Wie die Siedlerbewegung begann
Die israelische Siedlerbewegung wurde geboren aus dem Siegestaumel des Sechs-Tage-Kriegs vor fast vier Jahrzehnten. Im Juni 1967 war es dem jungen jüdischen Staat gelungen, in weniger als einer Woche Ost-Jerusalem, das Westjordanland, die Golanhöhen, den Gazastreifen und die Sinai-Halbinsel zu erobern - insgesamt ein Gebiet, das doppelt so groß war wie Israels Staatsgebiet.
Die Besiedelung des Westjordanlands - von Israelis Judäa und Samaria genannt - galt vielen als Rückkehr ins biblische Land Israel, der Traum von «Groß-Israel» begann. Skeptische Stimmen warnten allerdings schon damals, die Siedlungen könnten Israel zum Verhängnis werden und drängten auf eine rasche Friedensregelung mit den arabischen Staaten und den Palästinensern im Tausch für die eroberten Gebiete.
Die erste Siedlung Kfar Ezion wurde noch 1967 im Westjordanland errichtet, etwa zehn Kilometer von Bethlehem entfernt. Als erste Siedlung im Gazastreifen entstand Kfar Darom (1970). Beide Siedlungen wurden auf den Trümmern jüdischer Ansiedlungen errichtet, die während des ersten Nahostkriegs 1948 von der jordanischen und der ägyptischen Armee zerstört worden waren.
In den ersten Jahren erfolgte die Besiedlung der besetzten Gebiete auf der Basis des Allon-Plans, der eine systematische Landnahme nach strategischen Erwägungen vorsah. Die ersten Wehrsiedlungen wurden damals gebaut, um Pufferzonen zu Syrien, Jordanien und Ägypten zu schaffen. Auch um Jerusalem entstanden mit den Jahren Siedlungsketten, die eine Teilung der Stadt unmöglich machen sollen.
Die verheerenden Verluste des Jom-Kippur-Kriegs versetzten dem israelischen Hochgefühl 1973 einen schweren Dämpfer. Kurz darauf gründeten religiöse jüdische Siedler die Bewegung Gusch Emunim (Block der Getreuen), die nach dem Wahlsieg der rechtsorientierten Likud-Partei eine immer stärkere Unterstützung der Regierung erhielt.
Mit der fortschreitenden Besiedlung der besetzten Gebiete, die das Leben der palästinensischen Bevölkerung immer weiter einschränkte, wuchs auch die internationale Kritik an den Siedlungen. Die erste Räumung israelischer Siedlungen, darunter der Siedlerstadt Jamit, erfolgte 1982 mit der Rückgabe der Sinai-Halbinsel an Ägypten im Rahmen der 1979 geschlossenen Friedensabkommen. Viele der Siedler aus den damals geräumten Orten wählten als neue Heimat israelische Siedlungen im Gazastreifen. Inzwischen ist die Zahl der israelischen Siedler in den besetzten Gebieten auf fast eine viertel Million Menschen angewachsen.
Porträt: Ariel Scharon
«Jetzt muss sich jeder in Bewegung setzen, rennen und sich so viele Hügel wie möglich schnappen, um die Siedlungen auszubauen», forderte der israelische Politiker Ariel Scharon noch im November 1998 bei einem Treffen mit Siedlern. «Alles was wir uns jetzt nehmen, bleibt unser.»
So prognostizierte er die künftigen Besitzverhältnisse zwischen Israelis und Palästinensern. «Alles was wir uns nicht holen, geht an sie.» Zu diesem Zeitpunkt war der damalige Außenminister noch ganz Schutzpatron der jüdischen Siedlerbewegung.
Als Politiker hat man Scharon, der 1928 als Ariel Scheinerman in Kfar Malal nördlich von Tel Aviv geboren wurde, dabei die Methoden eines «Bulldozers» nachgesagt. Gegnern im In- und Ausland fürchten und verachten den Ex-General bis heute. Den Arabern gilt er für seine Rolle als israelischer Verteidigungsminister im Libanonkrieg als «Schlächter von Beirut». Sein Besuch auf dem Tempelberg in Jerusalem löste im Jahr 2000 den Palästinenseraufstand aus.
Doch für seine Anhänger in Israel verkörpert der heute 77-jährige Ex-General alte zionistischen Werte. Scharon gilt ihnen als mutiger Kämpfer für israelische Interessen. Der säkulare Machtmensch wird als Kriegsheld bewundert, der 1973 während des Jom-Kippur-Krieges seine Truppe auf eigene Faust über den Suez-Kanal führte und eine drohende Niederlage gegen die arabischen Staaten abwendete. Er saß später auf mehreren Ministerstühlen und wurde 2001 zum Regierungschef gewählt.
