgegner darauf vor, sich auch ihrer ab Mitternacht drohenden gewaltsamen Evakuierung zu widersetzen. Am Morgen verschafften sich rund tausend Soldaten und Polizisten gewaltsam Zugang zur größten Siedlung Neve Dekalim. Es kam zu Straßenschlachten.
In Neve Dekalim durchbrach die Polizei am Morgen das Eingangstor zur Siedlung. Eine Planierraupe walzte eine Absperrung nieder. Hunderte von Polizisten und Soldaten stürmten hinein, während hunderte von jungen Aktivisten ihnen den Weg versperrten. Einige durchstachen Autoreifen und setzten einen Müllcontainer in Brand, Fäuste flogen. Knapp 40 Jugendliche - allesamt keine Bewohner der Siedlung - wurden gewaltsam nach Israel gebracht. Dann war der Weg frei für 120 Umzugswagen, die das Hab und Gut der abzugswilligen Siedler fortbringen sollten. Die Armee rechnete damit, dass etwa die Hälfte der Bewohner von Neve Dekalim bis Mitternacht die Siedlung verlassen werde.
In der Nacht zum Dienstag nahmen israelische Sicherheitskräfte rund 500 ultranationalistische Abzugsgegner bei dem Versuch fest, über den Kontrollpunkt Kissufim in den Siedlungsblock Gusch Katif vorzudringen.
Mit heftigem Widerstand rechneten die Sicherheitskräfte in der als besonders militant geltenden Siedlung Schirat Hajam. Der israelische Wohnungsbauminister Jizchak Herzog warnte, nicht abzugswillige Siedler liefen Gefahr, ihr Recht auf Entschädigungen in Höhe von umgerechnet mehreren zehntausend Euro zu verlieren.
Einzig die rund 60 Bewohner der 1990 von einer Gruppe von Fischern gegründeten Siedlung Dugit im Norden des Gazastreifens verließen bis Dienstag geschlossen ihre alte Heimat, wie die Armee mitteilte. Der Rundfunk hatte zuvor gemeldet, drei Siedlungen im Gazastreifen seien komplett geräumt, zusätzlich zu zwei weiteren kleineren Siedlungen im Westjordanland.
Der israelische Verteidigungsminister Schaul Mofas sagte, Gesetzesverstöße durch gewalttätige Demonstranten im Gazastreifen würden nicht geduldet. Nach dem Abzug sollen die geräumten Siedlungen nach seinen Worten noch einen Monat lang für Palästinenser gesperrt sein.
Zwangsevakuierung von Neve Dekalim
Angesichts des wachsenden Widerstands hat die israelische Armee die Zwangsevakuierung der größten Siedlung im Gazastreifen vorgezogen. Hunderte Soldaten rückten bereits am Dienstagabend durch das Haupttor in die Siedlung Neve Dekalim vor und bezogen entlang der Durchfahrtstraße Stellung. Die Siedler leisteten zunächst keinen Widerstand.
Soldaten marschieren in Newe Dekalim ein
Die Siedler hatten bis Mitternacht Zeit, ihre Häuser freiwillig zu verlassen. Im Lauf des Tages hatten sich hunderte Abzugsgegner heftige Rangeleien mit Sicherheitskräften geliefert, bei denen nach Militärangaben 50 Menschen festgenommen wurden. Etliche Familien entschieden sich jedoch, freiwillig zu gehen.
Verteidigungsminister Schaul Mofas zeigte sich zuversichtlich, dass vor Ablauf der Frist mindestens die Hälfte der 8.500 Siedler im Gazastreifen ihre Wohnungen räumten. Bis zum Abend waren drei der 21 Siedlungen menschenleer, drei weitere waren bereits größtenteils verlassen. Medienberichten zufolge wollten etwa 600 der 1.600 Familien die Zwangsräumung abwarten.
Newe Dekalim sei eine der ersten Siedlungen, die zwangsgeräumt würden, sagte der für den Gazastreifen verantwortliche Brigadegeneral Dan Harel am Abend. Die Soldaten würden sich bemühen, keine Gewalt anzuwenden.
Die Auseinandersetzungen in Newe Dekalim begannen bereits am Vormittag: Hunderte Demonstranten stellten sich Lastwagen in den Weg, die bei der Umsiedlung der Bewohner zum Einsatz kommen sollen. Als Sicherheitskräfte die Menge zurückdrängten, kam es zu Handgreiflichkeiten. Abzugsgegner warfen Steine, Eier und Plastikflaschen und zündeten Müllcontainer und Autoreifen an. Die Polizei brachte einen Wasserwerfer in Stellung. Sicherheitskräfte hatten am Morgen das Haupttor der Siedlung eingerissen. In anderen Siedlungen setzten Bewohner ihre Gewächshäuser in Brand, um sie nicht zurücklassen zu müssen.
Sorgen bereiteten den Sicherheitskräften vor allem die aus anderen Landesteilen rund 5.000 zugereisten Abzugsgegner. Seit Sonntag wurden nach Polizeiangaben rund 800 von ihnen festgenommen. Allein in der Siedlung Morag im Süden des Gazastreifens haben sich nach Angaben der Streitkräfte 300 radikale Unterstützer der Siedler verschanzt, während etwa ein Drittel der 220 Bewohner ihre Häuser verlassen haben. Etwa 1.000 Abzugsgegner versammelten sich außerdem vor dem Amtssitz von Ministerpräsident Ariel Scharon in Jerusalem.
In Gaza feierten Palästinenser auf den Straßen lautstark den israelischen Abzug. In Chan Junis marschierten rund 2.000 Anhänger der militanten Hamas-Bewegung auf, darunter 200 maskierte Kämpfer mit Raketenwerfern und Maschinengewehren. Zahlreiche Kinder drängten gegen die Außenmauer einer nahe gelegenen jüdischen Siedlung und hissten eine Fahne der Hamas.
Die israelischen Streitkräfte lobten die Zusammenarbeit mit den Palästinensern während des Abzugs. Seit Beginn des Abzugs habe es nur drei Angriffe von Extremisten gegeben, bei denen niemand verletzt worden sei, sagte Harel.
Als Zeichen der Bemühungen der Autonomiebehörde, nach dem Abzug für Recht und Ordnung zu sorgen, eröffnete der palästinensische Ministerpräsident Ahmed Kureia eine Kampagne zur Reinigung der Straßen von Gaza. Er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift: «Heute Gaza. Morgen das Westjordanland und Jerusalem.»
Drei Siedlerführer nach Festnahme wieder frei
Nach den Auseinandersetzungen um die Räumung jüdischer Siedlungen im Gazastreifen hat die Polizei drei zuvor festgenommene Siedlerführer wieder freigelassen. Sie dürften jedoch nicht in den Gazastreifen zurückkehren, erklärte ein Polizeisprecher am Dienstag. Bei den Siedlerführern, die im Laufe des Tages wieder auf freien Fuß gesetzt wurden, handelte es sich um Pinhas Wallerstein, Seev Hever und Benzi Lieberman. Lieberman ist Vorsitzender der Siedlerorganisation Jesha. Über den Verbleib des ebenfalls festgenommenen Siedlerführers Zwiki Bar-Hai wurde zunächst nichts bekannt.
Letzte Änderung am Samstag, 5. Juli 2008 um 21:55:29 Uhr.
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