Scharon versprach seinem Volk «Frieden mit Sicherheit», doch hunderte Israelis wurden im Konflikt mit den Palästinensern getötet. Derweil baute Scharon die jüdischen Siedlungen in den Palästinensergebieten gegen internationale Kritik - mal im Streit, oft aber schleichend - weiter aus. Für viele Israelis hat der schwergewichtige Scharon, der sich mit langsamen, schwankenden Schritten eines alten Landwirts bewegt, aber längst den Wandel zum Staatsmann vollzogen.
Sein Plan für einen Abzug aus einigen Palästinensergebieten traf Teile der israelischen Rechten und die Siedlerbewegung wie ein Schlag, obwohl er zugleich Teile des Westjordanlandes und die größten jüdischen Siedlungen «für immer» unter israelische Kontrolle stellen will. Gegen alle Widerstände auch in seiner eigenen Partei bekräftigt Scharon aber, mit seinem Abzug handele er nur im besten Interesse Israels.
Die Zeitung «Jedioth Achronot» erwartet schon, dass Scharon nach dem von Mitte August an geplanten Abzug weitere Palästinensergebiete verlassen will. Denn obwohl dort heute mehr als 240 000 jüdische Siedler leben, wisse Scharon, dass sein Siedlungsplan ohne Teilabzug vor dem Scheitern stehe. Bei einem Treffen mit französischen Juden habe er jüngst eingeräumt: «Hätten sich in den (besetzten palästinensischen) Gebieten eine Million Juden angesiedelt, hätte Israel eine andere Politik verfolgen können.»
Blockade und Tränen: «Lasst sie nicht durch»
Gegen Polizei und Armee setzen die jüdischen Siedler von Netzer Hasani im Gazastreifen auf göttliche Hilfe. Auf ihr in der Farbe des israelischen Widerstandes orangefarben gestrichenes Tor haben sie ein Spruchband mit einer religiösen Formel gehängt, das die für den Abzug eingesetzten Truppen auf Distanz halten soll.
Als am Mittag die ersten Sicherheitskräfte anrücken, erschallt es aus einem Megafon: «Lasst unter keinen Umständen jemand durch.» Tatsächlich kehren die Uniformierten nach Verhandlungen mit den Siedlern wieder um. Triumphierend klatschen die orthodoxen Siedler in die Hände. Tanzend und singend begeben sie sich zusammen mit ihren für einen Protest angereisten Unterstützern zur Synagoge. Hinter den verschlossenen Toren und Barrikaden wird in Netzer Hasani und anderen Siedlungen als ein kleiner Sieg gefeiert, was die Polizei als weiche Linie im Umgang mit den Siedlern bezeichnete. Dennoch gab es viele tränenreiche Klagen über das Leid der Zwangsräumung.
Denn seit Montag ist die Präsenz der 8000 Siedler im Gazastreifen illegal. Die Behörden haben ihnen noch 48 Stunden Frist eingeräumt, ihre Häuser freiwillig zu verlassen. Dies wird in einem Schreiben der Militärbehörden erklärt, das Polizisten an die Siedler verteilen sollen. In mehreren Siedlungen ist die Lage aber so gespannt, dass die Sicherheitskräfte nicht einmal versuchen, von Haus zu Haus zu gehen und persönlich an die Türen zu klopfen. Am Mittwoch läuft die Frist ab. Dann kommt die Stunde der Wahrheit.
Anita Tucker, eine aus den USA stammende Siedlerin mit fünf Kindern und elf Enkeln, will es auf die Konfrontation ankommen lassen. Während Israel den als historisch bezeichneten Abzug beginnt, ist die 59-jährige um den Anschein völliger Normalität bemüht. «Erst am Freitag habe ich 150 Kisten Sellerie geerntet und 2000 Setzlinge gepflanzt», sagt sie. Nicht eine Tasche habe sie für den Abzug gepackt, sagt sie. «Netzer Hasani für immer», heißt es in der Siedlung.
In der Nacht zum Montag hatte sich am Grenzübergang Kissufim der Schlagbaum gesenkt, um israelischen Zivilisten jeden Zugang zum Gazastreifen zu versperren. Seit Wochen hatten Armee und Polizei die Siedlungen abgeriegelt. Trotzdem haben viele Gegner des Abzugs den Weg in den Gazastreifen gefunden. Nach unterschiedlichen Schätzungen könnten sich bis zu 7000 auswärtige Protestierer eingeschlichen haben, um den Sicherheitskräften eine Räumung zu erschweren.
Denn das politische Ringen drehe sich schon lange nicht mehr um den Abzug aus dem Gazastreifen allein, meinen israelische Kommentatoren am Montag. «Die Siedler haben ihr Veto-Recht verloren, das sie einst bei einer Evakuierung von Siedlungen hatten», schrieb die Tageszeitung «Jediot Achronot». Die Siedler kämpften mit aller Macht gegen den Abzug, weil es um ihr weiteres Schicksal gehe. «Die Logik, die zur derzeitigen Räumung von Siedlungen führt, wird auch zur Plänen für einen weiteren Abzug führen», schrieb das Blatt.
Abzug trifft auf Widerstand der Siedler
Nach 38 Jahren Besatzung hat Israel am Montag gegen den Widerstand jüdischer Siedler mit dem Abzug aus dem Gazastreifen begonnen. Tausende Polizisten und Soldaten waren im Einsatz, um den etwa 8000 Siedlern Räumungsbefehle zuzustellen, wonach diese das Palästinensergebiet spätestens an diesem Dienstag verlassen sollen.
Wegen mehrerer Straßenblockaden lief die Übergabe schleppend an, ohne zunächst in Gewalt umzuschlagen. «Wir werden nicht stürmen. Unsere Politik ist es, auf allen erdenklichen Wegen Hilfe anzubieten», sagte Verteidigungsminister Schaul Mofas. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas bezeichnete den Abzug als historischen Tag für die Palästinenser.
Eine Räumung der jüdischen Siedlungen sei der erste Schritt für einen Rückzug Israels aus allen 1967 besetzten Gebieten, sagte Abbas in der Stadt Gaza in einer Sitzung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO). Er forderte die Bevölkerung auf, mit friedlichen Feiern ein zivilisiertes Bild in die Welt zu senden. In Gaza gab es bereits Freudenkundgebungen. Nach Augenzeugenberichten zogen Dutzende von Bewaffneten durch die Stadt. Einige feuerten Freudenschüsse in die Luft, andere knieten dankbar nieder.
Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon hatte den als historisch bezeichneten Abzug in einem monatelangen politischen Ringen durchgesetzt. Israel will im Gazastreifen binnen weniger Wochen alle 21 jüdischen Siedlungen, im nördlichen Westjordanland vier Siedlungen abbauen. Gleichzeitig will Israel die großen jüdischen Siedlungsblocks im Westjordanland für die Ewigkeit beanspruchen.
Zunächst seien die Räumungsbefehle nur in 3 der 21 Siedlungen allen Einwohnern zugestellt worden, sagte eine israelische Polizeisprecherin. In 8 Siedlungen seien Polizei und Armee noch unterwegs oder in Verhandlung mit den Bewohnern. Um Zusammenstöße mit Gegnern des Abzugs zu vermeiden, würden mehrere Siedlungen vorerst nicht betreten. «Es wäre zu kompliziert. Wir wollen nicht in gewalttätige Situationen kommen», sagte die Polizeisprecherin. Einige andere Siedlungen waren bereits nahezu leer.
In mehreren Siedlungen verschanzten sich Siedler und angereiste Jugendliche hinter versperrten Toren und Barrikaden vor der Polizei. «Unser Ziel ist, sie zu stören», sagte Elia Strassel (17), ein Demonstrant in der Siedlung Newe Dekalim, einem der Brennpunkte der Auseinandersetzung. Die Polizei verhandelte stundenlang, bevor sich Beamte durch eine Nebenstraße Zugang verschafften. Später fuhren zivile Lastwagen ein, um den Umzug der Familien zu übernehmen, die dem Räumungsbefehl befolgen wollten. Bis zum Beginn des Abzugs waren etwa 300 der insgesamt rund 1700 jüdischen Siedlerfamilien aus dem Gazastreifen abgereist.
In einem formalen Akt beschloss die israelische Regierung am Montag die zweite Phase des Abzugs. Der israelische Rundfunk berichtete, 16 Minister hätten für die Räumung aller Siedlungen im Gusch-Katif-Block gestimmt. Dagegen votierten vier Minister. In dem monatelangen Streit um den Abzug war vereinbart worden, dass das Kabinett jeweils eine endgültige Zustimmung geben muss.
Unterdessen gab es Berichte, wonach israelische Soldaten verlassene Häuser geplündert haben. Zwei Soldaten seien gefasst worden, als sie in Peat Sadeh Gegenstände entwenden wollten, berichtete die Tageszeitung «Haaretz». Der Fernsehsender Kanal 10 filmte drei Soldaten, die aus einem anderen Haus einen Kühlschrank stahlen.
Letzte Änderung am Samstag, 5. Juli 2008 um 21:55:30 Uhr.
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